Die Menschheit steht an einem Wendepunkt meint Josef H. Reichholf in der NZZ und versucht herauszuschälen, wann dieser Wendepunkt seinen Ursprung hat. War dieser Ursprung auch die Geburt des Anthropozäns? In der gleichen Zeitung hält Philipp Blom fest: Die Pandemie ist unser philosophisches Erdbeben. Das Ereignis sei vergleichbar mit dem Erdbeben in Lissabon.

Das sagt Josef H. Reichholf:

Der Begriff des »Anthropozäns« geht auf den Atmosphärenchemiker Paul Crutzen zurück. Das Erdzeitalter, in dem der Mensch für prägende Auswirkungen auf die Erdgeschichte verantwortlich ist, bekommt somit ein eigenes Zeitalter. 

Doch die Frage stellt sich, wann der Beginn der neuen Epoche festzusetzen ist. Leitfossilen der Menschheit könnten Kronkorken, Abziehlaschen oder Autowracks sein. Reichen diese Kandidaten jedoch, um gleich einen Zeitenbruch zu deklarieren? Nein, aber vielleicht Neuerungen aus Menschenhand wie »die massive Freisetzung von Stickstoffverbindungen als Pflanzennährstoffe, verbunden mit großflächigen Landschaftsveränderungen, sowie der Ausrottung in einer Geschwindigkeit«, wie man das bisher kaum kannte? 

Die Meinungen darüber, ob das reicht, gehen auseinander. Klimaerwärmung und industriell hergestellte, also menschengemachte, synthetische Stoffe, die sich in der Atmosphäre ausbreiten (FCKW, DDT), scheinen starke Hinweise für einen anthropogenetischen Epochenwandel zu sein, meinen einige Theoretiker. Aber wenn durch Vulkanausbrüche noch gigantischere Mengen Kohlendioxid ausgestoßen werden, wird dann auch nicht gleich ein neues Zeitalter ausgerufen, monieren die Kritiker. Wäre die Verbreitung der künstlich hergestellten Radioaktivität mit den Bomben auf Hiroshima und Nagasaki und die darauffolgenden zahllosen Atomtests eine gültige Eigenschaft? Das stimmt dann aber mit der Klimaerwärmung nicht mehr überein, denn die begann etwas später, zumindest war in den 1950er-Jahren bis Mitte der 1960er-Jahre das Wetter eher kalt (wobei: Wetter nicht gleich Klima). Allerdings wurde die Basis für die Erderwärmung mit dem Wechsel von Holz auf die fossilen Energieträger schon im 18. und 19. Jahrhundert geschaffen. Müsste man also, da die grundlegende Haltung der Unterwerfung der Natur auf die Zeit zurückgeht, als die Menschen sesshaft wurden und mit der Urbarmachung des Landes begannen, den Anfang des Anthropozäns vor 12'000 Jahren ansetzen? Mit der Industriellen Revolution vollzog die Menschheit zwar einen Quantensprung, aber die Logik der Naturbeherrschung war eben schon viel älter. 

Wendezeiten der Erdgeschichte werden immer von einem Massenaussterben begleitet. Es gab schon vor dem Holozän Eiszeitmenschen (die man anatomisch zu den Homo sapiens zählt) und Neandertaler, die einander bekriegten und die zahlreiche Großtierarten ausgerottet haben. Die mit Fossilien belegte Vernichtung von Tierarten wurde demnach schon vom späteiszeitlichen Menschen begonnen und setzt sich bis in die Gegenwart fort. Beginnt die menschengemachte Epoche also gar schon vor dem Auftauchen des eigentlichen Homo sapiens im späten Pleistozän und geht auf die Neandertaler, Denisovaner, Aborigines etc. zurück? 

Wenn die Überzeugungskraft der verschiedenen Ursachen miteinander verglichen wird, spricht, so Reichholf, einiges für das Industriezeitalter. Denn: Erstens setzte das globale Bevölkerungswachstum erst dann richtig ein; zweitens erlaubte die Nutzung fossiler Energieträger einen größeren Einsatz von Maschinen und drittens begann in dieser Phase auch der globale Kolonialismus, der bis jetzt fast ungebremst weitergeht. Der Motor, der die Weltgesellschaft und Weltwirtschaft am Laufen hält, ist und bleibt die Ausbeutung und der Raubbau der natürlichen Ressourcen. Obwohl die Investitionen in erneuerbare Energien gestiegen sind, sind diese Energieträger über das Gesamte gesehen kaum klimawirksam. Mit dem Emissionshandel wurde »ein lukrativer Ablasshandel für Verschmutzungsrechte installiert«, schreibt Reichholf. Und weiter: »Dieser erinnert nicht nur oberflächlich an das mittelalterliche Vorbild des kirchlichen Sündenablasshandel.«

Ohnehin bleiben die Versuche, das Klima zu retten, wirkungslos, auch wenn Abermilliarden Geld in die Bemühungen gelenkt werden. Das Elektroauto beispielsweise richte sich für seine Antriebsenergie nach denselben Gesetzen wie Benziner, müssten für die Batterien doch ebenfalls natürliche Ressourcen ausgebeutet werden. Dies alles, so Reichholf, seien die Eigenschaften der gegenwärtigen Epoche. Warum das so ist, bleibt im Dunkeln. Ein Hinweis auf dieses »Warum« könne eventuell der globale Migrationsdruck liefern. Hinter der Migration steht der Wunsch nach der Teilhabe aller Erdbewohner an den Wonnen des materiellen Wohlstands. Dieser globale Wunsch trifft auf den Widerstand jener, die befürchten, diesen Wohlstand zu verlieren. »In dieser Entwicklung scheint es keine ernsthafte Rücksicht auf die Lebensverhältnisse der Mehrheit der Menschheit und das Schicksal der anderen Lebewesen auf diesem Planeten zu geben.« Es existiert eine starke Ungleichheit.

Sapiens bedeutet eigentlich vernünftig, klug, einsichtsvoll, weise. Der Homo sapiens hat die in ihn gesetzten Erwartungen, die der Bedeutung des Wortes einlösen würden, bis jetzt nicht erfüllt. Sein Ausrottungsverhalten gegenüber Natur und Mensch spricht eine klare Sprache, die Vernunft konnte sich bis jetzt auf der Handlungsebene nicht durchsetzen, das Emotionale und Egoistische überwiegt. Evolutionsbiologen sind aber nicht ohne Hoffnung, deute doch einiges darauf hin, dass die Empathiefähigkeit am Zunehmen sei. Zum Beispiel gegenüber den Tieren. Das könne ein Anfang sein. Um ein stabiles System zu erreichen, müsse man anerkennen, dass es Ungleichgewichte gibt. Ziel ist es nun, diese Ungleichgewichte auszutarieren. Die Stabilisierung ist bis jetzt aber Fiktion geblieben. Solange der homo oeconomicus das Spiel beherrscht, solange bleibt der homo sapiens unterdrückt. Erst eine Umorientierung des homo oeconomicus in Richtung des homo sapiens rechtfertige den Begriff des Anthropozäns. Reichholf spricht von einer Symbiose der beiden Homines, in der Egoismen ab- und das Gemeinwohl ausgebaut werden müssen. Und das wird Opfer fordern. »Unser Ausblick besagt daher: Wir sollten uns besser auf das Anthropozän mit seinem globalen Wandel einstellen, als den nicht zu haltenden Zustand zwanghaft erhalten zu wollen.« Reichholf schließt mit der rousseauschen Wendung, dass wir uns an der Natur des Menschen zu orientieren haben und nicht an den Zuständen der Natur.

 

Das sagt Philipp Blom:

Am Morgen des 1. November 1755 besuchten die frommen Menschen die Gotteshäuser in Lissabon. Um 9 Uhr 40 bebte die Erde und die Stadt wurde von einem schweren Erdbeben erschüttert. Kirchen und Häuser stürzten ein. Die Trümmer begruben zahllose Menschen unter sich, die Kerzen, die in den Kirchenräumen angezündet wurden, setzen die Gebäude in Brand, ein Inferno breitete sich aus. Viele Menschen flüchteten aus den Häuserschluchten zum Hafen, kaum dort angekommen, wurden sie von der Welle eines Tsunamis weggespült. Zehn- bis Dreißigtausend Menschen verloren ihr Leben. Und das an Allerheiligen. Wie konnte, so fragte man sich, ein gütiger und vernünftiger Gott eine solche Katastrophe zulassen?

Orthodoxen Kommentatoren war es bald klar: Göttliche Strafe, zumal das Gebiet um den Hafen als Rotlichtviertel galt. Aber was dachten die Denker der Aufklärung, die die Rolle Gottes in einem »vernunftzentrierten Universum« neu zu klären versuchten? In Candide etwa ging Voltaire mit seiner Kritik mit den »religiösen Schöndenkern« hart ins Gericht. Der rettungslos optimistische Pangloss meint trotz aller schrecklichen Erlebnisse, die ihm widerfahren sind, unverdrossen daran, dass er in der »besten aller Welten« lebt. Seiner selbst entfremdet, lebt der Mensch vor sich hin. »Lissabon«, so Philipp Blom, »wurde als Synonym für die analytische Schwäche der rationalen Religion.« Das Verhältnis zwischen Natur und Religion musste grundlegend überdacht werden.

Wie verhält es sich mit der gegenwärtigen Pandemie, für die es zurzeit ebenso wenig Erklärungsmuster gibt? Können wir für die Beschreibung der jetzigen mentalen Erschütterung das Beben Lissabon als historischen Vergleich heranziehen? Trotz unterschiedlicher materieller, sozialer und intellektueller Umstände? Schwierig, meint der US-amerikanische Historiker Samuel Moyn im New York Review of Books. Ein Vergleich sei immer auch ein politischer Akt. Parallelen und Unterschiede mit der Vergangenheit könnten zwar schon helfen, die Gegenwart zu analysieren, »aber nicht, wenn sie möglich machen, sich in einer melodramatischen Gerechtigkeitspose zu gefallen... während gleichzeitig eine schrecklich normale Zukunft vorbereitet wird«, so Moyn. Besteht diese Gefahr beim Vergleich des Erbebens von Lissabon und der Pandemie von 2020, fragt sich Blom. Wenn es nicht darum geht, die eigentlichen Katastrophen zu vergleichen, sondern deren intellektuelle und philosophische Verarbeitung, könne man diesen Vergleich schon wagen. 

Der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut von Rosa benutzt den Begriff der Resonanz, um zu beschreiben, in welchem historischen Raum sich Individuen und Gruppen in einer bestimmten Epoche bewegen und ihre Erfahrungen machen. Dieser Raum erzeugt einen eigenen Klang. Man kann es vergleichen mit einem lasierten Tontopf: Wenn wir mit dem Fingernagel an dessen Oberfläche tippen, erklingt ein helles »Pling«. Der Topf ist intakt. Hören wir hingegen ein dumpfes »Tock«, ist der Topf beschädigt, der Resonanzraum ist gestört. Der geschichtliche Resonanzraum wird bestimmt von Weltanschauungen, Legitimationen von Macht und Politik, Verhaltensregeln, also davon, wie wir eine historische Epoche begründen und interpretieren. Er wurde nach dem Erdbeben 1755 erschüttert, es klang nach »tock«. »Die Geschichte von Lissabon 1755 handelt ... von der Krise einer kollektiven Fiktion«, schreibt Blom. Der Resonanzraum wurde ein anderer. Und jetzt? Hat sich der gegenwärtige Resonanzraum auch verändert?

Welche Kennzeichen bestimmen den heutigen Raum? Blom nennt »die Fiktion des absoluten Marktes und den liberalen Traum von Fortschritt und Wachstum«. Francis Fukuyama hatte in den 1990er Jahren geschrieben, dass sich die liberalen Marktkräfte durchsetzen und sie zur prägenden Erzählung der Zeit werden würden. Am makellosen Zustand dieser Fiktion wird heftig gezweifelt, nicht erst seit der Pandemie. Schon seit längerer Zeit steht das liberale, marktwirtschaftlich geprägte Projekt in der Kritik. Und jetzt in Coronazeiten reißt die Politik die Macht an sich, verordnet einen Stopp des Wirtschaftslebens und unterbricht die Automatismen des Marktes. Die Prioritäten werden anders gewichtet. Es stellt sich nun die Frage, wie grundlegend diese Schädigung ist. Ist es ein »Tock«? Oder kann der Riss lasiert werden, damit wieder ein »Bling« erklingt?

Blom identifiziert die tragenden Säulen der modernen, liberalen Markterzählung: Fortschritt, Universalismus, Vernunft, Freiheit. Diese Eigenschaften gründen auf einem christlichen Fundament: die Heilsgeschichte, die unsterbliche Seele, die freie Entscheidung zwischen Tugend und Sünde. Und auf dem Satz in der Genesis, in dem Gott Adam gebietet, sich die »Erde untertan« zu machen. Dieser Satz bezieht sich vermutlich auf jene geschichtliche Epoche, in der der Mensch sesshaft wurde und er begann, die Natur für seine Bedürfnisse zuzurichten. Für diese Nutzbarmachung brauchte der Mensch zuerst seine eigene Muskelkraft. Dann merkte er, dass Tiere für die Kultivierung von Land hilfreich sein können. Es kamen andere Quellen der Energienutzung hinzu: Wind und Wasser. Mit der Mechanisierung kamen Maschinen ins Spiel, deren Antrieb zunehmend von Brennstoffen übernommen wurden. Die Entwicklung schreitet stetig voran: Kohle, Gas, Erdöl etc. bis in unsere Zeit. Das geistige Rüstzeug liefern die Wissenschaft, die Technologie und die Ideen des globalen Marktes. Grenzen werden keine gesetzt. Die Grundlogik bleibt die gleiche: Mach dir die Erde untertan.

Und dann kommt ein klitzekleines Virus und paralysiert die ganze Welt. »Die Situation erinnert unausweichlich daran, dass der Homo sapiens nicht über und nicht außerhalb der Natur steht und dass eskalierende Eingriffe in die Natur eskalierende Folgen haben.« Das vernünftige, unabhängige und freie Individuum der Aufklärung wird plötzlich ein anderes Wesen: porös, verletzlich, anfällig, abhängig von körperfremden Mikrobiomen. Wir sehen uns nicht mehr über der Natur erhaben, sondern mitten in sie hineinversetzt und mit ihr verstrickt und vernetzt und abhängig. Das Bild der menschlichen Spezies als rational, unabhängig, souverän und frei bekommt bedenkliche Kratzer. In diesem Punkt sieht Blom die Verbindung zu Lissabon 1755. Die panglosssche »beste aller Welten«, alternativlos und verkörpert im marktliberalen Gesellschaftsmodell, wird grundlegend angezweifelt. Die essentielle Logik der Naturunterwerfung missachtet die natürliche Bedingtheit unseres Lebens und untergräbt unsere eigene Existenz. Wir müssen uns unserer Grenzen bewusstwerden und einsehen, dass das unendliche Wachstum kein Zukunftsmodell mehr sein kann. Insofern hat das Virus diese Grundproblematik, die schon seit längerem in der Klimadebatte breit diskutiert wird, noch einmal aufs Deutlichste aufgezeigt.

Blom betont, dass das keine moralische, sondern eine empirische Argumentation darstellt. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Die Zerstörung – beispielsweise – des brasilianischen Regenwaldes hat konkret mit uns Europäern sehr viel zu tun. Will die Menschheit kollektiv überleben, muss der Einzelne vermehrt mit den anderen zusammenarbeiten. Die Bedürfnisse des Individuums müssen mit jenen der Allgemeinheit, des Kollektivs in Einklang gebracht werden. Die Stichworte heißen: Koexistenz und Kollaboration. Jedoch schon John Maynard Keynes warnte: »Das Schwierigste ist nicht, neue Ideen zu entwickeln, sondern den alten zu entkommen.« Das Virus hat klar gemacht, dass die Dissonanzen im Resonanzraum nicht mehr zu ignorieren sind. »... (D)iese Pandemie ist ein Glied in der Kette von Ereignissen, die mit der Veränderung natürlicher Systeme einhergehen und die vom Menschen meist als Katastrophen erfahren werden, gerade weil überkommene Erklärungsmodelle und Erzählungen nicht mehr darüberpassen.«

Wir müssen uns auf die Suche nach dem neuen, gemeinsamen Resonanzraum aufmachen, in dem unser Handeln und unsere Haltungen zusammenfinden, um der Logik der Eskalation zu entkommen.

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