Carole Koch und Peter Hossli machen sich in der NZZaS auf eine Virenreise mit dem martialischen Titel: Wenn das Virus angreift. Als Gegenmittel gegen solche Zytokinstürme – so bestätigen auch kürzlich veröffentlichte Untersuchungen von Roche –, kommen eventuell Medikamente mit dem Wirkstoff Tocilizumab in Frage.

Zur Virenreise – oder ist es eher ein Höllenritt?

»Es agiert undercover. Tarnung ist seine Spezialität. Niemand weiß, wo es wann ist. Nicht einmal die Zellen, die es kidnappt. Wächter können es nicht erkennen und keinen Alarm schlagen. Selbst wenn es längst im Zellinnersten angekommen ist und sich dort vermehrt. Hundert- bis tausendfach. Aber dann ist es bereits zu spät. Viraler Status. Notstand.«[1] Die Gefahren lauern überall. Ein Niesen, ein Husten. Ein Tröpfchen wird von einem infizierten Menschen ausgespuckt, ausgehustet, abgesondert. Es setzt sich auf eine Türklinke, landet auf einer Parkbank, an einer Blechdose, bleibt in der Luft. Ein anderer drückt auf die Klinke, setzt sich auf die Bank, greift nach der Dose, atmet ein und ist schwuppdiwupp zum neuen Wirt geworden. Das etwa 120 Nanometer kleine Virus macht sich mit dem neuen Wirt bekannt. Corona heißt es wegen der Zacken, die die Oberfläche überziehen. Sie sind »eine Geheimwaffe, ein Schlüssel zu jenen Zellen, die vor allem in der Nase sitzen, dem Mund, der Lunge oder im Herz-Kreislauf-System.«[2] Das Virus stößt auf Widerstände. Nicht überall finden sich offene Tore. Die Haut ist undurchdringbar, landen sie im Magen, zerstört die Säure ihre Hülle, werden sie eingeseift, gehen sie kaputt. Eintritt nur über Nase, Mund und Augen.

Das nächste Hindernis sind die Schleimhäute. Deren Moleküle zerhacken die Zacken. Also nichts wie hinein in die Zellen. Es tarnt sich als Protein, die Zelle glaubt, mit Stoffen oder Nachrichten versorgt zu werden. Aber nichts da. Die Zacken passen in die Zellrezeptoren wie ein Schlüssel in den Tresor. Sesam öffne dich. Das Virus wird einverleibt. Dieser Vorgang nennt sich Endozytose. Und jetzt folgt die Methode Troja. Zuerst muss sich das Virus noch hüten, von den Wächtern nicht entdeckt zu werden. Je länger das gelingt, umso sicherer wird es. In verdeckter Mission übernimmt es die Kontrolle der Zelle, es beginnt das System zu ändern und stellt das Zellprogramm um auf Virenproduktion. Eine Unmenge Viren werden hergestellt, soviel, dass es bald zu eng wird. Die Zelle aktiviert ein Selbstzerstörungsprogramm, die Viren werden freigesetzt. Nun ist aber das Immunsystem alarmiert. Es schickt Fresszellen, den Viren geht es an den Kragen. Sie versuchen sich irgendwo festzuklammern, damit sie nicht im Schleim nach draußen befördert werden. Der Wirt, also der Mensch erkrankt. Zwar merkt er nichts vom Virus selbst, aber vom Kampf seines Immunsystems gegen den Eindringling. Meistens gewinnt das Immunsystem, die Viren werden ausgestoßen. Wieder an der frischen Luft, vielleicht auf einer Türklinke, vielleicht auf einer Parkbank, einer Blechdose oder in der Luft warten sie auf eine neue Chance mit einem anderen Wirt. Gelingt es dem Virus, sich weiter in Richtung Lunge vorzukämpfen, reagiert das Immunsystem mit größeren Fresszellen, den Killerzellen, und es erhöht gleichzeitig die Temperatur. Die überlebenden Viren drängen weiter, aber die nächste Waffe des Immunsystems wird aktiviert: die Antikörper. Sie zwacken die Zacken ab. Es bedeutet das vorzeitige Ende der Virenreise. Hat der Wirt ein geschwächtes Immunsystem, entfalten die Antikörper ihre Wirkung nicht. Vielleicht helfen Medikamente, die Ärzte hoffen es und experimentieren damit. Kaltera, Chloroquin, Remdesivir.[3] 

Nützt das nicht, dringt das Virus in die Lunge vor. Dort treffen sie auf weitere Gegner, Großfresser und sogenannte T-Zellen und hormonartige Botenstoffe. Jetzt ist im Wirt definitiv die Alarmstufe rot ausgerufen worden. Enzyme werden produziert, die die Nervenzellen zusammendrücken, das verursacht Schmerzen. Die Lunge funktioniert nicht mehr richtig, sie schwellt an, der Sauerstoff kann nicht mehr aufgenommen werden, Schleim sammelt sich an. Es ist der Zeitpunkt, um eine Sonde zuzuführen, die Sauerstoff liefert. Die Entzündung breitet sich im Körper aus. Im schlimmsten Fall versagt das Herz, die Nieren steigen aus, lebenswichtige Organe kapitulieren. Das Immunsystem kollabiert. Stirbt der Wirt, ist oftmals nicht klar, was die genaue Ursache ist. Vielleicht auch deshalb zählen verschiedenen Länder so unterschiedlich, denn was war genau die Todesursache? Überlebt der Wirt, ist das Virus tot. Stirbt der Wirt, ist das Virus auch tot. Außer kurz davor hustet der Wirt das letzte Virus doch noch aus. Dann war es zu spät. Die Virusreise ist zu Ende. 

Kleiner Nachtrag: Reise? Ein Euphemismus. Eine Luxuskreuzfahrt all inclusive? Mitnichten. Nein, sie gleicht eher einer Invasion oder einem Zerstörungsfeldzug. Bilder aus der Verfilmung des zweiten Bandes von J.R.R. Tolkiens Trilogie Der Herr der Ringe tauchen auf. Gewürzt mit einer Prise – Koch/Hossli haben es beschrieben – Troja. Die Schlacht um Helms Klam: Corona als Orks und Uruk-hais, angeführt von Samuran, gegen die Truppe des Immunsystems, verkörpert unter anderem durch Théoden, Haldir, Gimli, Legolas und den totgeglaubten Aragorn. Die Helms-Klamer wehren sich gegen die Angriffswellen, aber die Orks und Uruk-hais überwinden Befestigungsring um Befestigungsring, schlagen Breschen und stürmen zur nächsten Mauer. Sie dringen immer näher ans Zentrum. Die Lage scheint aussichtslos, die letzten Kräfte werden mobilisiert. Und am Schluss kommt der weiß gewandete Gandlaf mit den Reitern, quasi der Weißkittel, der eine Sonde zuführt. Ihnen gelingt es, das Heer des Samuran in die Flucht zu schlagen. Im Film gewinnen die Richtigen, erleiden aber große Verluste. Vernarbungen und Traumata bleiben zurück. In der Realität ist es leider nicht immer so. 

Nun zu den Untersuchungen über Gegenmittel: Ein Zytokinsturm und »Mit Blutverdünner gegen Covid-19«:

Es ist mittlerweile durch verschiedene Untersuchungen bestätigt worden, dass die SARS-CoV-2 Entzündungen auslösen. Bei Patienten mit einem geschwächten Immunsystem kommt es zu Überreaktionen bei der Bekämpfung der Viren, die lebensbedrohliche Komplikationen hervorrufen können. Das Protein Zytokin steuert ganz allgemein die Abwehr gegen Erreger. Bei einer Überreaktion des Immunsystems werden Zytokinen unkontrolliert freigesetzt. Man spricht von einer Hyperzytokinämie oder einem Zytokinsturm.[4] 

Der Antikörper Tocilizumab verhindert, dass Zytokine sich an die Zellen andocken können, ein Zytokinsturm kann somit verhindert werden. Bisher wurde Tocilizumab vor allem zur Behandlung von rheumatoider Arthritis bei Kindern verschrieben. In einer chinesischen Studie wurde untersucht, ob Tocilizumab, das auch unter dem Namen Actemra bekannt ist, bei Covid-Patienten positive Wirkung zeigt. »Die Patienten, bei denen schweres oder kritisches Covid-19 diagnostiziert wurde, erhielten zwischen dem 5. und 14. Februar 2020 zusätzlich zur Routinetherapie Tocilizumab… Das Fieber normalisierte sich am ersten Tag und andere Symptome besserten sich innerhalb weniger Tage bemerkenswert. Nach 5 Tagen konnte bei 15 der 20 Patienten die künstliche Sauerstoffaufnahme gesenkt werden, und ein Patient benötigte keine Sauerstofftherapie.«[5] Insgesamt wird eine positive Bilanz gezogen: »Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Tocilizumab die klinischen Symptome wirksam verbessert und die Verschlechterung schwerer Covid-19-Patienten unterdrückt.« 

Auf der Forschung-und-Technik-Seite der NZZ schreibt Stefanie Lahrtz über Erkenntnisse bei der Behandlung von Covid-19-Patienten. Ärztinnen und Ärzte haben festgestellt, dass das Virus direkt die Blutgefässe angreife und somit die Blutgerinnung verstärke. Sowohl in München als auch in Zürich werden bei Patienten mit Blutgerinnungsschwierigkeiten daher relativ erfolgreich Blutverdünner abgegeben. Es habe sich gezeigt, dass bis zu zwei Drittel aller Covid-19-Toten (die Zahlen stammen aus Zürich, München und Mailand) »Mikrothromben, Entzündungen von Gefässen in diversen Organen, Lungenembolien und andere Gerinnungsstörungen« aufweisen.[6] Es seien also nicht zwingend etwa versagende Lungenbläschen Schuld, sondern verstopfte kleine Blutgefäße in den Lungen. Das sei eher ungewöhnlich und komme sonst bei Influenza-Erkrankungen nicht vor. Der ganze Körper werde von solchen Entzündungen der Blutgefäße in Mitleidenschaft gezogen. Daraus können sich Blutgerinnsel entwickeln. Deshalb könne vielleicht auch erklärt werden, warum gesunde, sportliche, jüngere Menschen ebenfalls schwer erkrankten, dann nämlich, wenn eine Blutgerinnungsstörung vorliege. Und es könnte damit zudem erklärt werden, dass nicht nur die Lunge, sondern auch andere lebenswichtige Organe wie die Niere, das Herz oder die Leber versagen können. Das Krankheitsbild muss modifiziert werden.

Bei Risikopatienten mit Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Arteriosklerose oder bei Rauchern seien die Blutgefäße ebenfalls nicht mehr robust genug, deshalb erkrankten diese schwerer. Wenn schon relativ früh die Behandlung mit Blutverdünnern begonnen werde, könne ein problematischer Verlauf gelindert oder sogar vermieden werden, meint Niels Kucher, Angiologe am Universitätsspital Zürich. In der FAZ unterstützt Joachim Müller-Jung diesen Befund. Aus den Schilderungen von Ärzten und Pathologen kann geschlossen werden, dass es sich bei Covid-19 nicht um eine besonders starke Grippe handle, die die Lungen angreife, sondern um eine Systemerkrankung.[7] Das Virus finde überall molekulare Eintrittspforten und so komme es zwangsläufig auch zu Nierenversagen, Infarkten, Hirnhautentzündungen, schweren Durchfall und bei Risikogruppen zu weiteren Schädigungen. Das »entscheidende Schlachtfeld aber verbindet alle Organe: Im Blut verursachen die Viren ein regelrechtes Chaos.«[8] Die immunologische Überreaktion führe im ganzen Körper zu fatalen Verheerungen. Eben zu einem Zytokinsturm. Müller-Jung sorgt sich auch um die Langzeitfolgen bei den Patienten. Die Zerstörungen im Gewebe hinterlassen tiefe Spuren, Vernarbungen, Traumata. Umso mehr seien auch die Medikamente, die die unmittelbare Virusvermehrung bekämpfen, besonders wichtig. 

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[1] NZZaS, 15.3.2020, S. 16

[2] Ebd.

[3] Unterdessen hat sich herausgestellt, dass alle drei Mittel, also auch Remdesivir, nicht die erhoffte Wirkung entfalten. https://www.scinexx.de/news/medizin/corona-warum-remdesivir-so-wenig-wirkt/

[4] Juliane Gutmann, Zytokinsturm als Grund für gefährliche Covid-19-Verläufe, Merkur, https://www.merkur.de/leben/gesundheit/coronavirus-zytokinsturm-ursache-...

[5] Xiaoling Xu et al., Effective treatment of severe COVID-19 patients with tocilizumab, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United Sates of America (PNAS) https://www.pnas.org/content/117/20/10970 (abgerufen am 23.5.2020)

[6] NZZ, 23.5.2020, S. 40

[7] Joachim Müller-Jung, Mehr als nur eine LungenkrankheitFAZ Appversion, 27.4.2020

[8] Ebd.