Zum 6. August 1945

Wissenschaft und Macht

Nachdem J. Robert Oppenheimer mit allen Mitteln versucht hatte, die Atombombe zu bauen, versuchte er mit allen Mitteln, deren Einsatz zu verhindern. Über das tragische Scheitern eines Genies.

Die US-amerikanische Regierung war im Herbst 1942 überzeugt davon, dass das Nazi-Regime die Entwicklung einer Atombombe vorantreibt. Dem wollte man nicht tatenlos zuschauen. Im September desselben Jahres wurde J. Robert Oppenheimer, ein renommierter theoretischer Physiker und Professor am California Institute of Technology in Pasadena und an der University of California in Berkeley zum wissenschaftlichen Leiter des sogenannten Manhattan-Projekts ernannt. Ziel war unter Wahrung der größtmöglichen Geheimhaltung die Erforschung und Erbauung einer Atombombe. Das Zentrum des Projekts wurde auf dem Hochplateau von Los Alamos in New Mexico eingerichtet.

Zuerst arbeiteten ein paar Duzend und bis zum Kriegsende etwa 7000 Wissenschaftler aus verschiedenen Forschungsrichtungen an diesem Vorhaben. Insgesamt waren auf die ganze USA, Kanada und Großbritannien verteilt ungefähr 150'000 Leute beteiligt. Zahlreiche Wissenschaftler ließen sich von Oppenheimer unter anderem aus dem Grunde anstellen, weil es gelte, eine Abschreckungswaffe gegen Nazi-Deutschland zu entwickeln. Zudem müsse man den Bemühungen der Deutschen zuvorzukommen, die an einer Wunderwaffe tüftelten. Man stünde quasi in einem Wettrennen auf Zeit. Zum großen Teil wussten die Forscher, vor allem jene außerhalb von Los Alamos, nicht, dass sie an der Entwicklung einer Atombombe teilnahmen. Die Geheimhaltung war so ausgeprägt, dass auch in Los Alamos die einzelnen Forschergruppen und Labore voneinander kaum wussten, woran die anderen genau forschten. Einzig Oppenheimer und die wissenschaftliche Forschungsleitung schienen den Überblick zu haben. Oppenheimers Intention war es, einen Wettbewerb der Ideen zu fördern.

So konflikt- und widerstandslos sich das hier anhören mag, war die ganze Sache aber nicht. Im Gegenteil. Vor allem gegen das Ende hin, als immer mehr Forschern bewusst wurde, worauf das Vorhaben hinauslief. Als sich im Winter 1945 immer deutlicher abzeichnete, dass die Kapitulation Deutschlands wohl nur noch eine Frage der Zeit sein würde und damit der Gegner, dem man mit der Bombe zu drohen gedachte, verlustig gehen würde, kam bei zahlreichen Forschern die Frage auf, weshalb eine solch mörderische Waffe überhaupt noch fertiggestellt werden müsse. Auch bei Oppenheimer. Im Tribunal In the Matter of J. Robert Oppenheimer[1] im Jahre 1954 führte er aus, in Los Alamos hätten er und sein Team als Wissenschaftler mit Hochdruck am Problem der größtmöglichen Freisetzung von Energie durch die Erzeugung einer atomaren Kettenreaktion gearbeitet. Oppenheimer sagte unter Eid aus: »Es war ein Werk der Forschung. Es war nicht die Vorbereitung einer Waffe.«[2] Die Forscher waren also – ob aus politischer Naivität, Selbstnegation oder aus Idealismus bleibe dahingestellt – tatsächlich überzeugt davon, dass die wissenschaftliche Erkenntnis, die reine wissenschaftliche Erkenntnis, im Vordergrund stünde. Und nicht die Politik. Auch wenn hier Oppenheimer den Forschertrieb betonte, so musste ihm doch klar gewesen sein, dass am Ende seiner Arbeit die Bombe stehen musste. Das wurde ihm von den Militärs und den Regierungsbeamten auch wiederholt mitgeteilt, in zahlreichen Sitzungen wurde darüber diskutiert. Aber er sperrte sich dagegen, zu erkennen oder zu akzeptieren, dass diese Bombe auch eingesetzt werden könnte, sollten die Nazis kapitulieren.

Mit Niels Bohr, der Los Alamos zum Jahreswechsel 1943/1944 zwar einen Besuch abstattete, sich aber weigerte, ins Projekt einzusteigen, führte Oppenheimer intensive Diskussionen über Sinn und Zweck des Projekts. Der dänische Physiker schlug vor, die Forschung und die Ergebnisse international zu öffnen. Oppenheimer zögerte zuerst, ließ sich aber von dieser Idee doch noch überzeugen. Ihm schwebte nun vor, die Resultate auch Wissenschaftlern aus anderen Ländern zugänglich zu machen, denn keine Regierung solle alleine die Verfügungsgewalt einer solch monströsen Waffe in den Händen haben. In einer noch zu gründenden supranationalen Atomkommission sollen alle Erkenntnisse gebündelt werden und der Einsatz von Bomben verboten werden. Damit solle ein Rüstungswettlauf unterbunden werden und die Forschung für die friedliche Nutzung zugänglich gemacht werden. Allerdings wusste Oppenheimer auch, dass dieses hehre Vorhaben erst nach dem Krieg umgesetzt werden könnte. Deswegen ging es ihm vorderhand darum, dass der Abwurf einer Atombombe – falls sie es tatsächlich schaffen sollten, eine solche herzustellen – zu verhindern. US-Präsident Franklin D. Roosevelt war der Idee der Internationalisierung nicht ganz abgeneigt. Als nach Roosevelts Tod am 12. April 1945 Harry S. Truman Präsident wurde, kehrte die Stimmung jedoch allmählich. Truman, der bis zur Amtsübernahme nichts über das Manhattan-Projekt gewusst hatte, wurde am 25. April 1945 vom militärischen Leiter des Projekts General Leslie R. Groves und Kriegsminister Henry L. Stimson ins Vorhaben eingeweiht. Stimson sagte am Schluss der Sitzung im Oval Office, dass die Bombe so zerstörerisch sein werde, dass sie die Welt auslöschen könne. Nach der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 sprach Truman am Radio und unterstrich gegen Schluss seiner Rede: »Wenn die letzte japanische Division bedingungslos kapituliert hat, dann erst ist unsere Arbeit getan.« Ob er damals schon den Einsatz der Bombe in Erwägung zog, ist nicht restlos geklärt. Aber, soviel ist bekannt, es lag ihm viel daran, dass das Manhattan-Projekt schnellstmöglich zu Ende gebracht werden müsse.

Dagegen erhob sich Widerstand aus Kreisen in Los Alamos. Sollte die Waffe nicht gegen die Nazis eingesetzt werden, dann auch nicht gegen ein anderes Land. Leo Szilard vom Metallurgischen Labor der Universität von Chicago, der grundlegende Beiträge zur Entwicklung der Bombe lieferte[3], lancierte eine Petition[4], die letztlich von hundertfünfzig Wissenschaftlern unterschrieben wurde. Darin wurde gefordert, von einem Einsatz abzusehen, denn »… eine Nation, die den Präzedenzfall schafft, diese neu befreiten Naturkräfte zum Zwecke der Zerstörung zu nutzen, muss unter Umständen die Verantwortung dafür tragen, die Tür zu einer Ära der Verwüstung in unvorstellbarem Ausmaß zu öffnen«.[5]

Oppenheimer verhielt sich gegenüber dieser Initiative ambivalent. In einem Gespräch mit Szilard, der ihn für seine Petition gewinnen wollte, äußerte er sich sehr rätselhaft: 

Oppenheimer: »Die Atombombe ist ein Scheiß.«

Szilard: »Was meinen Sie?«

Oppenheimer: »Nun, sie ist eine Waffe ohne große militärische Bedeutung. Sie verursacht einen großen Knall – einen sehr großen Knall –, aber für den Krieg ist sie nicht zu gebrauchen.«[6] 

Oppenheimer unterzeichnete die Petition nicht. Seine Rolle als Projektleiter, der sich zwischen Politik, Militär und Wissenschaft bewegen musste, schien ihm doch etwas zu delikat zu sein, um sich der Gruppe vorbehaltlos anzuschließen. Er hoffte auf andere Wege der Einflussnahme, um einen Abwurf auf Feindesland zu verhindern, nämlich über ein Interimskomitee, in dem er seit Anfang Mai 1945 saß. Diese kurzfristig zusammengestellte Gruppe bestand aus Kriegsminister Henry L. Stimson, dem Leiter des Office of Scientific Research and Development (OSRD) Vannevar Bush, dem Physiker Karl T. Compton (ebenfalls vom OSRD), dem Präsidenten der Harvard University James Constant, dem Außenminister und Präsidentenberater James F. Byrnes sowie dem wissenschaftlichen Leitungsteam des Manhattan-Projekts, also J. Robert Oppenheimer, Enrico Fermi, Ernest Lawrence und Arthur Compton.

Kriegsminister Stimson teilte beim ersten Treffen am 9. Mai 1945 mit, dass er die Bombe »nicht bloß als eine neue Waffe, sondern als eine revolutionäre Veränderung des Verhältnisses zwischen den Menschen und dem Universum«[7] betrachte. Sie könne auch ein »Frankenstein werden, der uns verschlingt«[8] – oder den Weltfrieden bringen. Die Auswirkungen gingen auf alle Fälle über den Krieg hinaus. Oppenheimer schlug vor, dass man das Manhattan-Projekt nach dem Krieg beenden solle und betonte wie Stimson, dass von der Bombe eine verheerende Wirkung ausgehen werde. Für die friedliche Nutzung der Atomenergie solle das Wissen über einen freien, grenzüberschreitenden Informationsaustausch verbreitet werden, die kriegerische Nutzung soll verboten und dieses Verbot international durchgesetzt werden. Bezüglich der Bombe, so schloss sich Stimson an, solle ein internationales Kontrollorgan wachen. Eigentlich war man sich einig. Dann ergriff Außenminister Byrnes das Wort und sagte, dass das Manhattan-Projekt jetzt so schnell wie möglich vorangetrieben und mit einem konkreten Resultat, das heißt einer einsetzbaren Bombe, beendet werden solle. Zudem sollen sich die Wissenschaftler Gedanken über mögliche Ziele machen. Man schaue nachher, wie es weitergehen soll.

Was Oppenheimer und die anderen, die immer noch an den Abschreckungscharakter glaubten, vorerst nicht wussten, war, dass Truman schon ernsthaft darüber nachgedacht hatte, die Bombe tatsächlich einzusetzen. Oder war es Byrnes, der dies mit seinen Worten suggerierte? Oppenheimers Bemühungen, auf seinen Kanälen den Abwurf zu verhindern, waren umsonst. Ein letzter zahmer und nicht sehr überzeugender Versuch, den er zusammen mit Stimson ersann, bestand im Vorschlag, japanische Beobachter zur Testzündung einzuladen. Zeugen aus dem Land des letzten Krieggegners sollen die Kunde in ihre Heimat mitnehmen, dass die Atombombe katastrophale Zerstörungen bringen würde. Die Frage war nur: was teilten die Gäste mit, wenn der Test misslingen sollte? Oppenheimer gab seinen Widerstand auf.

In der Folge versuchte er zusammen mit Arthur Compton dem Komitee einen kontrollierten Einsatz zu Demonstrationszwecken schmackhaft zu machen. Ein kleiner, räumlich eingeschränkter Warnschuss. Offenbar waren innerhalb des Komitees die Meinungen geteilt. Oppenheimer fasste die Debatte so zusammen: »Diejenigen, die eine rein technische Demonstration befürworten, wollen den Einsatz von Atomwaffen verbieten. Sie befürchten, dass unsere Position in Zukunft beeinträchtigt wird, wenn wir die Waffen jetzt einsetzen. Andere betonen die Möglichkeit, amerikanisches Leben durch sofortigen militärischen Einsatz zu retten, und glauben, dass ein solcher Einsatz die internationalen Aussichten verbessern wird, da sie sich mehr um die Verhinderung eines Krieges als um die Beseitigung einer bestimmten Waffe sorgen.«[9] Byrnes sperrte sich gegen den Vorschlag eines atomaren Warnschusses. Gleichwohl wurde nach dem letzten Treffen des Interimskomitee am 1. Juni 1945 Truman vorgeschlagen, möglichst bald einen eingegrenzten Einsatz der Bombe vorzusehen. Das Ziel soll eine militärische Anlage in Japan sein und die Bombe soll ohne Vorwarnung gezündet werden. Stimson war überzeugt, eine solche technische Demonstration würde Japan dazu bringen, zu kapitulieren. Es könnten sowohl auf US-amerikanischer wie auf japanischer Seite viel Leid und Opfer verhindert werden. 

An einer Sitzung des US-Präsidenten mit diversen Generälen und seinem Stab am 18. Juni 1945 wurden die verschiedenen Optionen, wie man Japan besiegen könnte, erwogen. Eine Invasion sei mit hohen Verlusten verbunden, war der Tenor. Die Militärs eierten um den Einsatz der Bombe herum, es schien so etwas wie ein Tabu gegeben zu haben, sich dazu zu äußern. Zu unklar war es den Generälen, was diese Bombe wohl verursachen würde und welche militärischen Folgen sich daraus ergeben würden. So stellte sich etwa die Frage, ob US-amerikanische Soldaten nach einem Abwurf in Japan invadieren sollen und sich der Verstrahlung aussetzen müssen. So war es dann Stimson Stellvertreter John McCloy, der sagte, man solle den Japanern mit der Bombe drohen. Man einigte sich, mit der Entscheidung zu warten, bis die Waffe getestet worden sei. 

Am 16. Juli 1945 wurde auf den White Sands Proving Grounds die erste Atombombe im sogenannten Trinity-Test gezündet. Als klar wurde, wie überwältigend erfolgreich sie »geforscht« hatten und es noch klarer wurde, dass die Militärs und die Regierung sich nun umso mehr für diese Waffe interessieren würden, wussten Oppenheimer und seine Kollegen, dass sie dereinst eine große Schuld zu tragen haben. Die Forscher wurden von der Regierung beauftragt, auf einer Liste von Zielen in Japan die Durchführbarkeit und Schlagkraft der Bombe einzuschätzen. Zähneknirschend erfüllten sie auch diesen Wunsch. Oppenheimer Hoffnungen, dass Byrnes und Truman vielleicht doch noch eine technische Demonstration erwägen würden, schwanden. 

Ab dem 17. Juli weilte Truman an der Potsdamer Konferenz. Dabei unterhielt er sich mit Josef Stalin und Winston Churchill auch über eine gemeinsame Invasion in Japan. Sollte zumindest Stalin seine Einwilligung geben, die USA bei einem konventionellen Kriegseinsatz zu unterstützen, wäre Truman zufrieden gewesen, es hätte dann einen valablen Plan B zum Atomeinsatz gegeben. Außenminister Byrnes war nicht sonderlich begeistert von dieser Perspektive. Zudem drängte er Truman, nur eine bedingungslose Kapitulation zu akzeptieren. Stimson, der in Washington blieb, war anderer Ansicht. Truman lavierte. Er fragte bei General Marshall nochmals nach, wie hoch die Opferzahlen auf ihrer Seite bei einer Invasion sein würden. Marshall schätzte zwischen 250'000 und einer Million – und man müsse damit rechnen, dass die Invasion bis November 1946 dauern werde. 

Am Abend des 24. Juli erwähnte Truman im Schloss Cecilienhof beiläufig Stalin gegenüber, sie hätten eine neue Wunderwaffe. Stalin sagte, das freue ihn, er hoffe, sie könnten sie gegen Japan erfolgreich zur Anwendung bringen.[10] Diese indirekte Einwilligung bewog Truman dazu, die Atombombe tatsächlich einzusetzen und er erteilte General Carl A. Spaatz am nächsten Tag die Order, den Abwurf vorzubereiten. In der Potsdamer Erklärung vom 26. Juli forderten die USA, die Sowjetunion und das Vereinigte Königreich Japan indes nochmals dazu auf, bedingungslos zu kapitulieren. Die Antwort Japans blieb unklar. Trumans Entschuss, den Befehl zum Abwurf zu geben, stand somit nichts mehr im Wege. Ab dem 31. Juli, nachdem alle Bestandteile der Atombombe namens »Little Boy« auf dem US-amerikanischen Stützpunkt auf Tinian zusammengesetzt worden waren, war die »Wunderwaffe« einsatzbereit. Tinian liegt 2300 Kilometer südlich von Japan im Pazifik, die geplanten Abwurfziele waren für B-29-Bomber gut erreichbar. 

In einem Briefing in Tinian teilten am 4. August der Pilot Paul Tibbets und der Navy Captain William S. Parsons ihrer Truppe mit, dass sie den Einsatzbefehl für den Abwurf einer Atombombe erhalten haben. Das Wetter verzögerte die Ausführung des Befehls um einen Tag. Am frühen Morgen des 6. August 1945 startete Tibbets die Motoren des Bombers »Enola Gay«. Das Flugzeug hob ab und erreichte das Abwurfziel über Hiroshima kurz vor 8 Uhr. »Little Boy« wurde um 8 Uhr 15 Minuten und 7 Sekunden auf fast 10'000 Metern Höhe ausgeklinkt und detonierte 55 Sekunden später 600 Meter über dem Stadtzentrum von Hiroshima. Nachmittags um 14 Uhr griff der militärische Leiter des Manhattan-Projekts General Groves zum Telefonhörer und rief Oppenheimer an, um ihm zu gratulieren.

Groves: »… ich finde die Wahl des Leiters von Los Alamos gehört zum Klügsten, was ich je getan habe.«

Oppenheimer: »Nun, da bin ich nicht so sicher, General Groves.«[11]

Oppenheimer hoffte darauf, dass die Auswirkungen des Abwurfs die Verantwortlichen zur Einsicht bringen würde, von einem Einsatz einer weiteren Bombe abzusehen. Vergeblich. Es folgte der Abwurf des »Fat Man« über Nagasaki am 9. August 1945. Die Schätzungen über die Anzahl Menschen, die insgesamt bis heute durch die beiden Bomben und an den Spätfolgen gestorben sind, gehen von 260'000 bis 400'000 Opfern.

Am 17. August spricht Oppenheimer bei Stimson vor und teilt ihm mit, dass zwar »erstens Atomwaffen sich in den kommenden Jahren qualitativ und quantitativ verbessern (würden)«, aber dass »zweitens eine angemessene Verteidigung gegen Atomwaffen nicht entwickelt (werden) würde; drittens die USA ihre Hegemonie über Atomwaffen nicht behalten würden; viertens Kriege nicht verhindert werden könnten, selbst wenn bessere Atomwaffen entwickelt würden.«[12]

Bei der Entgegennahme einer Anerkennungsurkunde in Los Alamos am 16. Oktober 1945 durch General Groves sagte Oppenheimer in seiner Dankesrede zu seinen Kollegen: »Wenn Atombomben als neue Waffen in die Arsenale einer kriegsführenden Welt oder in Arsenale von Ländern, die sich auf einen Krieg vorbereiten, aufgenommen werden, dann wird die Zeit kommen, dass die Menschheit die Namen Los Alamos und Hiroshima verflucht.«[13] Zu General Groves sagte er, als er Bilder der Zerstörungen in Japan gesehen hatte, an seinen Hände klebe nun Blut.[14]

In Oppenheimers Aussage, »es war ein Werk der Forschung. Es war keine Vorbereitung einer Waffe« könnte der Kern liegen, weshalb bisweilen die Wissenschaft und die Politik beziehungsweise die Gesellschaft einander nicht immer verstehen. Die Forscher wollen forschen und Erkenntnisse gewinnen, ihnen geht es um wissenschaftlichen Fortschritt und Erkenntnis. Die Politiker und die Gesellschaft wollen konkrete Resultate, ihnen beziehungsweise ihr sind die angewandte Forschung oder die Technologien wichtig. Das führt zu Zielkonflikten. In unzähligen Geräten, Alltagsgegenständen, Instrumenten, Apparaten bis hin zu Sportgeräten, Kleidern und Nahrungsmitteln ist immens viel Wissenschaft verborgen. Unseren Alltag bewältigen wir nur mit ihr und wegen ihr und wir sind dankbar dafür. Erst wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit zum Beispiel religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen, denen wir anhängen mögen, oder mit unserer Sorge um das wirtschaftliche, ökologische, gesellschaftliche, physische oder psychische Wohlergehen in Konflikt zu geraten droht, werden wir allenfalls zu Skeptikern.

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[1] Im Tribunal ging es darum, ob Oppenheimer die »Clearance«, also den Zugang zu geheimen Dokumenten, abgesprochen werden soll, da er sich wiederholt »antiamerikanisch« verhalten und geäußert und aktiv an der Verzögerung der Entwicklung der thermonuklearen Bombe nach dem Krieg verzögert haben soll.

[2] Richard Pollenberg (ed.), In the Matter of J. Robert Oppenheimer, The Security Clearance Hearing, Ithaca/London, 2002, S. …

[3] Zusammen mit Enrico Fermi, der ebenfalls ein einflussreicher Forscher in Los Alamos war, erzeugte er im Dezember 1942 die erste Kettenreaktion in einem Kernreaktor.

[4] Der Physiker und spätere Molekularbiologe Leo Szilard stammte aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Budapest. Studien brachten ihn nach Deutschland, von wo er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 nach Wien, später nach England und schließlich in die USA flüchtete. Szilard war bereits vor der Zeit in Los Alamos politisch aktiv. Er war Autor eines Briefes vom 2. August 1939 an Präsident Roosevelt, der von Albert Einstein unterschrieben wurde. Darin schreibt er, die amerikanische Regierung solle versuchen, eine Atombombe zu entwickeln, denn Deutschland habe den Verkauf von Uran gestoppt, was darauf hindeuten könnte, dass deutsche Forscher es selber verwenden, also selber eine Bombe bauen wollen. 

[5] Cynthia C. Kelly (ed.), The Manhattan Project, NYC 2009, S. 292

[6] Kai Bird/Martin S. Sherwin, J. Robert Oppenheimer, Berlin 2010, S. 289

[7] Sitzungsprotokoll zitiert in: Ebd., S. 289

[8] Ebd.

[9] Zitiert in Chris Wallace (zusammen mit Mitch Weiß), Countdown 1945, The extraordinary Story of the Atomic Bomb and the 116 Days that changed the World, New York, 2020, S. 85

[10] Besonders überrascht war Stalin über die Nachricht nicht. Der Physiker Klaus Fuchs war als Spion in Los Alamos und berichtete Moskau. Die Sowjets forschten seit drei Jahren ebenfalls an einer Atombombe.

[11] Kai Bird/Martin S. Sherwin, J. Robert Oppenheimer, Berlin 2010, S. 308

[13] Kai Bird/Martin S. Sherwin, J. Robert Oppenheimer, Berlin 2010, S. 323

[14] Gemäß des Films von Barry Davies, J. Robert Oppenheimer. Atomphysiker. BBC 1980