Hufeisennase

Im Zusammenhang mit der Erforschung der SARS-Viren hat die Hufeisennase eine gewisse traurige Berühmtheit erlangt.

Im Jahre 2013 konnte die chinesische Forscherin Shi Zhengli nachweisen, dass der SARS-CoV-Ausbruch 2002/2003 auf Viren zurückzuführen ist, die sie in der Chinesischen Hufeisennase (Rhinolophus sinicus) gefunden hat. Es ist zwar noch nicht restlos geklärt, von welchem Tier das neue SARS-CoV-2 den Weg zum Menschen gefunden hat, aber es gibt Hinweise, dass wiederum Hufeisennasen am Ursprung stehen.

Möglich also, dass es auch in diesem Fall wie beim SARS-CoV eine Chinesische Hufeisennase gewesen ist. Wahrscheinlicher ist nach wissenschaftlichen Überprüfungen von Genomen allerdings die Theorie, dass eine Java-Hufeisennase (Rhinolophus affinis) Trägerin des SARS-CoV-2 sein könnte. Das Betacoronavirus SARS-CoV-2 stammt biologisch gesehen vermutlich vom sogenannten RaTG 13-Virus ab, die Genome beider Viren stimmen zu 96,2 Prozent überein. Sie sind zwar nicht identisch, »aber die Hypothese, dass das 2019-nCoV von Fledermäusen stammt, ist sehr wahrscheinlich«, sagt Peng Zhou in nature. RaTG 13-Viren wurden in Kot-Abstrichen der Java-Hufeisennase in Yunnan gefunden.

Hufeisennasen also.

Eine Ehrenrettung

Ein Viertel aller Säugetierarten stellen die Fledermäuse dar. Bis jetzt sind neunhundert verschiedene Arten bekannt. Darunter finden sich auch 109 Arten der Hufeisennase.

Fledermäuse sind für die Regulierung der Insektenpopulation enorm wichtig. Sie können bis zu 1000 Mücken pro Stunde verschlingen. Zudem bringen sie auch der Landwirtschaft einen großen Nutzen, weil sie Schädlinge essen. Laut Schätzung des kanadischen Evolutionsspezialisten Dan Riskin wird der Wert dieses Nutzens für die US-Agrarwirtschaft auf jährlich eine Milliarde US-Dollars veranschlagt (Quelle CNN), einerseits durch Einsparungen von Pestiziden, andererseits durch Ertragssteigerungen.

In der Familie der 109 Hufeisennasenarten (Rhinolophidae) kommen auch Arten in Mitteleuropa vor, zum Beispiel die Kleine Hufeisennase und die Große Hufeisennase. Eine ähnliche Art wie die Große Hufeisennase ist die Chinesische Hufeisennase, sie findet man im südlichen Teil von China und in Teilen Myanmars und Nepals. Sie ist nicht zu verwechseln mit der Java-Hufeisennase, die im gleichen Gebiet zu Hause ist, aber gegen Süden hin sich bis nach Indonesien ausgebreitet hat.

Den Namen trägt die Fledermaus aufgrund des hufeisenförmigen Hautlappens, der die Oberlippe bedeckt, sich um die Nasenlöcher rankt und bis zur Stirn hinauf reicht. Weitere Hautlappen ragen vom Gesicht, andere in Lanzettenform vom Kopf weg.

Ein ausgefeiltes Peilsystem mit Echoortung, die auf von den Oberflächen zurückgeworfenen Hochfrequenzlauten, die sie ausgestossen haben, basiert, ermöglicht es ihnen, verschiedene Insekten zu unterscheiden und Gegenstände, Pflanzen und Tiere zu erkennen. Hufeisennasen können gleichzeitig rufen und horchen. Aufgrund der Bauweise der Flügel können sie zwar nicht sehr schnell fliegen, sind aber dennoch wendig und geschickt. Im Gegensatz zum Gemeinen Vampir können sie sich nicht auf allen Vieren fortbewegen. Auch die Hufeisennasen ruhen kopfüber hängend.

Die Chinesische und die Java-Hufeisennase haben eine Unterarmlänge von 43 bis 56 mm, eine Ohrlänge von 14 bis 23 mm und eine Schwanzlänge von 21 bis 30 mm. Die Flügelspannweite reicht von 290 bis 364 mm. Insgesamt gilt sie als mittelgroße Hufeisennase. Sie ähnelt im Aussehen der weit verbreiteten Rötlichen Hufeisennase, hat allerdings längere Flügel. Das Fell auf ihrem Rücken ist bei der Chinesischen zweifarbig: die unteren zwei Drittel der Haare sind bräunlich-weiß, während die Haarspitzen rötlich-braun sind. Das Bauchfell ist heller gefärbt und bräunlich-weiß. Java-Hufeisennasen sind eher gelblich bis orangefarben.

Auch wenn sie Warmblütler sind, fahren sie im Winter ihre Temperatur herunter und verfallen in einen lethargischen Zustand, den man Topor nennt.

Die Hufeisennasen jagen ihre Beute (Käfer, Nachtfalter, Fliegen, Schnaken, Spinnen) meistens in der Abend- und Morgendämmerung, entweder direkt in der Luft oder von Oberflächen weg. Da sie nicht blind sind, können sie auf ihrem Beuteflug auch die Augen benutzen. Für das ökologische Gleichgewicht spielen sie als Insektenverzehrer eine bedeutende Rolle.

Hufeisennasen paaren sich im Spätsommer. Die Weibchen können das Sperma mehrere Monate im Körper speichern, so dass die Geburt des Nachwuchses erst im Frühjahr stattfindet. Weibchen finden sich für den Wurf in sogenannten Wochenstuben zusammen. Nach etwa dreißig Tagen gehen die Jungen selbständig auf die Jagd. Nach drei Jahren sind sie geschlechtsreif. Die Chinesischen Hufeisennasen leben im Gegensatz zu anderen Arten meist in Kolonien.

Hufeisennasen bevorzugen Regionen, die unter achthundert Metern über Meer liegen, es wurden aber auch schon Wochenstuben auf tausendfünfhundert Metern und einzelne Tiere auf dreitausend Metern gesichtet.

Sie leben in Höhlen, offenen Gebäuden, Bergwerkstollen, Plantagen oder Tunnels. Wohnsiedlungen, in denen sie keine offen zugänglichen Nischen finden, meiden sie. Sie sind nicht bedroht. In ihrem Verbreitungsgebiet gibt es aber immer weniger naturnahe Landschaften. Sei es durch Agrarwirtschaft, durch Industrialisierung, durch Zersiedelung oder durch Infrastrukturbauten werden die Räume für Hufeisennasen immer enger und unzugänglicher. Isolation und Fragmentierung von Lebensräumen gehören zu den Hauptproblemen für die Tiere. Hinzu kommen Pestizide, die sie durch ihre Nahrung einnehmen. 

 

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Quellen:

Peng Zhou et al in:  https://www.nature.com/articles/s41586-020-2012-7

Die Informationen sind dem online verfügbaren WWF-Artenlexikon entnommen. https://www.wwf.de/themen-projekte/artenlexikon/hufeisennasen/ (abgerufen am 16.4.2020)