Die Berichte aus dem Quarantän und »Der Mensch erscheint im Holozän« von Max Frisch.

Zuerst ein Schuldbekenntnis: der Begriff »Quarantän« ist geklaut. 

Ruedi Widmer hat das Wort in der Rubrik »Unten links« in der Wochenzeitung (WOZ)vom 5. März 2020 verwendet. In seinem Cartoon ist ein Himmel kurz nach Sonnenuntergang zu sehen. Davor stehen Hochhäuser, deren Fenster zum Teil hell erleuchtet sind. Konturen von Menschen sind zu erkennen. Aber immer nur eine Person pro Fenster. Der Titel des Cartoons lautet: »Der Mensch erscheint im Quarantän«. Widmer seinerseits ließ sich für seinen Geniestreich offensichtlich von Max Frischs Erzählung »Der Mensch erscheint im Holozän« inspirieren. 

Kurz zur Erinnerung, worum es in Frischs Buch geht: Herr Geiser, ein 74jähriger Wittwer, sitzt in seinem Haus hoch oben in einem abgelegenen Dorf eines Tessiner Tals in selbst gewählter Isolation – er meidet unnötigen Kontakt mit anderen Menschen. Seit Tagen gehen Unwetter über der Region nieder, der Berg, der über dem Tal thront, droht hinunterzudonnern und der Ort, der von der Umwelt abgeschnitten ist, zu verschütten. Er wird sich gewahr, dass seine letzten Tage angebrochen sein könnten. Die Lage ist ernst. Woran sich festhalten?, fragt sich Geiser und beginnt mit Knäckebrot eine Pagode zu basteln. Der Versuch, sich mit einem Turmbau abzulenken, damit er das Grollen und Plätschern und Klöppeln auf das Blech nicht mehr hört, scheitert.

So beginnt er aus Lexika, Erdkundekompendien und Geschichtsbüchern sowie aus der Bibel Seiten herauszureißen oder schreibt Ausschnitte daraus auf Zettel ab und hängt damit die Wände seines Hauses voll. Daraus entsteht ein Sammelsurium aus für ihn greifbarem und im Moment wichtig scheinendem Wissen, wie beispielsweise über Dinosaurier, den Goldenen Schnitt, Erosion, Gesteine. Oder aus Schilderungen der Situation, in der er sich zu befinden scheint, wie beispielsweise die Passage über die Sintflut aus der Bibel. Oder er stellt Listen zusammen, wie beispielsweise mit Wörtern, die die verschiedenen Nuancen eines Donners beschreiben können. So kämpft er auch gegen den Zerfall seiner Geisteskraft und seines Gedächtnisses. Die Wolkenbrüche scheinen kein Ende zu nehmen, der Strom fällt aus. Die Lage wird prekär, die Selbstquarantäne unerträglich. Ein Fluchtversuch scheitert, Geiser schafft es nicht, den Pass, der ihn ins Nachbartal bringen könnte, zu überqueren. Er kehrt zurück. Bald darauf erleidet er einen Schlaganfall. Körperlich arg angeschlagen und geistig verwirrt, wird er schließlich von seiner Tochter, die sich um ihn Sorgen gemacht hatte, gefunden. Das Unwetter war vorüber, der Berg hatte gehalten, das Tal war wieder erreichbar und was vom Dorf zerstört worden war, wird wieder aufgebaut. Und was geschah mit der Natur, die das Unheil, das über ihn ausgebrochen war, ausgelöst hatte? Nichts. Sie weiß von nichts. »Die Ameisen, die Herr Geiser neulich unter einer tropfenden Tanne beobachtet hat, legen keinen Wert darauf, dass man Bescheid weiß über sie… Was heißt Holozän! Die Natur braucht keine Namen. Das weiß Herr Geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht.«[1]

Dieser Versuch hier knüpft an Herrn Geisers Intention an, zu fragen, woran man sich festhalten kann, wenn alles einzustürzen droht. Er ist eine Art Protokoll des Prozesses des Umgangs mit dem Phänomen »Pandemie«, das unser Leben gerade ziemlich kräftig umtreibt. Der Grat dieses Vorhabens ist schmal, links geht’s steil hinunter in Richtung Kitsch, Innerlichkeitsduselei und Pathos, rechts ebenso steil in Richtung Halbwertszeit des Wissens, Überschlagen der Ereignisse – und Belanglosigkeit.

Zur Fallhöhe rechts: Der Ehrgeiz besteht darin, Inhalte, die einmal formuliert sind, zu einem späteren Zeitpunkt nicht zurückzunehmen oder zu korrigieren, auch wenn sie sich als falsch erweisen werden. Einzig stilistisch dürfen sie verändert werden. Das Nicht-Wissen über das neue Virus und wie wir uns mit diesem Nicht-Wissen auseinandersetzen, ist wesentlich für die Außerordentlichkeit der Situation. Erkenntnisse von gestern sind heute schon völlig veraltet und morgen gilt wieder etwas anderes. Es wird also unmöglich sein, Schritt zu halten mit der Entwicklung. Daher wird auch in die Vergangenheit geschaut, und dort lauern die Fallen der Belanglosigkeit. 

Je nun. 

Trotzdem weitermachen.

Ein weiterer Zweifel besteht darin, dass der Schreiber im Grunde genommen Lektor ist und kein Autor. Zwar gibt es Bücher, auf denen der eigene Name steht, aber Schriftsteller hat er noch nie als Berufsbezeichnung auf den Talon eines Hotelmeldescheins geschrieben. 

Es dürfte in diesen Tagen vier Verhaltensmuster bei Autorinnen und Autoren geben.

Die einen schreiben weiter, als wäre nichts geschehen. Pflichtbewusst setzen sie sich an den Computer, halten an ihrem Plan, beispielsweise den neuesten Fall mit Kommissarin XY zu Ende zu führen, fest und dichten und dichten und dichten. Abends schauen sie fern und informieren sich über die neusten Entwicklungen, sind erschüttert, und am nächsten Morgen dichten sie unverdrossen weiter. Ihnen kommt entgegen, dass lästige Störfaktoren entfallen, keine Anfragen, keine Auftritte, kein Alkohol. Die Abkapselung passt bestens.

Andere sind total blockiert, sie sind nicht in der Lage, einen vernünftigen Gedanken oder einen geraden Satz zustande zu bringen. Sie sind völlig aus der Bahn geworfen worden. Morgens schalten sie den Computer ein und dann erscheint das putzige Foto der zweijährigen Tochter, das sie erst kürzlich als Bildschirmschoner geladen haben – und verfallen in existentielles Grübeln. Sie schalten den Computer wieder aus und schauen etwas zu lange auf die Mattscheibe und im unendlichen Schwarz nehmen sie die Endlichkeit des Lebens wahr, was sie in depressives Sinnieren abgleiten lässt, obwohl draußen die Sonne fröhlich scheint. Die Unwägbarkeiten der Pandemie durchdringt sie bis in die letzte Faser. Abends steigt der Alkoholpegel.

Wieder andere beobachten die Situation, machen sich Notizen, bilden sich weiter und lesen, lesen, lesen. Vielleicht helfen sie mal in einer Gassenküche aus oder so. Und nachdem sich der Pulverdampf verzogen hat und die Sicht immer klarer wird, entwerfen sie einen Plan für ein neues Werk. Wie und ob die Pandemie hierbei eine Rolle spielt, bleibt offen. Das dürfte die vernünftigste Art der Auseinandersetzung sein.

Und dann gibt es eine große Schar jener, die von der Einzigartigkeit der Situation dieser Pandemie derart motiviert, um nicht zu sagen angefixt, sind, dass sie das Bedürfnis haben, unentwegt in die Tasten zu hauen. Sie kommen sich vor, als stünden sie vor einem Gewürzstand im Basar von Istanbul. In allen Farben türmen sich die Ingredienzien auf, man muss nur noch zugreifen und sie zu einem opulenten Mahl zusammenbrauen. Es streift sie ein Gefühl von Bedeutung. Endlich erleben sie eine Epoche, die in die Weltgeschichte eingehen wird – und sie sind Teil davon. Und worin besteht die Berufung eines Autors, der Zeuge solcher Ereignisse ist? Genau: darüber zu schreiben. 

Weil.

Der Zweite Weltkrieg war für die meisten von uns vor unserer Zeit, ein paar Menschen, die noch eigene Erinnerungen an diese Epoche haben, liegen eventuell auf der Intensivstation und die Überlebenschancen werden nicht so hoch eingeschätzt. Und sie sind alleine. Besuchsverbot. Keine Familie, keine Freunde. Das ist tragisch und gibt tatsächlich zu denken. Wir Nachgeborenen haben sicherlich auch prägende Ereignisse erlebt. Hier eine etwas willkürlich und salopp zusammengestellte Liste:

Je nach Alter waren einige von uns vielleicht noch Zeugen der Kubakrise (der Autor nicht) – ging glücklicherweise glimpflich aus, wenn auch knapp; dann kam die 68er-Bewegung – war neben den politischen Kämpfen ja irgendwie auch ein Happening; die bleiernen Jahre – für die Betroffenen ein Drama, für die Rechtsstaaten eine existentielle Herausforderung; der Mauerfall – letztlich und trotz allem eine erfreuliche Wendung; 9/11 – monströs und traumatisierend, aber weit weg von Europa, die Anschläge auf unserem Kontinent sind schrecklich und prägend, aber eigentlich gehen wir davon aus, dass wir ungeschoren davonkommen. Jetzt also die Pandemie – und erstens sind wir alle von den Konsequenzen betroffen und zweitens kann jede und jeder von uns Opfer werden. Denkbar, dass man in vierzehn Tagen nicht mehr ist – und das ist doch undenkbar für unsere Generation. Das Ereignis ist total und umfassend.

Im Herbst werden die Buchhandlungen Gestelle mit »Coronavirus« einrichten. Die Regale werden sich ob der Menge beugen.

Ein letzter, leiser Zweifel: Die üblichen Umstände werden plötzlich zweckdienlich und ideal. Sie erlauben es uns, am Arbeitstisch zu sitzen und zu schreiben, links steht eine Tasse Cappuccino, rechts liegen Bücher und Zeitungen bereit, um verarbeitet zu werden, auf dem Dach gegenüber singt eine Amsel. Und fünfhundert Meter weiter westlich vom Pult liegen die Menschen in der Intensivstation. Ist das nicht blanker Zynismus, der hier gefrönt wird? Ist das nicht eine Variante von geistiger Verwahrlosung in spätkapitalistischen Zeiten? Wird man dereinst als Coronagewinnler schuldig gesprochen? Woher wird die Berechtigung genommen, das zu tun? Aber.

Der hier schreibende Autor ist ein Lektor. Kein Arzt, kein Krankenpfleger, kein Immunologe, kein Virologe, kein Epidemiologe, kein Mathematiker oder Statistiker, kein Pharmazeut, auch kein Coiffeur, kein Gastronom, kein Ökonom, kein Politiker, kein Banker, kein Bestatter etc. Nein, der Autor muss nicht täglich zur Arbeit ins Altersheim oder in den Friedhof oder an die Kasse eines Nahrungsmittelladens. Weder kann er tatkräftig dem Pflegepersonal unter die Arme greifen, noch kann er dabei helfen, einen Impfstoff zu entwickeln. Worüber also soll er hier schreiben? Ist das nicht nichtig? Beziehungsweise anmaßend? Und die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer oder in den elenden Lagern?

Herr Geiser in Frischs Erzählung fragte sich – es sei wiederholt –, woran man sich festhalten kann, wenn so vieles ins Rutschen gerät. Wenn sogar der Berg droht, aufs Haus zu stürzen. Hier wird zudem gefragt: Gerät wirklich so vieles ins Rutschen? 

Wie Geiser mit Knäckebrot eine Pagode zu errichten, ist keine befriedigende Reaktion. 

Die Antwort bleibt offen.

Zurück zum Schreibtisch.


[1] Max Frisch, Der Mensch erscheint im Holozän, Frankfurt/M, 1979, S. 85