Steiner & Schmid: Eigenverantwortung? Eigenverantwortung!

Steiner: Der Schwede sagt, dass die Bürger ein großes Vertrauen gegenüber dem Staat entgegenbringen.

Schmid: Ja, das mag sein. Aber er sagt auch solche Sachen wie Selbstverantwortung. Und das sagt unser Gesundheitsminister auch.

Steiner: Er spricht aber auch von Solidarität – und er muss Selbstverantwortung sagen, wenn er nur von Solidarität sprechen würde, nähmen ihm die Rechten die Botschaft nicht ab und wenn er nur von Selbstverantwortung reden würde, nähmen es ihm die Linken nicht ab. Prost übrigens.

Schmid: Prost. Klingt doof mit diesen Büchsen.

Steiner: Immer noch besser als Skype.

Schmid: Stimmt. Du glaubst, er muss Selbstverantwortung sagen, meint aber Solidarität und umgekehrt.

Steiner: So ungefähr. Eigentlich hat er’s nicht korrekt gesagt, die Rechten sprechen lieber von Eigenverantwortung. 

Schmid: Was sie mit Eigenverantwortung meinen, kennen wir. Eigentlich meinen sie Eigennutz. Der Minister müsste also an den Egoismus appellieren.

Steiner: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.« Johannes, glaub ich.

Schmid: Kapitel 8. Respekt. Deine Bibelkenntnisse sind beeindruckend. Aber jetzt mal ehrlich, mein lieber Steiner: Glaubst Du den Unsinn, den die Regierung zum Besten gegeben hat?

Steiner: Unsinn? Ich glaube, ich glaube ihr so, wie sie es gemeint hat. Medienkonferenzen sind Werbeveranstaltungen. 

Schmid: Ein bisschen viel Glaube in Deinen Worten. Wissen wäre besser.

Steiner: Dürrenmatt sagte einmal sinngemäß, es gebe Leute des Glaubens und Leute des Wissens. Ich gestehe, diese Unterscheidung ist in dieser Situation etwas durcheinandergeraten.

Schmid: Wieso?

Steiner: Die Lage des Wissens ist prekär. Zudem kann die Regierung nicht detailliert darlegen, wie die Situation wirklich ist. Sie wussten fast nichts über das Virus und die Logik der Verbreitung. Sie konnten Mitte März nicht sagen, dass der Staat zu wenig medizinisches Schutzmaterial auf Lager hatte, dass die Medizin nicht ausreichte, dass im schlechtesten Fall zu wenig Spitalbetten bereitstanden, dass wir Schutzmasken tragen müssten. Aber sie mussten uns davon überzeugen, dass wir glauben, dass sie die Kontrolle haben und dass sie mit Hochdruck daran arbeiten, um die Defizite zu beheben und die Probleme zu lösen. Medienkonferenzen müssen Vertrauen schaffen und nicht Wahrheit verkünden.

Schmid: Amen. Aber Vertrauen durch Werbung? Ich weiß nicht, mein Lieber. Ich vertraue meiner Ärztin.

Steiner: Wie weißt Du, dass sie alles sagt, was sie weiß, oder sagt sie eben doch nicht nur das, was Du wissen musst?

Schmid: Natürlich deckt sie mich nicht mit all den Fachwörtern ein. Aber...

Steiner: Man nennt das dann vielleicht »Diagnose in leichter Sprache«.

Schmid: Blödmann.

Steiner: Ist doch so.

Schmid: Auf alle Fälle begründet sie ihre Entscheidungen.

Steiner: Wenn Du es noch mitbekommst.

Schmid: Wie meinst Du das?

Steiner: Nehmen wir Bergamo. Triage. Der Intensivarzt muss entscheiden, wem er welche Behandlung zukommen lässt. Wir konnten es überall lesen und sehen. 

Schmid: Kriegsmedizin. In der Verfassung steht, glaub’ ich, dass grundsätzlich jedes Leben gleich viel gilt. Der Staat, also auch das Spitalpersonal, darf ein Leben weder bewerten noch abwerten, es gilt das Prinzip der égalité.

Steiner: Klingt schön. Das Bewerten und Berechnen ist das Feld der Gesundheitsökonomen. 

Schmid: Ein merkwürdiges Feld. 

Steiner: Erlaubt aber einen anderen Blick auf die Sache.

Schmid. Na ja. Bleiben wir in der Praxis. Der Arzt muss demnach berücksichtigen, dass es keine staatlichen Vorgaben zur Zuteilung von Überlebenschancen und Sterbensrisiken gibt außer dem Gleichheitsprinzip. Alle genießen das gleiche Recht und den gleichen Schutz. Einverstanden?

Steiner: Ja, theoretisch. Aber nehmen wir jetzt den Intensivarzt in Bergamo...

Schmid: Warte, mein Lieber. Stellen wir uns vor, was ein Arzt grundsätzlich tun muss: er hat die Überlebenschancen eines Patienten in einer akuten Krisensituation einzuschätzen. Er beurteilt den Gesundheitszustand, die Schwere der Krankheit, die Heilungsschancen. Er muss aber auch verinnerlicht haben, dass es keine Vorzugsbehandlungen geben darf. Und dann hat er zu entscheiden, welche sinnvollen Maßnahmen zu treffen sind. Ich nehme an, hierfür kann er auf konkrete Regeln und Handlungsanleitungen seines Berufsverbandes zurückgreifen.

Steiner: Nochmals Bergamo. Es gibt drei mögliche Szenarien. Erster Fall: In der Intensivstation sind noch zwei Plätze zu vergeben, der Notfallarzt sagt dem Intensivarzt, er habe fünf Patienten, die an die Geräte müssen. Was macht der Intensivarzt?

Schmid: Wenn ich mich recht erinnere, schreibt der Deutsche Ethikrat, die Auswahl müsse nach wohlüberlegten, begründeten, transparenten und einheitlich angewandten Maßstäben erfolgen. Alter, Status, Herkunft etc. haben also nichts zu suchen. Wie schon vorher gesagt. Ob dort Maurer, Berset, Keller-Suter, Federer, Rigozzi, Steiner oder Schmid liegen, spielt keine Rolle.

Steiner: Also rein medizinische Kriterien.

Schmid: Genau. Theoretisch. 

Steiner: In der Praxis wären es aber Steiner und Schmid.

Schmid: Genau. Ich habe kürzlich in einem Interview mit einem Ethiker gelesen, dass die Ärzte eine Intensivbehandlung ablehnen sollen, wenn der Sterbeprozess bereits begonnen hat, keine Besserung in Aussicht steht oder der Aufenthalt in der Intensivstation von zu langer Dauer sein wird. Es entscheiden rein medizinische Kriterien, bei denen die klinische Erfolgsaussicht im Mittelpunkt steht.

Steiner: Interessant. Wie weiß er, wie lange eine Behandlung dauert?

Schmid: Mit Prognose, was denn sonst. Mehr hat er nicht. Wir leben im Prognosezeitalter.

Steiner: Zurück zum Fall. Wem wird geholfen: Wer die höheren Überlebenschancen hat oder wer die Maßnahmen dringender benötigt?

Schmid: Die Erfolgsaussicht kommt zuerst. Das sind schwierige Entscheidungen. Wer sagt ihm, ob beim »leichteren« Fall nicht auch Komplikationen auftreten können? Verhält sich das SARS-CoV-2 so, wie man es erwartet? Auch hier stehen wir vor der Situation, dass der Arzt nicht weiß, was geschehen wird. Er muss aber einschätzen, wie er Todesfälle verhindern kann. Natürlich immer auf Grundlage der verfügbaren Ressourcen und des Wissens. Und, mein Lieber, ganz wichtig ist, es dürfte das Mehraugenprinzip gelten. Es sollen immer noch andere Kollegen den Fall beurteilen.

Steiner: Okay. Zweiter Fall: Alle Intensivplätze sind besetzt. Bei einem der Behandelten stehen die Chancen nicht so gut. Und jetzt wird Federer herangerollt.

Schmid: Es ist unzulässig, einen Patienten, auch wenn seine Überlebenschancen klein sind, von den Geräten abzuhängen, man ging ja davon aus, dass er überleben könnte. Und solange er das noch kann, darf er nicht abgehängt werden. Außer natürlich der Sterbeprozess hat begonnen oder falls eine entsprechende Patientenverfügung vorliegt. Auch wenn Federer in mancherlei Hinsicht, wie soll ich sagen, wichtiger sein mag, gibt’s keine Ausnahme.

Steiner: Ich wusste schon immer, dass Du kein Tennisfan bist.

Schmid: Fürwahr nicht, du Idiot. Tennis ist ein überschätzter Bonzensport. Federer soll doch mit seinem Privatjet in ein Privatspital in Dubai fliegen.

Steiner: Und wenn die Patientin schwanger ist.

Schmid: Ändert nichts. Sie muss warten. Es gibt keine Berechnungen von Lebensjahren und keine Bewertungen von Leben. Auch nicht von ungeborenen Leben. Ich glaube nicht, dass das aktive Beenden einer laufenden, weiterhin notwendigen Behandlung, bei der es Aussicht auf Erfolg gibt, zur Rettung eines Dritten zulässig ist.  

Steiner: Dritter Fall: Die problematischen Erkrankungen nehmen langsam ab. In der Intensivstation gibt es ein freies Bett. Jetzt kommt ein schwieriger Fall. Der Patient hat geringe Überlebenschancen. Darf der Arzt sagen, wir behalten das Bett frei, weil vielleicht am selben Tag noch ein anderer Patient kommt, der gute Chancen hat?

Schmid: Eigentlich müsste die Antwort nach dem bisher Gesagten klar sein: Nein. Aber ich gebe zu, das ist eine heikle Entscheidung. Was ist, wenn kein anderer Patient eingewiesen wird? 

Steiner: Gut. Es stehen zwei Fälle gleichzeitig vor der Tür: eine junge, schwangere Frau und ein Mann in mittleren Jahren. Was sagt der Intensivarzt?

Schmid: Eine knifflige Ausgangslage. Der Arzt muss nach medizinischen Kriterien beurteilen, wer dringender eine Behandlung braucht und bei wem die Erfolgsaussichten besser stehen. Wenn die medizinische Lage wirklich genau gleich ist, tendiere ich für die junge Frau.

Steiner: Also doch.

Schmid: Was soll das wieder heißen?

Steiner: Es findet eine Bewertung statt. 

Schmid: Meinetwegen.

Steiner: Glaubst Du wirklich, in England hätten die Verantwortlichen Boris Johnson darben lassen, wenn kein Beatmungsgerät zur Verfügung gestanden hätte?

Schmid: Es gibt immer eine Differenz zwischen Theorie und Praxis. Im schlimmsten Fall müsste am Schluss Johnson damit klarkommen, dass er nur überlebt hat, weil jemand anderer gestorben ist. Die Sterbezahlen in den USA wären nicht so hoch, wenn alle jene Behandlung bekommen hätten, die Trump erhalten hat. 

Steiner: Aber weißt Du was?

Schmid: Nein.

Steiner: Irgendwie haben wir doch auch die Frage der Eigenverantwortung und Solidarität gestreift?

Schmid: Hä?

Steiner: Das ist doch ein schönes Beispiel. Der ideale Modellintensivmediziner, von dem wir es gerade hatten, muss beides gleichzeitig tun, er muss individuell und gesellschaftlich handeln. Irgendwie dialektisch eben. 

Schmid: Solidarische Eigenverantwortung oder eigenverantwortliche Solidarität? 

Steiner: Irgendwie.

Schmid: Mein Lieber, ich weiß nicht, ob Du das in dieser Art und Weise aufdröseln kannst. Vielleicht trägt er eine kollektive Verantwortung.

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