Rekapitulation: Eigentlich nichts Neues, aber eine Bestätigung der Erkenntnisse und Erwartungen. 

Anhand der Route der Expertengruppe, die aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besteht, die einerseits von der WHO und andererseits von den chinesischen Behörden zusammengestellt wurde, kann der Gang der Ereignisse noch einmal kurz rekapituliert werden. Die Gruppe musste zuerst zähe politische Verhandlungen, etliche Kompromisse und Verzögerungen abwarten. Anschließend begannen die wissenschaftlichen Abklärungen, die Voruntersuchungen und endlose Videokonferenzen. Dann folgte die Anreise und eine Quarantäne. Endlich hat für die Spezialistinnen und Spezialisten die konkrete Feldarbeit begonnen. Die chinseischen Behörden hatten alle Zeit, unliebsame Tatsachen aus dem Weg zu räumen.

Zuerst stand ein Besuch im Hubei Provincial Hospital of Integrated Chinese and Western Medicine auf dem Programm. Gemäß den chinesischen Behörden wurden dort am 27. Dezember 2019 Patienten mit »Pneunomie unbekannter Herkunft« behandelt. Das Team führte Gespräche mit Ärzten, Pflegepersonen und Patienten. Aus den Meldungen in der Presse und von der WHO geht nicht hervor, ob die Gruppe auch im Central Hospital von Wuhan vorbeischaute, wo die Notfallärztin Ai Fen zur selben Zeit Lungenkranke behandelte (Wie alles begann). Nach Medienberichten war sie es, die ihren Verdacht, dass es sich bei der Krankheit um eine unbekannte Art eines SARS-Virus handeln könnte, mit Kollegen teilte. U.a. mit dem Whistleblower Li Wenliang, der kritisch die Reaktionen des offiziellen Chinas kommentierte, dafür – wie übrigens auch Ai Fen – einen Maulkorb verpasst bekam und der im Februar 2020 an den Folgen einer Coronaerkrankung starb. Über einen We-Chat-Kanal gelangte die Nachricht nach Taiwan und schließlich zur WHO. Die Weltgesundheitsorganisation reagierte jedoch nicht unmittelbar. Einen Tag später informierten die chinesischen Gesundheitsbehörden die Öffentlichkeit und die WHO. Ebenfalls Medienberichten zufolge war es auch Ai Fen, die am 30. Dezember 2019 Gewebeproben von Patienten ins Wuhan Institute of Virology (WIV) schickte. Dort wurde das Virus von Shi Zhengli analysiert und als nicht bekannt und somit als neu taxiert. 

Mit Spannung wurde der Besuch im WIV erwartet, ging es doch darum herauszufinden, ob es irgendwelche Anzeichen eines Laborausbruchs gibt. Das Medieninteresse war groß, die Mitglieder des Forscherteams wurden von zahlreichen Schaulustigen zum Institut eskortiert. Der Zoologe Peter Daszak von der EcoHealth-Allinance, der zur WHO-Gruppe gehört, kennt das Institut schon seit längerem. Er hat schon mehrfach mit der Virologin und sogenannten »batwoman« Shi Zhengli, die die Abteilung der Fledermausforschung leitet, zusammengearbeitet. Die im Institut befindlichen Virenstämme wurden kontrolliert, die Sicherheitsvorkehrungen geprüft und es wurde abgeklärt, ob es im Haus zu Zwischenfällen mit dem neuen Virus gekommen war. 

Zudem wurden noch weitere Labore in Wuhan besucht und es fanden Gespräche mit dem lokalen Center of Desease (CDC) statt. Das Center wurde zu Beginn von verschiedenen Seiten – auch seitens der Regierung (Wuhan-Files) – für die unklare und nicht sehr stringente Reaktion auf den Ausbruch getadelt.   

Schließlich ist dem bekannt gewordenen Huanan-Seafood-Market ein ausgedehnter Besuch abgestattet worden. 

In einer Pressekonferenz wurden der Öffentlichkeit die ersten Erkenntnisse mitgeteilt. Für abschließende Urteile ist es noch zu früh, viele Fragen sind noch zu klären. Und es deuten sich ein paar Richtungen an, in die weiter geforscht werden muss.

Der Leiter der chinesischen Seite des China-WHO Joint Teams und Epidemiologe Liang Wannian sagt, das Virus stamme höchstwahrscheinlich aus einer zoonotischen Übertragung, der Wirt habe aber noch nicht identifiziert werden können. Der Beweis muss erst noch erbracht werden, ob tatsächlich – wie vermutet – Fledermäuse die Träger des Virus' sind. Weitere Untersuchungen sind nötig, um herauszufinden, welcher Zwischenwirt zwischen dem Virusträger und dem Menschen stehen könnte. Ob es sich um Schlangen, Schuppentiere, Katzen oder ein anderes Tier handelt, ist nicht bekannt.

Der Leiter der WHO-Gruppe Peter Ben Embarek sagt zusammenfassend, das gemeinsame Team von China und der WHO habe vier mögliche Wege untersucht, wie das Virus auf den Menschen gekommen sei. Erstens: das Virus sei direkt vom Tier auf den Menschen übergesprungen. Zweitens: das Virus habe sich von einem Tier auf einen Zwischenwirt und dann auf den Menschen übertragen. Drittens: das Virus sei durch die Kühlkette transportiert worden und beispielsweise in Lebensmitteln unter die Menschen gelangt. Und viertens: das Virus sei aus einem Labor ausgebrochen.

Letztere Möglichkeit kann nach dem Besuch des WIV mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden (Laborthese). Was außer ein paar Verschwörungsgläubigen niemanden überrascht.

Alle anderen Ansätze werden weiterverfolgt. 

Der direkte Weg vom Ursprungswirt auf den Menschen dürfte eher unwahrscheinlich sein, kann aber nicht ausgeschlossen werden. Mit dem Tiermediziner Fabian Leendertz sitzt immerhin jener Forscher in der WHO-Gruppe, der 2014 in Guinea jenen Baum identifizierte, auf dem eine Fledermaus saß, beziehungsweise vermutlich hing, die einen Jungen, der sich darunter – genau genommen in der Baumhöhle – befand, direkt mit dem Ebola-Virus infizierte.

Auch der Huanan-Seafood-Market und damit die Übertragung über gekühlte Lebensmittel dürfte eher nicht der Ursprung sein. Es gab höchstwahrscheinlich schon vor den ersten Fällen, die im Umkreis des Marktes auftraten, andernorts Ansteckungen mit dem SARS-CoV-2. Bereits im Mai 2020 wurde eine entsprechende Studie einer Forschergruppe im The Lancet publiziert. Auch Wannian gab zu Protokoll, dass es schon am 8. Dezember 2019 eine Corona-Infektion gegeben habe, beim Betroffenen aber keine Verbindung zum Markt nachgewiesen werden konnte. Ursprünglich hätte die chinesische Seite zwar diese Variante bevorzugt, aber zurzeit ist die Beweislage nicht sehr vorteilhaft für sie. Gleichwohl wurden diverse Proben von Lebensmitteln und anderen möglich Virenträgern geprüft und gesichert. Die Untersuchungen an dieser These werden weitergehen. In den Vordergrund dürfte allerdings die Frage rücken, wie der Markt zu einem Spreadingort geworden ist. SARS-infizierte Tiere, die allenfalls als Zwischenwirte hätten dienen können, können kaum mehr eruiert werden.

So steht wie erwartet und von der Forschergemeinschaft schon mehrfach erwähnt und unterlegt die zoonotische Übertragung im Fokus (Zoonose). Embarek und Wannian scheinen sich diesbezüglich einig zu sein. 

Zudem – und dafür hat sich vor allem die chinesische Seite stark gemacht, die den Ursprung im Ausland orten will – sind sich alle einig, dass die Suche ausgeweitet werden muss. So kündete auch der US-amerikanische Forscher Peter Daszak an, dass er in Kambodscha weitere Feldarbeit in Angriff zu nehmen gedenke.  

Es gibt noch viel zu tun.

 

Nachtrag 15. Februar:

Der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Biden Jake Sullivan zeigt sich in einem Statement (Quelle: Twitter) besorgt darüber, dass die Expertengruppe der WHO auf ihrer Forschungsreise in China nicht zu allen erwünschten Informationen freien Zugang hatte. Sullivan: »Es ist zwingend erforderlich, dass dieser Bericht unabhängig ist und die Ergebnisse der Experten nicht von der chinesischen Regierung beeinflusst oder verändert werden.« Es handelt sich vor allem um die Einsicht in Rohdaten, die die allerersten 174 festgestellten Fälle von Anfang und Mitte Dezember 2019 betreffen. China gewährt lediglich Einblicke in die eigenen Untersuchungen jener Daten. Das verhindert eine unabhängige und genauere Analyse der Anfangszeit der Pandemie. Die Virologin Marion Kundoopmans von der WHO-Gruppe versucht derweil, auf Blutbanken aus der Provinz Wuhan zurückgreifen zu können, um eigene Untersuchungen vorantreiben zu können. 

 

Nachtrag 30. März:

Der Schlussbericht des WHO-China-Joint-Teams ist vorgestellt worden. Er beinhaltet keine wesentlichen neuen Erkenntnisse. Das heißt, die Laborthese wird als höchst unwahrscheinlich eingestuft und der Seafood-Market in Wuhan kommt als Ursprung kaum in Frage. Bleiben die Kühltransport-These und die Zoonose. Da sich die chinesischen Behörden nicht besonders kooperativ zeigten und die Untersuchung von Anfang an unter dem Verdacht stand, eine starke machtpolitische Schlagseite zu haben, ist es wenig überraschend, dass die WHO auch die Kühltransport-These als mögliche Ursache stehen lässt. Auch wenn es kaum Anzeichen gibt, dass diese zutrifft. Für ernst zu nehmende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bleibt die Zoonose der wahrscheinlichste Erklärungsansatz. 14 Länder haben die verkündeten Ergebnisse in Zweifel gezogen. Die Fachkräfte hätten nicht mit der erfoderlichen wissenschaftlichen Freiheit forschen können und es seien ihnen wesentliche Daten und Unterlagen vorenthalten worden. Einerseits: das dürfte stimmen. Anderseits: die Forschungen über die Quellen sind mitnichten beendet. Vielleicht ist es besser, sie nicht unter den Auspizien der WHO weiterlaufen zu lassen.

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