»Seele und Seuche«

Die Pandemie kostet, neben dem Leid, auch Geld – und Nerven. Und sie fordert Geduld, Duldsamkeit und Durchhaltevermögen. Das stehen nicht alle gleich gut durch.

Bei der ersten Welle verspürten viele Menschen vor allem Angst. Dahinter verbarg sich oft eine gehörige Prise Unwissen, Ungewissheit und Unsicherheit darüber, was einem möglicherweise bevorstand. Die medizinischen Kenntnisse über die Krankheit waren noch beschränkt, die möglichen Folgen einer Infektion lagen im Unklaren. Die Politik reagierte mit einer Strategie der größtmöglichen Ansteckungsvermeidung: Runterfahren der Mobilität, damit auch das Virus immobil bleibt. Man wollte Zeit gewinnen, um die Grundlagen einer effizienten Pandemie- und Krankheitsbekämpfung zu schaffen. Das funktionierte einigermaßen gut. Im Sommer hatte man das Ziel der Abflachung der Kurve erreicht. Die dabei gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse diffundierten aber nur unzureichend in der Bevölkerung und in manchen politischen Verhandlungs- und Entscheidungszirkeln. Beispielsweise wurde die Art der Ausbreitung, die Epidmiologen und Virologinnen Perkolation nennen, weitgehend unterschätzt. Das Virus hat sich in dieser Phase fast unbemerkt übers ganze Land verbreitet, ist durchgesickert (lateinisch: percolare). Und dann ist es innerhalb weniger Wochen fast überall ausgebrochen. Die zweite Welle wurde Tatsache. Man hätte es gewusst.

Unterdessen ist diese Kurve auch wieder etwas abgeflacht, aber die dritte Welle beginnt sich langsam aufzutürmen. Man weiß in der Zwischenzeit immerhin etwas besser, wie Krankheitsverläufe aussehen und es gibt gar schon ein paar wenige Arzneien, Medikamente und Methoden, die die Schmerzen lindern und die Entzündungen eindämmen. Aber nach wie vor sind ältere und vorerkrankte Menschen einem beträchtlichen Sterberisiko ausgesetzt. Ebenso jüngere Leute können sich nicht gewiss sein, ob sie nicht eine unentdeckte und unbekannte Schwäche in ihrem Immunsystem haben. Es gab schon manche Überraschungen. Dafür hat die Impfkampagne begonnen, das Tempo ist jedoch noch gemächlich.

So stehen denn die nicht pharmazeutischen Maßnahmen noch immer im Mittelpunkt der Prävention. Und das heißt nach wie vor, dass die sozialen Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden sollen. Das zermürbt immer mehr Menschen. Überdruss macht sich breit. Man reagiert ungewohnt unwirsch, ist stets schnell auf der Palme. Man will sich wieder mit Freunden treffen, Geburtstage feiern, kulturelle Veranstaltungen besuchen, Mannschaftssport betreiben, eine Restaurantrunde organisieren. Öffentliche aber zunehmend auch private Diskussionen verlaufen häufig gereizt, gehässig, die Nerven liegen blank. Das bereits seit längerem feststellbare Auseinanderdriften des Wahrnehmungs- und Wertehorizonts verschiedener Bevölkerungsgruppen hat sich akzentuiert. Die Exekutiv-Politiker sind zum Sündenbock geworden, die Legislativ-Politiker schlagen empört um sich. Und die Wissenschaftler verderben einem immerzu die Laune, wo sich eine gute solche gerade geregt haben mag. Aber sie haben fast immer recht. Wer sagt, wir müssen durchhalten, dem wird entgegengeschleudert, der Preis dafür sei zu hoch, die seelischen Langzeitschäden zu grauenvoll, wir wollten wieder Normalität. Welche Normalität gemeint ist, bleibt meist unerwähnt. Aber stimmt denn die Rede von den seelischen Schäden auch? Die Virenlast können wir messen, aber die Seelenlast?

Werner Bertens hat sich für die SZ bei den Stellen, die sich um die versehrten Seelen kümmern, herumgehört. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde Thomas Pollmächer sagt: »Bei genauer Betrachtung der Daten können wir bisher nicht von einer generellen Zunahme psychischer Erkrankungen während der Pandemie sprechen.« Der Anstieg der Nachfrage nach psychologischen Behandlungen bewege sich im Rahmen dessen, wie er schon seit längerem zu beobachten sei. Die Menschen würden heutzutage schneller nach Hilfe suchen, das war schon vor der Pandemie so. Das negative Stigma, psychische Leiden behandeln zu lassen, habe abgenommen.

Deutlich zugenommen haben allerdings die Krankschreibungen mit psychiatrischer Diagnose. Die Ausfalltage haben Höchststände erreicht. Dazu Pollmächer: »Aber auch mehr Krankschreibungen aus psychischen Gründen sagen wenig über die tatsächliche Häufigkeit der Erkrankungen aus.«

Das Team um Cornelia Betsch an der Universität Erfurt erhebt alle zwei Wochen die Stimmungslage in Deutschland. Die Risikowahrnehmung ist zwar gesunken (u.a. wegen der nahenden Impfung), die Angst vor dem Coronavirus bleibt aber gleichmäßig hoch.

Über die psychische Belastung ist damit noch nicht viel gesagt. Es ist schwierig zu unterscheiden, ob jemand chronisch schlechte Laune hat oder mit den Nerven tatsächlich am Ende ist und auf dem Zahnfleisch läuft. Martin Härter vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf meint, dass die Zunahme psychischer Belastungen nicht gleichbedeutend mit der Diagnose einer psychischen Störung sei. »Wir beobachten aber erhöhte Ängstlichkeit, Krankheitsbefürchtungen und mehr somatoforme Beschwerden.«

Manche Apologeten prophezeiten eine massive Zunahme psychischer Störungen wegen Stress, sozialer Isolation und Armut. Diese Horrorszenarien seien aber nicht eingetroffen. Was aber nicht heißt, dass vor allem bei Vorerkrankten vermehrt »Depressivität, Ängstlichkeit, Wut, Stress, Schlaflosigkeit, Sorgen und Einsamkeit beobachtet« wird, sagt Andreas Heinz von der Berliner Charité. Solche Befunde haben tatsächlich zugenommen. Fast jede erdenkliche negative Beeinträchtigung der Befindlichkeit wurde festgestellt. Eine beeinträchtigte Befindlichkeit ist aber noch keine psychische Erkrankung. Im Gegensatz zu schweren psychischen Leiden wie Depressionen.

Pollmächer präzisiert, dass zwischen Depressivität und Depression unterschieden werden muss. Depressivität sei eine singuläre, »normale« Stimmungsverdunklung; Depression jedoch sei eine heftige psychische und physische Reaktion auf verschiedenen Ebenen und müsse als Krankheit angesehen werden. Solche Reaktionen haben zugenommen. Meist waren die davon betroffenen Menschen schon vor der Pandemie von dieser Krankheit betroffen. »Depression bedeutet nicht nur Verstimmung, sondern entscheidend ist auch Affektstarre, das heißt, die Unfähigkeit, sich zu freuen, und eine Antriebsstörung, das alles kann bei sozialer Isolation gegeben sein«, sagt Heinz. Zudem gibt es nach einer Covid-Erkrankung mehr psychische Leiden als nach einer saisonalen Grippe. Das Suchtverhalten nehme ebenfalls zu. Also kann alles in allem gleichwohl eine Zunahme verschiedener seelischer Leiden festgestellt werden, aber der befürchtete Tsunami ist ausgeblieben.

Über die Suizidrate kann noch kein schlüssiges Urteil gefällt werden. Die Entscheidung, sich etwas anzutun, was auch letale Folgen haben kann, hat nicht nur psychische Gründe, sondern lässt sich auch auf wirtschaftliche Not zurückführen. Die Suizidrate dürfte aber, so Pollmächer, steigen.

Wer stärker von der Pandemie betroffen ist, sei es beispielsweise beruflich, erfährt die seelische Belastung stärker. Die Bankfachfrau im Homeoffice fühlt sich besser als der Angestellte an der Supermarktkasse. Besonders psychisch Vorerkrankte sind verletzlich, hätten aber die erste Welle gut gemeistert. Die Behandlungen haben aber schlecht funktioniert, da wegen der allgemeinen klinischen Notmaßnahmen weniger Leute aufgenommen werden konnten. Das hat zu einer Zunahme der Nachfrage nach der ersten Welle geführt. Ohnehin war die Betreuung während der Krise lascher. Es konnte nicht kontrolliert werden, ob wirklich jede verschriebene Tablette auch geschluckt worden war. Pollmächer warnt aber auch davor, dass die zweite (und eine dritte) Welle auch von der »gesunden« Bevölkerung nicht mehr so gut verkraftet wird. Durchhalteparolen helfen wenig, wenn die Existenz bedroht ist. Der Lebensmut schwindet. Der Alltag nimmt an Gewicht, das unangenehm nach unten drückt, zu.

Problematisch wird es vor allem für Kinder und Jugendliche. Gerade wenn jene Phasen, in denen sie wichtige Entwicklungsschritte machen sollten, in den Lockdown fallen. Die Treffen mit der Peergruppe sind nur eingeschränkt möglich, das Elternhaus kann keinen Ersatz bieten, da es ja gerade darum geht, sich davon loszueisen. Eine Studie an der Universität Hamburg kommt zum Schluss, dass fast jedes dritte Kind psychische Auffälligkeiten zeigt. Auch Gerd Schulte-Körne vom Klinikum der Universität München spricht von einer Zunahme von psychischen Belastungen und Erkrankungen, sie schwanke zwischen zehn und zwanzig Prozent und komme vor allem bei Jugendlichen vor. Besonders Essstörungen, die lebensbedrohlich werden können, seien zu beobachten. Diese Gefahren dürfen nicht kleingeredet werden, sagt Schulte-Körner, betreffen sie doch auch die Langzeitperspektive: »Die Folgen für die Lebensentwicklung können groß sein.«

Ein schweres Los haben die Behinderten gezogen. Neben der schon alltäglichen Stigmatisierung in nicht pandemischen Zeiten, komme jetzt noch eine zusätzliche hinzu, beispielsweise weil Speichel als infektiös wahrgenommen wird, geht man noch deutlicher auf Distanz. Ohnehin ist das Distanzwahren im Umgang mit behinderten Menschen schlecht möglich. Der Entwicklungsexperte Florian Heinen vom Haunerschen Kinderspital der Universität München sagt, dass das Versorgungspuzzle auseinanderfällt: »Sie bekommen weniger Physiotherapie, weniger Ergotherapie, weniger Logotherapie, die Mundhygiene leidet – weil von den vielen helfenden Händen oft zu wenige übrig bleiben.« Zudem ist die Kraft der Therapeuten am Schwinden.

Die Beurteilung der Pandemie beschränkt sich nicht auf Spike-Proteine, mRNA-Impfstoffe, Inzidenz und R-Werte. Auch in kritischen Zeiten wird unsere Befindlichkeit von den Lebensverhältnissen, von Vorerkrankungen, von der Bildung, von politischen Entscheidungen und vom Einkommen bestimmt. Pollmächer schließt mit der Bemerkung, dass wir in der »Pandemie mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Selbstbestimmtheit des Einzelnen und seiner Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl« konfrontiert werden. Vor allem mit den besonders Gebeutelten müsse die Gesellschaft besonders solidarisch sein.

 

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