Was meinen eigentlich Frankenstein und Dracula zum ganzen Schlammassel?

Zitate aus: Mary Shelleys: Frankenstein: Oder der moderne Prometheus. Die Urfassung von 1818, Übersetzung Alexander Pechmann, München 2017 und: Bram Stoker: Graf Dracula: Ein Vampyr-Roman, Leipzig 2019

Aus Mary Shelleys Frankenstein: Oder der moderne Prometheus

Dr. Frankenstein:

»Es war bereits ein Uhr morgens. Trostlos prasselte der Regen gegen die Fensterscheiben, und meine Kerze war beinahe heruntergebrannt, als ich im Schimmer des gerade erlöschenden Lichts sah, dass sich das trübe Auge der Kreatur öffnete. Sie atmete schwer, und ihre Glieder wurden von krampfartigen Zuckungen geschüttelt.

Wie kann ich die Gefühle angesichts der Katastrophe schildern, wie den elenden Teufel beschreiben, auf dessen Erzeugung ich solch unendliche Mühe und Sorgfalt verwendet habe? Seine Glieder waren ebenmäßig, und seine Züge hätten schön sein sollen. Schön! Großer Gott! Seine gelbliche Haut bedeckte kaum das darunterliegende Geflecht aus Muskeln und Arterien. Sein Haar war glänzend schwarz und lang, seine Zähne weiße Perlen, aber diese Pracht bildete lediglich einen noch erschreckenderen Kontrast zu seinen wässrigen Augen, die beinahe dieselbe Farbe hatten wie die schmutzig grauen Höhlen, in die sie gesetzt waren, zu seiner welken Gesichtsfarbe und seinen schmalen, schwarzen Lippen.

Die verschiedenen Zufälle des Lebens sind nicht so wechselhaft wie menschliche Gefühle. Ich hatte fast zwei Jahre lang geschuftet, nur um einen unbeseelten Körper mit Leben zu erfüllen. Um dieses Zieles willen hatte ich auf Ruhe verzichtet und meine Gesundheit vernachlässigt. Ich hatte es mit einer jedes Maß übersteigenden Gier herbeigesehnt, nun aber, da das Werk vollbracht war, verblasste der schöne Traum, und Abscheu und atemloses Grauen erfüllten mein Herz. Unfähig, den Anblick des Wesens zu ertragen, das ich erschaffen hatte, floh ich aus dem Labor.« 

 

Dr. Frankenstein:

»›Grässliches Monster! Du Satan, du! Die Folterqualen der Hölle sind eine zu milde Buße für dein Verbrechen. Elender Teufel! Du machst mir deine Erschaffung zum Vorwurf; also komm her, damit ich den Funken ersticke, den ich so leichtsinnig schenkte.‹

Mein Zorn kannte keine Grenzen. Ich stürzte mich auf ihn, getrieben von all den Gefühlen, die ein Wesen dazu bringen kann, einem anderen nach dem Leben zu trachten.

Er wich mir mühelos aus und sagte: ›Beruhige dich! Ich bitte dich, mich anzuhören, bevor du deinen Hass freien Lauf lässt und mir den todgeweihten Schädel einschlägst. Habe ich nicht zu sehr gelitten, als dass du mein Leid noch steigern könntest? Das Leben ist mir teuer, auch wenn es nur eine Anhäufung von Qualen darstellt, und ich werde es verteidigen. Denk daran, dass du mich stärker gemacht hast als dich selbst. Ich bin größer als du, meine Glieder sind beweglicher. Aber du wirst mich nicht dazu verleiten, mich gegen dich zu wenden. Ich bin dein Geschöpf… O Frankenstein, sei nicht allen anderen gegenüber gerecht, nur um mich, dem deine Gerechtigkeit und sogar deine Gnade und Zuneigung mehr als jedem anderen zustehen, mit Füßen zu treten… Ich hätte dein Adam sein können, aber ich bin eher der gefallene Engel, dem du jedes Glück verweigerst und den du grundlos bestrafst. Überall sehe ich Glückseligkeit, von der nur ich unwiderruflich ausgeschlossen bin. Ich war gütig und gut. Nur das Elend ließ mich böse werden. Mach mich glücklich, und ich werde erneut tugendhaft sein‹«

 

Frankensteins Monster:

»(Ich wurde) bald durch die Ankunft eines schönen Knaben geweckt, der voll kindlicher Spiellust auf das von mir gewählte Versteck zugelaufen kam. Als ich ihn betrachtete, fiel mir plötzlich ein, dass dieses kleine Wesen frei von Vorurteilen sein musste und in seiner kurzen Lebensspanne noch kaum ein Grausen vor Missbildung entwickelt haben dürfte. Wenn ich ihn also fangen und zu meinem Gefährten und Freund erziehen könnte, dann müsste ich auf dieser reich bevölkerten Erde nicht so einsam sein.

Von dieser Vorstellung getrieben, packte ich den vorübergehenden Jungen und zog ihn an mich. Sobald er meine Gestalt erblickte, hielt er sich die Hände vor die Augen und stieß einen schrillen Schrei aus. Ich zog seine Hand mit Gewalt von seinem Gesicht und sagte: ›Kind, was soll das bedeuten? Ich will dir nicht wehtun. Hör mich an. ‹

Er wehrte sich heftig: ›Lass mich gehen, Scheusal!‹, schrie er. ›Hässlicher Teufel! Du willst mich verschlingen und in Stücke reißen…! Du bist ein menschenfressendes Ungeheuer… lass mich los! Oder ich sag’s meinem Papa.‹

›Junge, dein Vater siehst du nie wieder. Du musst mit mir kommen.‹

›Garstiges Untier! Lass mich los! Mein Papa ist Anwalt… er heißt Monsieur Frankenstein… er wird dich bestrafen. Du traust dich nicht, mich festzuhalten.‹

›Frankenstein! Du gehörst also meinem Feind – zu demjenigen, dem ich ewige Rache geschworen habe. Du sollst mein erstes Opfer sein.‹«

 

Dr. Frankenstein:

»Eines der Phänomene, dem ich besondere Aufmerksamkeit widmete, war die Zusammensetzung des menschlichen Körpers und eigentlich eines jeden lebendigen Wesens. Worin, fragte ich mich häufig, besteht die Grundlage des Lebens? Es war eine verwegene Frage und eine, die man seit jeher für ein unlösbares Rätsel gehalten hat. Doch wie viele Geheimnisse hätten wir längst erkundet, wenn uns nicht Feigheit oder Nachlässigkeit vom Forschen abhielten? Solcherlei Gedanken gingen mir durch den Kopf, und ich beschloss, mich fortan mit jenen Bereichen der Naturkunde zu beschäftigen, die für die Physiologie bedeutsam sind.«

 

Aus Bram Stokers Graf Dracula

Eine der berühmtesten fledermausartigen Figuren ist Graf Dracula. Bram Stoker verflicht in diesem Tagebuch-, Depeschen- und Briefroman Jahrhunderte-alten Volksglauben zu einer Schauergeschichte, die zu einem der Klassiker der Gothic-Novel-Literatur geworden ist. Das übersinnliche und geheimnisumwitterte Böse, das aus der Vergangenheit kommt, trifft auf die Moderne des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in der Wissenschaft und Technik immer größeren Einfluss auf das Leben gewinnen. Das Böse, symbolisiert durch den transsilvanischen Schlossherrn und Vampir Graf Dracula, sucht sich immer neue Opfer, an denen er seinen Blutdurst stillen kann. Unter anderem auch Lucy und Mina, die Verlobte des Protagonisten Jonathan Harker, hat er im Auge. Van Helsing, Dr. med., Dr. phil., Dr. lit., der auch mal zu unkonventionellen Methoden greift, sammelt ein paar Vertraute um sich, um die dunkle Seite der Macht, die vom blutsaugenden Vampir ausgeht, zu bannen.

Gerade eben überraschen Dr. Seward und Van Helsing den Grafen, als er sich über eines seiner Opfer hermacht. 

Aus Dr. Sewards Tagebuch:

»Seine Augen flammten in roter Höllenglut, die weiten Nüstern der weißen Adlernase öffneten sich und zitterten; die weißen scharfen Zähne, die hinter den vollen Lippen des bluttriefenden Mundes sichtbar wurden, schlugen zusammen wie die eines wilden Tieres. Mit einem mächtigen Stoß warf er sein Opfer zurück, dass es sich überschlug, wie von einem Berge herabgeworfen, und stürzte sich auf uns. Eben hatte der Professor sich aufgerafft und hielt dem Vampir die Büchse entgegen, in der sich die heilige Hostie befand. Der Graf blieb sofort stehen … und zog sich zurück. Immer weiter wich er von uns, die ihn mit den hocherhobenen Kruzifixen bedrängten. Der Mond verdunkelte sich einen Augenblick, scheinbar zog eine Wolke an ihm vorüber; und als das Gaslicht unter dem Streichholz Quinceys aufflammte, sahen wir nichts mehr als einen dünnen Dampf.«

 

Aus Dr. Sewards Tagebuch:

»Als Renfield mich erblickte, wurde er rasend und hätte mich unfehlbar getötet, wenn nicht die Wärter rechtzeitig zur Hand gewesen wären. Nachdem es uns gelungen war, ihn festzuhalten, geschah etwas Unerklärliches. Erst verdoppelte er seine Anstrengungen und beruhigte sich dann sehr rasch. Ich sah unwillkürlich herum, konnte aber nichts wahrnehmen. Dann folgte ich der Richtung des Blickes meines Patienten, bemerkte aber nichts, als dass er einer im Mondlicht flatternden großen Fledermaus nachstarrte, die schweigend gespenstisch gegen Westen flog. Fledermäuse pflegen in der Regel zu flattern und zu schwirren, diese aber zog gerade ihres Weges, als wenn sie einem besonderen Ziele zustrebe und irgendeine bestimmte Absicht verfolge. Der Patient wurde immer ruhiger… Ich fühle, dass etwas Ominöses in seiner Ruhe liegt, ich werde diese Nacht nie vergessen.«

 

Aus Mina Harkers Tagebuch:

»Ich sah den Grafen in der Kiste auf der Erde liegen, die ihn infolge des Sturzes vom Wagen teilweise bedeckte. Er war totenbleich, wie eine Wachsfigur, und die roten Augen glühten in dem unheimlichen sieghaften Feuer, das ich so gut kannte. 

Als diese Augen die sinkende Sonne erblickten, wich der Ausdruck des Hasses aus ihnen und leuchteten in wildem Triumph.

Aber im gleichen Augenblick sauste blitzend Jonathans großes Messer hernieder. Ich erschrak, als ich sah, wie es im scharfen Schnitt die Kehle des Grafen durchhieb; kurz darauf durchbohrte Herrn Morris scharfes Jagdmesser das Herz Draculas.

Es geschah ein Wunder: vor unser aller Augen und ehe wir es noch recht fassen konnten, zerfiel der ganze Körper in Staub und entschwand unseren Blicken.«

 

Aus Jonathans Harkers Tagebuch: 

»Ich hielt einen Augenblick inne und betrachtete den Grafen. Es lag ein höhnisches Lächeln auf dem aufgedunsenen Gesicht, das mich hätte wahnsinnig machen können. Das war also das Wesen, dem ich helfen wollte, nach London überzusiedeln, wo es vielleicht Jahrhunderte lang unter den sich drängende Millionen von Menschen, sein Blutgier befriedigen und einen sich immer vergrößernden Kreis von Halbdämonen schaffen würde, um sie auf die Wehrlosen zu hetzen. Schon der Gedanke machte mich rasend.«

 

Apropos »Aerosole«:

Van Helsing bedient sich aber zur Abwehr von Vampiren nicht immer nur rein naturwissenschaftlicher Methoden.

Aus Dr. Seward Tagebuch:

»Die Tätigkeit des Professors war sicherlich eine sehr seltsame und wäre wohl in keiner Pharmakopöe, die mir irgend bekannt war, zu finden gewesen. Erst befestigte er die Fenster und verschloss sie ganz sorgfältig. Dann nahm er eine Handvoll Knoblauch und rieb damit die Fensterrahmen ein, als wolle er sich versichern, dass jeder Luftzug, der hereinkäme, auch mit dem Duft der Blüten geschwängert sei. Dann rieb er mit dem Büschel den Türrahmen oben, unten und auf den Seiten, und schließlich den Platz um das Kamin in gleicher Weise. Es schien mir das alles sehr komisch und ich sagte zu ihm:

›Herr Professor, ich weiß ja, dass sie für alles, was Sie tun, einen Grund haben, aber das, was Sie jetzt tun, ist mir wirklich ein Rätsel. Es ist gut, dass wir keinen Spötter hier haben, er würde sagen, Sie treiben Zauberei, um irgendeinen bösen Geist fernzuhalten.‹

›Vielleicht geschieht es eben deswegen’, antwortete er ruhig…«

So wie T-Zellen und Antikörper die Viren bekämpfen, so hülfe vielleicht auch ein Anti-Aerosol mit Knoblauchduft.

Zurück zum Schreibtisch.