Storch

Wir klettern uns frei, oder: Lonley on the top

Der emeritierte Professor und Literaturwissenschaftler Manfred Schneider vergleicht die wild um sich greifenden verschwörungstheoretischen Erklärungen zur Coronakrise mit einer Szene in Bertold Brechts Stück Leben des Galilei: »Darin machen sich Mönche und Gelehrte über Galileis Einsicht lustig, dass sich die Erde um die Sonne und um ihre eigene Achse dreht. Die Kirchenmänner spielen Komödie, indem sie alle lachend durch den Vatikan torkeln, als drehte sich unter ihnen der Boden. Da sie ihren Augen nur trauen, wenn sie lesen, weigern sie sich, durch Galileis Fernrohr zu sehen, dass sich die Planeten offenbar ohne Tanzmeister im Kosmos drehen.« In Brechts Stück beruft sich Galilei immer wieder auf die Fakten, denen es zu folgen gilt, sie geben vor, welchen Weg wir gehen. Konservativen katholischen Kreise behaupten in einem Aufruf, sich ebenfalls nach den Fakten zu richten. Nur bleiben sie uns diese schuldig. Sie sagen: »Wir haben Grund zu der Annahme – und das auf der Grundlage offizieller Daten zur Epidemie in Bezug auf die Anzahl der Todesfälle – dass es Kräfte gibt, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen. Auf diese Weise wollen sie dauerhaft Formen inakzeptabler Freiheitsbegrenzung aufzwingen, die Menschen kontrollieren und ihre Bewegungen überwachen.« Ab welcher Anzahl an Opfern und Infizierten wären denn Freiheitsbegrenzungen gerechtfertigt?

Zum Thema Freiheit kurz dies: Sie besteht darin einzusehen, dass es unausweichlich ist, sie mit einer vorübergehenden Einschränkung von Grundrechten, wie sie in der Verfassung als das Recht auf persönliche Freiheit – insbesondere auf körperliche und geistige Unversehrtheit und auf Bewegungsfreiheit – definiert ist, zu schützen. Freiheit wird gewahrt, indem das Notwendige zu ihrem Erhalt vorgekehrt wird. Manfred Schneider schreibt folgerichtig: »Die Freiheit besteht darin, Einsicht in die Notwendigkeit zu gewinnen.« Eine Unfreiheit wird als Freiheit proklamiert? Das klingt paradox, ist es aber nicht.

Denn.

Wir stellen uns vor, wir seien in einer Schlucht gefangen, der Ausgang ist durch ein natürliches Ereignis versperrt. Man kennt vergleichbare Szenarien aus Hollywood-Filmen. Rundherum sind wir von Felsen umschlossen. Es gibt nur einen Ausweg: über die Felswand hinaufzuklettern, die sich vor uns erhebt. Uns zu Seite steht ein Bergführer, den wir zwar selbst gewählt haben, aber bevor wir in diese missliche Lage geraten sind. Schicksal. Unser Bergführer erklärt uns, wie wir uns am besten befreien können. Zuerst bläut er uns seine Klettermaxime ein: »Un pour tous, tous pour un.« Unsere Gruppe ist bunt zusammengestellt, Sportliche und Unsportliche, Kleine und Große, Waghalsige und Ängstliche, Junge und Alte. Der Bergführer sagt, dass wir alle mitnehmen, auch die Höhenangstschisshasen und Dickwänste. Und dann erläutert er die nützlichsten Regeln, die zu befolgen uns das Klettern erleichtern. Wenn wir eine steinige Wand hochklettern, sagt er, suchen wir nach Punkten und Stellen, an denen wir uns festklammern oder auf die wir einen Fuss setzen können. Der unebene Fels gibt uns diese Vorsprünge und Stellen vor oder wir können sie mit einem Haken, den wir in den Stein hämmern, künstlich erzeugen. Wir orientieren uns also an der unmittelbar vor uns liegenden Oberfläche des Felsens und klettern behutsam auf Sicht. Es komme auch vor, so der Bergführer weiter, dass ein anfänglich als sicher eingestufter Punkt doch nicht so sicher, ja sogar gefährlich sei. Man müsse selbst entscheiden und sich gut überlegen, ob es klug ist, diesen Punkt zu benutzen. Die anderen würden davon ausgehen, dass er auch für sie noch halten werde. Man müsse also vorsichtig und flexibel bleiben und gegebenenfalls einen Tritt zurückgehen. Das gelte übrigens vor allem auch für ihn und die anderen Vorsteiger. Wir klettern nur an Stellen hoch, die alle von uns meistern können, auch die Kleinsten. Dann, sagt er, sei es wenig ratsam, sich gleichzeitig nur auf zwei unserer vier Extremitäten zu stützen, die Unsicherheit ist groß, wir können das Gleichgewicht verlieren und abstürzen. Folgerichtig sei es nicht sehr intelligent, beispielsweise eine hereinkommende SMS, sofern wir Satellitenempfang haben, umgehend beantworten zu wollen. Die Befriedigung bestimmter wichtiger Bedürfnisse, die das Klettern behindern, müsse verschoben werden.

Wir sollen also, bitteschön, die sogenannte Drei-Punkt-Haltung anwenden (das empfehlen auch der internationale Kletterverband und die Experten). Und dann bittet er uns, dass wir seinen Anweisungen gehorchen sollen, sonst könne er nicht versprechen, dass es klappe. Etwas leiser, fast flüsternd schiebt er noch hinterher, dass er das aber auch nicht garantieren könne, selbst wenn wir uns richtig verhielten. Und dann warnt er uns, dass er nicht wisse, wie es oben aussehe, es existiere keine Landkarte dieser Region. Terra incognita. Vielleicht stünden wir vor einer weiteren Wand. Klar, es gebe verschiedene Varianten, um das Ziel zu erreichen. Welche Route eingeschlagen wird, bestimme er, der Bergführer.

Die bisher eingeschlagenen Klettersteige sind: der schwedische (mit einer schwierigen, langen, ersten Kletterpassage, nachher, sagt der schwedische Expeditionsleiter, soll’s einfacher werden), der nordische (eine leichtere Route über flachere Stellen, man wird den Verdacht nicht los, dass diese – warum auch immer – weiter oben startet), der südkoreanische (jeder Tritt ist gut gesichert, sie haben viel Erfahrung mit ähnlichem Gelände), der chinesische (die sind so früh und im Dunkeln losgegangen, dass man gar nicht genau weiß, wo sie durchgeklettert sind und hinterher, obwohl wir alle Funkgeräte haben, sagen sie kaum etwas), der zentraleuropäische (eine relativ sichere, gut geführte Route, aber nicht risikolos, in den oberen Passagen mit dem vermeintlichen Ziel vor Augen droht Gefahr, leichtsinnig zu werden), der südeuropäische (gleiche Route wie zentraleuropäische, aber bei schlechtem Wetter, die Ausrüstung nicht über alle Zweifel erhaben), der US-amerikanische (gleiche Route wie zentraleuropäische, aber mit einem dilettantischen Bergführer, der mal Quizmaster war, und der bei Gefahr die Leute hängen lässt, marode Gerätschaften), der brasilianische (nicht geführt und schlecht ausgerüstet, Route unklar, Ziel auch) etc. Und es gibt solche, die führen ins Nichts. Zudem ist es vernünftig und klug, sagt der Bergführer weiter, sich anzuseilen, bevor wir losklettern. Wir sind zwar zwischenzeitlich in unserer Bewegung eingeschränkt, aber wenn wir auf einem Felsvorsprung unglücklich wegrutschen, ist die Chance wesentlich grösser, zu überleben, weil uns die anderen auffangen können. Fatal sei ein Dominoeffekt, wenn also zu viel zur gleichen Zeit fallen. Die Hoffnung, man könne auch überleben, wenn man nicht angeseilt gewesen ist, wie das ein naseweises Mitglied, das etwas rechts von der Gruppe steht, suggeriert hat, kann zwar nicht komplett entkräftet werden, aber Erfahrungen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen legen einen anderen Schluss nahe. Wer anderes behauptet, so der Bergführer, verschließe die Augen vor der Realität oder hat zu viele Trickfilme gesehen, in denen der Held über einen Felsvorsprung hinausrennt, den Abgrund unter sich sieht, versucht umzukehren und dann jäh hinunterfliegt. Zufälligerweise ragt irgendwo immer noch ein Ast heraus, an dem der Abstürzende hängenbleibt. Oder er glaubt sonst ein Ammenmärchen. 

Wenn wir die Schlucht überwunden haben, entledigen wir uns unserer beengenden Kletterutensilien und bleiben nicht mehr angeseilt, sagt der Bergführer, – und wir fühlten uns befreit. »Aber wir können uns nur dann frei fühlen, meine Lieben«, jetzt wird der Bergführer etwas rührselig und pathetisch, darum wird er zitiert, »wenn wir einander helfen und alle gemeinsam das Ziel erreicht haben werden. Was nützt es uns, wenn wir alleine dort oben angekommen sein werden.« Wir kennten doch alle dieses Lied Lonley at the top von Randy Newman. »Nein?«, fragt er verwundert. Wobei, fügt der Bergführer maliziös an, Freiheit sei der Akt davor und nicht der Zustand danach.

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