Steiner & Schmid: Sokratisches und Rumsfeldisches

Steiner: Hier Dein Bier.

Schmid: Danke. Du distanzierst Dich?

Steiner: Physisch. Zwei Meter. Zum Glück gibt’s Parkbänke.

Schmid: Staatsgläubig?

Steiner: Vernünftig.

Schmid: Ach ja? Parkbänke können auch kontaminiert sein.

Steiner: Die Blechdose und der Türgriff, den Du vorhin gedrückt hast, auch.

Schmid: Ich weiß. Das Leben ist mühsamer geworden.

Steiner: Aber eigentlich wissen wir noch nicht so viel.

Schmid: Stimmt. Wir wissen nichts. Niemand. Wir sind in eine Ära der Fragen eingetreten.

Steiner: Dein Wort in meinem Ohr.

Schmid: Hä?

Steiner: Nun ja, Du hast es sonst eher mit den Antworten…

Schmid: Also, dann frag ich Dich mal was.

Steiner: Bitteschön.

Schmid: Glaubst Du dem weichgespülten Sozialdemokraten des Bundesamts für Gesundheit?

Steiner: Schon auf Entzug?

Schmid: Wieso?

Steiner: Das war keine Frage.

Schmid: Wieso nicht?

Steiner: Weil Dir meine Antwort egal ist. Wenn Du »weichgespülter Sozialdemokrat« sagst, weiß ich schon jetzt, dass Du ihm nicht glaubst. Wenn ich »ja« sage, sagst Du »ich nicht« und setzt zu einem Exkurs an, wenn ich »nein« sage, sagst Du »ich auch nicht« und setzt zum selben Exkurs an.

Schmid: Müssen wir uns jetzt bei einem Paartherapeuten anmelden? 

Steiner: Auch das ist keine richtige Frage, aber ich antworte dennoch: Nein, keine Sorge.

Schmid: Halt! Schnitt. Wir gehen zurück. 

Steiner: Okay, wie Du willst.

Schmid: Glaubst Du dem Vorsteher des Gesundheitsamts?

Steiner: Ja, ich vertraue ihm.

Schmid: Ich habe gefragt, ob Du ihm glaubst.

Steiner: Ich weiß. Die Lage ist paradox. Er vermittelt das Gefühl, dass er versteht, wovon er spricht, obwohl er nicht weiß und eigentlich nicht verstehen kann, was gerade abläuft. Weil niemand es verstehen kann, nicht einmal die Experten. Den Stillstand zu verordnen, halte ich in einer solchen Situation für gewagt, aber richtig. Deshalb vertraue ich ihm.

Schmid: Und was ist paradox daran?

Steiner: In normalen Zeiten vertraue ich dem Wissen, jetzt jedoch dem Bewusst-Sein über das Nicht-Wissen des Nicht-Wissens.

Schmid: Was faselst Du von einem Bewusstsein über das Nicht-Wissen des Nicht-Wissens.

Steiner: Also. Es gibt ein Nicht-Wissen. 

Schmid: Schon gut, ich weiß.

Steiner: Nein, warte. Ich geb’ Dir ein Beispiel: Stell Dir Obama im Jahre 2011 vor. Ein paar CIA-Leute sprechen bei ihm vor und sagen, in einer Villa in Abbottabad sitzt mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent Osama bin Laden. Es bestünde eine gute Möglichkeit, ihn zu eliminieren. Obama denkt nach und stellt folgende Überlegungen an: »Wenn der CIA 80 Prozent sagt, dann rechne ich mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit. Halbe-halbe. Ich habe zwei Möglichkeiten, mit diesem Nicht-Wissen umzugehen. Entweder ich wandle es um in Wissen. Dafür muss ich die Aktion durchziehen. Hinterher weiß ich, ob er da war oder nicht. Das Nicht-Wissen wird also zu Wissen. Oder ich blase die Aktion ab. Ich werde nie erfahren, ob er da war. Das Nicht-Wissen bleibt ein Nicht-Wissen.« Einverstanden?

Schmid: Mach’ weiter.

Steiner: Obama entscheidet: »Ich will es wissen, also gebe ich den Einsatzbefehl.« Wenn er die Aktion nicht durchführt, wird er es nie gewusst haben werden.

Schmid: Hm.

Steiner: Du zweifelst?

Schmid: Ich find’, glaub’ ich, das Beispiel blöd. Aber meinetwegen.

Steiner: Jetzt ist das Nicht-Wissen radikal, eben ein Nicht-Wissen über das Nicht-Wissen. Wir können uns wie auch immer entscheiden, unmittelbar nachher wissen wir dennoch nicht viel mehr. Das Wissen verwandelt sich nur sehr mühsam und sehr langsam in ein Etwas-weniger-Nicht-Wissen.

Schmid: Einverstanden.

Steiner: Der Gesundheitsminister ist diesem Nicht-Wissen intellektuell gewachsen. Mehr als andere in diesem Gremium.

Schmid: Woraus schließt Du das?

Steiner: Indem er sagt, dass er wisse, dass er nicht wisse. Er ist ehrlich. 

Schmid: Sokrates. 

Steiner: Wenn Du meinst, aber so hoch hänge ich ihn auch wieder nicht. 

Schmid: Die anderen sagen auch, dass sie nicht wissen, was läuft.

Steiner: Ein paar von ihnen schon, aber sie sind nicht aufrichtig. Sie gehen in Deckung. Man konnte lesen, dass es in der Regierung welche gibt, quasi Coronaskeptiker, die den Wissenschaftlern nicht trauen.

Schmid: Wissenschaftsleugner.

Steiner: Nein, soweit würde ich nicht gehen. Sie haben sich von der Krankheit befallen lassen, grundsätzlich jenen Wissenschaftlern zu misstrauen, die nicht ihre Meinung unterstützen. Aber sie sind vermutlich auch intellektuell nicht auf der Höhe des Problems. Sie denken mittels Raster, was zwischen den Linien durchfällt, sehen sie nicht, existiert also auch nicht. Es gibt Dinge, von denen sie nicht wissen, dass sie es nicht wissen, und sie sind sich dieser Situation nicht bewusst oder pfeifen drauf.

Schmid: Rumsfeld.

Steiner: Aber sie meinen genau zu wissen, was geschieht. Sie sind Ideologen. Das ist der Unterschied. Alles, was der Gesundheitsminister und die meisten Wissenschaftler wissen, ist, dass die Situation gefährlich sein könnte. Aber sie sind sich bewusst, dass auch sie dunkle Stellen in ihrem Wahrnehmungsraster haben, auch sie sehen nicht alles. Alle haben eine Brille auf. Wir leben in einer Epoche des Konjunktivs. Deshalb fahren sie das öffentliche Leben herunter. Viel mehr zu tun, weiß man zu diesem Zeitpunkt nicht. Niemand. Punkt.

Schmid: Für konjunktive Zeiten etwas apodiktisch, mein Lieber.

Steiner: Dein Wort in meinem Ohr.

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