Lektüreprotokoll: Kathrin Röggla, Im Prognosefieber, FAZ, 20. März 2020

 

Die Autorin Kathrin Röggla schreibt in der FAZ einen Gastbeitragmit dem Titel Im Prognosefieber. Sie beruhigt zuerst: »Keine Sorge, ich werde diesen Zustand nicht zu beschreiben versuchen.« Weil der Zustand sich stündlich, täglich, wöchentlich ändert und er in Livetickern und Blogs festgehalten wird. Alles dreht sich um Geschwindigkeit, und besonnenes Handeln könne allenfalls falsch sein. Was sie heute zu Papier bringe, sei am nächsten Tag vielleicht tiefe Vergangenheit. Weiter schreibt sie: »Vielleicht spüren wir zum ersten Mal … so deutlich den Begriff des Kollektivs… das … unter dem Zeichen der Krankheit steht.«

Ziel der Maßnahmen gegen das Virus ist, das Kollektiv unter Kontrolle zu bringen. Sinnbildlich dafür steht das Instrument der Prognose. Sie wird zurzeit gerade überall feilgeboten, sie arbeitet mit Menschengruppen und Massen und löst den Individualbegriff auf. Das ist problematisch. Denn plötzlich erscheint das Handeln in Diktaturen wie China, das auf die Masse ausgerichtet ist, avantgardistisch. Das fordert, so Röggla, unsere Gesellschaft, die auf »Individualismus, Wachstum und radikalem Kapitalismus« basiert, stark heraus, könnte man doch auf die Idee kommen, andere Probleme wie die Klimawandelfolgen ähnlich diktatorisch anzugehen, wie China das jetzt mit der Coronakrise praktiziert. Unser System ist weder ressourcenschonend noch ökologisch ausgerichtet. Jedoch wäre es fatal, »die offene Gesellschaft aufzugeben«.

Auch die Literatur ist herausgefordert. Röggla bezieht sich auf Amitav Gosh, der meint, dass der bürgerliche Roman von einem sogenannten Normalzustand in der Gesellschaft ausgehe und mit ständigen Abweichungen davon schlecht zurechtkomme. Die Langsamkeit der Literatur ist der Geschwindigkeit der gegenwärtigen Lage kaum gewachsen. Texte müssten gemischte Realitäten beschreiben können, die dem »Nebeneinanderher von neuer Logik, alten Problemen, unerwarteten Auswirkungen der Situation gerecht werden«.

 

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