Schreibtisch

Neues zum Zahlensalat

Selten gab es in der jüngeren Vergangenheit eine Zeit, in der gesellschaftsweit so viel mit Zahlen und Daten jongliert und gerechnet wurde wie in der Epoche von Corona. Die Künste der Mathematiker und Mathematikerinnen der unterschiedlichsten Wissenschaftszweige sind gefragt wie kaum je zuvor. Disziplinen sind in den Vordergrund gerückt, von denen der durchschnittlich informierte Zeitgenosse knapp den Namen kannte und im Idealfall noch das Themengebiet grob umreissen konnte. Neben den geläufigeren Fächern wie Immunologie, Molekularbiologie, Virologie, Infektiologie oder Epidemiologie tauchten Teildisziplinen wie Digitale Epidemiologie, Biostatistik, Bioinformatik, Theoretische Biologie etc. auf. Aber nicht nur die Virus-Forschung und -Ausbreitung bestimmen den Diskurs. Beziehungsweise nicht mehr nur. Nach der ersten Welle und der Beendigung der Außerordentlichen Lage in der Schweiz rückten die sozialen, psychischen, mentalen, kulturellen, politischen und ökonomischen Belange vermehrt ins Zentrum. Auch hier wird fleißig gerechnet.

Und plötzlich sehen sich Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politiker, Besserwisserinnen und Besserwisser vor der Aufgabe, längst vergessene Rechenoperationen wieder aufzufrischen und die Diskussion von Kurven wieder einzuüben. Standardabweichung? Gaußsche Verteilung? Exponential-Verteilung? Gerade Letzteres bereitet vielen Leuten Mühe. Dabei wird von den Mathematiklehrerinnen und -lehrern in allen Schulen quer durchs Land die indische Legende mit den Reiskörnern und dem Schachbrett mit viel Inbrunst und Überzeugungskraft zum Besten gegeben. Offenbar vergebens. Vielleicht wird dereinst diese hübsche Erzählung von der bis dann historisch verbrieften brutalen Ausbreitungsgeschichte der B.1.1.7.-Variante abgelöst. Wobei: wohl eher nicht.

Das mit dem Nachvollziehen von exponentiellen Entwicklungen nimmt nicht immer ein gutes Ende. Verschlimmert wird das Ganze durch das nicht aus der Welt zu kriegende Gesetz, dass in politischen Auseinandersetzungen die Vertreter der Parteien, Verbänden, Lobbies und Medien auf die Aussagen jener Experten, Studien und Berechnungen zurückgreifen, die am besten ins eigene Weltbild passen. Getreu dem Credo: Ja nicht beunruhigen lassen von lästigen Fakten, bitte. Das ist keine neue Erkenntnis. Bezüglich der Journalistengilde ist es zuweilen verwunderlich, wie in denselben Medienerzeugnissen auf den Meinungsseiten Experten zitiert werden, die auf den Wissenschaftsseiten etwas weiter hinten mit stichhaltigen Gründen schon längst kritisiert oder widerlegt worden sind. Umgekehrt werden jene Wissenschaftler, deren Studien und Prognosen sich als zutreffend erwiesen haben, aber dummerweise nicht die eigene Sichtweise stützen, in den Kommentarspalten beharrlich ignoriert. Als Laie ist man etwas ratlos, durchschaut aber mithin die Absicht.

Apropos Laiensicht: Der Schreibende spielte im Fach Mathematik nie in der obersten Liga – und auch in der zweitobersten war er immer abstiegsgefährdet –, hat aber in einem früheren Bericht aus dem Quarantän (Was kostet ein Leben?) frisch und fröhlich darauf los kalkuliert. So sitzt er im Glashaus und wirft kräftig mit Steinen um sich. Dass dabei auch einiges in Brüche gehen muss, versteht sich von selbst.

Gleichwohl.

Nochmals zu den Zahlen aus jenem Bericht aus dem Quarantän: Aus mathematisch-ökonomischer Sicht wird der Aspekt jener Rechenansätze der Gesundheitsökonomie weiterverfolgt, die versuchen zu beziffern, was uns diese Pandemie allgemein oder wieviel uns ein Lockdown im Speziellen kostet. Grundlage bei solchen Berechnungen ist die Festlegung eines Geldbetrags, wieviel ein Leben wert ist. Nun hat es sich bei dieser Pandemie, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die älteren Menschen überproportional betroffen sind, als sinnvoll erwiesen, nicht von einem fixen Betrag eines Lebens (hier variieren die Beträge zwischen CHF 6,9 Mio. und CHF 10,7 Mio.), sondern von den verlorenen Lebensjahren auszugehen. Man rechnet dabei aus, wie viel Geldwert durch frühzeitig verstorbene Patienten eingebüsst wird. Zu diesem Thema gibt es zahlreiche Untersuchungen. Gehen wir chronologisch vor.

 

Die Weltgesundheitsorganisation hat sich diesbezüglich ausführliche Gedanken gemacht, selbstredend für den ganzen Globus, kommt aber dennoch auf eine vergleichsweise simple Lösung.

1. Die Berechnungen der WHO

Die Weltgesundheitsorganisation hat zu Beginn des Jahrhunderts in einer umfassenden Studie dargelegt, wie sie die Investition für lebensrettende Gesundheitsmaßnahmen in den einzelnen Ländern berechnet. Im Guide to Cost-Effectivness Analysis von T. Tan-Torres Edejer, R. Baltussen, T. Adam, R. Hutubessy, A. Acharya, D.B. Evans und C.J.L. Murray wird für westliche und asiatische Länder das Bruttoinlandprodukt pro Kopf genommen und dieser Wert mit drei multipliziert. Je nach Wirtschaftskraft eines Landes variiert dieser Wert erheblich. Vor allem in ärmeren Staaten tendiert der Multiplikator bis gegen eins.

Neben der überstaatlichen WHO beschäftigen sich zahlreiche Gesundheitsökonomen mit dem Wert des Lebensjahres. Allein aus der Versicherungsbranche ist die Nachfrage nach solchen Berechnungen groß. Hierzu gibt es eine Übersichtsstudie des deutschen Gesundheitsökonomen Michael Schlander von der Universität Heidelberg.

2. Michael Schlander und Kollegen

Gesundheitsökonomen um Michael Schlander haben für eine internationale Tagung 2018 in Vancouver 120 Untersuchungen aus den Jahren 1995 bis 2015 zum Thema des Wertes eines Lebensjahres gesichtet und eigene Berechnungen angestellt. Sie haben jeweils den Median der Höhe des Betrags der expliziten bzw. (errechneten) impliziten Zahlungsbereitschaft von Staaten für die Verringerung lebensverkürzender Risiken aus den verschiedenen Studien gezogen, um die Weltregionen miteinander vergleichen zu können. Sie kommen zu markant höheren Beträgen als die WHO, deren Modell sie mit ihrer Übersicht prüfen wollten. Der internationale Mittelwert beträgt über die zwanzig Jahre hindurch gerechnet etwa Euro 164'000. In Asien liegt er bei Euro 43'000, in Europa bei Euro 158.000 (in Deutschland Euro 173'000) und in Nordamerika gar bei Euro 271'000. Zeit-, Inflations-, Währungs- und Kaufkraftbereinigt sind das durchschnittlich in Asien 5,2 mal das Bruttoinlandprodukt pro Kopf, in Europa 5,1 mal das Bruttoinlandprodukt pro Kopf und in den USA und Kanada gar 6,9 mal das Bruttoinlandprodukt pro Kopf.

Und neulich beschäftigte sich auch die Covid-19 Science Task Force mit dem Problem.

3. Task Force

Die Task Force legt den Geldwert eines Lebensjahrs auf CHF 250'000 fest. Dabei stützt sie sich auf den Value of Statistical Life, der beim Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) und bei Ecoplan (die Empfehlungen für das Bundesamt für Raumentwicklung formuliert) angewendet wird. Die Höhe des Betrags widerspiegelt die Bereitschaft der Öffentlichkeit, wie viel sie für die Verminderung von Unfall- und Gesundheitsrisiken zahlen will. Dabei wird einerseits auf ein Bundesgerichtsurteil aus dem Jahre 2010 verwiesen, das den Betrag von CHF 100'000 pro Jahr allein für medizinische Kosten als angemessen erachtet, um einen Todesfall zu verhindern (im Gerichtsfall ging es um eine Krebsbehandlung). Andererseits werden diesem Wert noch Präventions-, Vorsorge- und andere Kosten (etwa für Angehörige, Verlust von Lebensfreude, Betreuungskosten, weniger Konsum etc.) beziffert.

Rechenbeispiel:

Die Ökonomen der Task Force haben verschiedene Szenarien durchgespielt. Sie basieren auf epidemiologischen Kalkulationen von Christian Althaus von der Universität Bern und den Festsetzungen des R-Wertes der ETH-Professorin Tanja Stadler. Zudem wurde anhand von Covid-19-Sterbedaten (vom Bundesamt für Gesundheit) und Lebenserwartungsstatistiken (vom Bundesamt für Statistik) die Restlebenszeit der betroffenen Altersgruppen (eingeteilt in 5-Jahresgruppen) berechnet. Im Durchschnitt hätten die sogenannt vulnerablen Personen (mit Vorerkrankungen), die an Covid-19 gestorben sind, noch 5,4 Jahre, die nicht erkrankten Personen noch 6,8 Jahre gelebt.

Erstes Szenario: Wenn der R-Wert gedrückt und anschließend tief gehalten werden kann (R: 0,78 und weniger), gelten die Maßnahmen als wirksam, das Infektionsgeschehen beruhigt sich:

Je nach Dauer der Maßnahmen sehen die Zahlen wie folgt aus: Bei vier Wochen werden 4800 Todesfälle verhindert und Lebensjahre im Wert von CHF 6,5 bis 8,2 Mia gewonnen. Bei sechs Wochen sind es 5400 verhinderte Todesfälle und CHF 7,3 bis 9,2 Mia. Bei acht Wochen 5600 verhinderte Todesfälle und CHF 7,6 bis 9,5 Mia. Bei zehn Wochen sind es noch 5700 verhinderte Todesfälle und im Wert von CHF 7,7, bis 9,7 Mia. Der Grenznutzen nimmt mit der Zeit ab.

Zweites Szenario: Wenn der R-Wert kaum gedrückt werden kann (R: 0,9), wird die Wirksamkeit der Maßnahmen als tief eingestuft, das Infektionsgeschehen stagniert:

Die Zahlen: Bei vier Wochen werden 3200 Todesfälle verhindert und Lebensjahre im Wert von CHF 4,3, bis 5,4 Mia gewonnen. Bei sechs Wochen sind es 3800 verhinderte Todesfälle und CHF 5,1 bis 6,5 Mia. Bei acht Wochen sind es 4200 verhinderte Todesfälle und CHF 5,7 bis 7,1 Mia. Bei 10 Wochen sind es 4400 verhinderte Todesfälle und im Wert von CHF 5,9 bis 7,5 Mia.

Demgegenüber stehen die ökonomischen Einbussen wegen der verminderten Wirtschaftstätigkeit. Die volkswirtschaftlichen Kosten werden von der Task Force gemäß Prognosemodellen der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) herangezogen. Diese Kosten-Berechnungen kommen bei vier Wochen auf CHF 1,4 bis 1,8 Mia, bei sechs Wochen auf CHF 2,1 bis 2,7 Mia, bei acht Wochen auf CHF 2,8 bis 3,6 Mia und bei zehn Wochen auf CHF 3,5 bis 4,5 Mia zu stehen.

Der Vergleich

Das Bundesamt für Statistik hat für das Jahr 2019 das Bruttoinlandprodukt pro Kopf in der Schweiz mit CHF 84'800 beziffert: Das würde bedeuten, dass sich gemäß WHO ein Lebensjahr mit dem Faktor drei berechnet auf CHF 254'000 beläuft. Der Wert liegt demnach sehr nahe am Value of Statistical Life, den der Bund und die Task Force heranziehen.

Die Berechnungen von Schlander und Kollegen kommen auf weitaus höhere Beträge als jene der WHO und der Task Force. Nähme man für die Schweiz für 2019 das oben erwähnte Bruttoinlandprodukt pro Kopf vom Bundesamt für Statistik von CHF 84’800 und multipliziert es mit dem Faktor 5,1, käme man auf ein Lebensjahr, das CHF 432'480 wert ist.

Was kostet die Pandemie?

In unserem Zusammenhang ist wichtig, dass die Task Force – je nach Perspektive – mit verlorenen bzw. gewonnenen Lebensjahren rechnet, wie das schon Dirk Krüger (Was kostet ein Leben?) von der University of Pennsylvania, die WHO und Schlander und Kollegen getan haben. Diese Methode scheint für den Laien einsichtiger zu sein, als ein Festsetzen eines fixen Betrags pro Leben. Krüger kommt für 2019 für die USA auf einen Wert von CHF 488'000 (was sich mit Schlanders Berechnungen deckt: 6,9 mal USD 65'250), also fast doppelt so viel wie die Task Force für die Schweiz. Die Übertragung der US-Daten auf die Schweiz, wie sie im Bericht Was kostet ein Leben? vorgenommen wurde, ist jedoch falsch. Kreuzfalsch. Es liegen Scherben herum, die von den geworfenen Steinen aus dem Glashaus herrühren. Wie wir gesehen haben, rechnen die USA mit markant höheren Zahlen, die Bevölkerung ist bereit, mehr in die Risikovorbeugung zu investieren. Aus alteuropäischer Laiensicht erstaunt diese Tatsache. Die nackten Zahlen von den USA auf die Schweiz zu übertragen, war unzulässig.

Im Quarantän-Bericht Was kostet ein Leben? ging es darum, die Gesamtkosten der Pandemie zu berechnen. Mit den hier verwendeten Zahlen ginge die Rechnung etwa folgendermaßen: 

Wir schließen an die Annahmen im Quarantän-Bericht an: Verschiedene Berechnungen gehen von 12'000 bis 15'000 Opfern bis Ende März aus. Bleiben wir konservativ, orientieren uns an der Berechnung von Althaus und rechnen mit 12'000 Todesopfern (obwohl der R-Wert auch Anfang Februar immer noch mehr als 0,9 beträgt). Wir passen Eisenrings Rechnung und die Kalkulation an die Zahlen der Task Force/WHO an: Die Opferzahl mal die durchschnittliche Restlebenszeit mal den Wert eines Lebensjahres: 12‘000 x 6.1 x CHF 250‘000 = CHF 18,3 Mia. Hinzu kommen die Kosten für die Langzeitfolgen von CHF 21,7 Mia und die Kosten für psychische Behandlungen von geschätzten CHF 19,5, Mia (vgl. Was kostet ein Leben?). Zum volkswirtschaftlichen Schaden, der gemäß Zahlen des Seco etwa CHF 70 Mia beträgt (vgl. Was kostet ein Leben?) kämen also CHF 59,5 Mia Gesundheitskosten hinzu, macht also CHF 129,5 Mia.

Nach Schlander und Kollegen sind es CHF 31,6 Mia, die wegen der verlorenen Lebensjahre als Kosten zu verbuchen sind, plus die CHF 21,7 Mia Langzeitfolgen plus CHF 19,5 Mia für die psychischen Behandlungen plus den volkwirtschaftlichen Schaden von CHF 70 Mia, das ergibt CHF 142,8 Mia.

Fazit

Die Untersuchung der Task Force beziffert das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Je nach Länge und Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen kann der Nutzen der Maßnahmen mehr als das Doppelte der wirtschaftlichen Kosten betragen. Würde man mit den Zahlen von Schlander und Kollegen operieren, wäre das Verhältnis noch krasser. Das ist bemerkenswert. Volkswirtschaftlich lohnt sich also der Versuch, mit dem Zurückfahren der Mobilität und den Einschränkungen der Kontakte die Infektionszahlen drastisch zu senken. Letztlich kommt dies der ganzen Gesellschaft zugute. Wir erinnern uns an einen Beitrag vom 19. März 2020 im Swiss Medical Weekly, in dem zahlreiche Epidemiologen und Virologinnen betont haben, dass vorübergehend geltende starke Maßnahmen volkswirtschaftlich zwar erheblich zu Buche schlagen würden, es aber langfristig gesehen die Gesamtkosten der Pandemie markant senken würde. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) ist schon Ende September 2020 in einer Studie zum selben Schluss gekommen.

Diese Berechnungen betreffen nur die wirtschaftliche Seite der Pandemie.

Und so schließen wir die Diskussion über das Eigentliche und Uneigentliche an, die im Quarantänbericht zu Trump gestreift wurde (Filipescu, Trump, Arendt). Zwar wissen wir immer noch nicht so viel über das Virus, die Ansteckungsart, die Ausbreitung und die Wirkung. Doch eigentlich wüssten wir schon lange ein paar wichtige Dinge, aber das Uneigentliche bestimmt die Diskussion. Das Frustrierende daran ist, dass das noch nicht alle gemerkt haben.

 

Quellen:

Michael Schlander, Oliver Schwarz, Diego Hernandez, Ramon Schaefer, The Search for a Cost Effectivness Standard: 1 – 3 Times GDP/Capita, Vancouver 2018

Ecoplan, Empfehlungen zur Festlegung der Zahlungsbereitschaft für die Verminderung des Unfall- und Gesundheitsrisikos (value of statistical life), Bern 2016

Covid-19 Swiss Task Force, Warum aus gesamtwirtschaftlicher Sicht weitgehende gesundheitspolitische Massnahmen in der aktuellen Lage sinnvoll sind, Zürich 2021

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Rekapitulation: Eigentlich nichts Neues, aber eine Bestätigung der Erkenntnisse und Erwartungen. 

Anhand der Route der Expertengruppe, die aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besteht, die einerseits von der WHO und andererseits von den chinesischen Behörden zusammengestellt wurde, kann der Gang der Ereignisse noch einmal kurz rekapituliert werden. Die Gruppe musste zuerst zähe politische Verhandlungen, etliche Kompromisse und Verzögerungen abwarten. Anschließend begannen die wissenschaftlichen Abklärungen, die Voruntersuchungen und endlose Videokonferenzen. Dann folgte die Anreise und eine Quarantäne. Endlich hat für die Spezialistinnen und Spezialisten die konkrete Feldarbeit begonnen. Die chinseischen Behörden hatten alle Zeit, unliebsame Tatsachen aus dem Weg zu räumen.

Zuerst stand ein Besuch im Hubei Provincial Hospital of Integrated Chinese and Western Medicine auf dem Programm. Gemäß den chinesischen Behörden wurden dort am 27. Dezember 2019 Patienten mit »Pneunomie unbekannter Herkunft« behandelt. Das Team führte Gespräche mit Ärzten, Pflegepersonen und Patienten. Aus den Meldungen in der Presse und von der WHO geht nicht hervor, ob die Gruppe auch im Central Hospital von Wuhan vorbeischaute, wo die Notfallärztin Ai Fen zur selben Zeit Lungenkranke behandelte (Wie alles begann). Nach Medienberichten war sie es, die ihren Verdacht, dass es sich bei der Krankheit um eine unbekannte Art eines SARS-Virus handeln könnte, mit Kollegen teilte. U.a. mit dem Whistleblower Li Wenliang, der kritisch die Reaktionen des offiziellen Chinas kommentierte, dafür – wie übrigens auch Ai Fen – einen Maulkorb verpasst bekam und der im Februar 2020 an den Folgen einer Coronaerkrankung starb. Über einen We-Chat-Kanal gelangte die Nachricht nach Taiwan und schließlich zur WHO. Die Weltgesundheitsorganisation reagierte jedoch nicht unmittelbar. Einen Tag später informierten die chinesischen Gesundheitsbehörden die Öffentlichkeit und die WHO. Ebenfalls Medienberichten zufolge war es auch Ai Fen, die am 30. Dezember 2019 Gewebeproben von Patienten ins Wuhan Institute of Virology (WIV) schickte. Dort wurde das Virus von Shi Zhengli analysiert und als nicht bekannt und somit als neu taxiert. 

Mit Spannung wurde der Besuch im WIV erwartet, ging es doch darum herauszufinden, ob es irgendwelche Anzeichen eines Laborausbruchs gibt. Das Medieninteresse war groß, die Mitglieder des Forscherteams wurden von zahlreichen Schaulustigen zum Institut eskortiert. Der Zoologe Peter Daszak von der EcoHealth-Allinance, der zur WHO-Gruppe gehört, kennt das Institut schon seit längerem. Er hat schon mehrfach mit der Virologin und sogenannten »batwoman« Shi Zhengli, die die Abteilung der Fledermausforschung leitet, zusammengearbeitet. Die im Institut befindlichen Virenstämme wurden kontrolliert, die Sicherheitsvorkehrungen geprüft und es wurde abgeklärt, ob es im Haus zu Zwischenfällen mit dem neuen Virus gekommen war. 

Zudem wurden noch weitere Labore in Wuhan besucht und es fanden Gespräche mit dem lokalen Center of Desease (CDC) statt. Das Center wurde zu Beginn von verschiedenen Seiten – auch seitens der Regierung (Wuhan-Files) – für die unklare und nicht sehr stringente Reaktion auf den Ausbruch getadelt.   

Schließlich ist dem bekannt gewordenen Huanan-Seafood-Market ein ausgedehnter Besuch abgestattet worden. 

In einer Pressekonferenz wurden der Öffentlichkeit die ersten Erkenntnisse mitgeteilt. Für abschließende Urteile ist es noch zu früh, viele Fragen sind noch zu klären. Und es deuten sich ein paar Richtungen an, in die weiter geforscht werden muss.

Der Leiter der chinesischen Seite des China-WHO Joint Teams und Epidemiologe Liang Wannian sagt, das Virus stamme höchstwahrscheinlich aus einer zoonotischen Übertragung, der Wirt habe aber noch nicht identifiziert werden können. Der Beweis muss erst noch erbracht werden, ob tatsächlich – wie vermutet – Fledermäuse die Träger des Virus' sind. Weitere Untersuchungen sind nötig, um herauszufinden, welcher Zwischenwirt zwischen dem Virusträger und dem Menschen stehen könnte. Ob es sich um Schlangen, Schuppentiere, Katzen oder ein anderes Tier handelt, ist nicht bekannt.

Der Leiter der WHO-Gruppe Peter Ben Embarek sagt zusammenfassend, das gemeinsame Team von China und der WHO habe vier mögliche Wege untersucht, wie das Virus auf den Menschen gekommen sei. Erstens: das Virus sei direkt vom Tier auf den Menschen übergesprungen. Zweitens: das Virus habe sich von einem Tier auf einen Zwischenwirt und dann auf den Menschen übertragen. Drittens: das Virus sei durch die Kühlkette transportiert worden und beispielsweise in Lebensmitteln unter die Menschen gelangt. Und viertens: das Virus sei aus einem Labor ausgebrochen.

Letztere Möglichkeit kann nach dem Besuch des WIV mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden (Laborthese). Was außer ein paar Verschwörungsgläubigen niemanden überrascht.

Alle anderen Ansätze werden weiterverfolgt. 

Der direkte Weg vom Ursprungswirt auf den Menschen dürfte eher unwahrscheinlich sein, kann aber nicht ausgeschlossen werden. Mit dem Tiermediziner Fabian Leendertz sitzt immerhin jener Forscher in der WHO-Gruppe, der 2014 in Guinea jenen Baum identifizierte, auf dem eine Fledermaus saß, beziehungsweise vermutlich hing, die einen Jungen, der sich darunter – genau genommen in der Baumhöhle – befand, direkt mit dem Ebola-Virus infizierte.

Auch der Huanan-Seafood-Market und damit die Übertragung über gekühlte Lebensmittel dürfte eher nicht der Ursprung sein. Es gab höchstwahrscheinlich schon vor den ersten Fällen, die im Umkreis des Marktes auftraten, andernorts Ansteckungen mit dem SARS-CoV-2. Bereits im Mai 2020 wurde eine entsprechende Studie einer Forschergruppe im The Lancet publiziert. Auch Wannian gab zu Protokoll, dass es schon am 8. Dezember 2019 eine Corona-Infektion gegeben habe, beim Betroffenen aber keine Verbindung zum Markt nachgewiesen werden konnte. Ursprünglich hätte die chinesische Seite zwar diese Variante bevorzugt, aber zurzeit ist die Beweislage nicht sehr vorteilhaft für sie. Gleichwohl wurden diverse Proben von Lebensmitteln und anderen möglich Virenträgern geprüft und gesichert. Die Untersuchungen an dieser These werden weitergehen. In den Vordergrund dürfte allerdings die Frage rücken, wie der Markt zu einem Spreadingort geworden ist. SARS-infizierte Tiere, die allenfalls als Zwischenwirte hätten dienen können, können kaum mehr eruiert werden.

So steht wie erwartet und von der Forschergemeinschaft schon mehrfach erwähnt und unterlegt die zoonotische Übertragung im Fokus (Zoonose). Embarek und Wannian scheinen sich diesbezüglich einig zu sein. 

Zudem – und dafür hat sich vor allem die chinesische Seite stark gemacht, die den Ursprung im Ausland orten will – sind sich alle einig, dass die Suche ausgeweitet werden muss. So kündete auch der US-amerikanische Forscher Peter Daszak an, dass er in Kambodscha weitere Feldarbeit in Angriff zu nehmen gedenke.  

Es gibt noch viel zu tun.

 

Nachtrag 15. Februar:

Der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Biden Jake Sullivan zeigt sich in einem Statement (Quelle: Twitter) besorgt darüber, dass die Expertengruppe der WHO auf ihrer Forschungsreise in China nicht zu allen erwünschten Informationen freien Zugang hatte. Sullivan: »Es ist zwingend erforderlich, dass dieser Bericht unabhängig ist und die Ergebnisse der Experten nicht von der chinesischen Regierung beeinflusst oder verändert werden.« Es handelt sich vor allem um die Einsicht in Rohdaten, die die allerersten 174 festgestellten Fälle von Anfang und Mitte Dezember 2019 betreffen. China gewährt lediglich Einblicke in die eigenen Untersuchungen jener Daten. Das verhindert eine unabhängige und genauere Analyse der Anfangszeit der Pandemie. Die Virologin Marion Kundoopmans von der WHO-Gruppe versucht derweil, auf Blutbanken aus der Provinz Wuhan zurückgreifen zu können, um eigene Untersuchungen vorantreiben zu können. 

 

Nachtrag 30. März:

Der Schlussbericht des WHO-China-Joint-Teams ist vorgestellt worden. Er beinhaltet keine wesentlichen neuen Erkenntnisse. Das heißt, die Laborthese wird als höchst unwahrscheinlich eingestuft und der Seafood-Market in Wuhan kommt als Ursprung kaum in Frage. Bleiben die Kühltransport-These und die Zoonose. Da sich die chinesischen Behörden nicht besonders kooperativ zeigten und die Untersuchung von Anfang an unter dem Verdacht stand, eine starke machtpolitische Schlagseite zu haben, ist es wenig überraschend, dass die WHO auch die Kühltransport-These als mögliche Ursache stehen lässt. Auch wenn es kaum Anzeichen gibt, dass diese zutrifft. Für ernst zu nehmende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bleibt die Zoonose der wahrscheinlichste Erklärungsansatz. 14 Länder haben die verkündeten Ergebnisse in Zweifel gezogen. Die Fachkräfte hätten nicht mit der erfoderlichen wissenschaftlichen Freiheit forschen können und es seien ihnen wesentliche Daten und Unterlagen vorenthalten worden. Einerseits: das dürfte stimmen. Anderseits: die Forschungen über die Quellen sind mitnichten beendet. Vielleicht ist es besser, sie nicht unter den Auspizien der WHO weiterlaufen zu lassen.

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Über Wirte und Märkte

Wird Covid-19 den Handel mit Wildtieren in China lahm legen?, fragen sich Christian Shepherd und Qianer Liu in der FT. Aber welche Tiere sind überhaupt Träger von gefährlichen Viren?, fragt sich Christina Brandt in der SZ.

Wirte

Jahr für Jahr treffen sich im Kasanka-Nationalpark in Sambia etwa zehn Millionen Palmenflughunde, dann nämlich stehen die Fruchtbäume in voller Reife. Die Flugschwärme sind so dicht, dass sich der Himmel schon vor der Dämmerung eindunkelt. Ein Festessen für die Fledertiere und ein Naturschauspiel für die Touristen beginnt, schreibt Christina Berndt in der SZ (9./10. Januar 2021). Aber auch eine Fundgrube für Virologen auf ihrer Suche nach neuen Viren öffnet sich. Die Flughunde gehören zusammen mit den Hufeisennasenartigen (Hufeisennase) zur Unterordnung Yinpterochiroptera der Fledertiere. In der Chinesischen Hufeisennase konnte die Virologin Shi Zhengli 2013 das SARS-CoV-1 identifizieren, das für den SARS-Ausbruch 2002/2003 verantwortlich war. Auch die verwandten Palmenflughunde tragen etliche Viren in sich. Forscher schätzen alleine bis zu 3000 verschiedene Varianten des Coronavirus. Hinzu kommen noch zahllose andere Viren, die ebenso verheerende Folgen auf den Menschen haben könnten. Die Fledertiere sind immun gegen diese Erreger. 

Sollte sich auf irgendeine Art und Weise ein Virus vom Tier auf den Menschen übertragen, könnte das – muss aber nicht – eine Ansteckungswelle auslösen, die sich vielleicht auch wieder zu einer Pandemie entwickeln kann. Wer weiß aber schon im Voraus, welche Viren wie gefährlich sind? Stephan Ludwig vom Institut für Molekulare Virologie der Universität Münster sagt in der SZ, dass zwei Drittel der bei Menschen diagnostizierten Erreger auf eine Zoonose (Zoonose) zurückzuführen ist, also das Virus vom ursprünglichen Wirt direkt oder über einen Zwischenwirt zum Menschen übertragen wird. 

Gefährliche Feldforschung

Die Erforschung solcher zoonotischen Übertragungen steht jeweils im Mittelpunkt bei der Suche nach den Ursprüngen eines viralen Ausbruchs. Es stellt sich die Frage: Wo beginnen? Welche Viren sollen identifiziert werden? Erschwerend ist der Umstand, dass sich Viren nur mit verhältnismäßig komplizierten Methoden untersuchen lassen, es braucht in der Regel eine Analyse des Gens. Zwar gibt es unterdessen mit dem sogenannten Next-Generation-Sequencing eine Methode, die das Erbgut schneller entziffern und den Abgleich mit Datenbanken erleichtern kann. Aber insgesamt ist der Aufwand immer noch enorm. Experten gehen davon aus, dass es etwa 320'000 Viren in den verschiedensten Tieren gibt. Insgesamt gibt es laut UNO 800'000 unbekannte Erreger, die in Wildtieren hausen und auf den Menschen überspringen können, sobald ein unkontrollierter Kontakt stattfindet. Das Aufspüren jedes einzelnen ist praktisch unmöglich. Das Sprichwort mit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen dürfte noch arg untertrieben sein.

Häufig kommen die Erreger aus der Wildnis, also dem Menschen gänzlich unbekannten Gefilden. Deshalb können sie für ihn so gefährlich sein, denn er muss die Immunantwort erst noch entwickeln. Von der Logik her ist diese Tatsache für das Tun des Forschers überaus bemerkenswert. Wenn der Mensch in die Wildnis geht, um nach den Viren zu suchen, setzt er sich unweigerlich der Gefahr einer Ansteckung aus und könnte zum Wirt werden. Der Bote wird zum Überbringer der Krankheit. Das ist eine delikate Ausgangslage und erfordert äußerste Vorsicht. Einmal fiel vor den Augen des Virologen und WHO-Experten Fabian Leendertz ein Affe tot um. Er fand im Tier einen gefährlichen Milzbranderreger. Der Shi-Zhengli-Mitarbeiter und Fledertierforscher Tian Junhua sagt denn auch: »Wenn Sie Viren finden wollen, setzen Sie sich ihnen auch aus.« (Laborthese) Gelegentlich, so Junhua weiter, kommt es zu Zwischenfällen, sei es durch Attacken der Fledermäuse, sei es durch unsachgemäße Handhabung des Sicherheitsmaterials in den Höhlen der Fledertiere. Oder wenn man im Inneren der Höhlen von Urin und Kotteilen, die die Fledermäuse ausscheiden, bekleckert wird. Ein chinesisches Forscherteam hat Einheimische untersucht, die in der Nähe von Fledermaus-Kavernen wohnen, in denen SARS-Viren gefunden wurden. Drei Prozent von ihnen hatten Antikörper gebildet. Beim Ebola-Virus fand Fabian Leendertz vom Robert-Koch-Institut (RKI) eine direkte Ansteckungsart: Ein zweijähriger Knabe spielte im Hohlraum eines Riesenbaumes, der gleichzeitig auch als Wohnzimmer einer Angola-Bulldogg-Fledermaus-Kolonie diente. Der Junge wurde angesteckt und brachte die Viren unter die Menschen. Als Leendertz, so die SZ, den Baum untersuchen wollte, hatten ihn die Dorfbewohner schon in Brand gesteckt. 

Zwischenwirte

Da der direkte Weg zum Ursprungswirt tückisch und beschwerlich ist, weicht man auf die Zwischenwirte aus. Viel Forschung wird auf das Auffinden solcher Träger aufgewendet. Sinnvoll wäre es eigentlich, dass Wild-, Stall- und Haustiere in gewissen gefährdeten Gebieten sofort untersucht würden, wenn sie auffällige Symptome entwickelten. Nur dürfte das kaum umsetzbar sein. Auch Stechmücken und andere potentielle Trägertierarten müssten regelmäßig untersucht werden. Auch das ist nicht praktikabel. Zuweilen spannen Virologen mit Verhaltensforschern zusammen, die Kot und andere tierische Ausscheidungen untersuchen. Darin sind nützliche Hinweise auf virale Aktivitäten zu finden. Das sind jedoch in der Regel nur Momentaufnahmen in einem unüberblickbaren Meer des natürlichen Lebens. Ein totes Tier kann von Zoonoseforschern obduziert werden, um den Erreger, der das Tier zur Strecke gebracht hat, zu finden. Immerhin das.

Es ist jedoch unmöglich, alle Quellen im Überblick zu haben und bei Bedarf zu kontrollieren. Fabian Leendertz hat beispielsweise auf einem Bushmeat-Markt in Brazzaville zufälligerweise Palmenflughunde zum Verkauf angeboten gesehen. In ein paar Gewebeproben fand er Erreger, die den Nipah-Viren ähnelten. Diese Viren haben das Potenzial, eine Pandemie auszulösen. Man stellt sich vor, wie ein Käufer ein solches Tier frohgemut nach Hause bringt und ausweidet. Leendertz sagt gegenüber der SZ, dass beim Schlachten das Risiko einer Übertragung besonders hoch ist. 

Lebende Tiere kaufen

In Asien wird verpacktes Fleisch oftmals als Gammelfleisch betrachtet. Das kann ja nicht frisch sein, sagen sich viele. Wir kennen solche Eigenarten auch in unseren Breitengraden. Etwa die Muscheln der Spaghetti vongole. Oder der Hummer, der in der Brasserie serviert wird, hat bis kurz vor seinem Auftischen noch gelebt. David Foster Wallace hat in seinem Essay Am Beispiel des Hummers geschrieben: »Hummer kommt lebend in den Topf. Genau das macht den modernen Reiz des Hummers aus: Etwas Frischeres gibt es nicht. Der übliche Gammel zwischen Fang und Verzehr entfällt vollständig.«[1] Keine Chance für Gammel. Austern sterben gar erst nach dem Verzehr durch unsere Magensäure. Das Angebot auf den chinesischen Tiermärkten ist ungleich breiter. Man deckt sich dort mit allerlei frischen, lebenden Tieren ein, aber auch mit allen anderen Lebensmitteln. Aber nicht auf allen Märkten werden auch lebende Tiere verkauft. 

Zuweilen werden die Märkte, die vorübergehend schließen sollen, auch wet markets genannt. Der Begriff wet market ist jedoch irreführend. Er stammt aus dem Hongkong-Englischen und bezeichnet Märkte, die auf glitschigen, feuchten Böden stattfinden, und auf denen Gemüse, Früchte, Fleisch und Meerestiere gehandelt werden. Feucht und glitschig werden sie durch die Lebensmittelabfälle und das Wasser, mit dem diese Lebensmittel abgespritzt werden. Nicht zwingend werden dort lebende Tiere verkauft. Diese sprachliche Ungenauigkeit – es gibt in Mandarin keine Entsprechung für wet market – hat viele Leute beunruhigt. Sollten jetzt wirklich alle Märkte verschwinden, also auch jene, auf denen keine lebenden Tiere verkauft werden? Für Chinesen ist das unvorstellbar, das wäre, als würde man in der Schweiz die Lebensmittelabteilungen von coop, Migros etc. dichtmachen und die Wochenmärkte abschaffen. Denn Chinesen kaufen auf ihren Märkten alles für den täglichen Nahrungsbedarf. Eine Schließung bedeutete für sie eine Katastrophe. 

Wenn wir also von einem wet market sprechen, müssten wir jeweils präzisieren, ob dort auch lebende Tiere gehandelt werden oder nicht. Wir bevorzugen deshalb den sperrigen Begriff Lebendtiermarkt. Die Wahrscheinlichkeit ist relativ groß, dass an solchen Handelsplätzen infizierte Tiere gehandelt werden und demzufolge zoonotische Übertragungen auf den Menschen stattfinden können. Denn dort werden tatsächlich Lebewesen angeboten, die als Wirte oder Zwischenwirte bekannt geworden sind. Beliebte Kandidaten sind Larvenroller (die Zwischenwirte für das SARS-CoV-1 waren), Zibetkatzen, Füchse, Riesensalamander, Schuppentiere, Fledertiere (Ebola), Affen (HIV), Schlangen. Deshalb sind während der Coronapandemie diese Märkte in den Mittelpunkt gerückt. In China stellen die Lebendtiermärkte und ihr zugewandte Branchen wie etwa die Tierzucht und die Gastronomie eine bedeutende Wirtschaftskraft dar.   

Zucht 

In einem ländlichen, fernab liegenden Außenbezirk der Stadt Bolao in der südchinesischen Provinz Guangxi steht ein relativ neues, dreistöckiges Backsteinhaus. Es gehört Hua Chaojang. Hua ist Cobrazüchter. Im Gebäude riecht es streng und säuerlich und ein lautes Zischen ist zu vernehmen, als Christian Shepherd und Qianer Liu der FT (1. August 2020) im Schlepptau des Geschäftsmanns das Haus betreten. Hua streckt die Hand in eine der Pferche, packt den Schwanz einer Cobra und fischt sie mit ungerührter Mine heraus. Die vierjährige Cobra ist so dick wie Huas Arm und etwa zwei Meter lang. Ob er denn schon einmal gebissen worden sei. »Sicher«, antwortet er und hält dabei die Schlange mit einem Eisenhaken von seinem Körper fern. Seit zwanzig Jahren verdient der Schlangenhändler sein Auskommen mit den Cobras. Wegen des Ausbruchs von Covid-19 hat die chinesische Regierung im Februar die Zucht und den Konsum von Schlangen und anderen Zucht- und Wildtieren verboten. Tausende von Cobras sitzen seither in Huas Backsteingebäude fest, es gibt keinen Ort, wo er sie hinbefördern könnte. Freilassen geht nicht. Die Futterrationen wurden von wöchentlich fünf auf eine reduziert. Jetzt sind viele seiner Cobras am Verhungern. Sie verhalten sich sehr aggressiv und essen einander zum Teil gegenseitig auf. Für ein Kilo Cobra bekam er vor Corona auf dem Wildtiermarkt mehr etwa 7 CHF, das Geschäft war einigermaßen lukrativ. Begonnen hatte er vor zwanzig Jahren mit ein paar wenigen Gehegen. Mit der Zeit konnte er expandieren und er verlegte die Käfige aufs Land, wo die Schlangen die Nachbarn nicht mehr gefährden konnten. Hua besuchte Kurse und er wurde ein staatlich anerkannter Schlangenzüchter. 

Bolao ist das Zentrum der Schlangenzucht in China. In der Region werden 70 Prozent der Schlangen, die nachgefragt werden, herangezogen. Ungefähr 37'000 Menschen sind abhängig von diesem Wirtschaftszweig. Die Branche ist stark geworden, die Methoden sind zeitgemäß und der Staat hat diese Entwicklung tatkräftig unterstützt. Leute von überall her sind in die Region Guangxi gereist, um sich die modernen Anlagen anzuschauen und darin unterweisen zu lassen, wie man sachgerecht Schlangenzucht betreiben kann. Und jetzt wird Unternehmern wie Hua vom selben Staat der Hahn zugedreht. Der angeschlossenen Restaurantbranche geht es ähnlich miserabel. Ihre Kenntnisse, wie man Schlangen so zubereiten kann, dass man sie auch genießen kann, ist plötzlich nicht mehr gefragt. Auch wenn Schlangen kein alltägliches Gericht ist, hat ihr Verzehr doch große Beliebtheit erfahren. Aber auch andere Zweige sind betroffen. Etwa die Hühnerzuchten, die bisher die männlichen Tiere den Schlangenzüchtern verkaufen konnten. Auf den Märkten mit lebenden Tieren – stammten sie aus der Zucht wie jene von Hua oder seien sie wild – hat das Geschäft floriert. 

Das Angebot an Tieren hat sich in den letzten Jahren stets vergrößert. Gerade auch aufstrebende Neureiche decken sich auf den Märkten mit legalen und illegalen tierischen Substanzen, mit ausgefallenen Tierarten für den kulinarischen Genuss oder mit exotischen Haustieren ein.

Medizin 

Außerdem stützt sich auch die chinesische Medizin auf zahlreiche Produkte aus dem Tierreich, die auf den Märkten zu finden sind. So ist die skurrile Situation entstanden, dass sich ungefähr 90 Prozent der Covid-Erkrankten in der Region Hubei mit Medikamenten und Elixieren haben kurieren lassen, die aus Tierextrakten zusammengebraut worden sind, die auf den nun wegen Covid verbotenen Märkten erstanden wurden. 

Aber auch die Zuchtanlagen der Medikamentenhersteller geraten in die Defensive. In der Provinz Hubei wurden ungefähr 30'000 Patienten mit einem Impfstoff behandelt, in dem Saft von der Bärengalle enthalten ist. Damit wird mit der Zucht von Wildtieren – also potenziellen (Zwischen-)Wirten – die Gefahr näher an den Menschen gebracht, und zugleich wird diese Gefahr mit Substanzen von denselben, eventuell infizierten Tieren bekämpft. Den Herstellern von Medikamenten, die selbst züchten, wird das Leben erschwert, schreibt die FT in ihrer Reportage weiter. Einige Arzneien mit tierischen Bestandteilen hat die Gesundheitskommission schon aus der Medikamentenliste gestrichen. Allerdings ist das behördliche Vorgehen inkonsequent und Artenschutz steht nicht im Vordergrund. Beispielsweise wurden Tierfarmen Auflagen gemacht, um die Haltung tierfreundlicher zu gestalten. Das hat nicht dazu geführt, dass eine gefährdete Tierart – wie etwa jene Bären mit dem heilenden Gallensaft – komplett geschützt wurde, es wurde lediglich die Haltung modernisiert. Und manchmal wird mit spitzfindigen Gründen geschummelt. So argumentierte eine pharmazeutische Firma, sie verwende keine Wildtiere, da die Bären, die auf ihrer Farm gehalten werden, ja von Menschen gefüttert würden und das Futtermittel vom Staat komme, also seien die Bären gar keine Wildtiere. Ein US-amerikanischer Tierarzt, der sich die Bärenhaltung angeschaut hat, hegt große Bedenken. Von den Tieren können sehr leicht Erreger auf den Menschen übertragen werden, diese mögliche Zoonose sei sehr gefährlich und kaum zu kontrollieren. 

Maßnahmen

So stellt sich die Frage, ob diese Pandemie die chinesischen Behörden zur Überzeugung bringt, tierische Produkte in Medikamenten, die das Risiko einer Zoonose in sich bergen, verbieten wird, um eine neue Pandemie mit neuen, unbekannten Erregern und nicht absehbaren Folgen zu verhindern. Die jetzige Regelung verbietet nur den Konsum. Das Virus kümmert sich aber nicht um legale oder illegale Zucht, nicht um veraltete oder moderne Anlagen, nicht um Schwarzhandel, es interessiert sich nicht für Artenschutz, für Medizin, für Medikamentenlisten oder für Nahrungsmittel, oder ob sein Wirt ein Nutztier oder ein Haustier ist.

Das zuständige Ministerium hat fast die gesamte Lebendtiermarktbranche für die »Zeit der Pandemie« abgewürgt. Möglich sind legale Verkäufe, wie etwa von bestimmten Fröschen, oder von tierischen Produkten, wie etwa von Antilopenpenissen und Geweihen. Die meisten Substanzen werden für medizinische Zwecke verwendet. Der Huanan-Großmarkt aber ist heute noch weitgehend geschlossen. 

Einige Lebendtiermärkte sind in den Untergrund und die Illegalität abgetaucht. Im Süden Pekings wurde im Juni 2020 im Umkreis eines unerlaubten Großhandelsplatzes für frisches Gemüse, Fleisch und Fisch ein SARS-CoV-2-Cluster bekannt. Über dreihundert Fälle wurden diagnostiziert. Da etliche Chinesen frische Lebensmittel den gefrorenen vorziehen, wagen sie sich auch auf illegale Umschlagplätze. Immer wieder werden solche Märkte von der Polizei ausgehoben. Auch hier geht es um die berufliche Existenz von tausenden von Menschen, denen von einem Tag auf den anderen die Grundlage entzogen wurde. Die Nachfrage nach den Lebensmitteln versiegt nicht, auch jene nach Haus- und Nutztieren nicht, vor allem bei der wachsenden Mittelschicht. Und wo eine Nachfrage besteht, entwickelt sich ein Angebot, auch wenn der Tausch im Verborgenen bleiben muss. Diese Regel gilt auch im Kommunismus chinesischer Prägung.

Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Schließung der Märkte sind weitreichend. 2016 betrug der Umsatz mit dem Handel von Wildtieren und mit den Restaurants, in denen Wildtiere konsumiert werden, umgerechnet geschätzte 16 Mia. CHF. Nun ist das Geschäft fast komplett eingebrochen. Die NZZ bezieht sich auf die Chinese Academy of Engineering, die das Gesamtgeschäft mit Wildtieren inklusive Zucht etc. auf 73 Mia. CHF beziffert. 14 Millionen Chinesen sind in der Branche beteiligt.[2] Die Regierung versprach Kompensationszahlungen, die sind allerdings bis jetzt ausgeblieben. Die Petitionen betroffener Züchter blieben unbeantwortet. Auch Hua braucht Geld für das Futter und seine Angestellten, er leiht es sich aus. Nur, wie lange kann er das durchhalten? Etwas anderes als die Schlangenzucht kann und kennt er nicht.

Sowohl die Zucht als auch der Handel, die Verarbeitung (zum Beispiel bei der Zubereitung von Gerichten) und der Konsum sind also mit Risiken für Zoonosen behaftet. Im Huanan-Großmarkt in Wuhan konnten laut FAZ [3] in 33 von 585 Materialproben Coronaviren nachgewiesen werden. Die chinesischen Behörden würde die Welt gerne glauben machen, dass diese in Tiefkühlprodukten aus dem Ausland eingeschleppt wurden. Hierfür fehlen allerdings die Beweise. Der norwegische Lachs, der einmal als Quelle genannt wurde, war es nicht. Auch das China-WHO-Joint Team ist nach ersten Einschätzungen zum Schluss gekommen, dass diese These eher unwahrscheinlich ist. Allerdings ist noch nicht bekannt, welche Tiere als Zwischenwirte in Frage kommen könnten. Im The Lancet [4] wird der Epidemiologe David Heymann vom WHO-Team folgendermaßen zitiert: »Es kann Jahre dauern, den Ursprung von Viren zu finden, die den zoonotischen Sprung vom Tier zum Menschen geschafft haben.« Shi Zhengli forschte zehn Jahre, bis sie nachweisen konnte, dass das SARS-CoV-1 von der Chinesischen Hufeisennase herkam. Über diese Fledertiere sind die Viren vermutlich über Larvenroller als Zwischenwirt zum Menschen gelangt. Bei Wildtierhändlern in der südchinesischen Provinz Guangdong wurden 2003 zum ersten Mal in diesen Schleichkatzen SARS-CoV-1 festgestellt. Beim SARS-CoV-2 glaubte man zuerst, dass Schuppentiere als Zwischenwirte fungierten, aber diese These konnte bis jetzt nicht bestätigt werden. Auf der Verdächtigenliste möglicher Virenzwischenwirte stehen erneut die Zibetkatzen, Larvenroller aber auch Schlangen. Als Ursprungswirte stehen erneut Fledermäuse im Zentrum.

Schon beim SARS-CoV-1-Ausbruch reagierte die chinesische Regierung mit Maßnahmen gegen die Märkte. Epidemiolgen, Virologen und Umweltwissenschaftler unterstützten diese Bemühungen, stellten sie doch seit langem etliche fragwürdige Praktiken im Umgang mit den Tieren fest. 2003 wurde eine Liste mit 54 Tierarten veröffentlicht, die weiterhin gezüchtet werden dürfen. Dieses Gesetz wurde 2018 überarbeitet. Die neue Novelle hielt jedoch viele Schlupflöcher offen, weil nicht die Zucht unterbunden wurde, sondern nur die Bedingungen der Haltung geändert wurden. Man versuchte mit Lizenzen, Gesundheitsvorschriften und Quoten den Markt noch stärker zu regulieren. Nach dem 2020er-Ausbruch drängten westliche Regierungen China noch stärker dazu, die Lebendtiermärkten besser zu kontrollieren oder gleich abzuschaffen. Internationale Organisationen und Verbände haben die Sensibilisierung für tierschützerische Belange tatkräftig unterstützt. 

Dabei stehen die Behörden aber von verschiedenen Seiten unter Druck. Sie werden sowohl mit einheimischen Anfragen eingedeckt, welche Tiere nun wie, wann und wo vielleicht doch noch gezüchtet und gehandelt werden können, andererseits pochen politische Kreise und Tierorganisationen darauf, der Ausrottung von seltenen Tieren zu unterbinden. Die letztere Haltung hat eine höhere Priorität im Behördenapparat erlangt. Selbst Staatspräsident Xi Jinping lässt verlauten, dass es »entschieden und hart gegen illegale Märkte und Handel mit lebenden Wildtieren vorzugehen und Risiken für die öffentliche Gesundheit von der Quelle her zu kontrollieren« gilt.[5]

Man sucht den Ausgleich zwischen den Traditionalisten und den Fortschrittlichen, die den Tierschutz entdeckt haben, zu erreichen, sagt ein hoher Beamter gegenüber der FT. So wurde das Schuppentier unter Schutz gestellt, nachdem es praktisch völlig verschwunden war. Tierschützer hegen zudem die Hoffnung, dass ihre Anliegen wegen Covid-19 auch von staatlicher Seite noch stärker berücksichtigt werden. Aber das wird noch dauern, meinen die Experten. 

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[1] David Foster Wallace, Am Beispiel des Hummers, in: ders., Der Spass an der Sache, Köln 2018, S. 976

[2] Matthias Müller, Bambusratten, Schuppentiere und Zibetkatzen sollen von den chinesischen Tellern verschwindenNZZ, 25.2.2020

[3] Frederike Böge, Der Ausbruch des Coronavirus hängt wohl mit dem lukrativen Wildtierhandel in China zusammen. Es ist ein Milliardengeschäft. Auch das Sars-Virus trat 2002 zuerst bei Händlern von Wildtieren aufFAZ, 7.2.2020

[4] John Zarocosta, WHO team begins COVID-19 origin investigationThe Lancet, 6.2.2021

[5] Zitiert in: Frederike Böge, ebd.

»Seele und Seuche«

Die Pandemie kostet, neben dem Leid, auch Geld – und Nerven. Und sie fordert Geduld, Duldsamkeit und Durchhaltevermögen. Das stehen nicht alle gleich gut durch.

Bei der ersten Welle verspürten viele Menschen vor allem Angst. Dahinter verbarg sich oft eine gehörige Prise Unwissen, Ungewissheit und Unsicherheit darüber, was einem möglicherweise bevorstand. Die medizinischen Kenntnisse über die Krankheit waren noch beschränkt, die möglichen Folgen einer Infektion lagen im Unklaren. Die Politik reagierte mit einer Strategie der größtmöglichen Ansteckungsvermeidung: Runterfahren der Mobilität, damit auch das Virus immobil bleibt. Man wollte Zeit gewinnen, um die Grundlagen einer effizienten Pandemie- und Krankheitsbekämpfung zu schaffen. Das funktionierte einigermaßen gut. Im Sommer hatte man das Ziel der Abflachung der Kurve erreicht. Die dabei gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse diffundierten aber nur unzureichend in der Bevölkerung und in manchen politischen Verhandlungs- und Entscheidungszirkeln. Beispielsweise wurde die Art der Ausbreitung, die Epidmiologen und Virologinnen Perkolation nennen, weitgehend unterschätzt. Das Virus hat sich in dieser Phase fast unbemerkt übers ganze Land verbreitet, ist durchgesickert (lateinisch: percolare). Und dann ist es innerhalb weniger Wochen fast überall ausgebrochen. Die zweite Welle wurde Tatsache. Man hätte es gewusst.

Unterdessen ist diese Kurve auch wieder etwas abgeflacht, aber die dritte Welle beginnt sich langsam aufzutürmen. Man weiß in der Zwischenzeit immerhin etwas besser, wie Krankheitsverläufe aussehen und es gibt gar schon ein paar wenige Arzneien, Medikamente und Methoden, die die Schmerzen lindern und die Entzündungen eindämmen. Aber nach wie vor sind ältere und vorerkrankte Menschen einem beträchtlichen Sterberisiko ausgesetzt. Ebenso jüngere Leute können sich nicht gewiss sein, ob sie nicht eine unentdeckte und unbekannte Schwäche in ihrem Immunsystem haben. Es gab schon manche Überraschungen. Dafür hat die Impfkampagne begonnen, das Tempo ist jedoch noch gemächlich.

So stehen denn die nicht pharmazeutischen Maßnahmen noch immer im Mittelpunkt der Prävention. Und das heißt nach wie vor, dass die sozialen Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden sollen. Das zermürbt immer mehr Menschen. Überdruss macht sich breit. Man reagiert ungewohnt unwirsch, ist stets schnell auf der Palme. Man will sich wieder mit Freunden treffen, Geburtstage feiern, kulturelle Veranstaltungen besuchen, Mannschaftssport betreiben, eine Restaurantrunde organisieren. Öffentliche aber zunehmend auch private Diskussionen verlaufen häufig gereizt, gehässig, die Nerven liegen blank. Das bereits seit längerem feststellbare Auseinanderdriften des Wahrnehmungs- und Wertehorizonts verschiedener Bevölkerungsgruppen hat sich akzentuiert. Die Exekutiv-Politiker sind zum Sündenbock geworden, die Legislativ-Politiker schlagen empört um sich. Und die Wissenschaftler verderben einem immerzu die Laune, wo sich eine gute solche gerade geregt haben mag. Aber sie haben fast immer recht. Wer sagt, wir müssen durchhalten, dem wird entgegengeschleudert, der Preis dafür sei zu hoch, die seelischen Langzeitschäden zu grauenvoll, wir wollten wieder Normalität. Welche Normalität gemeint ist, bleibt meist unerwähnt. Aber stimmt denn die Rede von den seelischen Schäden auch? Die Virenlast können wir messen, aber die Seelenlast?

Werner Bertens hat sich für die SZ bei den Stellen, die sich um die versehrten Seelen kümmern, herumgehört. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde Thomas Pollmächer sagt: »Bei genauer Betrachtung der Daten können wir bisher nicht von einer generellen Zunahme psychischer Erkrankungen während der Pandemie sprechen.« Der Anstieg der Nachfrage nach psychologischen Behandlungen bewege sich im Rahmen dessen, wie er schon seit längerem zu beobachten sei. Die Menschen würden heutzutage schneller nach Hilfe suchen, das war schon vor der Pandemie so. Das negative Stigma, psychische Leiden behandeln zu lassen, habe abgenommen.

Deutlich zugenommen haben allerdings die Krankschreibungen mit psychiatrischer Diagnose. Die Ausfalltage haben Höchststände erreicht. Dazu Pollmächer: »Aber auch mehr Krankschreibungen aus psychischen Gründen sagen wenig über die tatsächliche Häufigkeit der Erkrankungen aus.«

Das Team um Cornelia Betsch an der Universität Erfurt erhebt alle zwei Wochen die Stimmungslage in Deutschland. Die Risikowahrnehmung ist zwar gesunken (u.a. wegen der nahenden Impfung), die Angst vor dem Coronavirus bleibt aber gleichmäßig hoch.

Über die psychische Belastung ist damit noch nicht viel gesagt. Es ist schwierig zu unterscheiden, ob jemand chronisch schlechte Laune hat oder mit den Nerven tatsächlich am Ende ist und auf dem Zahnfleisch läuft. Martin Härter vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf meint, dass die Zunahme psychischer Belastungen nicht gleichbedeutend mit der Diagnose einer psychischen Störung sei. »Wir beobachten aber erhöhte Ängstlichkeit, Krankheitsbefürchtungen und mehr somatoforme Beschwerden.«

Manche Apologeten prophezeiten eine massive Zunahme psychischer Störungen wegen Stress, sozialer Isolation und Armut. Diese Horrorszenarien seien aber nicht eingetroffen. Was aber nicht heißt, dass vor allem bei Vorerkrankten vermehrt »Depressivität, Ängstlichkeit, Wut, Stress, Schlaflosigkeit, Sorgen und Einsamkeit beobachtet« wird, sagt Andreas Heinz von der Berliner Charité. Solche Befunde haben tatsächlich zugenommen. Fast jede erdenkliche negative Beeinträchtigung der Befindlichkeit wurde festgestellt. Eine beeinträchtigte Befindlichkeit ist aber noch keine psychische Erkrankung. Im Gegensatz zu schweren psychischen Leiden wie Depressionen.

Pollmächer präzisiert, dass zwischen Depressivität und Depression unterschieden werden muss. Depressivität sei eine singuläre, »normale« Stimmungsverdunklung; Depression jedoch sei eine heftige psychische und physische Reaktion auf verschiedenen Ebenen und müsse als Krankheit angesehen werden. Solche Reaktionen haben zugenommen. Meist waren die davon betroffenen Menschen schon vor der Pandemie von dieser Krankheit betroffen. »Depression bedeutet nicht nur Verstimmung, sondern entscheidend ist auch Affektstarre, das heißt, die Unfähigkeit, sich zu freuen, und eine Antriebsstörung, das alles kann bei sozialer Isolation gegeben sein«, sagt Heinz. Zudem gibt es nach einer Covid-Erkrankung mehr psychische Leiden als nach einer saisonalen Grippe. Das Suchtverhalten nehme ebenfalls zu. Also kann alles in allem gleichwohl eine Zunahme verschiedener seelischer Leiden festgestellt werden, aber der befürchtete Tsunami ist ausgeblieben.

Über die Suizidrate kann noch kein schlüssiges Urteil gefällt werden. Die Entscheidung, sich etwas anzutun, was auch letale Folgen haben kann, hat nicht nur psychische Gründe, sondern lässt sich auch auf wirtschaftliche Not zurückführen. Die Suizidrate dürfte aber, so Pollmächer, steigen.

Wer stärker von der Pandemie betroffen ist, sei es beispielsweise beruflich, erfährt die seelische Belastung stärker. Die Bankfachfrau im Homeoffice fühlt sich besser als der Angestellte an der Supermarktkasse. Besonders psychisch Vorerkrankte sind verletzlich, hätten aber die erste Welle gut gemeistert. Die Behandlungen haben aber schlecht funktioniert, da wegen der allgemeinen klinischen Notmaßnahmen weniger Leute aufgenommen werden konnten. Das hat zu einer Zunahme der Nachfrage nach der ersten Welle geführt. Ohnehin war die Betreuung während der Krise lascher. Es konnte nicht kontrolliert werden, ob wirklich jede verschriebene Tablette auch geschluckt worden war. Pollmächer warnt aber auch davor, dass die zweite (und eine dritte) Welle auch von der »gesunden« Bevölkerung nicht mehr so gut verkraftet wird. Durchhalteparolen helfen wenig, wenn die Existenz bedroht ist. Der Lebensmut schwindet. Der Alltag nimmt an Gewicht, das unangenehm nach unten drückt, zu.

Problematisch wird es vor allem für Kinder und Jugendliche. Gerade wenn jene Phasen, in denen sie wichtige Entwicklungsschritte machen sollten, in den Lockdown fallen. Die Treffen mit der Peergruppe sind nur eingeschränkt möglich, das Elternhaus kann keinen Ersatz bieten, da es ja gerade darum geht, sich davon loszueisen. Eine Studie an der Universität Hamburg kommt zum Schluss, dass fast jedes dritte Kind psychische Auffälligkeiten zeigt. Auch Gerd Schulte-Körne vom Klinikum der Universität München spricht von einer Zunahme von psychischen Belastungen und Erkrankungen, sie schwanke zwischen zehn und zwanzig Prozent und komme vor allem bei Jugendlichen vor. Besonders Essstörungen, die lebensbedrohlich werden können, seien zu beobachten. Diese Gefahren dürfen nicht kleingeredet werden, sagt Schulte-Körner, betreffen sie doch auch die Langzeitperspektive: »Die Folgen für die Lebensentwicklung können groß sein.«

Ein schweres Los haben die Behinderten gezogen. Neben der schon alltäglichen Stigmatisierung in nicht pandemischen Zeiten, komme jetzt noch eine zusätzliche hinzu, beispielsweise weil Speichel als infektiös wahrgenommen wird, geht man noch deutlicher auf Distanz. Ohnehin ist das Distanzwahren im Umgang mit behinderten Menschen schlecht möglich. Der Entwicklungsexperte Florian Heinen vom Haunerschen Kinderspital der Universität München sagt, dass das Versorgungspuzzle auseinanderfällt: »Sie bekommen weniger Physiotherapie, weniger Ergotherapie, weniger Logotherapie, die Mundhygiene leidet – weil von den vielen helfenden Händen oft zu wenige übrig bleiben.« Zudem ist die Kraft der Therapeuten am Schwinden.

Die Beurteilung der Pandemie beschränkt sich nicht auf Spike-Proteine, mRNA-Impfstoffe, Inzidenz und R-Werte. Auch in kritischen Zeiten wird unsere Befindlichkeit von den Lebensverhältnissen, von Vorerkrankungen, von der Bildung, von politischen Entscheidungen und vom Einkommen bestimmt. Pollmächer schließt mit der Bemerkung, dass wir in der »Pandemie mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Selbstbestimmtheit des Einzelnen und seiner Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl« konfrontiert werden. Vor allem mit den besonders Gebeutelten müsse die Gesellschaft besonders solidarisch sein.

 

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»Nähe fördert Austausch von Viren«

Die Ausbreitung der Zivilisation scheint ein wesentlicher Faktor dafür zu sein, dass Viren, die in Wildtieren zirkulieren, auf Menschen überspringen. Beim SARS-CoV-2 gehen Epidemiologen und Biologen davon aus, dass es von einer Fledermausart über einen Zwischenwirt in einen Wildtiermarkt gekommen ist und dort erste Menschen infiziert haben. Die Epidemiologin und Veterinärin Gertraud Schüpbach von der Universität Bern stützt diese Vermutung. Zwar habe es solche Zoonosen schon immer gegeben, sagt sie in einem Interview mit der NZZ (11. April 2020), aber die Häufigkeit (Sars, Mers, Ebola) nehme zu: »Vor allem unter den neu auftretenden Infektionskrankheiten sind auffällig viele Zoonosen (Über Zoonosen). Weil die menschliche Population immer größer wird und die Menschen auch in entlegene Gebiete vordringen, nimmt die Anzahl der Kontakte zwischen den Menschen und den verschiedenen Tierarten zu. Das ist der wahrscheinlichste Grund, weshalb es immer mehr Krankheiten gibt, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden… die Kontakte zwischen Mensch und Tier (sind) viel intensiver und häufiger geworden.« Eine besondere Stellung bei der Übertragung nehmen die Lebendtiermärkte ein, denn »dort kommt es nicht nur zum engen Kontakt zwischen Mensch und Tier, sondern auch zwischen den vielen verschiedenen Tierarten, die gehandelt werden.« So habe auch der Erreger der Vogelgrippe auf Schweine und Menschen übergehen können.

Weil verschiedene Tierarten auf Märkten so nahe beieinander sind, werde der Austausch von Viren und den Austausch von Genen zwischen den Viren gefördert, so dass neue Influenzatypen entstehen können. Lebendtiermärkte (Wirte und Märkte) seien aber auch aus tier- und artenschützerischen Gründen problematisch. Auf die Frage, ob die Ausrottung bestimmter Tierarten nicht auch die Erreger verschwinden lassen, antwortet Schüpbach: »Ja, auf den ersten Blick schon. Aber ich halte es für eine sehr schlechte Idee, das Problem der Zoonosen auf diese Weise zu lösen. Erstens hat die Vielfalt der Tierwelt an sich einen sehr hohen Wert und ist auch für den Menschen wertvoll. Zweitens begünstigt eine reduzierte Artenvielfalt erst recht die Übertragung von Krankheitserregern… Geht nun eine Art zurück, weil sie intensiv bejagt oder ihr Lebensraum zerstört wird, gerät das Gefüge durcheinander. Plötzlich treffen Tiere aufeinander, die sich vorher nie begegnet wären. Das begünstigt die Übertragung von Erregern auf neue Wirte.« Dies trage auch dazu bei, dass die Krankheiten aggressiver werden, weil »ein Erreger auf einen neuen Wirt überspringt, an den er nicht angepasst ist. Für diesen ist er meist tödlicher als für seinen ursprünglichen Wirt.« Das sei beispielsweise bei einem Erreger in afrikanischen Warzenschweinen der Fall, der auf Hausschweine überspringe, bei denen verlaufe die Krankheit, im Gegensatz zum ursprünglichen Wirt, tödlich. Beim SARS-CoV-2 wisse man noch nicht genau, wie die Übertragung geschehen sei, es könnte sein, dass Nutztiere keine Rolle als Zwischenwirte eingenommen haben. Aber sicherlich helfe es für künftige Fälle, wenn Nutztiere tiergerecht gehalten werden und nicht in Gebiete vorrücken, wo sie auf Wildtiere treffen, wie etwa Rinder für die Fleischproduktion in den Regenwald. Für die Ausbreitung von Zoonosen sind »Mobilität und Globalisierung… wichtige Aspekte«, aber auch für den Transport von Viren via Flugzeuge und Schiffe in andere Weltregionen. Schüpbach schließt mit der Bemerkung, dass Ökosysteme möglichst gut erhalten bleiben müssen und Lebendtiermärkte abgeschafft gehören.

Sandra Junglen von der Berliner Charité, die ähnlich wie Schüpbach argumentiert, sucht in den unberührten Tropenwäldern nach allerlei Erregern. Im Zentrum stehen dabei die Virenwirte, denn die Viren selbst kann sich nicht auffinden. Wenn in einem Gebiet ein stabiles ökologisches Gleichgewicht besteht, so Junglen, deute das auf ein gesundes, komplexes Ökosystem mit vielen gegenseitigen Abhängigkeiten hin. Wenn das nicht der Fall ist, kommt es zu diffizilen Ungleichgewichten. Der Erreger der Lyme-Berreliose beispielsweise finde sich vor allem in Gebieten mit verminderter Biodiversität bestens zurecht, da sein Wirt, eine bestimmte Nagetierart, von Raubvögeln, Füchsen, Wiesel, deren Bestände drastisch abnehmen, immer häufiger verschont bleibt.

Für Sandra Junglen (Interview in der Zeit, 8. Februar 2021) gilt es, die verdächtigen Wirte zu orten, in denen sie dann nach Viren, Parasiten, Bakterien fahndet. Sie forscht vor allem in intakten Ökosystemen und sucht nicht nach ganz spezifischen, einzelnen Erregern. Ihr geht es auch darum, inwiefern biologische Faktoren wie Artenvielfalt oder das Klima etc. die Ausbreitung beeinflussen. Und direkt daran anschließend: Wie verändern sich die Erreger, wenn sie ihr Ökosystem verlassen? Sie erhofft sich Erkenntnisse, wie man in Zukunft präventiv auf eine Infektionsgefährdung reagieren kann. Da stehen Fragen im Vordergrund wie etwa: Was fördert die Ausbreitung? Man muss den Weg nachverfolgen, der zur Überschreitung der Speziesgrenze geführt hat. Oder im spätkapitalistischen Schwurbel-Jargon ausgedrückt: Wo liegt die Schnittstelle, und was passierte vorher und was nachher. »Wer Pandemien verhindern will, muss ursprüngliche Ökosysteme wie den Regenwald erhalten, denn die Zerstörung von Ökosystemen und der damit einhergehende Verlust der Artenvielfalt begünstigen neuartige Infektionserkrankungen.«

Es sei nicht so, obwohl dies eine gegenteilige Modellierung suggeriert, dass die Rodung von Regenwald zur Umfunktionierung in landwirtschaftliche Flächen gleichzeitig auch den Erregern den Garaus macht. Empirische Untersuchungen zeigen den gegenteiligen Effekt. Junglen hat herausgefunden, dass in intakten Wäldern zwar mehr verschiedene Viren in den Wirten sind, aber in deutlich tieferer Zahl als in jenen, die geschädigten Ökosystemen vorkommen. Wenn die Tiere in nicht mehr intakten Gebieten beispielsweise dichter zusammengedrängt leben, kommt es häufiger zu Übertragungen. Wenn also der Lebensraum schrumpft, wird es gefährlicher. Falls der Mensch sich in diese Räume begibt, gilt das auch für ihn. Artensterben und Ausbreitung der zivilisatorischen Tätigkeiten in unberührte Naturräume etc. erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass es zu gefährlichen Zoonosen kommt.

Mit dem Klimawandel wurde gemäß Junglen kürzlich ein weiterer Faktor ins Spiel gebracht. Sie nimmt Bezug auf die jüngst publizierte Untersuchung einer Forschergruppe vom Potsdam-Institut für Klimaforschung (TA, 5. Februar 2021). Sie besagt, dass die Erwärmung in den Waldgebieten von Südchina – wo auch das SARS-CoV-1 gefunden wurde – dazu geführt hat, dass sich dort viel mehr Fledertiere angesiedelt haben. Wenn sich nun die Zwischenwirte aufgrund des Klimawandels in neue Gebiete ausbreiten, betrifft dies auch die Ausbreitung und Entwicklung von Viren. Und dort finden die Fledertiere auch neue Nachbarn. Zum Beispiel den Larvenroller, den Zwischenwirt und Überbringer des SARS-CoV-1 an die Menschen. Zwar gibt es noch keine festen Beweise, aber der Wandel in Südchina (Hufeisennase), Teilen von Burma und Laos vom tropischen Buschwald, den die Fledertiere nicht so mögen, in tropischen Laubwald, den die Fledertiere sehr wohl mögen, und in tropische Savanne haben die Verschiebung der Siedlungsgebiete der Fledermäuse in den Laubwald befördert. Junglen kann sich solche Mechanismen sehr gut vorstellen. »Die globalen Veränderungen sind einfach so groß, so vielfältig – ich glaube, das System Erde hält vieles aus, aber vielleicht ist der Puffer irgendwann einmal doch aufgebraucht.« Der Zusammenhang zwischen Epidemien, Artensterben, der Zerstörung von Ökosystemen und dem Klimawandel sind erkannt. Jetzt gilt es gemäß Junglen zu handeln.

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Zahlen und Willkür. Was wollen uns die Zahlen sagen sollen?

Seit Beginn der Pandemie ist eines der umstrittensten Gebiete das Feld der Zahlen. Ausgerechnet Zahlen, mag man denken, die doch eigentlich als eindeutiger gelten als Worte. Aber auch die Mathematik ist ein weites Feld. Zum Beispiel nur schon bei der Frage »Wer zählt wie?« gehen die Meinungen auseinander, öffnen sich zuweilen tiefe Abgründe. Oder: Wie zählt man die Übersterblichkeit? Wie wird der R-Wert berechnet? Wie eine epidemiologische Entwicklung? Wie breitet sich eine neue Mutante aus? Exponentielle Entwicklung? Wie flacht man eine Kurve ab? Aber auch: Wie viel kostet die Pandemie? Wie berechne ich ein Menschenleben?

Zahllose Fachdisziplinen, die sich mit dem Coronavirus befassen, gründen auf Berechnungen und Mathematik. Zahllose Expertinnen und Experten beglücken oder verärgern das Publikum mit ihren Kalkulationen. Und wer schon ein Publikum hat, der will dieses auch mit der eigenen Kunst der Zahlenjongliererei betören. Die Nachfrage der Politiker, Lobbyistinnen, Branchenvertreter, Journalistinnen etc. nach vermeintlich harten Fakten, die sich in Zahlen abbilden lassen, ist groß. Das Angebot auch. Meist wählt man jene Offerte, die am besten zur eigenen Überzeugung passt. Und da nicht alle, der hier Schreibende miteingeschlossen, eine besondere Befähigung zur Mathematik mitbringen, stützt man sich auf jene Stimmen, die einem am überzeugendsten einen mathematischen Sachverhalt auseinandersetzen. So konnte doch schon die eine oder andere wissenschaftliche Aussage geprüft oder zumindest angezweifelt oder gutgeheißen werden.

Im Januar 2021 hat der NZZ-Journalist Fabian Schäfer gleich zwei Artikel über fragwürdige mathematische Herleitungen verfasst. Im Text vom 21. Januar über die Übersterblichkeit nimmt er eine Aussage von Pietro Vernazza unter die Lupe. Der St.-Galler Infektiologe sagte auf medinside.ch, dass bei den über 65-Jährigen nur die nackten Todeszahlen herangezogen würden und nicht berücksichtigt würde, dass die Population dieser Altersgruppe in den letzten Jahren gestiegen sei. Das führe zu einer Verzerrung. Die Mortalität, so Vernazza, war 2013 und 2015 höher als 2020. Er glaube nicht an eine Übersterblichkeit im Coronajahr 2020, denn »das ist das, was die Zahlen sagen.« Eine solche Aussage ist Wasser auf die Mühlen der Kritikerinnen und Gegner von harten Maßnahmen.

Dass die Zählung von Todesfällen tatsächlich problematisch ist, vor allem auch, wenn damit Länder miteinander verglichen werden sollen, ist allgemein anerkannt und breit diskutiert worden. Statistiker haben vorgeschlagen, hierfür die Gesamtheit der Todesfälle als Grundlage zu nehmen und diese auf eine Pro-Kopf-Berechnung herunter zu brechen. Laut dem Bundesamt für Statistik (BfS) sind 2020 insgesamt 75'000 Personen gestorben. Die Sterberate pro 1000 Einwohner beträgt zirka 8,6. Bezogen auf die letzten 16 Jahre war dieser Wert 2020 zwischen 5 und 11 Prozent höher, einzig der Hitzesommer 2003 ist mit dem Coronajahr vergleichbar. Für die Altersgruppe der über 65-Jährigen, die Vernazza in den Blick nimmt, sehen die Zahlen nicht fundamental anders aus. In den letzten dreizehn Jahren bewegten sie sich zwischen 1 und 11 Prozent tiefer. Die Sterblichkeit 2020 ist also höher, aber nicht massiv. Der Journalist fragt bei den Berufsstatistikern nach, warum das so sei. Es gibt einerseits rein mathematische Antworten und andererseits zwei weitere bedenkenswerte Aspekte, die sich direkt auf die politischen Entscheidungsprozesse auswirken.

 So sagt das Amt einerseits: Ein heute 70-Jähriger ist beutend fitter als ein 70-Jähriger vor zehn Jahren und er lebt gesünder. Die Lebensbedingungen und die medizinische Versorgung haben sich verbessert. Für 2020 geht man davon aus, dass ein großer Teil der über 65-Jährige markant älter wird als noch vor fünf oder zehn Jahren. Etwas lapidar ausgedrückt: früher starb man durchschnittlich jünger. Die reine Sterblichkeit – die höheren nackten Zahlen bei älteren Menschen, die Vernazza erwähnt – kann dabei logischerweise ähnliche, gar höhere Werte aufweisen, es erreichen ja mehr Menschen auch ein höheres Alter. Aber es geht ja nicht nur um einen Vergleich der nackten Zahlen, man will herausfinden, ob sich im Verhältnis zwischen den Sterbefällen bezüglich Alter und der erwarteten Lebenszeit etwas verändert hat. Deshalb wird die Übersterblichkeit herangezogen. Zuerst muss ermittelt werden, wie viele Todesfälle zu erwarten sind, diese werden dann den tatsächlichen gegenübergestellt. Die Differenz davon ergibt die Übersterblichkeit. Alle demographischen Verschiebungen und die lebensverlängernden medizinischen Fortschritte werden bei dieser Berechnung fortlaufend einkalkuliert. Eine der wichtigsten Stellgröße ist die stets sich erhöhende Lebenserwartung. Diese demografische Erkenntnis ist weder spektakulär noch neu. Anhand von ausgeklügelten mathematischen Methoden und angepasst an die verbesserten Lebensbedingungen wird Jahr für Jahr diese Übersterblichkeit berechnet (die entsprechende Methode wurde international eingeführt). Die nackten Todeszahlen können durchaus ähnlich sein, die Übersterblichkeit kann jedoch stärker differieren. 2020 gab es laut BfS eine solche von 10,9 Prozent, was 7300 Todesopfern entspricht, im Hitzesommer 2003 war sie 2,9 Prozent.

Andererseits sagt das Amt, und hier wird es für die politischen Entscheidungsträgerinnen und Pandemiebeobachter relevant: Die zeitliche Verteilung übers Jahr hinweg wird vom BfS genau festgehalten. Während der zweiten Welle ab Mitte Oktober war die Übersterblichkeit bedeutend größer als vorher. Das ist wichtig für die Exekutive, wenn es darum geht, die Spitalkapazitäten nicht zu überstrapazieren. Es mag sein, dass von den Zahlen her übers ganze Jahr gesehen keine Überbelegung in den Intensivabteilungen zu verzeichnen war, aber innerhalb jener drei kritischen Monate ging man bis an die Grenze und regional darüber hinaus (hier geht es ja nicht nur um die reine Bettenkapazität, es braucht auch das einsatzbereite Personal dazu).

Schließlich weist das Amt noch auf das Präventionsparadox hin. Diese Wahrnehmungsstörung vernebelt den nüchternen Blick auf die Zahlen, offenbar auch auf jene, die das BfS veröffentlicht. Je besser man durch eine Pandemie kommt, desto größer ist die Versuchung, hinterher zu sagen, die Maßnahmen seien überzogen gewesen. Es waren aber ebengerade die Maßnahmen, die das gute Ergebnis bewirkt haben. Besser als Hazel Brugger (auf Twitter) kann man es nicht sagen: »Den Lockdown beenden wollen, weil er funktioniert, ist genauso, wie keine Kondome mehr zu benutzen, weil das Verhüten mit Kondom bis jetzt ja jedes Mal geklappt hat.« Das ist ein Problem des logischen Denkens und bedarf keines Kommentars.

Das Bundesamt schreibt abschließend: »Das BfS versucht, bei der Publikation von Zahlen möglichst neutral zu sein. Wie eine Sache bewertet wird, unterliegt dem gesellschaftlichen Diskurs.« 2020 war die Übersterblichkeit mit 8,6 so groß nie wie seit 1974, als man begann, vergleichbare Werte zu ermitteln. »Das ist das, was die Zahlen sagen.«

Das Bundesamt für Statistik hat berechnet, dass die Übersterblichkeit für 2020, wie bereits erwähnt, insgesamt 7300 Todesfälle beträgt. Diese Zahl wird von einem anderen Kritiker, dem Gesundheitsökonomen Konstantin Beck, in Zweifel gezogen, schreibt Fabian Schäfer am 28. Januar. Auch Beck wird von jenen Kreisen, die die Maßnahmen als unverhältnismäßig erachten und die Gefahren, die vom Virus ausgehen, kleinreden, rege zitiert. Konstantin Beck hat auch schon Ende 2020 mit dem ehemaligen Spitaldirektor Werner Widmer ein Buch veröffentlicht, in dem die bundesrätliche Politik der Eindämmung als übertrieben beurteilt wird und in dem behauptet wird, dass viele an Covid-19 Verstorbene wenig später ohnehin gestorben wären.

Nun hat Beck ein Video veröffentlicht, in dem er mit viel statistischem Aufwand und Material belegen will, dass die Übersterblichkeit 2020 nur 2800 Todesfälle beträgt. Das BfS hat also laut Beck falsch gerechnet. Bemerkenswert ist, dass Beck sich auf die Zahlen des BfS bezieht, er kommt einfach auf andere Ergebnisse. Ein klassischer Fall für Methodenkritik. Das BfS teilt mit, dass Beck nicht direkt bei ihm nachgefragt und es keinerlei Kontakt gegeben habe. Es bezeichnet auf Anfrage von Fabian Schäfer den Umgang Becks mit ihrem Zahlenmaterial als »nicht adäquat«. Das BfS rechnet seit 2004 mit derselben, international angewandten, komplexen Methode (siehe oben). Beck sagt nun, er habe die ganze Sache vereinfacht. Er fasst mehrere Jahre zusammen, um einen Durchschnittswert zu erhalten. Beck berücksichtigt nicht, ob es in diesen Jahren einen Ausreisser in die eine oder andere Richtung gegeben hat, der zu Verzerrungen führen könnte. Das Raster ist weitmaschiger, darunter leidet die Genauigkeit. Zudem werden bei Beck die Altersgruppen gröber zusammengefasst. Betrachtet man die Resultate von 2010 bis 2019, so sind die Zahlen des BfS präziser, das heißt, die erwarteten Todeszahlen liegen näher an den effektiv gezählten. Becks berechnet in den ersten Jahren bis 2016 eine Übersterblichkeit, gefolgt von Jahren der Untersterblichkeit. Beide Befunde konnte das BfS nicht bestätigen. Becks Methode erinnert etwas an das Gerrymandering in den USA. Dort kann die herrschende Partei eines Bundesstaates die Grenzen der Wahlkreise so ziehen, dass sie bei der Auszählung überproportional bevorteilt wird, sie also ein günstiges Wahlergebnis erzielt. Vermutlich unterschätzt Becks Modell die Auswirkungen der steigenden Lebenserwartung und der verbesserten Lebensbedingungen für die älteren Menschen, daher resultiert eine Untersterblichkeit in den letzten drei Jahren. Beck sagt, er vertraue eher den einfachen als den komplizierten Modellen.

Im Weiteren will Beck die Todesursachen untersuchen, um die »Opfer der Maßnahmen« bestimmen zu können. Hierzu nimmt er die Todesfälle aus der gesamten Übersterblichkeit und subtrahiert davon die Covid-19-Opfer. Der Wert der Differenz beziffert laut Beck jene, die an den Maßnahmen gestorben sind: Isolation, wirtschaftliche Sorgen, psychischer Stress, fehlende medizinische Versorgung. Nun kommt ihm aber seine eigene Berechnung der Übersterblichkeit von vorhin dazwischen. Subtrahiert man die Zahl der Covid-19-Opfer von den 2800 Todesopfern, die er errechnet hat, bleibt nichts übrig. Problem erkannt und gehandelt, kann man nur sagen, denn Beck greift nun für die zweite Rechnung doch auf die Übersterblichkeits-Zahlen des BfS zurück. Und siehe da, es tauchen 1500 Todesopfer auf, die sich nicht durch Covid-19 erklären lassen. Das sind dann also die Opfer der staatlichen Einschränkungen.

Darauf hingewiesen, dass er die Berechnungsbasis willkürlich gewechselt hat, sagt Beck, diesen Fehler habe er erst im Nachhinein bemerkt. Er wolle das in einem weiteren Video berichtigen. Den Coronaskeptikern dürfte das aber wurscht sein. Sie haben die Beweise für ihre Sicht der Dinge, Korrekturen sind unerwünscht. »Das ändert nichts daran, dass sein Film und seine Berechnungen für bare Münzen genommen werden: als wissenschaftlicher Beweis, dass Corona nicht schlimm ist – und der Lockdown aber viel schlimmer«, urteilt Fabian Schäfer.

In einer Sache aber hat Konstantin Beck durchaus recht: Wegen der Einschränkungen kommt es auch, beziehungsweise zusätzlich zu gesundheitlichen Problemen, zu suboptimalen Betreuungssituationen, mitunter zu Todesfällen (beispielsweise, wenn gewisse Therapien oder Operationen nicht mehr durchgeführt werden). Aber das wissen wir schon.

Dass die Therapie teurer zu stehen kommt als die Krankheit, ist ein beliebtes Motiv der Kritiker von griffigen Maßnahmen. Gerne wird auf den Freiburger (D) Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen verwiesen, wie die taz am 18. Dezember 2020 berichtet. Raffelhüschen geht von den verlorenen Lebensjahren aus und versucht diese mit einem Geldwert zu versehen (Neues zum Zahlensalat). Das ist ein verbreiteter und ein an und für sich vernünftiger Ansatz. Allerdings weichen seine Berechnungen stark von jenen anderer Ökonominnen und Ökonomen ab, denn er koppelt die steigende Lebenserwartung direkt an die steigende Wirtschaftskraft. Eine starke Wirtschaft, so die Logik, beschleunigt den medizinischen und technischen Fortschritt. Dieser Fortschritt ermöglicht es vielen Menschen, älter zu werden. Wenn er die beiden Größen miteinander verrechnet, so verlängerte sich seit den 1950-er-Jahren ein Menschenleben mit jedem Prozent Wirtschaftswachstum um durchschnittlich 27 bis 35 Tage. Umgekehrt wäre ein Schrumpfen der Wirtschaft mit einem Verlust an Lebenszeit verbunden.

Raffelhüschen stützt sich bei seinen Coronaberechnungen auf die Schätzungen der Bundesregierung, die von einem Wirtschaftseinbruch von 6,3 Prozent ausgeht. Verrechnet man diesen Rückgang gemäß seiner Methode, so verliert Deutschland wegen der Coronakrise und der darauffolgenden Rezession insgesamt 37 Millionen Lebensjahre. Dem gegenüber stehen mit dem Lockdown und den Kontaktbeschränkungen, so Raffelhüschen, 60'000 gerettete Leben. Multipliziert mit der durchschnittlichen Lebenserwartung, die die Opfer noch gehabt hätten, ergibt das ungefähr 557'000 Lebensjahre. Es stehen demnach 37'000'000 gegen 557'000 Lebensjahre »… (W)ir haben viel mehr Lebensjahre verloren durch das Unterbrechen der Wertschöpfungsketten, die den technischen Fortschritt begründen. Denn ohne technischen Fortschritt gibt es auch keinen medizinisch-technischen Fortschritt.« Und ohne den medizinisch-technischen Fortschritt stagniert die Lebenserwartung oder sinkt sogar wieder. Der Fall scheint klar zu sein.

Die Pointe von Raffelhüschens Argumentation ist seine Annahme, dass der Wirtschaftseinbruch ohne harten Lockdown und trotz Pandemie viel milder ausgefallen, beziehungsweise fast ganz ausgeblieben wäre. Wenn ein international koordiniertes Vorgehen nach dem Schweden-Modell umgesetzt worden wäre, hätte es vielleicht klappen können, sagt Raffelhüschen: »Wenn alle Länder weltweit abgestimmt gehandelt hätten, wäre ein sehr moderater Lockdown möglicherweise ausreichend gewesen.« Aber so sind – mir nichts dir nichts – 37 Millionen Lebensjahre geopfert worden, nur um einen »Bruchteil von Lebensjahren zu retten«.

In den Wirtschaftswissenschaften sind Raffelüschens Berechnungen nicht oder gemischt bis kritisch aufgenommen worden.

Erstens gibt es viele Beispiele, in denen der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Zunahme von Lebensjahren nicht gegeben ist, und zwar in beide Richtungen: Die Lebenserwartung in den USA stagniert, obwohl die Wirtschaft bis 2019 stetig gewachsen ist; auch die deutsche Bevölkerung müsste gemessen am BIP älter sein, als sie wirklich ist; in Portugal und Chile ist die Lebenserwartung trotz schwacher Konjunktur hoch. Die WHO konnte 2018 in einer Überblicksstudie ebenfalls keine Korrelation nachweisen. Gute Arbeitsbedingungen, ein funktionierendes Gesundheitssystem, die allgemeine körperliche und psychische Gesundheit der Menschen, soziale Geborgenheit und die Ernährung spielen eine ebenso wichtige Rolle für die Lebenserwartung.

Zweitens ist die Annahme äußerst gewagt, dass es ohne harten Lockdown nur einen minimalen Wirtschaftseinbruch gegeben hätte. Diese These konnte bis jetzt nicht belegt werden. Ob es, wie Raffelhüschen andeutet, mit einer international koordinierten Reaktion nach dem Schweden-Modell besser herausgekommen wäre, ist möglich, aber bleibt sehr ungewiss. Zudem sind die Infektionszahlen in Schweden mit Verzögerung überdurchschnittlich stark angestiegen und bewegen sich, bezogen aufs europäische Umfeld, im oberen Bereich. Und Raffelhüschens Wunsch nach einer global einheitlichen Coronapolitik dürfte, nach den betrüblichen Erfahrungen nur schon in Europa, nicht in Erfüllung gehen.

Zudem fehlen Angaben, welche menschlichen und wirtschaftlichen Schäden der wahrscheinliche Kollaps des Gesundheitssystems verursacht hätte, hätte man keine Maßnahmen ergriffen. Des Weiteren, so die taz, besagen historische Beispiele aus der Zeit der Spanischen Grippe, dass Städte mit harten Maßnahmen letztlich besser durch die Krise gekommen sind. Erste Berechnungen verschiedener Institute deuten für die Zeit der Corona-Pandemie auf ähnliches hin.

Drittens dürfte die deutsche Wirtschaft laut Schätzungen des ifo 2021 (plus 4,2 Prozent) und 2022 (plus 2,5 Prozent) wieder wachsen, der Freiburger Professor kann sich also zurücklehnen. Die verlorenen Lebensjahre tauchen dank Wirtschaftsaufschwung wieder auf. Bis 2022 wären es mit Raffelhüschens Rechnung, die die taz angestellt hat, ein Plus von 35,1 Tagen, die wir länger leben. Problem gelöst. Sein Modell scheint zu einfach gestrickt zu sein, um beispielsweise auch nicht-wirtschaftliche Aspekte, die den Gang der Wirtschaft beeinflussen, zu berücksichtigen. Er selbst sagt, dass die Wirtschaft wahrscheinlich nur langsam wieder Tritt fassen wird. Die Leute würden sich vermutlich anders verhalten, anders einkaufen, anders in den Urlaub fahren, anders miteinander umgehen. Mit diesem Hinweis auf strukturelle Veränderung mag er recht haben, aber mit seinem Modell kann er diese Unwägbarkeiten nicht erklären.

Viertens könnte man, sobald sich die verlorenen Lebensjahre wegen der wirtschaftlichen Erholung in Luft aufgelöst haben werden, die Gegenrechnung anstellen, indem man die erwarteten Lebensjahre, die die wirklich Gestorbenen verloren haben, beziffert. Deutschland hat bis März 2021 ungefähr 74'000 Coronaopfer zu beklagen. Jedes Opfer hätte durchschnittlich noch 6 Jahre zu leben gehabt. Das BIP pro Kopf in Deutschland beträgt 44'000 CHF. Gemäss des Gesundheitsökonomen Michael Schlander (Neues zum Zahlensalat) kann man das mit 5,1 multiplizieren, um den Wert eines Lebensjahres zu erhalten. Der wirtschaftliche Verlust beträgt demnach fast 100 Mia. CHF. Wie sähe dieser Betrag aus, wenn man nur sanft eingegriffen hätte?

Bei Konstantin Beck und Bernd Raffelhüschen handelt es sich um Experten, die in internationalen und ökonomischen Kreisen relativ wenig Widerhall gefunden haben.

Anders und ungleich delikater liegen die Dinge bei John Ioannidis. Beim Epidemiologen Ioannidis handelt es sich um einen allseits anerkannten Wissenschaftler, der an der Stanford University lehrt. Ioannidis ist ein von Fachkolleginnen und -kollegen viel zitierter Forscher, was seine Bedeutung unterstreicht. Für die WHO berechnete er in einer Meta-Studie, die 61 Untersuchungen umfasst, den globalen Schnitt jener nachgewiesenen Infizierten, die an Corona gestorben sind (infection fatality rate, IFR). Laut seiner Zusammenfassung (auf einem METRICStanford-Tweet) kommt er auf einen IFR von durchschnittlich 0,23 Prozent und einen Median von 0,27 Prozent. Er stellte unterschiedliche Ausprägungen in den verschiedenen Weltregionen fest, so erreichte der IFR in den besonders betroffenen Gebieten (mehr als 500 Opfer auf eine Million Einwohner) 0,57 Prozent. Die Studie wurde am 14. Oktober publiziert und schließt Daten bis am 9. September ein. Die zweite Welle dürfte nur unzureichend abgebildet sein.

Am 26. März 2021 hat Ioannidis nachgelegt. In einer weiteren Evaluation, in der er sechs weltweit angelegte Studien (bis 14. Januar 2021) ausgewertet hat, kommt er zum Schluss, dass SARS-CoV2 sehr verbreitet ist. Aber das Virus »hat eine geringere durchschnittliche IFR als ursprünglich befürchtet, und eine erhebliche globale und lokale Heterogenität.« Die Sterberate in Regionen mit besondsers vielen Infektionen sei zuweilen eher tiefer (als Beispiel nennt er Andorra), das gelte aber auch für Länder, in denen die Ansteckungen auf niedrigem Niveau verharrten (Färöer-Inseln, Zypern, Island, Finnland). Ebenso trifft diese Beobachtung auch für Länder mit eher jüngerer Bevölkerung zu, was nicht sonderlich überrascht. Im Weiteren stellt er fest, dass in der ersten Welle die IFR etwas höher gewesen sei. Zudem konstatiert er, dass es auch innerhalb der Länder große Unterschiede gebe. Ioannidis hat für die ganze Welt folgendes berechnet: »Durch Extrapolation kann man vorsichtig ~1,5-2,0 Milliarden Infektionen bis zum 21. Februar 2021 schätzen (verglichen mit 112 Millionen dokumentierten Fällen). Dies entspricht einer globalen IFR von ~0,15%.« (Quelle: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/eci.13554) Ioannidis Untersuchung wurde kritisch aufgenommen. Der angesehene Epidemiologe Adam Kucharski von der London School of Hygiene & Tropical Medicine etwa bemängelt den Verzögerungseffekt, den Ioannidis nicht berücksichtige oder dass er eine IFR festlege, die weltweit gelte, obwohl er selbst von großen regionalen Unterschieden spreche. Zudem weist Ioannidis selbst darauf hin, dass die Qualität der Datenerhebung sehr unterschiedlich ist.

Für Pandemie-Skeptiker sind diese Ergebnisse – der Unterschied zwischen 0,1 und 0,23 bzw. 0,15 ist doch eine Petitesse – der Beweis, dass es sich bei Corona um eine grippeähnliche Erkrankung handelt. Ioannidis betont gegenüber der taz, dass die Pandemie ein ernsthaftes Problem sei. Er widerspricht denn auch den verharmlosenden Interpretationen, ein Vergleich mit der Grippe sei nicht statthaft. Die Bedingungen seien komplett verschieden. Bei der Grippe seien weltweit betrachtet vor allem junge Menschen in armen Ländern betroffen, es werde viel weniger getestet und die Menschen in den reichen Ländern könnten sich leichter impfen lassen. Bei Corona stürben mehrheitlich ältere Menschen und eine Impfung entfalte ihre Wirkung erst mit der Zeit. So sei der Wert von 0,1 Prozent der Grippeopfer nicht vergleichbar mit den 0,23 Prozent der Coronatoten. Zudem gibt es noch sehr viele Unbekannten, so Ioannidis. Er landet in seinen Untersuchungen hinsichtlich der infection fatality rate (IFR) der Grippe wie gesehen bei plus/minus 0,1 Prozent, verglichen mit anderen Berechnungen ist dieser Wert im oberen Bereich anzusiedeln (das CDC kommt auf 0.05 Prozent), bei der IFR für Covid findet er sich stets im unteren Bereich (verschiedene Untersuchungen kommen für die westlichen Länder auf einen IFR von mindestens 0,6 Prozent).

In mehreren kleineren Studien zur Sterblichkeit hat Ioannidis seine These zu untermauern versucht. Die zur Verfügung stehende Datenbasis ist allerdings dünn. Er rechnete beispielsweise die berühmt gewordene Heinsberg-Studie nach und kommt dort auf einen IFR von 0,36 Prozent. Allerdings sind zahlreiche Patienten erst nach Abschluss der Erhebungen gestorben und fanden nicht Eingang in die Berechnungen. In einer zweiten Studie aus Marburg, die er zur Bestätigung seiner tiefen IFR-These heranzieht, wurden Hoechst-Mitarbeiter untersucht. Die dortigen Forscherinnen berechneten jedoch keinen IFR, weil die Fallzahl zu klein war. Ioannidis stört das nicht. Aufgrund von 2000 Fällen mit 7 Todesopfern rechnet er selbst einen Wert für ganz Deutschland hoch (Quelle: taz). Hierfür wurde er in breiten Fachkreisen kritisiert.

In einer weiteren Studie vergleicht er Länder, die mit sanften Maßnahmen der Pandemie begegneten, etwa Schweden oder Südkorea, mit Ländern, die härter einschränkten (Deutschland, Italien, Vereinigtes Königreich u.a.). Die Zahlen für Schweden wurden von Ioannidis bis Anfang April berücksichtigt. Bekanntlich begann die erste Welle in Schweden erst Mitte April stark anzusteigen. Zu Südkorea ist zu sagen, dass tatsächlich einzelne Maßnahmen schwächer sind, andere jedoch nicht. Beispielsweise wird das Contact Tracing viel konsequenter – und erfolgreicher – umgesetzt. Wird ein Cluster entdeckt, werden die Maßnahmen für kurze Zeit markant verschärft (Circuit Breaker). Zudem beziehen sich Ioannidis Befunde nur auf Resultate der ersten Welle. Wie aussagekräftig solche Berechnungen für die zweite Welle sind, bleibt auch in Fachkreisen umstritten. In manchen Ländern, wie beispielsweise in der Schweiz, gab es im Herbst/Winter 2020/21 einen sogenannten »Lockdown light«. Die Erfahrungen mit den damit verbundenen weichen Maßnahmen waren bedenklich.

Allgemein berücksichtige Ioannidis den Verzögerungseffekt von getroffenen Einschränkungen zu wenig, sagt der Ökonom Andreas Backhaus von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Auch wenn die Politik Eindämmungen beschlossen habe, dauere es eine Weile, bis diese wirkten. Das könne zu falschen Kausalitäten führen. In einer Untersuchung der Universität Edinburgh wurden die Lockdown-Maßnahmen während der ersten Welle in 130 Ländern analysiert. Besonders wirksam waren das Verbot öffentlicher Veranstaltungen und die Kontakteinschränkung. Sobald sich wieder mehr als zehn Leute treffen durften und die Schulen wieder geöffnet wurden, begannen die Infektionszahlen wieder zu steigen. Doch vieles weiß man noch nicht. So stellt der Statistiker Helmut Küchenhoff von der Ludwig-Maximilians-Universität in München fest, es sei schwierig zu beurteilen, inwiefern harte Maßnahmen während der ersten Welle wirklich wirksam gewesen seien. Die Infektionskurve hat vor dem Inkrafttreten der Einschränkungen begonnen, flacher zu werden. Ebenfalls der R-Wert. Es ist zu vermuten, dass viele Menschen schon vorher freiwillig das Verhalten angepasst haben, sich weniger bewegten, öffentliche Orte mieden, weniger Leute trafen, zuhause arbeiteten.

 

Zurück zum Schreibtisch.

 

Diese Werte beziehen sich auf eine Lockdown-Länge von etwas mehr als drei Monaten.

Die Daten wurden hier entnommen: https://www.versicherungsbote.de/id/4894410/chapter/1/Raffelhueschen-Corona-Lockdown/

Raffelhüschens Aussagen wurden von verschiedenen Medien (u.a.: Bild, Die Welt, taz) aufgenommen. Die dort wiedergegebenen Zahlen differieren stark, da die Länge der Lockdowns bei den Berechnungen ins Gewicht fallen. Zuerst ging Raffelhüschen von 3,8 Mio., später dann von 30 Mio. und schließlich von 37 Mio. verlorenen Lebensjahren aus.

https://www.mit-bund.de/sites/mit/files/dokumente/mittelstandsmagazin/mi...

Die Erkenntnisse von Backhaus, der Universität Edinburgh und Küchenhoff wurden in einem Bericht Wissenschaftler kritisieren Stanford-Studie zu Lockdown des Bayerischen Rundfunks 21.1.2021 veröffentlicht.

passé

WDR 3 Gutenbergs Welt

Mit Manuela Reichart
Kollisionen und andere Unfälle
Darin ein Gespräch mit Adrian Stokar über seinen Roman Einstürzende Gewissheiten
2. Oktober 2016
18:04 Uhr

Ein Auto stürzt in den Abgrund. Unfall mit tödlichen Folgen. 40 Jahre später wird das Gedächtnis bemüht, sorgt für Kollisionen und führt mitten hinein in eine unglückliche Familiengeschichte – eine Gutenbergs Welt Sendung über Rekonstruktionsversuche.
In Adrian Stokars Debütroman holt die Vergangenheit einen betagten Jubilar ein. Für ein Zeitungsporträt recherchiert ein Journalist den Autounfall, in den der Industrielle vor 40 Jahren verwickelt war. Familiengeheimnisse werden aufgedeckt, Erinnerungen abgefragt.

Wieso machen es die Länder in Ostasien und Ozeanien besser als Europa und die USA?, fragt sich die FAZ und konsultiert seine Korrespondenten. Auch die NZZ geht auf die Situationen in Ostasien ein und drei Tage später noch genauer auf jene in Japan und Südkorea. Nature.com schließlich verweist auf einen Artikel in der Japan Times, der die Schwierigkeiten der Clusterstrategie beschreibt.

Eines der interessanteren Rätsel rund um das Coronavirus ist die Frage, weshalb trifft es einige Regionen mehr und andere bleiben weitgehend verschont. Die Antwort ist nicht bekannt. Es war schon bei der ersten Welle im Frühjahr schwer nachvollziehbar, dass einige Regionen wie etwa Mittel- und Zentraleuropa sowie Süditalien kaum betroffen waren, in Spanien, Frankreich, Norditalien, Belgien, den Niederlanden oder dem Vereinigten Königreich jedoch kritische Verhältnisse herrschten. Dazwischen, etwa in Schweden und in der Schweiz, war die Situation kritisch, aber nicht katastrophal. Und dann gibt es Regionen in der Welt, in denen nach einem kurzen, mehr oder weniger heftigen Aufflammen der Pandemie die Zahl der Todesopfer und Infizierten wieder markant gesunken sind. Die FAZ gibt einen Überblick: In Taiwan etwa gab es seit über 220 Tagen keine einzige Neuinfektion. Allerdings gibt es keine einheitliche Strategie, die man als asiatisch bezeichnen könnte. Die Länder haben sehr unterschiedlich reagiert und die Spannweite zwischen einem autokratischen System wie in China bis zu funktionierenden Demokratien wie in Taiwan und Südkorea ist groß. Und Neuseeland und Australien können ohnehin nicht als asiatische Länder eingestuft werden. Aber auch Indien, das allerdings in der weiteren Betrachtung nicht weiter berücksichtigt wird, ist bisher besser davongekommen. Wobei neuere Entwicklungen ein düsteres Bild auf dem Subkontinent zeichnen. Sicherlich ist die Qualität der Daten nicht überall auf dem gleichen Niveau, auch die Informationen fließen nicht überall gleich.

Ein paar Gemeinsamkeit können gleichwohl festgehalten werden: Erstens: Alle diese Länder haben die Grenzen sehr früh geschlossen, teilweise betraf das auch Binnengrenzen zwischen Regionen in Australien und China. Ein Flugzeug aus Südaustralien, das in Westaustralien landete, wurde noch auf dem Rollfeld angehalten und wieder zurückgeschickt. Auch Züge mussten wieder umkehren. Zweitens werden in den asiatischen und ozeanischen Ländern Quarantäne-Vorschriften konsequenter eingehalten. Das schreckt Leute ab, überhaupt zu reisen. Drittens werden die Kontaktdaten viel genauer erfasst und in allen Ländern wird telefonisch rekonstruiert, wo sich die Infizierten aufgehalten haben. Die Nachverfolgung ging in gewissen Staaten sehr weit, die Quellen von Big Data wurden zuweilen großzügig angezapft. Der Datenschutz wurde nicht überall gewährleistet.

Schon sehr früh wurde erkannt, dass die sogenannten Cluster bei der Ausbreitung eine entscheidende Rolle spielen. Das Contact Tracing hat hierbei viel besser funktioniert. Hilfreich war zudem, dass das Tragen von Masken in vielen asiatischen Ländern bereits Gewohnheit ist, man schützt sich seit längerem mit einem Nasen-Mund-Schutz, unter anderem gegen die Luftverschmutzung. Aber auch die Erfahrungen mit dem SARS-CoV-1 unterstützten die Masken-Disziplin. Gerade die Achtlosigkeit der westlichen Welt gegenüber den Erkenntnissen, die in Asien nach SARS-CoV-1 gewonnen wurden und zum Teil auch in wissenschaftlichen Publikationen greifbar waren, ist kaum erklärbar.

Völlig unterschiedlich wurden aber etwa die Lockdowns gehandhabt. Alle Varianten waren relativ erfolgreich. Oftmals wurden schon kleinste Ausbrüche vehement bekämpft. Aber eben, es ist äußerst schwierig, genau herauszufiltern, welche Maßnahmen welche Folgen zeitigten. So schließt den der Artikel mit der hier ausführlich zitierten Feststellung, dass es kein Patentrezept gibt: »Reichen solche asiatischen Erfahrungen für Blaupausen für Deutschland oder Europa? Wohl kaum. Doch sie zeigen: Es lohnt sich, in der Pandemie auf die Länder im Fernen Osten zu schauen, die es besser gemacht haben. Zumindest hilft der Vergleich, Vorurteile zu korrigieren.

Japan, das Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt, belegt, dass die italienische Covid-Misere nicht der Überalterung Norditaliens geschuldet ist. Japan führt auch die These ins Absurde, dass Erfolge gegen das Virus drastische Eingriffe in die Privatsphäre und Freiheitsrechte oder breite Verstöße gegen (westliche) Datenschutznormen bedingen. Die westlichen Demokratien Australien und Neuseeland widerlegen, dass eine gelungene Virenbekämpfung eine konfuzianisch geprägte Grundeinstellung des Landes oder gar asiatische Gene voraussetzt. Großbritanniens Covid-Leiden zeigt im Vergleich etwa zu Taiwan, dass eine Insellage per se noch keinen Erfolg gegen das Virus verspricht. Das erfolgreiche Thailand widerlegt, dass nur Inseln die Grenzen weitgehend schließen können. Nicht zuletzt demonstrieren Seoul und Singapur, dass selbst eine weit höhere Bevölkerungsdichte als in Brüssel oder Berlin nicht zwingend zur Covid-Katastrophe führen muss.«

Die NZZ berichtet, dass am 31. Oktober in Taiwan 130'000 Menschen zur LGBTQ-Parade zusammengefunden haben. Nach über 200 Tagen ohne Ansteckungen und insgesamt 7 Todesfällen seit Beginn der Pandemie. Die Lockdowns waren in dieser Weltgegend eher streng, man wollte Zeit gewinnen, um die Infrastruktur für die Bekämpfung aufzubauen. Diese Zeit wurde genutzt. Zudem wurde großes Augenmerk auf das schnellstmögliche Austreten der Glutnester von Clustern gelegt. Weiters wurde viel mehr getestet, die Infektionsketten wurden viel konsequenter zurückverfolgt und gegenüber digitaler Technologien, die das Tracing unterstützen, zeigte man sich viel offener. Die Länder setzten auf das Unterdrückungsmodell, sie hatten nach dem SARS-CoV-1-Ausbruch 2003 gelernt. Es stehen also zwei Modelle gegenüber: auf der einen Seite das bis jetzt erfolgreich eingesetzte Unterdrückungsmodell und auf der anderen Seite das Influenzamodell, das davon ausgeht, dass man die Pandemie abschwächen, aber letztlich eine globale Durchseuchung nicht verhindern kann.

In Europa und Amerika hat man noch gar nicht realisiert, dass eigentlich zwei Modelle angewandt werden, denn man sagt achselzuckend, es handle sich ja zum Teil um Inseln, die ohnehin besser isoliert seien, oder um Autokratien, in denen demokratische Regeln ausgehebelt worden sind. Das ist wenig differenziert, denn man ignoriert, was in Ostasien wirklich besser gemacht wird. »Die intuitive Polemik«, schreiben die drei Autoren, »gegen das autoritäre Regierungssystem Chinas und das hartnäckige Ausblenden der asiatischen Erfolgsmodelle lassen sich am besten mit dem Begriff des epidemischen Orientalismus erklären. Er beschreibt eine Geisteshaltung, die jegliches Lernen vom Gegenüber ausschliesst, weil das orientalische Andere als fremd und minderwertig gilt.« Dabei verpasse man eine gute Chance, von anderen zu lernen. Man fühlt sich gegenüber den anderen überlegen. Wohin das geführt hat, zeigt sich gerade sehr deutlich in dieser zweiten Welle.

Am 24. November berichtet die NZZ, dass gleichwohl in Südkorea und Japan dritte Wellen am Anrollen sind. Aber was heißt schon dritte Welle: In Seoul wurde die dritthöchste Alarmstufe ausgerufen. Versammlungen von über hundert Personen sind nicht mehr erlaubt, Nachtclubs bleiben geschlossen und Homeoffice wird wieder empfohlen. Japan weist höhere Zahlen aus, geht aber mit den Maßnahmen nicht so weit. Die Wirtschaft wird nicht heruntergefahren. Und wie lauten die Zahlen? Südkorea meldet bei 51 Millionen Einwohnern 300 Fälle pro Tag, in Japan mit 126 Millionen Einwohnern gab’s letzte Woche einen neuen Rekordwert: 2596 Fälle an einem Tag (zum Vergleich: die Schweiz mit 8,5 Millionen Einwohnern zählt in der Woche 47 durchschnittlich 4'306 Infektionen, nach über 5'600 die Woche davor).

Grundsätzlich wird in den beiden Ländern weiter am Unterdrückungsmodell festgehalten. Mit gutem Grund: Südkoreas Notenbank rechnet für 2020 mit einem Wirtschaftsrückgang von gerade mal 1,3 Prozent. Diese Strategie hat sich also auch ökonomisch bewährt. Japan ist gezwungen, die Zahlen tief zu halten, die Anzahl von Covid-tauglichen Pflegebetten ist tiefer als in Europa. Experten warnen jetzt, dass die Nachverfolgung von Clustern nicht mehr einwandfrei funktioniere, bei der Hälfte der Fälle seien die Infektionswege nicht mehr bekannt. Der beginnende Winter und die vermehrte Mobilität der Menschen haben zu dieser Verschlechterung der Situation geführt.

Nature.com verweist auf einen Artikel in der Japan Times, der das oben Gesagte bestätigt. Die dortigen Gesundheitsexperten sind beunruhigt, dass die bis anhin erfolgreiche »aggressive« Zurückverfolgung von Clustern, das sogenannte »Japan Model«, ans Limit gelangt sei und die Kontrolle über die Infektionswege zunehmend verloren gehe. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass in der dritten Welle sich die Cluster an immer unterschiedlicheren Orten bilden. Das erinnert an das Bild vom Schwellenbrand, der sich ausbreitet und dann plötzlich überall auflodert. Die Cluster seien sich nicht mehr nur in Restaurants, Clubs, Karaokebars etc. festzustellen, sondern auch in medizinischen Einrichtungen, am Arbeitsplatz und in ausländischen Gemeinschaften. Ein weiteres Problem stellen Streichungen von Arbeitsplätzen in Gesundheitszentren dar. Hier konzentriert sich zurzeit die Clusterbekämpfung vor allem auf Einrichtungen für ältere Menschen. Ein Regierungsberater sagt, dass ein Ausbruch unter diesen Bedingungen nicht unter Kontrolle gebracht werden könne, die Regierung müsse entschlossen handeln und etwa Reiseeinschränkungen erlassen. 

 

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Kurze Nachbemerkung zu Röggla, Jandl, Encke & Benini

Robert Walser schreibt über den Schriftsteller: »Der Mann mit der Feder in der Hand ist quasi ein Held im Halbdunkel, dessen Betragen nur deshalb kein heroisches und edles ist, weil es der Welt nicht zu Gesicht kommen kann… Vielleicht ist das nur ein trivialer Ausdruck für eine ebenso triviale Sache, aber ein Feuerwehrsmann ist auch etwas Triviales, obschon es nicht ausgeschlossen ist, dass er gesetzten Falls ein Held und Lebensretter sein kann.« Schriftstellerinnen und Schriftsteller gehen auch in außerordentlichen Zeiten ihrer Tätigkeit nach. Und das ist richtig. Aber man kann bestimmte Vorbehalte und Bedenken teilen, die den Corona-Tagebüchern vorgehalten werden. Denn ob ein solches Unterfangen gelingt, ist – wie bei allen literarischen Erzeugnissen – abhängig davon, ob Form (hier: Tagebuch) und Inhalt (hier: Umgang mit einer realen Pandemie) zu einem sprachlich überzeugenden Ganzen zusammenfinden, also die Lektüre zu einem ästhetischen Genuss wird und inhaltliche Horizonterweiterungen liefert. Man lässt sich gerne entzücken und belehren. Die Sandbänke und Riffe wurden in den verschiedenen Artikeln erwähnt und nicht alle Autorinnen und Autoren haben diese souverän umschifft. Es gibt aber gute, schöne und witzige Beispiele dafür, wie mit der außerordentlichen Lage umgegangen wird. Etwa von Dorothee Elmiger, Michelle Steinbeck und Marlene Streeruwitz.

Wie hier unschwer zu erkennen ist, wird in diesen Aufzeichnungen ein anderer, kaum als literarisch zu bezeichnender Ansatz verfolgt (Frisch, Widmer, Quarantän). Der Fokus liegt in der Erfassung dessen, was gerade geschieht und was als wichtig angesehen wird. Es ist eine persönliche Auswahl. Diese subjektive Lesart der Geschehnisse und deren mediale Verarbeitung ist Teil des Verfahrens, Objektivität ist nicht zu erreichen. Aber es wird eine unvoreingenommene, sachbezogene, nachvollziehbare Auseinandersetzung mit den mehrdeutigen Umständen angestrebt. Der NYT-Kolumnist Thomas L. Friedman hatte einmal geschrieben, wünschenswert sei es, Kognitive Immunität zu erlangen. All die hier referierten und zitierten Artikel, Untersuchungen, literarischen Auszüge, Kunstwerke etc. sollen dazu dienen, Fresszellen, T-Zellen und Antikörper gegen Unsinn zu entwickeln. Einen Impfstoff wird es nie geben.

Wie Paul Jandl richtigerweise betont, ist das Virus eine »biochemische Entität«. Keine Frage, diese Entität wirkt auf Individuum und Gesellschaft. Auf das Ausbreiten persönlicher Befindlichkeiten wird hier nicht ganz, aber weitgehend verzichtet. Es werden weder psychische noch emotionale Untiefen ausgelotet. Wer das vermissen oder gar bemängeln will, der möge auf andere Texte zurückgreifen.

Hüten wir uns vor unnötigen symbolischen Aufladungen natürlicher Vorgänge. Wir sammeln. Deshalb bleibt der Tonfall nüchtern. Kathrin Röggla hat in ihrem Artikel schon geschrieben, dass Texte gemischte Realitäten beschreiben müssen, die dem »Nebeneinanderher von neuer Logik, alten Problemen, unerwarteten Auswirkungen der Situation gerecht werden«.

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Robert Walser, Der Schriftsteller, In: Robert Walser, Eine Ohrfeige und sonstiges, Hg. Thomas Hirschhorn, Reto Sorg, Frankfurt/M 2019, S. 80 (Orig. in Die Schaubühne, Jg. III, Bd. 2, Nr. 46, 14. November 1907)

Best of Berset

Medienkonferenzen, Fragestunden und Interviews sind nicht zwingend immer erhellend. Es wird gesagt – kommuniziert –, was gesagt werden kann und gesagt werden darf. Es geht kaum je um die Offenlegung sämtlicher relevanten Fakten, denn es soll den Leuten weder Höllenangst eingejagt, noch Panik verbreitet, noch überschäumende Zuversicht versprochen werden, sondern man will beschwichtigen. Zuweilen gibt es hübsche Aperçus, wenn die Worte nicht immer von einem Zettel abgelesen werden. Philosophisch tiefschürfende Einsichten darf man nicht erwarten, aber es sind Geistesblitze über das Wesen der Politik, und manchmal sind sie mit Humor und Schalk gewürzt.

Als Mutter aller Zitate gilt die Aussage von Donald Rumsfeld, von 2001 bis 2006 Verteidigungsminister der USA, aus einem Briefing am 12. Februar 2002:

»Es gibt bekanntes Bekanntes; es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Wir wissen auch, dass es bekannte Unbekannten gibt: Das heißt, wir wissen, es gibt Dinge, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch unbekannte Unbekannten – Dinge also, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.«

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel verfügt über das intellektuelle Rüstzeug, in Debatten immer wieder mit denkwürdigen Einlassungen zu punkten. Unvergessen ist jenes Zitat aus der Fragestunde vom 9. Dezember 2020 im Bundestag, als sie auf einen Zwischenruf eines AfD-Abgeordneten, der die wissenschaftliche Fundierung der Wirksamkeit von Kontaktbeschränkungen anzweifelte, antwortete, Europa stehe heute, wo es stehe, wegen der Aufklärung und dem Glauben an die Wissenschaft. Den Faktenleugnern schmetterte sie entgegen: »Ich habe mich in der DDR zum Physikstudium entschieden, ... weil ich ganz sicher war, dass man vieles außer Kraft setzen kann, aber die Schwerkraft nicht, die Lichtgeschwindigkeit nicht und andere Fakten nicht, und das wird auch weiter gelten.«

In der Schweiz backen wir zuweilen etwas kleinere Brote. Aber immerhin. Der Vorsteher des Bundesamtes für Gesundheit, Alain Berset, verfügt über das Talent, kleine politische Weisheiten in Kurzform abzugeben – das ist durchaus nicht ironisch gemeint –, dazwischen streut er aber auch immer wieder Pointen, die sich aus der Situation ergeben. Natürlich klingen die auf deutsch geäußerten Bonmots mit französischem Zungenschlag sehr charmant. Manchmal öffnen sich neue Bedeutungsperspektiven, wenn die Wahl bei der Übersetzung vom Französischen ins Deutsche haarscharf danebenliegt. (Die Beispiele stammen aus den beiden Medienkonferenzen vom 13. und 16. März sowie aus einem Interview in arena-spezial vom 16. März 2020.)

Über Politik:

»Entscheidungen zu treffen, die nichts bewirken, helfen nicht viel.«

(Bezüglich der Überlegungen über härtere Maßnahmen, die im Tessin angestellt wurden, wo sich die Lage im März 2020 früher zugespitzt hat:) »Es sind auch Gedanken, die uns helfen, auch mal zu überlegen und zu sehen, was es bedeutet.«

(Auf die Frage, wie die Chancen stehen, dass die 50-Leute-Regel bei Veranstaltungen und in der Gastronomie umgesetzt wird:) »Ich gehe davon aus, dass es umgesetzt wird, sonst ist es einfach illegal.«

(Auf die Frage, ob man etwas früher hätte handeln können, sagt Berset, es sei nicht einfach, den richtigen Zeitpunkt zu finden, die Maßnahmen müssen wirksam sein und akzeptiert werden:) »Ich muss Ihnen sagen: Zu früh! Ich würde fragen: Was macht der Bundesrat da? Spinnt er oder was? (tippt sich mit dem Finger an den Kopf) Und zu spät ist zu spät… Ich glaube, wir sind nicht so weit vom Moment, wo es richtig ist.«

»Wir sind schon fast an der Ausgangssperre, aber der Unterschied ist, dass wir keine Spektakelpolitik veranstalten.«

»Es ist nicht die Ausgangssperre, die uns schützt, es ist unser Verhalten, das uns schützt.«

»Was zählt, sind nicht die 15, 20 Sekunden der Ankündigung, sondern was zählt, ist, dass die Bevölkerung diese Maßnahmen wochenlang einhält.«

»Es ist sehr ehrlich. Es ist nicht so populistisch, keine große Meldung, 15 Sekunden, es ist aber sehr ehrlich.«

»Was würde man uns sagen, wenn (wir sagten, dass) wir jetzt nur warten müssten, weil man sagt, man wisse nicht genau, wie es jetzt weitergeht.«

Eine Variation davon: »Es ist keine Option, zu sagen, wir machen nichts und wir schauen, was passiert, und am Ende werden wir schauen, wo wir sind. Das können wir nicht verantworten.«

Zum 1. August und zu Solidarität:

»Wir sind ein Land, wo man bei der 1.-August-Rede immer wieder sagt, Solidarität ist wichtig, wir sind zusammen da, und so. Jetzt ist wirklich der Beweis (gefragt). Wir müssen jetzt liefern… Ich hoffe es schwer, dass es funktioniert.«

»Die Solidarität ist nicht nur ein Wort für Reden am 1. August. Jetzt ganz konkret haben wir die Möglichkeit, was es heißt in der Schweiz: Un pour tous, tous pour un. Was bedeutet das konkret jetzt?«

Aus der Abteilung komische Momente:

»Ich denke, dass man erklären kann, dass die Rekrutenschule nicht unter den Bereich Unterhaltung und Freizeit fällt.«

»Die Bars sind keine Betreuungsorte für Schüler und Kinder.«

»Geisterspiele sind nicht a priori ein Problem.«

»Unser Leben ist etwas mühsamer geworden.«

(Auf die Frage, wie Abstandhalten im Auto und zuhause funktionieren soll:) »Wenn man einen Topolino hat mit vier Plätzen, ist es vielleicht nicht so eine gute Idee, da zu viert drinzusitzen. Vor allem, wenn noch einer Corona hat.« (Und:) »Man kann jetzt die intimsten Fragen des Privatlebens hier ausbreiten, aber das wollen wir nicht.«

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