Was kostet ein Leben? Was kostet ein Leben mit Corona? Was kostet ein Lebensjahr? Unangenehme Fragen, noch unangenehmere Antworten. Und ein Nachtrag zu den Verlusten in der Gastroszene.

Es gibt zahlreiche Perspektiven auf ein Ereignis. Man steht auf der Terrasse des Sendeturms des Chasserals und blickt auf den Alpenbogen. Ein paar Tage später schaut man vom Uetliberg auf dieselben Gipfel – und manche Berge erkennt man kaum wieder. Das Schreckhorn beispielsweise verliert vom Osten her betrachtet seinen Schrecken. Je nachdem von welchem Standort man auf eine Sache blickt, rücken andere Eigenheiten in den Fokus. Soweit so banal.

Die Ökonomen haben ebenfalls ihre Sichtweise auf die Pandemie. Und diese Sichtweise wird durch Geldbeträge geprägt. Der Unterschied zum Betrachten des Alpenbogens ist einleuchtend: Die Spitze des Schreckhorns liegt 4068 Meter über Meer, ob man nun auf dem Chasseral steht oder auf dem Uetliberg. Die Fakten bleiben gleich, das Aussehen verändert sich je nach subjektivem Standort. Die Wirtschaftswissenschaft ist aber eine sozialwissenschaftliche, bisweilen eine geisteswissenschaftliche, mitunter gar eine naturwissenschaftliche Disziplin. Die Fakten sind also doppelt variabel: nicht nur das Aussehen eines Gegenstandes verändert sich, sondern auch die nackten Zahlen variieren je nach Zugangsweise. Denn sie hängen von der gewählten Methode ab. Manchmal auch von der Ideologie. Die Lektüre über die Methodologie und die Methodenvielfalt ist uferlos. So ist es nicht überraschend, dass es etwa in der Gesundheitsökonomie verschiedene Auffassungen gibt, wie viel ein Menschenleben wert ist. Dieses Problem ist sich Christoph Eisenring in seinem Artikel bewusst. Gleichwohl versucht er auszurechnen, wieviel uns die Pandemie kosten könnte.

Vorerst zur klassischen Volkswirtschaft. Vergleichsweise einfach ist eine ungefähre Berechnung des ökonomischen Schadens der Pandemie. Man vergleicht die Wachstumserwartungen von vor der Krise mit den Szenarien, die nun anhand realer Zahlen mitten in der Krise entworfen werden. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) schätzte 2019 das Wachstum für die Jahre 2020 und 2021 auf 1,7% bzw. 1,2%. Das Coronavirus wird 2020 vermutlich für einen Rückgang des Bruttosozialprodukts von 3,8% verantwortlich sein. Nachher dürfte sich die Lücke langsam wieder schließen, vor allem, wenn die Impfung tatsächlich im Laufe des Jahres 2021 ihre Wirkung entfalten sollte. Der Verlust der Wertschöpfung berechnet das Seco somit auf CHF 70 Mia. Dies entspricht ungefähr 10% der Wirtschaftsleistung von 2019.

Der gesamtwirtschaftliche Schaden wird aber nicht nur in diesen Zahlen widerspiegelt. Eisenring geht davon aus, dass vermutlich 7000 Menschen an Covid sterben werden. Anfang 2021 sind wir schon bei über 7000 und täglich müssen hohe zweistellige bzw. tiefe dreistellige Todesfälle hinzugezählt werden. Wir bleiben aber vorderhand bei Eisenrings Schätzungen vom November 2020. Bei der Berechnung eines Lebens stützt er sich auf Studien von Harvard-Ökonomen. Dort wird für einen Corona-Todesfall CHF 6,3 Mio. eingesetzt. Macht bei 7000 Opfern also CHF 44,1 Mia. Zu bedenken ist, dass vorwiegend ältere Menschen an Corona sterben. Im Vergleich zu den Jüngeren geben sie durchschnittlich weniger Geld aus für den Konsum.

Hier zeigt sich die Problematik solcher Rechnungen. Deshalb sei hier noch skizzenhaft eine andere Schätzung vorgestellt: Die amerikanische Umweltbehörde hat ebenfalls kalkuliert, wie viel ein Leben wert ist. Damit will die Behörde berechnen, wie sich Gesetze für die Umwelt rein ökonomisch auf ein Menschenleben auswirken. Sie veranschlagen ein Leben auf CHF 10,7 Mio. Das zeigt, dass die Harvard-Ökonomen bereits einen erheblich tieferen Wert einsetzen. Dies ist dem höheren Alter der Betroffenen geschuldet.

Zu den Kosten der Todesfälle kommen noch jene der Behandlung von Spätfolgen der Erkrankten. Allerdings wird hier nur auf jene Fälle zurückgegriffen, die auch hospitalisiert worden sind oder in ärztlicher Behandlung waren und deshalb sozusagen offiziell als Coronafälle gelten. Was off-the record geschieht, kann nicht ermittelt werden. Eisenring schätzt die Anzahl auf 17'500 Betroffene. Anhand britischer und US-amerikanischer Studien kämpfen 35% der Patienten noch lange nach der eigentlichen Erkrankung mit Komplikationen. Jüngste, kleinere Erhebungen in der Schweiz (in Genf) bestätigen dies. Die Gesundheitsschäden würden sich auf CHF 12,7 Mia. belaufen.

Weiters sind noch psychische Beeinträchtigungen zu erwarten. Die Axa-Versicherungen gehen davon aus, dass in der Schweiz zurzeit etwa 636'000 Personen psychische Hilfe in Anspruch nehmen dürften. Wiederum auf US-amerikanischen Studien stützend, die die psychische Beeinträchtigung bewerten, können 20% der Kosten dieser psychologischen oder psychiatrischen Behandlungen auf eine Covid-Erkrankung zurückgeführt werden. Die Behandlungskosten jährlich betragen pro Person ungefähr CHF 90'000. Insgesamt wären das dann CHF 11,4 Mia.

Die Gesundheitskosten belaufen sich also, wenn man alle diesbezüglichen Beträge summiert, auf CHF 68,2 Mia.

Eisenring rechnet die volkswirtschaftlichen und die gesundheitlichen Kosten zusammen und kommt auf eine Summe von CHF 138 Mia., umgerechnet auf eine erwachsene Person: CHF 16'000.

Der Professor Dirk Krüger von der University of Pennsylvania sagt in der NZZaS vom 10.5.2020, er rechne üblicherweise ebenfalls mit dem Wert der Umweltbehörde, für die Pandemie halte er jedoch einen alternativen Ansatz für aufschlussreicher. Man müsse nämlich die Sache von der anderen Seite her betrachten, von den verlorenen Lebensjahren her. Krüger beziffert den Betrag, der jährlich bei einem eher älteren Corona-Opfer verloren geht, auf ungefähr CHF 488'000. Das sei nicht so viel, denn die Menschen in höherem Alter geben vergleichsweise weniger Geld aus und schöpfen auch weniger Geld als jüngere. Wenn man also mit einem Durchschnittswert über die ganze Bevölkerung rechnen würde, ergebe das eine Verzerrung, sagt Krüger.

Seine Untersuchungen zeigen, dass die Belastungen für verschiedene Gesellschaftsgruppen sehr unterschiedlich sind. Von den Lockdowns etwa profitieren die älteren Leute am meisten und – nicht sehr überraschend – trifft es die jungen Arbeitnehmer der Lockdown-betroffenen Branchen am härtesten. Mit der von Krüger kalkulierten jährlichen Verlustsumme von CHF 488'000 kann auch in unserem Fall weitergerechnet werden. Wenn man diesen Betrag unverändert auf die Schweiz übernimmt und gleichzeitig den Durchschnittswert heranzieht, den ein Corona-Opfer an Lebensjahren verliert, der hier auf 5 Jahre veranschlagt wird, käme man bei 7000 Corona-Todesfällen auf ca. CHF 17,1 Mia. (Experten des Deutschen Pathologenverbandes haben aufgrund von Obduktionen den durchschnittlichen Verlust von Lebensjahren auf 10 Jahre beziffert. Das ist viel. Hier wird konservativer gerechnet: Die nach Alter geordnete Lebenserwartung wird mit den nach Alter geordneten Sterbetabellen verrechnet. Dann käme man durchschnittlich auf etwa 8 Jahre, die ein älterer Mensch noch vor sich hätte. Berücksichtigt man noch den Fakt, dass häufiger vorerkrankte Menschen mit etwas tieferer Lebenserwartung sterben, wird hier mit 5 Jahren gerechnet.)

Wenn man die Methode von Krüger heranziehen würde, käme man bei den Gesundheitskosten auf etwa CHF 41,2 Mia.

Unterdessen schreiben wir das Jahr 2021. Die Anzahl Todesopfer hat die Marke von 7000 schon weit überschritten.

Berechnungen gehen von 12'000 bis 15'000 Opfern bis Ende März aus. Bleiben wir konservativ und rechnen mit 12'000. Wir passen Eisenrings Rechnung und die Kalkulation nach Krüger an.

Eisenring: Die Kosten der Todesopfer wären somit CHF 75,6 Mia.; Langzeitfolgen bei ca. 30'000 Patienten belaufen sich auf CHF 21,7 Mia. Zusammengenommen mit den Kosten wegen psychischen Behandlungen von geschätzten CHF 19,5 Mia ergäbe dies allein für die Gesundheitskosten: CHF 116,8 Mia. Der gesamte wirtschaftliche Schaden betrüge CHF 186,8 Mia.

Krüger: Die Gesundheitskosten beliefen sich auf etwa CHF 70,5 Mia., die Gesamtkosten auf CHF 140,5 Mia.

Welche Zahlen man immer auch als Basis heranzieht, so kann man gleichwohl festhalten, dass die Kosten enorm sind. Und wie diese behelfsmäßigen, sicherlich noch zu präzisierenden und vertiefenden Berechnungen zeigen, ist es ökonomisch ratsam, möglichst wenige Ansteckungen zu riskieren. Die gesundheitlichen Kosten belaufen sich im Januar 2021 auf die Hälfte des Gesamtschadens. Je länger die Bekämpfung der Pandemie hinausgezögert wird, je länger sich also zu viele Leute noch infizieren, desto größer wird der zu erwartende Schaden. Es wäre für alle klug, die Ausbreitung markant zu bremsen. Zu jedem verlorenen Franken in der volkwirtschaftlichen Rechnung wird mit der konservativsten Rechnung einen Franken für die gesundheitlichen Kosten addiert. Mit einer vernünftigen Eindämmungsstrategie könnten die gesamtwirtschaftlichen Schäden beträchtlich gesenkt werden. Einfach warten auf die Impfung reicht nicht.

Nachtrag

Ein Restaurantunternehmer, Weinhändler und Immobilienbesitzer in Zürich hat Anfang Januar vorgerechnet, dass dem gesamten schweizerischen Gastrobereich dereinst Verluste in der Höhe von CHF 2 Mia. bis CHF 2,5 Mia. zu Buche stehen würden. Er ruft den Bundesrat auf, der Branche Hilfeleistungen zukommen zu lassen. Auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die vor einer ungewissen Zukunft stünden. Mit den Forderungen hat er recht. 

Aber: Er müsste dies alles mit den gesamtgesellschaftlichen Kosten und Verlusten in Beziehung setzen. Nimmt man die obigen Überlegungen ernst und hört man auch auf das, was Wirtschaftswissenschaftler und der Internationale Währungsfonds raten, wäre es ökonomisch am sinnvollsten, wenn die Fallzahlen schnellstmöglich sinken würden, also harte Maßnahmen ergriffen würden. Damit könnten mittelfristig moderate Lockerungen wieder ins Auge gefasst werden. Auch für Restaurants.

Der vom Restaurantbesitzer genannte Betrag entspricht jenem von 1050 Todesfällen (nach Krüger). Geht der Trend in der Schweiz mit durchschnittlich etwa 75 Todesfällen pro Tag weiter, hat man die Marke von CHF 2,5 Mia. in zwei Wochen erreicht.

Rechne und handle!

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