»Der Ursprung ist da, wo er ist.« Die WHO will zusammen mit China erforschen, wo die Ursprünge der Pandemie liegen. Das ist politisch ein heikles Unterfangen, schreibt Frederike Böge in der FAZ.

Wie in den hier vorliegenden Querverweisen schon mehrfach ausgeführt wurde, zuletzt in den Wuhan Files, wird die Suche nach dem Ursprung des Virus nicht nur von der Wissenschaft bestimmt, sondern und vor allem auch von der Politik. Mal ist es die US-amerikanische Regierung, die einen Laborausbruch in Wuhan vermutet, mal ist es das chinesische Regime, das von einem Viren-Import nach China spricht.

Immerhin haben sich jetzt die Regierung und die WHO auf eine Liste von zehn Wissenschaftlern geeinigt, die der Frage nachgehen sollen, wie und wo die entscheidende Übertragung auf den Menschen stattgefunden hat. Fabian Leendertz vom Robert-Koch-Institut (RKI) ist Tiermediziner und steht ebenfalls auf der Liste. Er und sein Team konnte 2014 in Guinea jenen Baum identifizieren, auf dem sich eine Fledermaus befand, von der das Ebola-Virus auf einen Jungen übergesprungen ist. Leendertz betont die Schwierigkeit, die Schuldfrage außen vor zu lassen. Solche Übertragungen können überall passieren, dass es Guinea traf, ist schlichtweg Zufall. Aber einen Schuldigen zu definieren, ist unzulässig.

Gleichwohl denken die Leute und missgünstige Politiker eben doch in Denkschachteln moralischer Zuschreibungen. Im Minenfeld der chinesisch-amerikanischen Beziehungen sind solche Bewertungen gefährlich. Deshalb erstaunt nicht, dass es lange gedauert hat, bis man sich auf einen Handlungsrahmen der Nachforschungen geeinigt hat.

Als erstes finden digital geführte Konsultationen mit chinesischen Forschern statt. Damit will das Team herausfinden, wohin man allenfalls reisen muss, um die Erkundungen zu vertiefen. Dabei stehen drei Fragen im Zentrum:

1. Welche Tiergattung stellt das Reservoir des Erregers dar? Erkenntnisse zum SARS-CoV-1 und zu Ebola legen nahe, zuerst Fledermäuse zu untersuchen. Falls sich der Fledermaus-Verdacht erhärtet, könnte man Maßnahmen gegen die weitere Verbreitung erlassen, wie beispielsweise das Verbot des Sammelns von Fledermauskot.

2. Welches Tier dient als Zwischenwirt? Die ursprüngliche Annahme, es sei ein Schuppentier, hat sich nicht bestätigt und steht nicht mehr im Vordergrund. Leendertz würde gerne die Pelztierfarmen genauer unter die Lupe nehmen. Zum Beispiel indem man feststellt, ob Fledermäuse in den Gebälken von solchen Farmen hausen.

3. Wo und wie ist das Virus auf den Menschen übertragen worden? Hierfür zöge man die Analyse von gefrorenen Blutproben erkrankter Personen heran. Da bei weitem nicht alle Infizierten erkranken, ist es praktisch unmöglich, den Träger 0 zu finden. Es ist sehr gut möglich oder gar wahrscheinlich, dass dieser keine Symptome aufwies und daher gar nicht auf dem Radar erscheint. In diesem Zusammenhang ist die Rolle des Wuhaner Lebendtiermarktes noch weiter zu beleuchten. Als Ursprung steht er kaum mehr in Verdacht, aber als Superspreader-Ort dürfte er eine bestimmte Rolle gespielt haben.

Diese Perspektive gefällt der chinesischen Regierung überhaupt nicht. Sie würde gerne den Fokus auf andere Aspekte lenken. Hier braucht es das diplomatische Geschick des Forscherteams, das immer wieder darauf hinweisen muss, dass die wissenschaftliche Beweislage den Erkenntnisprozess steuert und keineswegs politische Erwägungen. Also müssen die von China unter Verdacht stehenden Importe aus Indien und Italien genauso untersucht werden, wie Spuren, die allenfalls in ein Labor führen würden, was Leendertz aber als extrem unwahrscheinlich erachtet. Er meint lakonisch: »Ich halte mich an meine Expertise. Der Ursprung ist da, wo er ist.«

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