Schreibtisch

Unfall

Bücherparadies Zürich. Es las Adrian Stokar aus Einstürzende Gewissheiten über Lebenslügen und Selbstnotlügen. Das Gelesene illustrierte Tobias Gutmann.

«Herr Burkhart kam mit seinem Sportwagen vermutlich etwas zu schnell auf den Bahnübergang zugerast, dann versuchte er zu bremsen, glitt aber über die rutschig gewordenen Schienenstränge und den Lärchenadeln weg, rumpelte geradeaus durch den Wald, krachte zurück auf die Straße, überquerte diese und stürzte in die Tiefe. Paff. So schnell geht das ... Es war ein entsetzlicher Anblick.»

Aus: Einstürzende Gewissheiten, S. 11, © Zeichnung: Tobias Gutmann

Silvia

«So ergab sich ihr stets die Möglichkeit oder zumindest der Gedanke an die Möglichkeit, das Leben auch ganz anders und mit anderen Menschen einzurichten. Ob sie von diesem Möglichkeitsraum in den Wirklichkeitsraum wechseln wollte, blieb im Unklaren. Diese kecke Nonchalance versetzte sie in eine schon fast frivole Lage, gleichwohl vermochte sie sich letztlich nicht vorzustellen, dies wirklich auszunützen.»

Aus: Einstürzende Gewissheiten, S. 36, © Zeichnung: Tobias Gutmann

Besonderer Erzählstil, packender Roman

«Die Handlung wird nicht linear erzählt, sondern bruchstückartig mal als Brief, Tagebuchaufzeichnung, E-Mail-Dialog bis zu den Gedanken der Haushälterin der Familie Burkhart. Genau deshalb fand ich den Roman so packend. Wenn man sich auf den besonderen Erzählstil einlässt, hat man schnell die verschiedenen Puzzleteile erkannt und es entwickelt sich ein erschreckendes Familienbild voll verdrängter Geschichten und unternehmerischer Eitelkeit.»
Michael Berger, K-Punkt Kultur, Kanal K

 

Neues zum Zahlensalat

Selten gab es in der jüngeren Vergangenheit eine Zeit, in der gesellschaftsweit so viel mit Zahlen und Daten jongliert und gerechnet wurde wie in der Epoche von Corona. Die Künste der Mathematiker und Mathematikerinnen der unterschiedlichsten Wissenschaftszweige sind gefragt wie kaum je zuvor. Disziplinen sind in den Vordergrund gerückt, von denen der durchschnittlich informierte Zeitgenosse knapp den Namen kannte und im Idealfall noch das Themengebiet grob umreissen konnte. Neben den geläufigeren Fächern wie Immunologie, Molekularbiologie, Virologie, Infektiologie oder Epidemiologie tauchten Teildisziplinen wie Digitale Epidemiologie, Biostatistik, Bioinformatik, Theoretische Biologie etc. auf. Aber nicht nur die Virus-Forschung und -Ausbreitung bestimmen den Diskurs. Beziehungsweise nicht mehr nur. Nach der ersten Welle und der Beendigung der Außerordentlichen Lage in der Schweiz rückten die sozialen, psychischen, mentalen, kulturellen, politischen und ökonomischen Belange vermehrt ins Zentrum. Auch hier wird fleißig gerechnet.

Und plötzlich sehen sich Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politiker, Besserwisserinnen und Besserwisser vor der Aufgabe, längst vergessene Rechenoperationen wieder aufzufrischen und die Diskussion von Kurven wieder einzuüben. Standardabweichung? Gaußsche Verteilung? Exponential-Verteilung? Gerade Letzteres bereitet vielen Leuten Mühe. Dabei wird von den Mathematiklehrerinnen und -lehrern in allen Schulen quer durchs Land die indische Legende mit den Reiskörnern und dem Schachbrett mit viel Inbrunst und Überzeugungskraft zum Besten gegeben. Offenbar vergebens. Vielleicht wird dereinst diese hübsche Erzählung von der bis dann historisch verbrieften brutalen Ausbreitungsgeschichte der B.1.1.7.-Variante abgelöst. Wobei: wohl eher nicht.

Das mit dem Nachvollziehen von exponentiellen Entwicklungen nimmt nicht immer ein gutes Ende. Verschlimmert wird das Ganze durch das nicht aus der Welt zu kriegende Gesetz, dass in politischen Auseinandersetzungen die Vertreter der Parteien, Verbänden, Lobbies und Medien auf die Aussagen jener Experten, Studien und Berechnungen zurückgreifen, die am besten ins eigene Weltbild passen. Getreu dem Credo: Ja nicht beunruhigen lassen von lästigen Fakten, bitte. Das ist keine neue Erkenntnis. Bezüglich der Journalistengilde ist es zuweilen verwunderlich, wie in denselben Medienerzeugnissen auf den Meinungsseiten Experten zitiert werden, die auf den Wissenschaftsseiten etwas weiter hinten mit stichhaltigen Gründen schon längst kritisiert oder widerlegt worden sind. Umgekehrt werden jene Wissenschaftler, deren Studien und Prognosen sich als zutreffend erwiesen haben, aber dummerweise nicht die eigene Sichtweise stützen, in den Kommentarspalten beharrlich ignoriert. Als Laie ist man etwas ratlos, durchschaut aber mithin die Absicht.

Apropos Laiensicht: Der Schreibende spielte im Fach Mathematik nie in der obersten Liga – und auch in der zweitobersten war er immer abstiegsgefährdet –, hat aber in einem früheren Bericht aus dem Quarantän (Was kostet ein Leben?) frisch und fröhlich darauf los kalkuliert. So sitzt er im Glashaus und wirft kräftig mit Steinen um sich. Dass dabei auch einiges in Brüche gehen muss, versteht sich von selbst.

Gleichwohl.

Nochmals zu den Zahlen aus jenem Bericht aus dem Quarantän: Aus mathematisch-ökonomischer Sicht wird der Aspekt jener Rechenansätze der Gesundheitsökonomie weiterverfolgt, die versuchen zu beziffern, was uns diese Pandemie allgemein oder wieviel uns ein Lockdown im Speziellen kostet. Grundlage bei solchen Berechnungen ist die Festlegung eines Geldbetrags, wieviel ein Leben wert ist. Nun hat es sich bei dieser Pandemie, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die älteren Menschen überproportional betroffen sind, als sinnvoll erwiesen, nicht von einem fixen Betrag eines Lebens (hier variieren die Beträge zwischen CHF 6,9 Mio. und CHF 10,7 Mio.), sondern von den verlorenen Lebensjahren auszugehen. Man rechnet dabei aus, wie viel Geldwert durch frühzeitig verstorbene Patienten eingebüsst wird. Zu diesem Thema gibt es zahlreiche Untersuchungen. Gehen wir chronologisch vor.

 

Die Weltgesundheitsorganisation hat sich diesbezüglich ausführliche Gedanken gemacht, selbstredend für den ganzen Globus, kommt aber dennoch auf eine vergleichsweise simple Lösung.

1. Die Berechnungen der WHO

Die Weltgesundheitsorganisation hat zu Beginn des Jahrhunderts in einer umfassenden Studie dargelegt, wie sie die Investition für lebensrettende Gesundheitsmaßnahmen in den einzelnen Ländern berechnet. Im Guide to Cost-Effectivness Analysis von T. Tan-Torres Edejer, R. Baltussen, T. Adam, R. Hutubessy, A. Acharya, D.B. Evans und C.J.L. Murray wird für westliche und asiatische Länder das Bruttoinlandprodukt pro Kopf genommen und dieser Wert mit drei multipliziert. Je nach Wirtschaftskraft eines Landes variiert dieser Wert erheblich. Vor allem in ärmeren Staaten tendiert der Multiplikator bis gegen eins.

Neben der überstaatlichen WHO beschäftigen sich zahlreiche Gesundheitsökonomen mit dem Wert des Lebensjahres. Allein aus der Versicherungsbranche ist die Nachfrage nach solchen Berechnungen groß. Hierzu gibt es eine Übersichtsstudie des deutschen Gesundheitsökonomen Michael Schlander von der Universität Heidelberg.

2. Michael Schlander und Kollegen

Gesundheitsökonomen um Michael Schlander haben für eine internationale Tagung 2018 in Vancouver 120 Untersuchungen aus den Jahren 1995 bis 2015 zum Thema des Wertes eines Lebensjahres gesichtet und eigene Berechnungen angestellt. Sie haben jeweils den Median der Höhe des Betrags der expliziten bzw. (errechneten) impliziten Zahlungsbereitschaft von Staaten für die Verringerung lebensverkürzender Risiken aus den verschiedenen Studien gezogen, um die Weltregionen miteinander vergleichen zu können. Sie kommen zu markant höheren Beträgen als die WHO, deren Modell sie mit ihrer Übersicht prüfen wollten. Der internationale Mittelwert beträgt über die zwanzig Jahre hindurch gerechnet etwa Euro 164'000. In Asien liegt er bei Euro 43'000, in Europa bei Euro 158.000 (in Deutschland Euro 173'000) und in Nordamerika gar bei Euro 271'000. Zeit-, Inflations-, Währungs- und Kaufkraftbereinigt sind das durchschnittlich in Asien 5,2 mal das Bruttoinlandprodukt pro Kopf, in Europa 5,1 mal das Bruttoinlandprodukt pro Kopf und in den USA und Kanada gar 6,9 mal das Bruttoinlandprodukt pro Kopf.

Und neulich beschäftigte sich auch die Covid-19 Science Task Force mit dem Problem.

3. Task Force

Die Task Force legt den Geldwert eines Lebensjahrs auf CHF 250'000 fest. Dabei stützt sie sich auf den Value of Statistical Life, der beim Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) und bei Ecoplan (die Empfehlungen für das Bundesamt für Raumentwicklung formuliert) angewendet wird. Die Höhe des Betrags widerspiegelt die Bereitschaft der Öffentlichkeit, wie viel sie für die Verminderung von Unfall- und Gesundheitsrisiken zahlen will. Dabei wird einerseits auf ein Bundesgerichtsurteil aus dem Jahre 2010 verwiesen, das den Betrag von CHF 100'000 pro Jahr allein für medizinische Kosten als angemessen erachtet, um einen Todesfall zu verhindern (im Gerichtsfall ging es um eine Krebsbehandlung). Andererseits werden diesem Wert noch Präventions-, Vorsorge- und andere Kosten (etwa für Angehörige, Verlust von Lebensfreude, Betreuungskosten, weniger Konsum etc.) beziffert.

Rechenbeispiel:

Die Ökonomen der Task Force haben verschiedene Szenarien durchgespielt. Sie basieren auf epidemiologischen Kalkulationen von Christian Althaus von der Universität Bern und den Festsetzungen des R-Wertes der ETH-Professorin Tanja Stadler. Zudem wurde anhand von Covid-19-Sterbedaten (vom Bundesamt für Gesundheit) und Lebenserwartungsstatistiken (vom Bundesamt für Statistik) die Restlebenszeit der betroffenen Altersgruppen (eingeteilt in 5-Jahresgruppen) berechnet. Im Durchschnitt hätten die sogenannt vulnerablen Personen (mit Vorerkrankungen), die an Covid-19 gestorben sind, noch 5,4 Jahre, die nicht erkrankten Personen noch 6,8 Jahre gelebt.

Erstes Szenario: Wenn der R-Wert gedrückt und anschließend tief gehalten werden kann (R: 0,78 und weniger), gelten die Maßnahmen als wirksam, das Infektionsgeschehen beruhigt sich:

Je nach Dauer der Maßnahmen sehen die Zahlen wie folgt aus: Bei vier Wochen werden 4800 Todesfälle verhindert und Lebensjahre im Wert von CHF 6,5 bis 8,2 Mia gewonnen. Bei sechs Wochen sind es 5400 verhinderte Todesfälle und CHF 7,3 bis 9,2 Mia. Bei acht Wochen 5600 verhinderte Todesfälle und CHF 7,6 bis 9,5 Mia. Bei zehn Wochen sind es noch 5700 verhinderte Todesfälle und im Wert von CHF 7,7, bis 9,7 Mia. Der Grenznutzen nimmt mit der Zeit ab.

Zweites Szenario: Wenn der R-Wert kaum gedrückt werden kann (R: 0,9), wird die Wirksamkeit der Maßnahmen als tief eingestuft, das Infektionsgeschehen stagniert:

Die Zahlen: Bei vier Wochen werden 3200 Todesfälle verhindert und Lebensjahre im Wert von CHF 4,3, bis 5,4 Mia gewonnen. Bei sechs Wochen sind es 3800 verhinderte Todesfälle und CHF 5,1 bis 6,5 Mia. Bei acht Wochen sind es 4200 verhinderte Todesfälle und CHF 5,7 bis 7,1 Mia. Bei 10 Wochen sind es 4400 verhinderte Todesfälle und im Wert von CHF 5,9 bis 7,5 Mia.

Demgegenüber stehen die ökonomischen Einbussen wegen der verminderten Wirtschaftstätigkeit. Die volkswirtschaftlichen Kosten werden von der Task Force gemäß Prognosemodellen der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) herangezogen. Diese Kosten-Berechnungen kommen bei vier Wochen auf CHF 1,4 bis 1,8 Mia, bei sechs Wochen auf CHF 2,1 bis 2,7 Mia, bei acht Wochen auf CHF 2,8 bis 3,6 Mia und bei zehn Wochen auf CHF 3,5 bis 4,5 Mia zu stehen.

Der Vergleich

Das Bundesamt für Statistik hat für das Jahr 2019 das Bruttoinlandprodukt pro Kopf in der Schweiz mit CHF 84'800 beziffert: Das würde bedeuten, dass sich gemäß WHO ein Lebensjahr mit dem Faktor drei berechnet auf CHF 254'000 beläuft. Der Wert liegt demnach sehr nahe am Value of Statistical Life, den der Bund und die Task Force heranziehen.

Die Berechnungen von Schlander und Kollegen kommen auf weitaus höhere Beträge als jene der WHO und der Task Force. Nähme man für die Schweiz für 2019 das oben erwähnte Bruttoinlandprodukt pro Kopf vom Bundesamt für Statistik von CHF 84’800 und multipliziert es mit dem Faktor 5,1, käme man auf ein Lebensjahr, das CHF 432'480 wert ist.

Was kostet die Pandemie?

In unserem Zusammenhang ist wichtig, dass die Task Force – je nach Perspektive – mit verlorenen bzw. gewonnenen Lebensjahren rechnet, wie das schon Dirk Krüger (Was kostet ein Leben?) von der University of Pennsylvania, die WHO und Schlander und Kollegen getan haben. Diese Methode scheint für den Laien einsichtiger zu sein, als ein Festsetzen eines fixen Betrags pro Leben. Krüger kommt für 2019 für die USA auf einen Wert von CHF 488'000 (was sich mit Schlanders Berechnungen deckt: 6,9 mal USD 65'250), also fast doppelt so viel wie die Task Force für die Schweiz. Die Übertragung der US-Daten auf die Schweiz, wie sie im Bericht Was kostet ein Leben? vorgenommen wurde, ist jedoch falsch. Kreuzfalsch. Es liegen Scherben herum, die von den geworfenen Steinen aus dem Glashaus herrühren. Wie wir gesehen haben, rechnen die USA mit markant höheren Zahlen, die Bevölkerung ist bereit, mehr in die Risikovorbeugung zu investieren. Aus alteuropäischer Laiensicht erstaunt diese Tatsache. Die nackten Zahlen von den USA auf die Schweiz zu übertragen, war unzulässig.

Im Quarantän-Bericht Was kostet ein Leben? ging es darum, die Gesamtkosten der Pandemie zu berechnen. Mit den hier verwendeten Zahlen ginge die Rechnung etwa folgendermaßen: 

Wir schließen an die Annahmen im Quarantän-Bericht an: Verschiedene Berechnungen gehen von 12'000 bis 15'000 Opfern bis Ende März aus. Bleiben wir konservativ, orientieren uns an der Berechnung von Althaus und rechnen mit 12'000 Todesopfern (obwohl der R-Wert auch Anfang Februar immer noch mehr als 0,9 beträgt). Wir passen Eisenrings Rechnung und die Kalkulation an die Zahlen der Task Force/WHO an: Die Opferzahl mal die durchschnittliche Restlebenszeit mal den Wert eines Lebensjahres: 12‘000 x 6.1 x CHF 250‘000 = CHF 18,3 Mia. Hinzu kommen die Kosten für die Langzeitfolgen von CHF 21,7 Mia und die Kosten für psychische Behandlungen von geschätzten CHF 19,5, Mia (vgl. Was kostet ein Leben?). Zum volkswirtschaftlichen Schaden, der gemäß Zahlen des Seco etwa CHF 70 Mia beträgt (vgl. Was kostet ein Leben?) kämen also CHF 59,5 Mia Gesundheitskosten hinzu, macht also CHF 129,5 Mia.

Nach Schlander und Kollegen sind es CHF 31,6 Mia, die wegen der verlorenen Lebensjahre als Kosten zu verbuchen sind, plus die CHF 21,7 Mia Langzeitfolgen plus CHF 19,5 Mia für die psychischen Behandlungen plus den volkwirtschaftlichen Schaden von CHF 70 Mia, das ergibt CHF 142,8 Mia.

Fazit

Die Untersuchung der Task Force beziffert das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Je nach Länge und Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen kann der Nutzen der Maßnahmen mehr als das Doppelte der wirtschaftlichen Kosten betragen. Würde man mit den Zahlen von Schlander und Kollegen operieren, wäre das Verhältnis noch krasser. Das ist bemerkenswert. Volkswirtschaftlich lohnt sich also der Versuch, mit dem Zurückfahren der Mobilität und den Einschränkungen der Kontakte die Infektionszahlen drastisch zu senken. Letztlich kommt dies der ganzen Gesellschaft zugute. Wir erinnern uns an einen Beitrag vom 19. März 2020 im Swiss Medical Weekly, in dem zahlreiche Epidemiologen und Virologinnen betont haben, dass vorübergehend geltende starke Maßnahmen volkswirtschaftlich zwar erheblich zu Buche schlagen würden, es aber langfristig gesehen die Gesamtkosten der Pandemie markant senken würde. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) ist schon Ende September 2020 in einer Studie zum selben Schluss gekommen.

Diese Berechnungen betreffen nur die wirtschaftliche Seite der Pandemie.

Und so schließen wir die Diskussion über das Eigentliche und Uneigentliche an, die im Quarantänbericht zu Trump gestreift wurde (Filipescu, Trump, Arendt). Zwar wissen wir immer noch nicht so viel über das Virus, die Ansteckungsart, die Ausbreitung und die Wirkung. Doch eigentlich wüssten wir schon lange ein paar wichtige Dinge, aber das Uneigentliche bestimmt die Diskussion. Das Frustrierende daran ist, dass das noch nicht alle gemerkt haben.

 

Quellen:

Michael Schlander, Oliver Schwarz, Diego Hernandez, Ramon Schaefer, The Search for a Cost Effectivness Standard: 1 – 3 Times GDP/Capita, Vancouver 2018

Ecoplan, Empfehlungen zur Festlegung der Zahlungsbereitschaft für die Verminderung des Unfall- und Gesundheitsrisikos (value of statistical life), Bern 2016

Covid-19 Swiss Task Force, Warum aus gesamtwirtschaftlicher Sicht weitgehende gesundheitspolitische Massnahmen in der aktuellen Lage sinnvoll sind, Zürich 2021

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Rekapitulation: Eigentlich nichts Neues, aber eine Bestätigung der Erkenntnisse und Erwartungen. 

Anhand der Route der Expertengruppe, die aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besteht, die einerseits von der WHO und andererseits von den chinesischen Behörden zusammengestellt wurde, kann der Gang der Ereignisse noch einmal kurz rekapituliert werden. Die Gruppe musste zuerst zähe politische Verhandlungen, etliche Kompromisse und Verzögerungen abwarten. Anschließend begannen die wissenschaftlichen Abklärungen, die Voruntersuchungen und endlose Videokonferenzen. Dann folgte die Anreise und eine Quarantäne. Endlich hat für die Spezialistinnen und Spezialisten die konkrete Feldarbeit begonnen. 

Zuerst stand ein Besuch im Hubei Provincial Hospital of Integrated Chinese and Western Medicine auf dem Programm. Gemäß den chinesischen Behörden wurden dort am 27. Dezember 2019 Patienten mit »Pneunomie unbekannter Herkunft« behandelt. Das Team führte Gespräche mit Ärzten, Pflegepersonen und Patienten. Aus den Meldungen in der Presse und von der WHO geht nicht hervor, ob die Gruppe auch im Central Hospital von Wuhan vorbeischaute, wo die Notfallärztin Ai Fen zur selben Zeit Lungenkranke behandelte (Wie alles begann). Nach Medienberichten war sie es, die ihren Verdacht, dass es sich bei der Krankheit um eine unbekannte Art eines SARS-Virus handeln könnte, mit Kollegen teilte. U.a. mit dem Whistleblower Li Wenliang, der kritisch die Reaktionen des offiziellen Chinas kommentierte, dafür – wie übrigens Ai Fen auch – einen Maulkorb verpasst bekam und der im Februar 2020 an den Folgen einer Coronaerkrankung starb. Über einen We-Chat-Kanal gelangte die Nachricht nach Taiwan und schließlich zur WHO. Die Weltgesundheitsorganisation reagierte jedoch nicht unmittelbar. Einen Tag später informierten die chinesischen Gesundheitsbehörden die Öffentlichkeit und die WHO. Ebenfalls Medienberichten zufolge war es auch Ai Fen, die am 30. Dezember 2019 Gewebeproben von Patienten ins Wuhan Institute of Virology (WIV) schickte. Dort wurde das Virus von Shi Zhengli analysiert und als nicht bekannt und somit als neu taxiert. 

Mit Spannung wurde der Besuch im WIV erwartet, ging es doch darum herauszufinden, ob es irgendwelche Anzeichen eines Laborausbruchs gibt. Das Medieninteresse war groß, die Mitglieder des Forscherteams wurden von zahlreichen Schaulustigen zum Institut eskortiert. Der Zoologe Peter Daszak von der EcoHealth-Allinance, der zur WHO-Gruppe gehört, kennt das Institut schon seit längerem. Er hat schon mehrfach mit der Virologin und sogenannten »batwoman« Shi Zhengli, die die Abteilung der Fledermausforschung leitet, zusammengearbeitet. Die im Institut befindlichen Virenstämme wurden kontrolliert, die Sicherheitsvorkehrungen geprüft und es wurde abgeklärt, ob es im Haus zu Zwischenfällen mit dem neuen Virus gekommen war. 

Zudem fanden Gespräche mit dem lokalen Center of Desease (CDC) in Wuhan statt. Das Center wurde zu Beginn von verschiedenen Seiten – auch seitens der Regierung (Wuhan-Files) – für die unklare und nicht sehr stringente Reaktion auf den Ausbruch getadelt.   

Schließlich ist dem bekannt gewordenen Huanan-Seafood-Market ein ausgedehnter Besuch abgestattet worden. 

In einer Pressekonferenz wurden der Öffentlichkeit die ersten Erkenntnisse mitgeteilt. Für abschließende Urteile ist es noch zu früh, viele Fragen sind noch zu klären. Und es deuten sich ein paar Richtungen an, in die weiter geforscht werden muss.

Der Leiter der chinesischen Seite des China-WHO Joint Teams und Epidemiologe Liang Wannian sagt, das Virus stamme höchstwahrscheinlich aus einer zoonotischen Übertragung, der Wirt habe aber noch nicht identifiziert werden können. Der Beweis muss erst noch erbracht werden, ob tatsächlich – wie vermutet – Fledermäuse die Träger des Virus' sind. Weitere Untersuchungen sind nötig, um herauszufinden, welcher Zwischenwirt zwischen dem Virusträger und dem Menschen stehen könnte. Ob es sich um Schlangen, Schuppentiere, Katzen oder ein anderes Tier handelt, ist nicht bekannt.

Der Leiter der WHO-Gruppe Peter Ben Embarek sagt zusammenfassend, das gemeinsame Team von China und der WHO habe vier mögliche Wege untersucht, wie das Virus auf den Menschen gekommen sei. Erstens: das Virus sei direkt vom Tier auf den Menschen übergesprungen. Zweitens: das Virus habe sich von einem Tier auf einen Zwischenwirt und dann auf den Menschen übertragen. Drittens: das Virus sei durch die Kühlkette transportiert worden und beispielsweise in Lebensmitteln unter die Menschen gelangt. Und viertens: das Virus sei aus einem Labor ausgebrochen.

Letztere Möglichkeit kann nach dem Besuch des WIV mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden (Laborthese). Was außer ein paar Verschwörungsgläubigen niemanden überrascht.

Alle anderen Ansätze werden weiterverfolgt. 

Der direkte Weg vom Ursprungswirt auf den Menschen dürfte eher unwahrscheinlich sein, kann aber nicht ausgeschlossen werden. Mit dem Tiermediziner Fabian Leendertz sitzt immerhin jener Forscher in der WHO-Gruppe, der 2014 in Guinea jenen Baum identifizierte, auf dem eine Fledermaus saß, beziehungsweise vermutlich hing, die einen Jungen, der sich darunter befand, direkt mit dem Ebola-Virus infizierte.

Auch der Huanan-Seafood-Market und damit die Übertragung über gekühlte Lebensmittel dürfte eher nicht der Ursprung sein. Es gab höchstwahrscheinlich schon vor den ersten Fällen, die im Umkreis des Marktes auftraten, andernorts Ansteckungen mit dem SARS-CoV-2. Bereits im Mai 2020 wurde eine entsprechende Studie einer Forschergruppe im The Lancet publiziert. Auch Wannian gab zu Protokoll, dass es schon am 8. Dezember 2019 eine Corona-Infektion gegeben habe, beim Betroffenen aber keine Verbindung zum Markt nachgewiesen werden konnte. Ursprünglich hätte die chinesische Seite zwar diese Variante bevorzugt, aber zurzeit ist die Beweislage nicht sehr vorteilhaft für sie. Gleichwohl wurden diverse Proben von Lebensmitteln und anderen möglich Virenträgern geprüft und gesichert. Die Untersuchungen an dieser These werden weitergehen. Im Vordergrund dürfte allerdings die Frage stehen, wie der Markt zu einem Spreadingort geworden ist. SARS-infizierte Tiere, die allenfalls als Zwischenwirte hätten dienen können, können kaum mehr eruiert werden.

So steht wie erwartet und von der Forschergemeinschaft schon mehrfach erwähnt und unterlegt die zoonotische Übertragung im Vordergrund (Zoonose). Embarek und Wannian scheinen sich diesbezüglich einig zu sein. 

Zudem – und dafür hat sich vor allem die chinesische Seite stark gemacht, die den Ursprung im Ausland orten will – sind sich alle einig, dass die Suche ausgeweitet werden muss. So kündete auch der US-amerikanische Forscher Peter Daszak an, dass er in Kambodscha weitere Feldarbeit in Angriff zu nehmen gedenke.  

Es gibt noch viel zu tun.

 

Nachtrag 15. Februar:

Der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Biden Jake Sullivan zeigt sich in einem Statement (Quelle: Twitter) besorgt darüber, dass die Expertengruppe der WHO auf ihrer Forschungsreise in China nicht zu allen erwünschten Informationen freien Zugang hatte. Sullivan: »Es ist zwingend erforderlich, dass dieser Bericht unabhängig ist und die Ergebnisse der Experten nicht von der chinesischen Regierung beeinflusst oder verändert werden.« Es handelt sich vor allem um die Einsicht in Rohdaten, die die allerersten 174 festgestellten Fälle von Anfang und Mitte Dezember 2019 betreffen. China gewährt lediglich Einblicke in die eigenen Untersuchungen jener Daten. Das verhindert eine unabhängige und genauere Analyse der Anfangszeit der Pandemie. Die Virologin Marion Koopmans von der WHO-Gruppe versucht derweil, auf Blutbanken aus der Provinz Wuhan zurückgreifen zu können, um eigene Untersuchungen vorantreiben zu können. 

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Über Wirte und Märkte

Wird Covid-19 den Handel mit Wildtieren in China lahm legen?, fragen sich Christian Shepherd und Qianer Liu in der FT. Aber welche Tiere sind überhaupt Träger von gefährlichen Viren?, fragt sich Christina Brandt in der SZ.

Wirte

Jahr für Jahr treffen sich im Kasanka-Nationalpark in Sambia etwa zehn Millionen Palmenflughunde, dann nämlich stehen die Fruchtbäume in voller Reife. Die Flugschwärme sind so dicht, dass sich der Himmel schon vor der Dämmerung eindunkelt. Ein Festessen für die Fledertiere und ein Naturschauspiel für die Touristen beginnt, schreibt Christina Berndt in der SZ (9./10. Januar 2021) Aber auch eine Fundgrube für Virologen auf ihrer Suche nach neuen Viren öffnet sich. Die Flughunde gehören zusammen mit den Hufeisennasenartigen (Hufeisennase) zur Unterordnung Yinpterochiroptera der Fledertiere. In der Chinesischen Hufeisennase konnte die Virologin Shi Zhengli 2013 das SARS-CoV-1 identifizieren, das für den SARS-Ausbruch 2002/2003 verantwortlich war. Auch die verwandten Palmenflughunde tragen etliche Viren in sich. Forscher schätzen alleine bis zu 3000 verschiedene Varianten des Coronavirus. Hinzu kommen noch zahllose andere Viren, die ebenso verheerende Folgen auf den Menschen haben könnten. Die Fledertiere sind immun gegen diese Erreger. 

Sollte sich auf irgendeine Art und Weise ein Virus vom Tier auf den Menschen übertragen, könnte das – muss aber nicht – eine Ansteckungswelle auslösen, die sich vielleicht auch wieder zu einer Pandemie entwickeln kann. Wer weiß aber schon im Voraus, welche Viren wie gefährlich sind? Stephan Ludwig vom Institut für Molekulare Virologie der Universität Münster sagt in der SZ, dass zwei Drittel der bei Menschen diagnostizierten Erreger auf eine Zoonose (Zoonose) zurückzuführen ist, also das Virus vom ursprünglichen Wirt direkt oder über einen Zwischenwirt zum Menschen übertragen wird. 

Gefährliche Feldforschung

Die Erforschung solcher zoonotischen Übertragungen steht jeweils im Mittelpunkt bei der Suche nach den Ursprüngen eines viralen Ausbruchs. Es stellt sich die Frage: Wo beginnen? Welche Viren sollen identifiziert werden? Erschwerend ist der Umstand, dass sich Viren nur mit verhältnismäßig komplizierten Methoden untersuchen lassen, es braucht in der Regel eine Analyse des Gens. Zwar gibt es unterdessen mit dem sogenannten Next-Generation-Sequencing eine Methode, die das Erbgut schneller entziffern und den Abgleich mit Datenbanken erleichtern kann. Aber insgesamt ist der Aufwand immer noch enorm. Experten gehen davon aus, dass es etwa 320'000 Viren in den verschiedensten Tieren gibt. Insgesamt gibt es laut UNO 800'000 unbekannte Erreger, die in Wildtieren hausen und auf den Menschen überspringen können, sobald ein unkontrollierter Kontakt stattfindet. Das Aufspüren jedes einzelnen ist praktisch unmöglich. Das Sprichwort mit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen dürfte noch arg untertrieben sein.

Häufig kommen die Erreger aus der Wildnis, also dem Menschen gänzlich unbekannten Gefilden. Deshalb können sie für ihn so gefährlich sein, denn er muss die Immunantwort erst noch entwickeln. Von der Logik her ist diese Tatsache für das Tun des Forschers überaus bemerkenswert. Wenn der Mensch in die Wildnis geht, um nach den Viren zu suchen, setzt er sich unweigerlich der Gefahr einer Ansteckung aus und könnte zum Wirt werden. Der Bote wird zum Überbringer der Krankheit. Das ist eine delikate Ausgangslage und erfordert äußerste Vorsicht. Einmal fiel vor den Augen des Virologen und WHO-Experten Fabian Leendertz ein Affe tot um. Er fand im Tier einen gefährlichen Milzbranderreger. Der Shi-Zhengli-Mitarbeiter und Fledertierforscher Tian Junhua sagt denn auch: »Wenn Sie Viren finden wollen, setzen Sie sich ihnen auch aus.« (Laborthese) Gelegentlich, so Junhua weiter, kommt es zu Zwischenfällen, sei es durch Attacken der Fledermäuse, sei es durch unsachgemäße Handhabung des Sicherheitsmaterials in den Höhlen der Fledertiere. Oder wenn man im Inneren der Höhlen von Urin und Kotteilen, die die Fledermäuse ausscheiden, bekleckert wird. Ein chinesisches Forscherteam hat Einheimische untersucht, die in der Nähe von Fledermaus-Kavernen wohnen, in denen SARS-Viren gefunden wurden. Drei Prozent von ihnen hatten Antikörper gebildet. Beim Ebola-Virus fand Fabian Leendertz vom Robert-Koch-Institut (RKI) eine direkte Ansteckungsart: Ein zweijähriger Knabe spielte im Hohlraum eines Riesenbaumes, der gleichzeitig auch als Wohnzimmer einer Angola-Bulldogg-Fledermaus-Kolonie diente. Der Junge wurde angesteckt und brachte die Viren unter die Menschen. Als Leendertz, so die SZ, den Baum untersuchen wollte, hatten ihn die Dorfbewohner schon in Brand gesteckt. 

Zwischenwirte

Da der direkte Weg zum Ursprungswirt tückisch und beschwerlich ist, weicht man auf die Zwischenwirte aus. Viel Forschung wird auf das Auffinden solcher Träger aufgewendet. Sinnvoll wäre es eigentlich, dass Wild-, Stall- und Haustiere in gewissen gefährdeten Gebieten sofort untersucht würden, wenn sie auffällige Symptome entwickelten. Nur dürfte das kaum umsetzbar sein. Auch Stechmücken und andere potentielle Trägertierarten müssten regelmäßig untersucht werden. Auch das ist nicht praktikabel. Zuweilen spannen Virologen mit Verhaltensforschern zusammen, die Kot und andere tierische Ausscheidungen untersuchen. Darin sind nützliche Hinweise auf virale Aktivitäten zu finden. Das sind jedoch in der Regel nur Momentaufnahmen in einem unüberblickbaren Meer des natürlichen Lebens. Ein totes Tier kann von Zoonoseforschern obduziert werden, um den Erreger, der das Tier zur Strecke gebracht hat, zu finden. Immerhin das.

Es ist jedoch unmöglich, alle Quellen im Überblick zu haben und bei Bedarf zu kontrollieren. Fabian Leendertz hat beispielsweise auf einem Bushmeat-Markt in Brazzaville zufälligerweise Palmenflughunde zum Verkauf angeboten gesehen. In ein paar Gewebeproben fand er Erreger, die den Nipah-Viren ähnelten. Diese Viren haben das Potenzial, eine Pandemie auszulösen. Man stellt sich vor, wie ein Käufer ein solches Tier frohgemut nach Hause bringt und ausweidet. Leendertz sagt gegenüber der SZ, dass beim Schlachten das Risiko einer Übertragung besonders hoch ist. 

Lebende Tier kaufen

In Asien wird verpacktes Fleisch oftmals als Gammelfleisch betrachtet. Das kann ja nicht frisch sein, sagen sich viele. Wir kennen solche Eigenarten auch in unseren Breitengraden. Etwa die Muscheln der Spaghetti vongole. Oder der Hummer, der in der Brasserie serviert wird, hat bis kurz vor seinem Auftischen noch gelebt. David Foster Wallace hat in seinem Essay Am Beispiel des Hummers geschrieben: »Hummer kommt lebend in den Topf. Genau das macht den modernen Reiz des Hummers aus: Etwas Frischeres gibt es nicht. Der übliche Gammel zwischen Fang und Verzehr entfällt vollständig.«[1] Keine Chance für Gammel. Austern sterben gar erst nach dem Verzehr durch unsere Magensäure. Das Angebot auf den chinesischen Tiermärkten ist ungleich breiter. Man deckt sich dort mit allerlei frischen, lebenden Tieren ein, aber auch mit allen anderen Lebensmitteln. Aber nicht auf allen Märkten werden auch lebende Tiere verkauft. 

Zuweilen werden die Märkte, die vorübergehend schließen sollen, auch wet markets genannt. Der Begriff wet market ist jedoch irreführend. Er stammt aus dem Hongkong-Englischen und bezeichnet Märkte, die auf glitschigen, feuchten Böden stattfinden, und auf denen Gemüse, Früchte, Fleisch und Meerestiere gehandelt werden. Feucht und glitschig werden sie durch die Lebensmittelabfälle und das Wasser, mit dem diese Lebensmittel abgespritzt werden. Nicht zwingend werden dort lebende Tiere verkauft. Diese sprachliche Ungenauigkeit – es gibt in Mandarin keine Entsprechung für wet market – hat viele Leute beunruhigt. Sollten jetzt wirklich alle Märkte verschwinden, also auch jene, auf denen keine lebenden Tiere verkauft werden? Für Chinesen ist das unvorstellbar, das wäre, als würde man in der Schweiz die Lebensmittelabteilungen von coop, Migros etc. dichtmachen und die Wochenmärkte abschaffen. Denn Chinesen kaufen auf ihren Märkten alles für den täglichen Nahrungsbedarf. Eine Schließung bedeutete für sie eine Katastrophe. 

Wenn wir also von einem wet market sprechen, müssten wir jeweils präzisieren, ob dort auch lebende Tiere gehandelt werden oder nicht. Wir bevorzugen deshalb den sperrigen Begriff Lebendtiermarkt. Die Wahrscheinlichkeit ist relativ groß, dass an solchen Handelsplätzen infizierte Tiere gehandelt werden und demzufolge zoonotische Übertragungen auf den Menschen stattfinden können. Denn dort werden tatsächlich Lebewesen angeboten, die als Wirte oder Zwischenwirte bekannt geworden sind. Beliebte Kandidaten sind Larvenroller (die Zwischenwirte für das SARS-CoV-1 waren), Zibetkatzen, Füchse, Riesensalamander, Schuppentiere, Fledertiere (Ebola), Affen (HIV), Schlangen. Deshalb sind während der Coronapandemie diese Märkte in den Mittelpunkt gerückt. In China stellen die Lebendtiermärkte und ihr zugewandte Branchen wie etwa die Tierzucht und die Gastronomie eine bedeutende Wirtschaftskraft dar.   

Zucht 

In einem ländlichen, fernab liegenden Außenbezirk der Stadt Bolao in der südchinesischen Provinz Guangxi steht ein relativ neues, dreistöckiges Backsteinhaus. Es gehört Hua Chaojang. Hua ist Cobrazüchter. Im Gebäude riecht es streng und säuerlich und ein lautes Zischen ist zu vernehmen, als Christian Shepherd und Qianer Liu der FT (1. August 2020) im Schlepptau des Geschäftsmanns das Haus betreten. Hua streckt die Hand in eine der Pferche, packt den Schwanz einer Cobra und fischt sie mit ungerührter Mine heraus. Die vierjährige Cobra ist so dick wie Huas Arm und etwa zwei Meter lang. Ob er denn schon einmal gebissen worden sei. »Sicher«, antwortet er und hält dabei die Schlange mit einem Eisenhaken von seinem Körper fern. Seit zwanzig Jahren verdient der Schlangenhändler sein Auskommen mit den Cobras. Wegen des Ausbruchs von Covid-19 hat die chinesische Regierung im Februar die Zucht und den Konsum von Schlangen und anderen Zucht- und Wildtieren verboten. Tausende von Cobras sitzen seither in Huas Backsteingebäude fest, es gibt keinen Ort, wo er sie hinbefördern könnte. Freilassen geht nicht. Die Futterrationen wurden von wöchentlich fünf auf eine reduziert. Jetzt sind viele seiner Cobras am Verhungern. Sie verhalten sich sehr aggressiv und essen einander zum Teil gegenseitig auf. Für ein Kilo Cobra bekam er vor Corona auf dem Wildtiermarkt mehr etwa 7 CHF, das Geschäft war einigermaßen lukrativ. Begonnen hatte er vor zwanzig Jahren mit ein paar wenigen Gehegen. Mit der Zeit konnte er expandieren und er verlegte die Käfige aufs Land, wo die Schlangen die Nachbarn nicht mehr gefährden konnten. Hua besuchte Kurse und er wurde ein staatlich anerkannter Schlangenzüchter. 

Bolao ist das Zentrum der Schlangenzucht in China. In der Region werden 70 Prozent der Schlangen, die nachgefragt werden, herangezogen. Ungefähr 37'000 Menschen sind abhängig von diesem Wirtschaftszweig. Die Branche ist stark geworden, die Methoden sind zeitgemäß und der Staat hat diese Entwicklung tatkräftig unterstützt. Leute von überall her sind in die Region Guangxi gereist, um sich die modernen Anlagen anzuschauen und darin unterweisen zu lassen, wie man sachgerecht Schlangenzucht betreiben kann. Und jetzt wird Unternehmern wie Hua vom selben Staat der Hahn zugedreht. Der angeschlossenen Restaurantbranche geht es ähnlich miserabel. Ihre Kenntnisse, wie man Schlangen so zubereiten kann, dass man sie auch genießen kann, ist plötzlich nicht mehr gefragt. Auch wenn Schlangen kein alltägliches Gericht ist, hat ihr Verzehr doch große Beliebtheit erfahren. Aber auch andere Zweige sind betroffen. Etwa die Hühnerzuchten, die bisher die männlichen Tiere den Schlangenzüchtern verkaufen konnten. Auf den Märkten mit lebenden Tieren – stammten sie aus der Zucht wie jene von Hua oder seien sie wild – hat das Geschäft floriert. 

Das Angebot an Tieren hat sich in den letzten Jahren stets vergrößert. Gerade auch aufstrebende Neureiche decken sich auf den Märkten mit legalen und illegalen tierischen Substanzen, mit ausgefallenen Tierarten für den kulinarischen Genuss oder mit exotischen Haustieren ein.

Medizin 

Außerdem stützt sich auch die chinesische Medizin auf zahlreiche Produkte aus dem Tierreich, die auf den Märkten zu finden sind. So ist die skurrile Situation entstanden, dass sich ungefähr 90 Prozent der Covid-Erkrankten in der Region Hubei mit Medikamenten und Elixieren haben kurieren lassen, die aus Tierextrakten zusammengebraut worden sind, die auf den nun wegen Covid verbotenen Märkten erstanden wurden. 

Aber auch die Zuchtanlagen der Medikamentenhersteller geraten in die Defensive. In der Provinz Hubei wurden ungefähr 30'000 Patienten mit einem Impfstoff behandelt, in dem Saft von der Bärengalle enthalten ist. Damit wird mit der Zucht von Wildtieren – also potenziellen (Zwischen-)Wirten – die Gefahr näher an den Menschen gebracht, und zugleich wird diese Gefahr mit Substanzen von denselben, eventuell infizierten Tieren bekämpft. Den Herstellern von Medikamenten, die selbst züchten, wird das Leben erschwert, schreibt die FT in ihrer Reportage weiter. Einige Arzneien mit tierischen Bestandteilen hat die Gesundheitskommission schon aus der Medikamentenliste gestrichen. Allerdings ist das behördliche Vorgehen inkonsequent und Artenschutz steht nicht im Vordergrund. Beispielsweise wurden Tierfarmen Auflagen gemacht, um die Haltung tierfreundlicher zu gestalten. Das hat nicht dazu geführt, dass eine gefährdete Tierart – wie etwa jene Bären mit dem heilenden Gallensaft – komplett geschützt wurde, es wurde lediglich die Haltung modernisiert. Und manchmal wird mit spitzfindigen Gründen geschummelt. So argumentierte eine pharmazeutische Firma, sie verwende keine Wildtiere, da die Bären, die auf ihrer Farm gehalten werden, ja von Menschen gefüttert würden und das Futtermittel vom Staat komme, also seien die Bären gar keine Wildtiere. Ein US-amerikanischer Tierarzt, der sich die Bärenhaltung angeschaut hat, hegt große Bedenken. Von den Tieren können sehr leicht Erreger auf den Menschen übertragen werden, diese mögliche Zoonose sei sehr gefährlich und kaum zu kontrollieren. 

Maßnahmen

So stellt sich die Frage, ob diese Pandemie die chinesischen Behörden zur Überzeugung bringt, tierische Produkte in Medikamenten, die das Risiko einer Zoonose in sich bergen, verbieten wird, um eine neue Pandemie mit neuen, unbekannten Erregern und nicht absehbaren Folgen zu verhindern. Die jetzige Regelung verbietet nur den Konsum. Das Virus kümmert sich aber nicht um legale oder illegale Zucht, nicht um veraltete oder moderne Anlagen, nicht um Schwarzhandel, es interessiert sich nicht für Artenschutz, für Medizin, für Medikamentenlisten oder für Nahrungsmittel, oder ob sein Wirt ein Nutztier oder ein Haustier ist.

Das zuständige Ministerium hat fast die gesamte Lebendtiermarktbranche für die »Zeit der Pandemie« abgewürgt. Möglich sind legale Verkäufe, wie etwa von bestimmten Fröschen, oder von tierischen Produkten, wie etwa von Antilopenpenissen und Geweihen. Die meisten Substanzen wird für medizinische Zwecke verwendet. Der Huanan-Großmarkt aber ist heute noch weitgehend geschlossen. 

Einige Lebendtiermärkte sind in den Untergrund und die Illegalität abgetaucht. Im Süden Pekings wurde im Juni 2020 im Umkreis eines unerlaubten Großhandelsplatzes für frisches Gemüse, Fleisch und Fisch ein SARS-CoV-2-Cluster bekannt. Über dreihundert Fälle wurden diagnostiziert. Da etliche Chinesen frische Lebensmittel den gefrorenen vorziehen, wagen sie sich auch auf illegale Umschlagplätze. Immer wieder werden solche Märkte von der Polizei ausgehoben. Auch hier geht es um die berufliche Existenz von tausenden von Menschen, denen von einem Tag auf den anderen die Grundlage entzogen wurde. Die Nachfrage nach den Lebensmitteln versiegt nicht, auch jene nach Haus- und Nutztieren, vor allem von der wachsenden Mittelschicht. Und wo eine Nachfrage besteht, entwickelt sich ein Angebot, auch wenn der Tausch im Verborgenen bleiben muss. Diese Regel gilt auch im Kommunismus chinesischer Prägung.

Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Schließung der Märkte sind weitreichend. 2016 betrug der Umsatz mit dem Handel von Wildtieren und mit den Restaurants, in denen Wildtiere konsumiert werden, umgerechnet geschätzte 16 Mia. CHF. Nun ist das Geschäft fast komplett eingebrochen. Die NZZ bezieht sich auf die Chinese Academy of Engineering, die das Gesamtgeschäft mit Wildtieren inklusive Zucht etc. auf 73 Mia. CHF beziffert. 14 Millionen Chinesen sind in der Branche beteiligt.[2] Die Regierung versprach Kompensationszahlungen, die sind allerdings bis jetzt ausgeblieben. Die Petitionen betroffener Züchter blieben unbeantwortet. Auch Hua braucht Geld für das Futter und seine Angestellten, er leiht es sich aus. Nur, wie lange kann er das durchhalten? Etwas anderes als die Schlangenzucht kann und kennt er nicht.

Sowohl die Zucht als auch der Handel, die Verarbeitung (zum Beispiel bei der Zubereitung von Gerichten) und der Konsum sind also mit Risiken für Zoonosen behaftet. Im Huanan-Großmarkt in Wuhan konnten laut FAZ[3] in 33 von 585 Materialproben Coronaviren nachgewiesen werden. Die chinesischen Behörden würde die Welt gerne glauben machen, dass diese in Tiefkühlprodukten aus dem Ausland eingeschleppt wurden. Hierfür fehlen allerdings die Beweise. Der norwegische Lachs, der einmal als Quelle genannt wurde, war es nicht. Auch das China-WHO-Joint Team ist nach ersten Einschätzungen zum Schluss gekommen, dass diese These eher unwahrscheinlich ist. Allerdings ist noch nicht bekannt, welche Tiere als Zwischenwirte in Frage kommen könnten. Im The Lancet[4] wird der Epidemiologe David Heymann vom WHO-Team folgendermaßen zitiert: »Es kann Jahre dauern, den Ursprung von Viren zu finden, die den zoonotischen Sprung vom Tier zum Menschen geschafft haben.« Shi Zhengli forschte zehn Jahre, bis sie nachweisen konnte, dass das SARS-CoV-1 von der Chinesischen Hufeisennase herkam. Über diese Fledertiere sind die Viren vermutlich über Larvenroller als Zwischenwirt zum Menschen gelangt. Bei Wildtierhändlern in der südchinesischen Provinz Guangdong wurden 2003 zum ersten Mal in diesen Schleichkatzen SARS-CoV-1 festgestellt. Beim SARS-CoV-2 glaubte man zuerst, dass Schuppentiere als Zwischenwirte fungierten, aber diese These konnte bis jetzt nicht bestätigt werden. Auf der Verdächtigenliste möglicher Virenzwischenwirte stehen erneut die Zibetkatzen, Larvenroller aber auch Schlangen. Als Ursprungswirte stehen erneut Fledermäuse im Zentrum.

Schon beim SARS-CoV-1-Ausbruch reagierte die chinesische Regierung mit Maßnahmen gegen die Märkte. Epidemiolgen, Virologen und Umweltwissenschaftler unterstützten diese Bemühungen, stellten sie doch seit langem etliche fragwürdige Praktiken im Umgang mit den Tieren fest. 2003 wurde eine Liste mit 54 Tierarten veröffentlicht, die weiterhin gezüchtet werden dürfen. Dieses Gesetz wurde 2018 überarbeitet. Die neue Novelle hielt jedoch viele Schlupflöcher offen, weil nicht die Zucht unterbunden wurde, sondern nur die Bedingungen der Haltung geändert wurden. Man versuchte mit Lizenzen, Gesundheitsvorschriften und Quoten den Markt noch stärker zu regulieren. Nach dem 2020er-Ausbruch drängten westliche Regierungen China noch stärker dazu, die Lebendtiermärkten besser zu kontrollieren oder gleich abzuschaffen. Internationale Organisationen und Verbände haben die Sensibilisierung für tierschützerische Belange tatkräftig unterstützt. 

Dabei stehen die Behörden aber von verschiedenen Seiten unter Druck. Sie werden sowohl mit einheimischen Anfragen eingedeckt, welche Tiere nun wie, wann und wo vielleicht doch noch gezüchtet und gehandelt werden können, andererseits pochen politische Kreise und Tierorganisationen darauf, der Ausrottung von seltenen Tieren zu unterbinden. Die letztere Haltung hat eine höhere Priorität im Behördenapparat erlangt. Selbst Staatspräsident Xi Jinping lässt verlauten, dass es »entschieden und hart gegen illegale Märkte und Handel mit lebenden Wildtieren vorzugehen und Risiken für die öffentliche Gesundheit von der Quelle her zu kontrollieren« gilt.[5]

Man sucht den Ausgleich zwischen den Traditionalisten und den Fortschrittlichen, die den Tierschutz entdeckt haben, zu erreichen, sagt ein hoher Beamter gegenüber der FT. So wurde das Schuppentier unter Schutz gestellt, nachdem es praktisch völlig verschwunden war. Tierschützer hegen zudem die Hoffnung, dass ihre Anliegen wegen Covid-19 auch von staatlicher Seite noch stärker berücksichtigt werden. Aber das wird noch dauern, meinen die Experten. 

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[1] David Foster Wallace, Am Beispiel des Hummers, in: ders., Der Spass an der Sache, Köln 2018, S. 976

[2] Matthias Müller, Bambusratten, Schuppentiere und Zibetkatzen sollen von den chinesischen Tellern verschwindenNZZ, 25.2.2020

[3] Frederike Böge, Der Ausbruch des Coronavirus hängt wohl mit dem lukrativen Wildtierhandel in China zusammen. Es ist ein Milliardengeschäft. Auch das Sars-Virus trat 2002 zuerst bei Händlern von Wildtieren aufFAZ, 7.2.2020

[4] John Zarocosta, WHO team begins COVID-19 origin investigationThe Lancet, 6.2.2021

[5] Zitiert in: Frederike Böge, ebd.

passé

WDR 3 Gutenbergs Welt

Mit Manuela Reichart
Kollisionen und andere Unfälle
Darin ein Gespräch mit Adrian Stokar über seinen Roman Einstürzende Gewissheiten
2. Oktober 2016
18:04 Uhr

Ein Auto stürzt in den Abgrund. Unfall mit tödlichen Folgen. 40 Jahre später wird das Gedächtnis bemüht, sorgt für Kollisionen und führt mitten hinein in eine unglückliche Familiengeschichte – eine Gutenbergs Welt Sendung über Rekonstruktionsversuche.
In Adrian Stokars Debütroman holt die Vergangenheit einen betagten Jubilar ein. Für ein Zeitungsporträt recherchiert ein Journalist den Autounfall, in den der Industrielle vor 40 Jahren verwickelt war. Familiengeheimnisse werden aufgedeckt, Erinnerungen abgefragt.

Kurze Nachbemerkung zu Röggla, Jandl, Encke & Benini

Robert Walser schreibt über den Schriftsteller: »Der Mann mit der Feder in der Hand ist quasi ein Held im Halbdunkel, dessen Betragen nur deshalb kein heroisches und edles ist, weil es der Welt nicht zu Gesicht kommen kann… Vielleicht ist das nur ein trivialer Ausdruck für eine ebenso triviale Sache, aber ein Feuerwehrsmann ist auch etwas Triviales, obschon es nicht ausgeschlossen ist, dass er gesetzten Falls ein Held und Lebensretter sein kann.« Schriftstellerinnen und Schriftsteller gehen auch in außerordentlichen Zeiten ihrer Tätigkeit nach. Und das ist richtig. Aber man kann bestimmte Vorbehalte und Bedenken teilen, die den Corona-Tagebüchern vorgehalten werden. Denn ob ein solches Unterfangen gelingt, ist – wie bei allen literarischen Erzeugnissen – abhängig davon, ob Form (hier: Tagebuch) und Inhalt (hier: Umgang mit einer realen Pandemie) zu einem sprachlich überzeugenden Ganzen zusammenfinden, also die Lektüre zu einem ästhetischen Genuss wird und inhaltliche Horizonterweiterungen liefert. Man lässt sich gerne entzücken und belehren. Die Sandbänke und Riffe wurden in den verschiedenen Artikeln erwähnt und nicht alle Autorinnen und Autoren haben diese souverän umschifft. Es gibt aber gute, schöne und witzige Beispiele dafür, wie mit der außerordentlichen Lage umgegangen wird. Etwa von Dorothee Elmiger, Michelle Steinbeck und Marlene Streeruwitz.

Wie hier unschwer zu erkennen ist, wird in diesen Aufzeichnungen ein anderer, kaum als literarisch zu bezeichnender Ansatz verfolgt (Frisch, Widmer, Quarantän). Der Fokus liegt in der Erfassung dessen, was gerade geschieht und was als wichtig angesehen wird. Es ist eine persönliche Auswahl. Diese subjektive Lesart der Geschehnisse und deren mediale Verarbeitung ist Teil des Verfahrens, Objektivität ist nicht zu erreichen. Aber es wird eine unvoreingenommene, sachbezogene, nachvollziehbare Auseinandersetzung mit den mehrdeutigen Umständen angestrebt. Der NYT-Kolumnist Thomas L. Friedman hatte einmal geschrieben, wünschenswert sei es, Kognitive Immunität zu erlangen. All die hier referierten und zitierten Artikel, Untersuchungen, literarischen Auszüge, Kunstwerke etc. sollen dazu dienen, Fresszellen, T-Zellen und Antikörper gegen Unsinn zu entwickeln. Einen Impfstoff wird es nie geben.

Wie Paul Jandl richtigerweise betont, ist das Virus eine »biochemische Entität«. Keine Frage, diese Entität wirkt auf Individuum und Gesellschaft. Auf das Ausbreiten persönlicher Befindlichkeiten wird hier nicht ganz, aber weitgehend verzichtet. Es werden weder psychische noch emotionale Untiefen ausgelotet. Wer das vermissen oder gar bemängeln will, der möge auf andere Texte zurückgreifen.

Hüten wir uns vor unnötigen symbolischen Aufladungen natürlicher Vorgänge. Wir sammeln. Deshalb bleibt der Tonfall nüchtern. Kathrin Röggla hat in ihrem Artikel schon geschrieben, dass Texte gemischte Realitäten beschreiben müssen, die dem »Nebeneinanderher von neuer Logik, alten Problemen, unerwarteten Auswirkungen der Situation gerecht werden«.

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Robert Walser, Der Schriftsteller, In: Robert Walser, Eine Ohrfeige und sonstiges, Hg. Thomas Hirschhorn, Reto Sorg, Frankfurt/M 2019, S. 80 (Orig. in Die Schaubühne, Jg. III, Bd. 2, Nr. 46, 14. November 1907)

Lektüreprotokoll: Sandro Benini, Corona-Tagebuch, mir graut vor dir, TA, 14. April 2020

Zu einer zentralen Aufgabe von Kulturteilen und Feuilletons gehört, über das literarische Geschehen zu berichten. Wenn jedoch kaum Neuerscheinungen auf den Markt kommen, Literaturfestivals abgesagt, Preisverleihungen verschoben werden und Lesungen ausfallen, wenn also auch literarisch eine »außerordentliche Lage« herrscht, verlagert sich die Berichterstattung auf das gerade aktuell greifbare literarische Schaffen, dem gewissermaßen ein work-in-progress-Charakter innewohnt. Diese Aufzeichnungen hier zeugen davon. Im TA schreibt Sandro Benini eine Einschätzung zur Lage der Corona-Tagebücher. Er schließt an der kritischen Beurteilung von Julia Encke an und zitiert vergleichbare oder gar gleiche Passagen verschiedener Autorinnen und Autoren. Er lässt in seiner Polemik kaum ein gutes Haar an den Versuchen, der Corona-Krise schreibend Herr oder Frau zu werden. Die Banalitäten seien nicht weniger banal, wenn sie »ein Künstler während einer historischen Tragödie erlebt.« Die meisten seien schließlich privilegiert und nur ein bisschen mitbetroffen. Das richtige Drama spiele sich in Bergamo und Guayaquil ab und viele poesiegeladene Elaborate seien pathetische Zumutungen.

Benini erinnert der Corona-Tagebuch-Schreiber an »jemanden, der aus nicht allzu ferner, aber immer noch sicherer Distanz schildert, wie ihm ein Großbrand etwas Rauch in die Nase treibt und welche Assoziationen ihn überkommen, wenn er auf der Tapete seines Studierzimmers den Widerschein der Flamme beobachtet.« Das erinnert an Platos Höhlengleichnis: Wir können die Realität nur als Widerschein erkennen, das Flackern von Figurenumrissen, die als Schatten an die Wand der Höhle geworfen werden. Die Figuren selbst bleiben unsichtbar. 

In vielen Tagebüchern wird auf die Vergangenheit verwiesen und an die Zeiten der Kindheit. Manche Schreiber und Schreiberinnen sind in diesen Tagen tatsächlich wieder an den Ort ihrer Geburt zurückgekehrt. Und in einigen Journalen wird erwähnt, dass die Krise inspirierend für die Arbeit sei. Benini findet, dass die Protokollanten »selbstbezogen und pathetisch (wirken), sie gleiten häufig in Kitsch und pseudopoetische Belanglosigkeiten ab, sie sind allzu oft das Produkt selbst- und beschäftigungstherapeutischer Fingerübungen und bemühen sich viel zu selten darum, subjektive Betroffenheitsbezeugungen mit gesellschaftlicher, politischer oder ökonomischer Reflexion zu verknüpfen.« Es gelinge nicht vielen, eine Sinnhaftigkeit der Situation abzupressen, da die Sicht zu selbstbezogen sei, es fehle an Selbstironie und Humor.

Benini ist gar kein Gegner von Tagebüchern, aber das Genre sei anspruchsvoll, weil es schwierig ist, dem Alltäglichen geistvolle und funkelnde Seiten abzugewinnen. Selbst Thomas Mann und André Gide seien zuweilen daran gescheitert. Zum Schluss zitiert Benini Dorothee Elmiger, eine der Tagebuchschreiberinnen: »Mir hängt jedenfalls schon alles zum Hals heraus, was diese große Krankheit betrifft, all die Journale, Protokolle und Erzählungen aus den Schlafzimmern und den Küchen.«

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Aus den Schaffhauser Nachrichten vom 5. Dezember:

»Erst dieses Jahr erschienen ist der Erstling von Adrian Stokar: Einstürzende Gewissheiten heisst der Roman. Bei den Recherchen zu einem Porträt stösst ein Journalist auf Ungereimtheiten in Zusammenhang mit einem tödlichen Verkehrsunfall. Der einstige Verleger und Lektor schafft es in szenischen Beschreibungen einerseits, die Engadiner Bergwelt in die Köpfe der Zuhörer zu bringen. Andererseits liegt von Beginn weg Spannung in der Luft. Mit einem gesten­reichen Vortrag hauchte Stokar seinen Worten zusätzlich Leben ein. Schon ein kurzer Ausschnitt bot interessante Beschreibungen der Milieus, in denen sich die Protagonisten bewegen.«