Kurze Nachbemerkung zu Röggla, Jandl, Encke & Benini

Robert Walser schreibt über den Schriftsteller: »Der Mann mit der Feder in der Hand ist quasi ein Held im Halbdunkel, dessen Betragen nur deshalb kein heroisches und edles ist, weil es der Welt nicht zu Gesicht kommen kann… Vielleicht ist das nur ein trivialer Ausdruck für eine ebenso triviale Sache, aber ein Feuerwehrsmann ist auch etwas Triviales, obschon es nicht ausgeschlossen ist, dass er gesetzten Falls ein Held und Lebensretter sein kann.« Schriftstellerinnen und Schriftsteller gehen auch in außerordentlichen Zeiten ihrer Tätigkeit nach. Und das ist richtig. Aber man kann bestimmte Vorbehalte und Bedenken teilen, die den Corona-Tagebüchern vorgehalten werden. Denn ob ein solches Unterfangen gelingt, ist – wie bei allen literarischen Erzeugnissen – abhängig davon, ob Form (hier: Tagebuch) und Inhalt (hier: Umgang mit einer realen Pandemie) zu einem sprachlich überzeugenden Ganzen zusammenfinden, also die Lektüre zu einem ästhetischen Genuss wird und inhaltliche Horizonterweiterungen liefert. Man lässt sich gerne entzücken und belehren. Die Sandbänke und Riffe wurden in den verschiedenen Artikeln erwähnt und nicht alle Autorinnen und Autoren haben diese souverän umschifft. Es gibt aber gute, schöne und witzige Beispiele dafür, wie mit der außerordentlichen Lage umgegangen wird. Etwa von Dorothee Elmiger, Michelle Steinbeck und Marlene Streeruwitz.

Wie hier unschwer zu erkennen ist, wird in diesen Aufzeichnungen ein anderer, kaum als literarisch zu bezeichnender Ansatz verfolgt (Frisch, Widmer, Quarantän). Der Fokus liegt in der Erfassung dessen, was gerade geschieht und was als wichtig angesehen wird. Es ist eine persönliche Auswahl. Diese subjektive Lesart der Geschehnisse und deren mediale Verarbeitung ist Teil des Verfahrens, Objektivität ist nicht zu erreichen. Aber es wird eine unvoreingenommene, sachbezogene, nachvollziehbare Auseinandersetzung mit den mehrdeutigen Umständen angestrebt. Der NYT-Kolumnist Thomas L. Friedman hatte einmal geschrieben, wünschenswert sei es, Kognitive Immunität zu erlangen. All die hier referierten und zitierten Artikel, Untersuchungen, literarischen Auszüge, Kunstwerke etc. sollen dazu dienen, Fresszellen, T-Zellen und Antikörper gegen Unsinn zu entwickeln. Einen Impfstoff wird es nie geben.

Wie Paul Jandl richtigerweise betont, ist das Virus eine »biochemische Entität«. Keine Frage, diese Entität wirkt auf Individuum und Gesellschaft. Auf das Ausbreiten persönlicher Befindlichkeiten wird hier nicht ganz, aber weitgehend verzichtet. Es werden weder psychische noch emotionale Untiefen ausgelotet. Wer das vermissen oder gar bemängeln will, der möge auf andere Texte zurückgreifen.

Hüten wir uns vor unnötigen symbolischen Aufladungen natürlicher Vorgänge. Wir sammeln. Deshalb bleibt der Tonfall nüchtern. Kathrin Röggla hat in ihrem Artikel schon geschrieben, dass Texte gemischte Realitäten beschreiben müssen, die dem »Nebeneinanderher von neuer Logik, alten Problemen, unerwarteten Auswirkungen der Situation gerecht werden«.

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Robert Walser, Der Schriftsteller, In: Robert Walser, Eine Ohrfeige und sonstiges, Hg. Thomas Hirschhorn, Reto Sorg, Frankfurt/M 2019, S. 80 (Orig. in Die Schaubühne, Jg. III, Bd. 2, Nr. 46, 14. November 1907)