Zahlen und Willkür. Was wollen uns die Zahlen sagen sollen?

Seit Beginn der Pandemie ist eines der umstrittensten Gebiete das Feld der Zahlen. Ausgerechnet Zahlen, mag man denken, die doch eigentlich als eindeutiger gelten als Worte. Aber auch die Mathematik ist ein weites Feld. Zum Beispiel nur schon bei der Frage »Wer zählt wie?« gehen die Meinungen auseinander, öffnen sich zuweilen tiefe Abgründe. Oder: Wie zählt man die Übersterblichkeit? Wie wird der R-Wert berechnet? Wie eine epidemiologische Entwicklung? Wie breitet sich eine neue Mutante aus? Exponentielle Entwicklung? Wie flacht man eine Kurve ab? Aber auch: Wie viel kostet die Pandemie? Wie berechne ich ein Menschenleben?

Zahllose Fachdisziplinen, die sich mit dem Coronavirus befassen, gründen auf Berechnungen und Mathematik. Zahllose Expertinnen und Experten beglücken oder verärgern das Publikum mit ihren Kalkulationen. Und wer schon ein Publikum hat, der will dieses auch mit der eigenen Kunst der Zahlenjongliererei betören. Die Nachfrage der Politiker, Lobbyistinnen, Branchenvertreter, Journalistinnen etc. nach vermeintlich harten Fakten, die sich in Zahlen abbilden lassen, ist groß. Das Angebot auch. Meist wählt man jene Offerte, die am besten zur eigenen Überzeugung passt. Und da nicht alle, der hier Schreibende miteingeschlossen, eine besondere Befähigung zur Mathematik mitbringen, stützt man sich auf jene Stimmen, die einem am überzeugendsten einen mathematischen Sachverhalt auseinandersetzen. So konnte doch schon die eine oder andere wissenschaftliche Aussage geprüft oder zumindest angezweifelt oder gutgeheißen werden.

Im Januar 2021 hat der NZZ-Journalist Fabian Schäfer gleich zwei Artikel über fragwürdige mathematische Herleitungen verfasst. Im Text vom 21. Januar über die Übersterblichkeit nimmt er eine Aussage von Pietro Vernazza unter die Lupe. Der St.-Galler Infektiologe sagte auf medinside.ch, dass bei den über 65-Jährigen nur die nackten Todeszahlen herangezogen würden und nicht berücksichtigt würde, dass die Population dieser Altersgruppe in den letzten Jahren gestiegen sei. Das führe zu einer Verzerrung. Die Mortalität, so Vernazza, war 2013 und 2015 höher als 2020. Er glaube nicht an eine Übersterblichkeit im Coronajahr 2020, denn »das ist das, was die Zahlen sagen.« Eine solche Aussage ist Wasser auf die Mühlen der Kritikerinnen und Gegner von harten Maßnahmen.

Dass die Zählung von Todesfällen tatsächlich problematisch ist, vor allem auch, wenn damit Länder miteinander verglichen werden sollen, ist allgemein anerkannt und breit diskutiert worden. Statistiker haben vorgeschlagen, hierfür die Gesamtheit der Todesfälle als Grundlage zu nehmen und diese auf eine Pro-Kopf-Berechnung herunter zu brechen. Laut dem Bundesamt für Statistik (BfS) sind 2020 insgesamt 75'000 Personen gestorben. Die Sterberate pro 1000 Einwohner beträgt zirka 8,6. Bezogen auf die letzten 16 Jahre war dieser Wert 2020 zwischen 5 und 11 Prozent höher, einzig der Hitzesommer 2003 ist mit dem Coronajahr vergleichbar. Für die Altersgruppe der über 65-Jährigen, die Vernazza in den Blick nimmt, sehen die Zahlen nicht fundamental anders aus. In den letzten dreizehn Jahren bewegten sie sich zwischen 1 und 11 Prozent tiefer. Die Sterblichkeit 2020 ist also höher, aber nicht massiv. Der Journalist fragt bei den Berufsstatistikern nach, warum das so sei. Es gibt einerseits rein mathematische Antworten und andererseits zwei weitere bedenkenswerte Aspekte, die sich direkt auf die politischen Entscheidungsprozesse auswirken.

 So sagt das Amt einerseits: Ein heute 70-Jähriger ist beutend fitter als ein 70-Jähriger vor zehn Jahren und er lebt gesünder. Die Lebensbedingungen und die medizinische Versorgung haben sich verbessert. Für 2020 geht man davon aus, dass ein großer Teil der über 65-Jährige markant älter wird als noch vor fünf oder zehn Jahren. Etwas lapidar ausgedrückt: früher starb man durchschnittlich jünger. Die reine Sterblichkeit – die höheren nackten Zahlen bei älteren Menschen, die Vernazza erwähnt – kann dabei logischerweise ähnliche, gar höhere Werte aufweisen, es erreichen ja mehr Menschen auch ein höheres Alter. Aber es geht ja nicht nur um einen Vergleich der nackten Zahlen, man will herausfinden, ob sich im Verhältnis zwischen den Sterbefällen bezüglich Alter und der erwarteten Lebenszeit etwas verändert hat. Deshalb wird die Übersterblichkeit herangezogen. Zuerst muss ermittelt werden, wie viele Todesfälle zu erwarten sind, diese werden dann den tatsächlichen gegenübergestellt. Die Differenz davon ergibt die Übersterblichkeit. Alle demographischen Verschiebungen und die lebensverlängernden medizinischen Fortschritte werden bei dieser Berechnung fortlaufend einkalkuliert. Eine der wichtigsten Stellgröße ist die stets sich erhöhende Lebenserwartung. Diese demografische Erkenntnis ist weder spektakulär noch neu. Anhand von ausgeklügelten mathematischen Methoden und angepasst an die verbesserten Lebensbedingungen wird Jahr für Jahr diese Übersterblichkeit berechnet (die entsprechende Methode wurde international eingeführt). Die nackten Todeszahlen können durchaus ähnlich sein, die Übersterblichkeit kann jedoch stärker differieren. 2020 gab es laut BfS eine solche von 10,9 Prozent, was 7300 Todesopfern entspricht, im Hitzesommer 2003 war sie 2,9 Prozent.

Andererseits sagt das Amt, und hier wird es für die politischen Entscheidungsträgerinnen und Pandemiebeobachter relevant: Die zeitliche Verteilung übers Jahr hinweg wird vom BfS genau festgehalten. Während der zweiten Welle ab Mitte Oktober war die Übersterblichkeit bedeutend größer als vorher. Das ist wichtig für die Exekutive, wenn es darum geht, die Spitalkapazitäten nicht zu überstrapazieren. Es mag sein, dass von den Zahlen her übers ganze Jahr gesehen keine Überbelegung in den Intensivabteilungen zu verzeichnen war, aber innerhalb jener drei kritischen Monate ging man bis an die Grenze und regional darüber hinaus (hier geht es ja nicht nur um die reine Bettenkapazität, es braucht auch das einsatzbereite Personal dazu).

Schließlich weist das Amt noch auf das Präventionsparadox hin. Diese Wahrnehmungsstörung vernebelt den nüchternen Blick auf die Zahlen, offenbar auch auf jene, die das BfS veröffentlicht. Je besser man durch eine Pandemie kommt, desto größer ist die Versuchung, hinterher zu sagen, die Maßnahmen seien überzogen gewesen. Es waren aber ebengerade die Maßnahmen, die das gute Ergebnis bewirkt haben. Besser als Hazel Brugger (auf Twitter) kann man es nicht sagen: »Den Lockdown beenden wollen, weil er funktioniert, ist genauso, wie keine Kondome mehr zu benutzen, weil das Verhüten mit Kondom bis jetzt ja jedes Mal geklappt hat.« Das ist ein Problem des logischen Denkens und bedarf keines Kommentars.

Das Bundesamt schreibt abschließend: »Das BfS versucht, bei der Publikation von Zahlen möglichst neutral zu sein. Wie eine Sache bewertet wird, unterliegt dem gesellschaftlichen Diskurs.« 2020 war die Übersterblichkeit mit 8,6 so groß nie wie seit 1974, als man begann, vergleichbare Werte zu ermitteln. »Das ist das, was die Zahlen sagen.«

Das Bundesamt für Statistik hat berechnet, dass die Übersterblichkeit für 2020, wie bereits erwähnt, insgesamt 7300 Todesfälle beträgt. Diese Zahl wird von einem anderen Kritiker, dem Gesundheitsökonomen Konstantin Beck, in Zweifel gezogen, schreibt Fabian Schäfer am 28. Januar. Auch Beck wird von jenen Kreisen, die die Maßnahmen als unverhältnismäßig erachten und die Gefahren, die vom Virus ausgehen, kleinreden, rege zitiert. Konstantin Beck hat auch schon Ende 2020 mit dem ehemaligen Spitaldirektor Werner Widmer ein Buch veröffentlicht, in dem die bundesrätliche Politik der Eindämmung als übertrieben beurteilt wird und in dem behauptet wird, dass viele an Covid-19 Verstorbene wenig später ohnehin gestorben wären.

Nun hat Beck ein Video veröffentlicht, in dem er mit viel statistischem Aufwand und Material belegen will, dass die Übersterblichkeit 2020 nur 2800 Todesfälle beträgt. Das BfS hat also laut Beck falsch gerechnet. Bemerkenswert ist, dass Beck sich auf die Zahlen des BfS bezieht, er kommt einfach auf andere Ergebnisse. Ein klassischer Fall für Methodenkritik. Das BfS teilt mit, dass Beck nicht direkt bei ihm nachgefragt und es keinerlei Kontakt gegeben habe. Es bezeichnet auf Anfrage von Fabian Schäfer den Umgang Becks mit ihrem Zahlenmaterial als »nicht adäquat«. Das BfS rechnet seit 2004 mit derselben, international angewandten, komplexen Methode (siehe oben). Beck sagt nun, er habe die ganze Sache vereinfacht. Er fasst mehrere Jahre zusammen, um einen Durchschnittswert zu erhalten. Beck berücksichtigt nicht, ob es in diesen Jahren einen Ausreisser in die eine oder andere Richtung gegeben hat, der zu Verzerrungen führen könnte. Das Raster ist weitmaschiger, darunter leidet die Genauigkeit. Zudem werden bei Beck die Altersgruppen gröber zusammengefasst. Betrachtet man die Resultate von 2010 bis 2019, so sind die Zahlen des BfS präziser, das heißt, die erwarteten Todeszahlen liegen näher an den effektiv gezählten. Becks berechnet in den ersten Jahren bis 2016 eine Übersterblichkeit, gefolgt von Jahren der Untersterblichkeit. Beide Befunde konnte das BfS nicht bestätigen. Becks Methode erinnert etwas an das Gerrymandering in den USA. Dort kann die herrschende Partei eines Bundesstaates die Grenzen der Wahlkreise so ziehen, dass sie bei der Auszählung überproportional bevorteilt wird, sie also ein günstiges Wahlergebnis erzielt. Vermutlich unterschätzt Becks Modell die Auswirkungen der steigenden Lebenserwartung und der verbesserten Lebensbedingungen für die älteren Menschen, daher resultiert eine Untersterblichkeit in den letzten drei Jahren. Beck sagt, er vertraue eher den einfachen als den komplizierten Modellen.

Im Weiteren will Beck die Todesursachen untersuchen, um die »Opfer der Maßnahmen« bestimmen zu können. Hierzu nimmt er die Todesfälle aus der gesamten Übersterblichkeit und subtrahiert davon die Covid-19-Opfer. Der Wert der Differenz beziffert laut Beck jene, die an den Maßnahmen gestorben sind: Isolation, wirtschaftliche Sorgen, psychischer Stress, fehlende medizinische Versorgung. Nun kommt ihm aber seine eigene Berechnung der Übersterblichkeit von vorhin dazwischen. Subtrahiert man die Zahl der Covid-19-Opfer von den 2800 Todesopfern, die er errechnet hat, bleibt nichts übrig. Problem erkannt und gehandelt, kann man nur sagen, denn Beck greift nun für die zweite Rechnung doch auf die Übersterblichkeits-Zahlen des BfS zurück. Und siehe da, es tauchen 1500 Todesopfer auf, die sich nicht durch Covid-19 erklären lassen. Das sind dann also die Opfer der staatlichen Einschränkungen.

Darauf hingewiesen, dass er die Berechnungsbasis willkürlich gewechselt hat, sagt Beck, diesen Fehler habe er erst im Nachhinein bemerkt. Er wolle das in einem weiteren Video berichtigen. Den Coronaskeptikern dürfte das aber wurscht sein. Sie haben die Beweise für ihre Sicht der Dinge, Korrekturen sind unerwünscht. »Das ändert nichts daran, dass sein Film und seine Berechnungen für bare Münzen genommen werden: als wissenschaftlicher Beweis, dass Corona nicht schlimm ist – und der Lockdown aber viel schlimmer«, urteilt Fabian Schäfer.

In einer Sache aber hat Konstantin Beck durchaus recht: Wegen der Einschränkungen kommt es auch, beziehungsweise zusätzlich zu gesundheitlichen Problemen, zu suboptimalen Betreuungssituationen, mitunter zu Todesfällen (beispielsweise, wenn gewisse Therapien oder Operationen nicht mehr durchgeführt werden). Aber das wissen wir schon.

Dass die Therapie teurer zu stehen kommt als die Krankheit, ist ein beliebtes Motiv der Kritiker von griffigen Maßnahmen. Gerne wird auf den Freiburger (D) Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen verwiesen, wie die taz am 18. Dezember 2020 berichtet. Raffelhüschen geht von den verlorenen Lebensjahren aus und versucht diese mit einem Geldwert zu versehen (Neues zum Zahlensalat). Das ist ein verbreiteter und ein an und für sich vernünftiger Ansatz. Allerdings weichen seine Berechnungen stark von jenen anderer Ökonominnen und Ökonomen ab, denn er koppelt die steigende Lebenserwartung direkt an die steigende Wirtschaftskraft. Eine starke Wirtschaft, so die Logik, beschleunigt den medizinischen und technischen Fortschritt. Dieser Fortschritt ermöglicht es vielen Menschen, älter zu werden. Wenn er die beiden Größen miteinander verrechnet, so verlängerte sich seit den 1950-er-Jahren ein Menschenleben mit jedem Prozent Wirtschaftswachstum um durchschnittlich 27 bis 35 Tage. Umgekehrt wäre ein Schrumpfen der Wirtschaft mit einem Verlust an Lebenszeit verbunden.

Raffelhüschen stützt sich bei seinen Coronaberechnungen auf die Schätzungen der Bundesregierung, die von einem Wirtschaftseinbruch von 6,3 Prozent ausgeht. Verrechnet man diesen Rückgang gemäß seiner Methode, so verliert Deutschland wegen der Coronakrise und der darauffolgenden Rezession insgesamt 37 Millionen Lebensjahre. Dem gegenüber stehen mit dem Lockdown und den Kontaktbeschränkungen, so Raffelhüschen, 60'000 gerettete Leben. Multipliziert mit der durchschnittlichen Lebenserwartung, die die Opfer noch gehabt hätten, ergibt das ungefähr 557'000 Lebensjahre. Es stehen demnach 37'000'000 gegen 557'000 Lebensjahre »… (W)ir haben viel mehr Lebensjahre verloren durch das Unterbrechen der Wertschöpfungsketten, die den technischen Fortschritt begründen. Denn ohne technischen Fortschritt gibt es auch keinen medizinisch-technischen Fortschritt.« Und ohne den medizinisch-technischen Fortschritt stagniert die Lebenserwartung oder sinkt sogar wieder. Der Fall scheint klar zu sein.

Die Pointe von Raffelhüschens Argumentation ist seine Annahme, dass der Wirtschaftseinbruch ohne harten Lockdown und trotz Pandemie viel milder ausgefallen, beziehungsweise fast ganz ausgeblieben wäre. Wenn ein international koordiniertes Vorgehen nach dem Schweden-Modell umgesetzt worden wäre, hätte es vielleicht klappen können, sagt Raffelhüschen: »Wenn alle Länder weltweit abgestimmt gehandelt hätten, wäre ein sehr moderater Lockdown möglicherweise ausreichend gewesen.« Aber so sind – mir nichts dir nichts – 37 Millionen Lebensjahre geopfert worden, nur um einen »Bruchteil von Lebensjahren zu retten«.

In den Wirtschaftswissenschaften sind Raffelüschens Berechnungen nicht oder gemischt bis kritisch aufgenommen worden.

Erstens gibt es viele Beispiele, in denen der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Zunahme von Lebensjahren nicht gegeben ist, und zwar in beide Richtungen: Die Lebenserwartung in den USA stagniert, obwohl die Wirtschaft bis 2019 stetig gewachsen ist; auch die deutsche Bevölkerung müsste gemessen am BIP älter sein, als sie wirklich ist; in Portugal und Chile ist die Lebenserwartung trotz schwacher Konjunktur hoch. Die WHO konnte 2018 in einer Überblicksstudie ebenfalls keine Korrelation nachweisen. Gute Arbeitsbedingungen, ein funktionierendes Gesundheitssystem, die allgemeine körperliche und psychische Gesundheit der Menschen, soziale Geborgenheit und die Ernährung spielen eine ebenso wichtige Rolle für die Lebenserwartung.

Zweitens ist die Annahme äußerst gewagt, dass es ohne harten Lockdown nur einen minimalen Wirtschaftseinbruch gegeben hätte. Diese These konnte bis jetzt nicht belegt werden. Ob es, wie Raffelhüschen andeutet, mit einer international koordinierten Reaktion nach dem Schweden-Modell besser herausgekommen wäre, ist möglich, aber bleibt sehr ungewiss. Zudem sind die Infektionszahlen in Schweden mit Verzögerung überdurchschnittlich stark angestiegen und bewegen sich, bezogen aufs europäische Umfeld, im oberen Bereich. Und Raffelhüschens Wunsch nach einer global einheitlichen Coronapolitik dürfte, nach den betrüblichen Erfahrungen nur schon in Europa, nicht in Erfüllung gehen.

Zudem fehlen Angaben, welche menschlichen und wirtschaftlichen Schäden der wahrscheinliche Kollaps des Gesundheitssystems verursacht hätte, hätte man keine Maßnahmen ergriffen. Des Weiteren, so die taz, besagen historische Beispiele aus der Zeit der Spanischen Grippe, dass Städte mit harten Maßnahmen letztlich besser durch die Krise gekommen sind. Erste Berechnungen verschiedener Institute deuten für die Zeit der Corona-Pandemie auf ähnliches hin.

Drittens dürfte die deutsche Wirtschaft laut Schätzungen des ifo 2021 (plus 4,2 Prozent) und 2022 (plus 2,5 Prozent) wieder wachsen, der Freiburger Professor kann sich also zurücklehnen. Die verlorenen Lebensjahre tauchen dank Wirtschaftsaufschwung wieder auf. Bis 2022 wären es mit Raffelhüschens Rechnung, die die taz angestellt hat, ein Plus von 35,1 Tagen, die wir länger leben. Problem gelöst. Sein Modell scheint zu einfach gestrickt zu sein, um beispielsweise auch nicht-wirtschaftliche Aspekte, die den Gang der Wirtschaft beeinflussen, zu berücksichtigen. Er selbst sagt, dass die Wirtschaft wahrscheinlich nur langsam wieder Tritt fassen wird. Die Leute würden sich vermutlich anders verhalten, anders einkaufen, anders in den Urlaub fahren, anders miteinander umgehen. Mit diesem Hinweis auf strukturelle Veränderung mag er recht haben, aber mit seinem Modell kann er diese Unwägbarkeiten nicht erklären.

Viertens könnte man, sobald sich die verlorenen Lebensjahre wegen der wirtschaftlichen Erholung in Luft aufgelöst haben werden, die Gegenrechnung anstellen, indem man die erwarteten Lebensjahre, die die wirklich Gestorbenen verloren haben, beziffert. Deutschland hat bis März 2021 ungefähr 74'000 Coronaopfer zu beklagen. Jedes Opfer hätte durchschnittlich noch 6 Jahre zu leben gehabt. Das BIP pro Kopf in Deutschland beträgt 44'000 CHF. Gemäss des Gesundheitsökonomen Michael Schlander (Neues zum Zahlensalat) kann man das mit 5,1 multiplizieren, um den Wert eines Lebensjahres zu erhalten. Der wirtschaftliche Verlust beträgt demnach fast 100 Mia. CHF. Wie sähe dieser Betrag aus, wenn man nur sanft eingegriffen hätte?

Bei Konstantin Beck und Bernd Raffelhüschen handelt es sich um Experten, die in internationalen und ökonomischen Kreisen relativ wenig Widerhall gefunden haben.

Anders und ungleich delikater liegen die Dinge bei John Ioannidis. Beim Epidemiologen Ioannidis handelt es sich um einen allseits anerkannten Wissenschaftler, der an der Stanford University lehrt. Ioannidis ist ein von Fachkolleginnen und -kollegen viel zitierter Forscher, was seine Bedeutung unterstreicht. Für die WHO berechnete er in einer Meta-Studie, die 61 Untersuchungen umfasst, den globalen Schnitt jener nachgewiesenen Infizierten, die an Corona gestorben sind (infection fatality rate, IFR). Laut seiner Zusammenfassung (auf einem METRICStanford-Tweet) kommt er auf einen IFR von durchschnittlich 0,23 Prozent und einen Median von 0,27 Prozent. Er stellte unterschiedliche Ausprägungen in den verschiedenen Weltregionen fest, so erreichte der IFR in den besonders betroffenen Gebieten (mehr als 500 Opfer auf eine Million Einwohner) 0,57 Prozent. Die Studie wurde am 14. Oktober publiziert und schließt Daten bis am 9. September ein. Die zweite Welle dürfte nur unzureichend abgebildet sein.

Am 26. März 2021 hat Ioannidis nachgelegt. In einer weiteren Evaluation, in der er sechs weltweit angelegte Studien (bis 14. Januar 2021) ausgewertet hat, kommt er zum Schluss, dass SARS-CoV2 sehr verbreitet ist. Aber das Virus »hat eine geringere durchschnittliche IFR als ursprünglich befürchtet, und eine erhebliche globale und lokale Heterogenität.« Die Sterberate in Regionen mit besondsers vielen Infektionen sei zuweilen eher tiefer (als Beispiel nennt er Andorra), das gelte aber auch für Länder, in denen die Ansteckungen auf niedrigem Niveau verharrten (Färöer-Inseln, Zypern, Island, Finnland). Ebenso trifft diese Beobachtung auch für Länder mit eher jüngerer Bevölkerung zu, was nicht sonderlich überrascht. Im Weiteren stellt er fest, dass in der ersten Welle die IFR etwas höher gewesen sei. Zudem konstatiert er, dass es auch innerhalb der Länder große Unterschiede gebe. Ioannidis hat für die ganze Welt folgendes berechnet: »Durch Extrapolation kann man vorsichtig ~1,5-2,0 Milliarden Infektionen bis zum 21. Februar 2021 schätzen (verglichen mit 112 Millionen dokumentierten Fällen). Dies entspricht einer globalen IFR von ~0,15%.« (Quelle: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/eci.13554) Ioannidis Untersuchung wurde kritisch aufgenommen. Der angesehene Epidemiologe Adam Kucharski von der London School of Hygiene & Tropical Medicine etwa bemängelt den Verzögerungseffekt, den Ioannidis nicht berücksichtige oder dass er eine IFR festlege, die weltweit gelte, obwohl er selbst von großen regionalen Unterschieden spreche. Zudem weist Ioannidis selbst darauf hin, dass die Qualität der Datenerhebung sehr unterschiedlich ist.

Für Pandemie-Skeptiker sind diese Ergebnisse – der Unterschied zwischen 0,1 und 0,23 bzw. 0,15 ist doch eine Petitesse – der Beweis, dass es sich bei Corona um eine grippeähnliche Erkrankung handelt. Ioannidis betont gegenüber der taz, dass die Pandemie ein ernsthaftes Problem sei. Er widerspricht denn auch den verharmlosenden Interpretationen, ein Vergleich mit der Grippe sei nicht statthaft. Die Bedingungen seien komplett verschieden. Bei der Grippe seien weltweit betrachtet vor allem junge Menschen in armen Ländern betroffen, es werde viel weniger getestet und die Menschen in den reichen Ländern könnten sich leichter impfen lassen. Bei Corona stürben mehrheitlich ältere Menschen und eine Impfung entfalte ihre Wirkung erst mit der Zeit. So sei der Wert von 0,1 Prozent der Grippeopfer nicht vergleichbar mit den 0,23 Prozent der Coronatoten. Zudem gibt es noch sehr viele Unbekannten, so Ioannidis. Er landet in seinen Untersuchungen hinsichtlich der infection fatality rate (IFR) der Grippe wie gesehen bei plus/minus 0,1 Prozent, verglichen mit anderen Berechnungen ist dieser Wert im oberen Bereich anzusiedeln (das CDC kommt auf 0.05 Prozent), bei der IFR für Covid findet er sich stets im unteren Bereich (verschiedene Untersuchungen kommen für die westlichen Länder auf einen IFR von mindestens 0,6 Prozent).

In mehreren kleineren Studien zur Sterblichkeit hat Ioannidis seine These zu untermauern versucht. Die zur Verfügung stehende Datenbasis ist allerdings dünn. Er rechnete beispielsweise die berühmt gewordene Heinsberg-Studie nach und kommt dort auf einen IFR von 0,36 Prozent. Allerdings sind zahlreiche Patienten erst nach Abschluss der Erhebungen gestorben und fanden nicht Eingang in die Berechnungen. In einer zweiten Studie aus Marburg, die er zur Bestätigung seiner tiefen IFR-These heranzieht, wurden Hoechst-Mitarbeiter untersucht. Die dortigen Forscherinnen berechneten jedoch keinen IFR, weil die Fallzahl zu klein war. Ioannidis stört das nicht. Aufgrund von 2000 Fällen mit 7 Todesopfern rechnet er selbst einen Wert für ganz Deutschland hoch (Quelle: taz). Hierfür wurde er in breiten Fachkreisen kritisiert.

In einer weiteren Studie vergleicht er Länder, die mit sanften Maßnahmen der Pandemie begegneten, etwa Schweden oder Südkorea, mit Ländern, die härter einschränkten (Deutschland, Italien, Vereinigtes Königreich u.a.). Die Zahlen für Schweden wurden von Ioannidis bis Anfang April berücksichtigt. Bekanntlich begann die erste Welle in Schweden erst Mitte April stark anzusteigen. Zu Südkorea ist zu sagen, dass tatsächlich einzelne Maßnahmen schwächer sind, andere jedoch nicht. Beispielsweise wird das Contact Tracing viel konsequenter – und erfolgreicher – umgesetzt. Wird ein Cluster entdeckt, werden die Maßnahmen für kurze Zeit markant verschärft (Circuit Breaker). Zudem beziehen sich Ioannidis Befunde nur auf Resultate der ersten Welle. Wie aussagekräftig solche Berechnungen für die zweite Welle sind, bleibt auch in Fachkreisen umstritten. In manchen Ländern, wie beispielsweise in der Schweiz, gab es im Herbst/Winter 2020/21 einen sogenannten »Lockdown light«. Die Erfahrungen mit den damit verbundenen weichen Maßnahmen waren bedenklich.

Allgemein berücksichtige Ioannidis den Verzögerungseffekt von getroffenen Einschränkungen zu wenig, sagt der Ökonom Andreas Backhaus von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Auch wenn die Politik Eindämmungen beschlossen habe, dauere es eine Weile, bis diese wirkten. Das könne zu falschen Kausalitäten führen. In einer Untersuchung der Universität Edinburgh wurden die Lockdown-Maßnahmen während der ersten Welle in 130 Ländern analysiert. Besonders wirksam waren das Verbot öffentlicher Veranstaltungen und die Kontakteinschränkung. Sobald sich wieder mehr als zehn Leute treffen durften und die Schulen wieder geöffnet wurden, begannen die Infektionszahlen wieder zu steigen. Doch vieles weiß man noch nicht. So stellt der Statistiker Helmut Küchenhoff von der Ludwig-Maximilians-Universität in München fest, es sei schwierig zu beurteilen, inwiefern harte Maßnahmen während der ersten Welle wirklich wirksam gewesen seien. Die Infektionskurve hat vor dem Inkrafttreten der Einschränkungen begonnen, flacher zu werden. Ebenfalls der R-Wert. Es ist zu vermuten, dass viele Menschen schon vorher freiwillig das Verhalten angepasst haben, sich weniger bewegten, öffentliche Orte mieden, weniger Leute trafen, zuhause arbeiteten.

 

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Diese Werte beziehen sich auf eine Lockdown-Länge von etwas mehr als drei Monaten.

Die Daten wurden hier entnommen: https://www.versicherungsbote.de/id/4894410/chapter/1/Raffelhueschen-Corona-Lockdown/

Raffelhüschens Aussagen wurden von verschiedenen Medien (u.a.: Bild, Die Welt, taz) aufgenommen. Die dort wiedergegebenen Zahlen differieren stark, da die Länge der Lockdowns bei den Berechnungen ins Gewicht fallen. Zuerst ging Raffelhüschen von 3,8 Mio., später dann von 30 Mio. und schließlich von 37 Mio. verlorenen Lebensjahren aus.

https://www.mit-bund.de/sites/mit/files/dokumente/mittelstandsmagazin/mi...

Die Erkenntnisse von Backhaus, der Universität Edinburgh und Küchenhoff wurden in einem Bericht Wissenschaftler kritisieren Stanford-Studie zu Lockdown des Bayerischen Rundfunks 21.1.2021 veröffentlicht.