Lektüreprotokoll: Julia Encke, Sinn und Kitsch, FAS, 5. April 2020

Anlässlich des ersten Corona-Buches, das aus der Feder von Paolo Giordano stammt, teilt Julia Encke in der FAS ihre Bedenken mit uns, was wohl noch alles Pathetische und Tröstliche an Literatur auf uns zukommen mag. Sie kritisiert die Perspektive, aus der Giordano seine Notizen und Tagebucheinträge verfasst hat. Giordano sitzt zuhause und vor sich sieht er eine große Leere. Diese Leere soll nun erstens mit Sinn gefüllt werden und zweitens mit einer Erneuerung enden. Encke findet, dass aus den »salbungsvollen« und »erbaulichen« Worten, die Giordano braucht, nichts und schon gar nichts Interessantes hervorgehe. Die Haltung, dass man aus dieser Krise auf Teufel komm raus etwas abgewinnen muss, gebiert nur Texte auf »Kalenderspruch-Niveau«.

Die Autorin weitet den Blick auf andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus, die Lage wird nicht besser. Überall wird Trost gespendet, die Stoa wiederentdeckt, das Homeoffice zur positiven Freiheit schöngeredet und es werden neue moralische Einsichten gepredigt. Encke weist auf Henning Ritter, der über den Gedankenkitsch schrieb, der sich unter der Oberfläche des wissenschaftlichen Diskurses verberge. Dieser Gedankenkitsch werde oftmals in der großen Altbauwohnung oder in einem lauschigen Garten ausgebrütet. Leïla Slimani hat wütende Reaktionen geerntet, als ihre Notizen über die Ausgangssperre mit einem Foto bebildert war, auf dem der Sonnenaufgang aus dem Fenster ihres Landhauses in der Normandie zu sehen ist. Die fünfköpfige Familie, die in einer Zweizimmerwohnung in einem Pariser Vorort lebt, dankt dafür. »Den Vorwurf, von einem privilegierten Standpunkt aus nicht viel mehr als nichts zu sagen, das dafür mit großer Geste, findet man auch hier immer wieder bestätigt.« Carolin Emke sage beispielsweise, dass Intellektuelle und Geschichtenerzähler ihre Aufgaben, wie etwa Wissensvermittlung und Lügen entlarven und demokratische Rechte einfordern etc., gerade jetzt wahrnehmen und damit zeigen müssten, warum es sie brauche. Wenn dieser Beweis nicht gelinge, sei das Überleben gefährdet.

Encke entgegnet, dass eben gerade das zu wenig stattfinde, es klebe zu viel »Poesiealbumhaftes« an den Texten. Gerade jetzt benötige man sehr wohl Informationen über das Virus, über die Ansteckung, über die sozialen, politischen, gesundheitlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Folgen, aber Enckes Vertrauen, dass die Dichter dazu in der Lage sind, ist eher klein. »Um Erkenntnis aber geht es in diesem Moment und nicht um Sinnstiftung.«

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