Schreibtisch

Das Fax, ein Nachruf

Im Artikel »Die Zahlen der Todesfälle haben wir aus Wikipedia genommen« beschreibt Adrienne Fichter in der Republik[1], wie das BAG die Zahlen für die Corona-Statistik ermittelt. Dies geschieht unübersichtlich und chaotisch und ist mit Verzögerungen verbunden. Offenbar ist die Behörde technisch nicht auf dem neuesten Stand. Unter anderem hängt das auch damit zusammen, dass im Gesundheitswesen (nicht nur im BAG) aus verschiedenen Gründen, unter anderem daten- beziehungsweise patientenschutztechnischer Art, auf eine analoge Informationsvermittlung zurückgegriffen wird. In diesem Fall erschwerend kommt das föderale System hinzu, in dem jeder Kanton eigene Regeln der Datenübermittlung erlässt, und zudem verschiedene Informanten aktiv sind: Labore, Spitäler, Gesundheitsämter. Aber immerhin, die Schweiz steht nicht allein, auch in Deutschland schlägt man sich mit dem Fax herum. In der Post-Corona-Zeit müsste ein »digitales, zentrales Meldesystem mit Zugriffsmöglichkeiten für alle Akteure« entwickelt werden, schreibt Fichter. Vielleicht wird das Faxgerät ausgemustert. 

Deshalb ein kleiner Nachruf: 

Die Telegrafie war bis weit ins 20. Jahrhundert eine effiziente und schnelle Technik, um Mitteilungen über weite Distanzen zu verschicken. Man diktierte dem Telegrafenbeamten einen Text oder schrieb ihn von Hand auf ein Blatt Papier und gab es dem Beamten weiter. Er musste nur noch den elektrischen Telegrafen füttern – und weg war die Nachricht. Original und Kopie waren sich nur inhaltlich gleich oder ähnlich, optisch keineswegs. Mit der zunehmenden Verbreitung des Zeitungswesens wurde der Wunsch laut, dass auch Bilder beziehungsweise Abbildungen übermittelt werden können. Es dauerte aber noch eine geraume Zeit, bis das möglich war. Vorderhand mussten die Redaktoren noch auf die Originalfotografien zurückgreifen, also warteten sie auf den Postboten oder den Kurier. 

Ab den 1850er-Jahren wurde die sogenannte Bildtelegrafie entwickelt, die von den chemischen und technischen Erkenntnissen aus der Fotografie profitierte. Die Bildtelegrafie war ein direkter Vorläufer der Faxmaschine, ihre Gründerväter waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Alexander Bain, Frederick Collier Bakewell und Giovanni Caselli. Das Verfahren war sehr aufwendig. Um eine Information bildtelegrafisch zu versenden, musste die Nachricht beziehungsweise das Bild erstens vorbereitet, zweitens in elektrische Impulse umgewandelt und drittens reproduziert werden. Im Einzelnen wurden folgende Arbeitsschritte vorgenommen: Der Absender schrieb einen Text mit einer speziellen Tinte auf ein Blatt Papier, das mit einer dünnen Metallschicht überzogen war. Oder er schuf für die Übermittlung von Abbildungen eine Vorlage, indem er ein Fotonegativ ätzte oder einen feinkörnigen Schellack über eine Klebetinte spritzte, die dann erhitzt wurde, um dann wieder zu trocknen. Damit entstand eine feine, dreidimensionale Struktur. Mit einem speziellen Metallstift wurde die Nachricht beziehungsweise das Bild haptisch abgetastet (ähnlich wie bei einem klassischen Druckverfahren). Eine elektrische Telegrafenschaltung übermittelte die abgetasteten Informationen an einen Empfänger, der sie auf ein speziell behandeltes Papier kopierte.

Falls alles reibungslos funktionierte und die Leitung gut war, erreichte der berühmt gewordene Pantelegraf von Caselli ansprechende Ergebnisse, auch für Bilder. Der materielle und technische Aufwand dieses Verfahren erwies sich als so entmutigend, dass die meisten Bildtelegrafie-Projekte schon nur an der Finanzierung scheiterten.

Markante Verbesserungen wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts erzielt, als nicht mehr die Oberflächen abgetastet wurden, sondern dank des Einsatzes des chemischen Elements Selen Lichtschattierungen gescannt werden konnten, also eine zweidimensionale Technik eingesetzt wurde. Dies kam der uns heute bekannte Fotokopie schon sehr nahe.

Dem Münchner Arthur Korn gelang es 1904 als ersten, mit dieser Methode ein Foto als Faksimile über eine lange Distanz zu übermitteln. Das als »Korns Teleautograph« bekannt gewordene System besteht aus den drei Schritten Scanning, Übermittlung und Reproduktion. Mit dieser Vorrichtung war es nun auch für die Presse möglich, brauchbare Bilder per Draht zugeschickt zu bekommen. Als erste Zeitung veröffentlichte der Daily Mirror 1904 Fotografien von König Edward VII, die gleichentags in Paris aufgenommen wurden. Dank der direkten Übermittlung war der Daily Mirror einen Tag früher als alle anderen Zeitungen, die noch auf den Boten warten mussten. Die neuen Entwicklungen wurden nun auch wirtschaftlich bedeutender, aber als Gerät für die Masse wurde der Teleautograph oder der Fax nicht betrachtet.

In der Zeitungsbranche und bei der Polizei erlangte die Technik aber durchaus eine gewisse Beliebtheit. Bis in die 1970er Jahre wurden sowohl die Bildqualität besser als auch die Übertragungstechnik schneller. Vor allem für komplizierte Darstellungen im Geschäftsleben oder bestimmte Schriften wie das japanische Kanji begannen sich auch breitere Kreise für die Vorteile einer Faxübermittlung zu interessieren. Die Geräte wurden immer kleiner, handlicher und erschwinglicher – und so war ab Mitte der 1980er-Jahre jedes Geschäft oder jeder gutbestückte Haushalt mit einem Fax ausgestattet.

Mit dem Aufkommen von Internet und E-Mail wurde es möglich, auch digital zu faxen.[2] In Erinnerung ist auch, dass man beispielsweise in Italien bis in die späten Nullerjahre hinein eine Hotelreservation mit einem Fax bestätigen musste. Oftmals war keiner mehr verfügbar und man musste dafür aufs Postamt.

Aus heutiger Sicht spricht vor allem die Datensicherheit der übermittelten Informationen noch für einen Einsatz des Fax, daher wird er noch immer in medizinischen Bereichen gebraucht. Vermutlich wird aber nach der Pandemie vom Frühjahr 2020 die letzte Stunde des Fax geschlagen haben. Es ergeht ihm nicht viel anders, als anderen einst revolutionären Erfindungen auch.

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[1] Republik, App-Version

[2] Die Informationen basieren weitgehend auf: Jonathan Coppersmith, Faxed. The Rise and Fall of the Fax Machine, Baltimore, 2015

Presse

«Ein klarer Fall von Dramatik-Entlehnung... ein weiteres literarisches Delikt: Koketterie mit Prominenten.»

Martin Ebel im Tages-Anzeiger

»Störend ist, dass sich immer mehr ›Experten‹ befähigt fühlen, die Allgemeinheit über Immunologie und Virologie aufzuklären.«

Interview mit Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für Viruserkrankungen an der Universität Genf in der NZZaS am 6. September 2020.

Eckerle:

»Zum Beispiel in Florida war man im Juni in der Situation, in der wir jetzt sind, es gab die genau gleiche Diskussion. Dort kam es mit der Latenz von mehreren Wochen wieder zum Anstieg der Todesfälle, weil sich das Virus so weit verbreitet hatte, dass es auch in die Risikogruppen eingetragen wurde. Das könnte auch bei uns passieren… Da ist keine Mutation dabei, die bekanntermaßen mit einem weniger schweren Krankheitsverlauf einherginge… Was mich allerdings erstaunt, ist, dass die Zweitinfektion so früh erfolgen kann. Bei Corona-Erkältungsviren geht man davon aus, dass man erst nach 1,5 bis 2 Jahren wieder infiziert werden kann… Die heimliche Hoffnung, dass es alle schon erwischt hat, weil doch ganz viele keine Symptome haben, hat sich nicht bewahrheitet… T-Zellen schützen nicht typischerweise vor einer Infektion, sondern beeinflussen eher den Krankheitsverlauf. Es könnte sein, dass eine frühere Coronavirus-Infektion zu einem milderen Verlauf führt… Dass so ein spezielles Thema (wie die T-Zellen) solche Aufmerksamkeit erhält, hätte wohl niemand gedacht. Es ist vielleicht eine Art Wunschdenken: eine unentdeckte immunologische Komponente, die zeigt, dass wir schon alle geschützt sind… Störend ist, dass sich immer mehr ‘Experten’ befähigt fühlen, die Allgemeinheit über Immunologie und Virologie aufzuklären… In den USA steigen die Infektionen bei den Kindern viel stärker an als in der allgemeinen Bevölkerung… Wenn Kinder infiziert sind, haben sie eine genauso hohe Viruslast wie Erwachsene. Es kann sein, dass sie etwas weniger ansteckend sind, weil sie weniger husten und die Aerosole aufgrund ihrer Größe etwas niedriger in den Raum abgegeben werden… Uns Ärzten gibt man viel Vertrauensvorschuss, aber wenn gewisse Kollegen gezielt Fehlinformationen verbreiten, dann schadet das dem ganzen Berufsstand… Ich vermute, dass (solche Ärzte) keinen einzigen Covid-Patienten gesehen haben. Ich hätte sie gerne im April eingeladen, durch unsere Intensivstationen zu laufen. Das hat bei mir Gänsehaut ausgelöst.« 

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Was meinen eigentlich Frankenstein und Dracula zum ganzen Schlammassel?

Zitate aus: Mary Shelleys: Frankenstein: Oder der moderne Prometheus. Die Urfassung von 1818, Übersetzung Alexander Pechmann, München 2017 und: Bram Stoker: Graf Dracula: Ein Vampyr-Roman, Leipzig 2019

Aus Mary Shelleys Frankenstein: Oder der moderne Prometheus

Dr. Frankenstein:

»Es war bereits ein Uhr morgens. Trostlos prasselte der Regen gegen die Fensterscheiben, und meine Kerze war beinahe heruntergebrannt, als ich im Schimmer des gerade erlöschenden Lichts sah, dass sich das trübe Auge der Kreatur öffnete. Sie atmete schwer, und ihre Glieder wurden von krampfartigen Zuckungen geschüttelt.

Wie kann ich die Gefühle angesichts der Katastrophe schildern, wie den elenden Teufel beschreiben, auf dessen Erzeugung ich solch unendliche Mühe und Sorgfalt verwendet habe? Seine Glieder waren ebenmäßig, und seine Züge hätten schön sein sollen. Schön! Großer Gott! Seine gelbliche Haut bedeckte kaum das darunterliegende Geflecht aus Muskeln und Arterien. Sein Haar war glänzend schwarz und lang, seine Zähne weiße Perlen, aber diese Pracht bildete lediglich einen noch erschreckenderen Kontrast zu seinen wässrigen Augen, die beinahe dieselbe Farbe hatten wie die schmutzig grauen Höhlen, in die sie gesetzt waren, zu seiner welken Gesichtsfarbe und seinen schmalen, schwarzen Lippen.

Die verschiedenen Zufälle des Lebens sind nicht so wechselhaft wie menschliche Gefühle. Ich hatte fast zwei Jahre lang geschuftet, nur um einen unbeseelten Körper mit Leben zu erfüllen. Um dieses Zieles willen hatte ich auf Ruhe verzichtet und meine Gesundheit vernachlässigt. Ich hatte es mit einer jedes Maß übersteigenden Gier herbeigesehnt, nun aber, da das Werk vollbracht war, verblasste der schöne Traum, und Abscheu und atemloses Grauen erfüllten mein Herz. Unfähig, den Anblick des Wesens zu ertragen, das ich erschaffen hatte, floh ich aus dem Labor.« 

 

Dr. Frankenstein:

»›Grässliches Monster! Du Satan, du! Die Folterqualen der Hölle sind eine zu milde Buße für dein Verbrechen. Elender Teufel! Du machst mir deine Erschaffung zum Vorwurf; also komm her, damit ich den Funken ersticke, den ich so leichtsinnig schenkte.‹

Mein Zorn kannte keine Grenzen. Ich stürzte mich auf ihn, getrieben von all den Gefühlen, die ein Wesen dazu bringen kann, einem anderen nach dem Leben zu trachten.

Er wich mir mühelos aus und sagte: ›Beruhige dich! Ich bitte dich, mich anzuhören, bevor du deinen Hass freien Lauf lässt und mir den todgeweihten Schädel einschlägst. Habe ich nicht zu sehr gelitten, als dass du mein Leid noch steigern könntest? Das Leben ist mir teuer, auch wenn es nur eine Anhäufung von Qualen darstellt, und ich werde es verteidigen. Denk daran, dass du mich stärker gemacht hast als dich selbst. Ich bin größer als du, meine Glieder sind beweglicher. Aber du wirst mich nicht dazu verleiten, mich gegen dich zu wenden. Ich bin dein Geschöpf… O Frankenstein, sei nicht allen anderen gegenüber gerecht, nur um mich, dem deine Gerechtigkeit und sogar deine Gnade und Zuneigung mehr als jedem anderen zustehen, mit Füßen zu treten… Ich hätte dein Adam sein können, aber ich bin eher der gefallene Engel, dem du jedes Glück verweigerst und den du grundlos bestrafst. Überall sehe ich Glückseligkeit, von der nur ich unwiderruflich ausgeschlossen bin. Ich war gütig und gut. Nur das Elend ließ mich böse werden. Mach mich glücklich, und ich werde erneut tugendhaft sein‹«

 

Frankensteins Monster:

»(Ich wurde) bald durch die Ankunft eines schönen Knaben geweckt, der voll kindlicher Spiellust auf das von mir gewählte Versteck zugelaufen kam. Als ich ihn betrachtete, fiel mir plötzlich ein, dass dieses kleine Wesen frei von Vorurteilen sein musste und in seiner kurzen Lebensspanne noch kaum ein Grausen vor Missbildung entwickelt haben dürfte. Wenn ich ihn also fangen und zu meinem Gefährten und Freund erziehen könnte, dann müsste ich auf dieser reich bevölkerten Erde nicht so einsam sein.

Von dieser Vorstellung getrieben, packte ich den vorübergehenden Jungen und zog ihn an mich. Sobald er meine Gestalt erblickte, hielt er sich die Hände vor die Augen und stieß einen schrillen Schrei aus. Ich zog seine Hand mit Gewalt von seinem Gesicht und sagte: ›Kind, was soll das bedeuten? Ich will dir nicht wehtun. Hör mich an. ‹

Er wehrte sich heftig: ›Lass mich gehen, Scheusal!‹, schrie er. ›Hässlicher Teufel! Du willst mich verschlingen und in Stücke reißen…! Du bist ein menschenfressendes Ungeheuer… lass mich los! Oder ich sag’s meinem Papa.‹

›Junge, dein Vater siehst du nie wieder. Du musst mit mir kommen.‹

›Garstiges Untier! Lass mich los! Mein Papa ist Anwalt… er heißt Monsieur Frankenstein… er wird dich bestrafen. Du traust dich nicht, mich festzuhalten.‹

›Frankenstein! Du gehörst also meinem Feind – zu demjenigen, dem ich ewige Rache geschworen habe. Du sollst mein erstes Opfer sein.‹«

 

Dr. Frankenstein:

»Eines der Phänomene, dem ich besondere Aufmerksamkeit widmete, war die Zusammensetzung des menschlichen Körpers und eigentlich eines jeden lebendigen Wesens. Worin, fragte ich mich häufig, besteht die Grundlage des Lebens? Es war eine verwegene Frage und eine, die man seit jeher für ein unlösbares Rätsel gehalten hat. Doch wie viele Geheimnisse hätten wir längst erkundet, wenn uns nicht Feigheit oder Nachlässigkeit vom Forschen abhielten? Solcherlei Gedanken gingen mir durch den Kopf, und ich beschloss, mich fortan mit jenen Bereichen der Naturkunde zu beschäftigen, die für die Physiologie bedeutsam sind.«

 

Aus Bram Stokers Graf Dracula

Eine der berühmtesten fledermausartigen Figuren ist Graf Dracula. Bram Stoker verflicht in diesem Tagebuch-, Depeschen- und Briefroman Jahrhunderte-alten Volksglauben zu einer Schauergeschichte, die zu einem der Klassiker der Gothic-Novel-Literatur geworden ist. Das übersinnliche und geheimnisumwitterte Böse, das aus der Vergangenheit kommt, trifft auf die Moderne des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in der Wissenschaft und Technik immer größeren Einfluss auf das Leben gewinnen. Das Böse, symbolisiert durch den transsilvanischen Schlossherrn und Vampir Graf Dracula, sucht sich immer neue Opfer, an denen er seinen Blutdurst stillen kann. Unter anderem auch Lucy und Mina, die Verlobte des Protagonisten Jonathan Harker, hat er im Auge. Van Helsing, Dr. med., Dr. phil., Dr. lit., der auch mal zu unkonventionellen Methoden greift, sammelt ein paar Vertraute um sich, um die dunkle Seite der Macht, die vom blutsaugenden Vampir ausgeht, zu bannen.

Gerade eben überraschen Dr. Seward und Van Helsing den Grafen, als er sich über eines seiner Opfer hermacht. 

Aus Dr. Sewards Tagebuch:

»Seine Augen flammten in roter Höllenglut, die weiten Nüstern der weißen Adlernase öffneten sich und zitterten; die weißen scharfen Zähne, die hinter den vollen Lippen des bluttriefenden Mundes sichtbar wurden, schlugen zusammen wie die eines wilden Tieres. Mit einem mächtigen Stoß warf er sein Opfer zurück, dass es sich überschlug, wie von einem Berge herabgeworfen, und stürzte sich auf uns. Eben hatte der Professor sich aufgerafft und hielt dem Vampir die Büchse entgegen, in der sich die heilige Hostie befand. Der Graf blieb sofort stehen … und zog sich zurück. Immer weiter wich er von uns, die ihn mit den hocherhobenen Kruzifixen bedrängten. Der Mond verdunkelte sich einen Augenblick, scheinbar zog eine Wolke an ihm vorüber; und als das Gaslicht unter dem Streichholz Quinceys aufflammte, sahen wir nichts mehr als einen dünnen Dampf.«

 

Aus Dr. Sewards Tagebuch:

»Als Renfield mich erblickte, wurde er rasend und hätte mich unfehlbar getötet, wenn nicht die Wärter rechtzeitig zur Hand gewesen wären. Nachdem es uns gelungen war, ihn festzuhalten, geschah etwas Unerklärliches. Erst verdoppelte er seine Anstrengungen und beruhigte sich dann sehr rasch. Ich sah unwillkürlich herum, konnte aber nichts wahrnehmen. Dann folgte ich der Richtung des Blickes meines Patienten, bemerkte aber nichts, als dass er einer im Mondlicht flatternden großen Fledermaus nachstarrte, die schweigend gespenstisch gegen Westen flog. Fledermäuse pflegen in der Regel zu flattern und zu schwirren, diese aber zog gerade ihres Weges, als wenn sie einem besonderen Ziele zustrebe und irgendeine bestimmte Absicht verfolge. Der Patient wurde immer ruhiger… Ich fühle, dass etwas Ominöses in seiner Ruhe liegt, ich werde diese Nacht nie vergessen.«

 

Aus Mina Harkers Tagebuch:

»Ich sah den Grafen in der Kiste auf der Erde liegen, die ihn infolge des Sturzes vom Wagen teilweise bedeckte. Er war totenbleich, wie eine Wachsfigur, und die roten Augen glühten in dem unheimlichen sieghaften Feuer, das ich so gut kannte. 

Als diese Augen die sinkende Sonne erblickten, wich der Ausdruck des Hasses aus ihnen und leuchteten in wildem Triumph.

Aber im gleichen Augenblick sauste blitzend Jonathans großes Messer hernieder. Ich erschrak, als ich sah, wie es im scharfen Schnitt die Kehle des Grafen durchhieb; kurz darauf durchbohrte Herrn Morris scharfes Jagdmesser das Herz Draculas.

Es geschah ein Wunder: vor unser aller Augen und ehe wir es noch recht fassen konnten, zerfiel der ganze Körper in Staub und entschwand unseren Blicken.«

 

Aus Jonathans Harkers Tagebuch: 

»Ich hielt einen Augenblick inne und betrachtete den Grafen. Es lag ein höhnisches Lächeln auf dem aufgedunsenen Gesicht, das mich hätte wahnsinnig machen können. Das war also das Wesen, dem ich helfen wollte, nach London überzusiedeln, wo es vielleicht Jahrhunderte lang unter den sich drängende Millionen von Menschen, sein Blutgier befriedigen und einen sich immer vergrößernden Kreis von Halbdämonen schaffen würde, um sie auf die Wehrlosen zu hetzen. Schon der Gedanke machte mich rasend.«

 

Apropos »Aerosole«:

Van Helsing bedient sich aber zur Abwehr von Vampiren nicht immer nur rein naturwissenschaftlicher Methoden.

Aus Dr. Seward Tagebuch:

»Die Tätigkeit des Professors war sicherlich eine sehr seltsame und wäre wohl in keiner Pharmakopöe, die mir irgend bekannt war, zu finden gewesen. Erst befestigte er die Fenster und verschloss sie ganz sorgfältig. Dann nahm er eine Handvoll Knoblauch und rieb damit die Fensterrahmen ein, als wolle er sich versichern, dass jeder Luftzug, der hereinkäme, auch mit dem Duft der Blüten geschwängert sei. Dann rieb er mit dem Büschel den Türrahmen oben, unten und auf den Seiten, und schließlich den Platz um das Kamin in gleicher Weise. Es schien mir das alles sehr komisch und ich sagte zu ihm:

›Herr Professor, ich weiß ja, dass sie für alles, was Sie tun, einen Grund haben, aber das, was Sie jetzt tun, ist mir wirklich ein Rätsel. Es ist gut, dass wir keinen Spötter hier haben, er würde sagen, Sie treiben Zauberei, um irgendeinen bösen Geist fernzuhalten.‹

›Vielleicht geschieht es eben deswegen’, antwortete er ruhig…«

So wie T-Zellen und Antikörper die Viren bekämpfen, so hülfe vielleicht auch ein Anti-Aerosol mit Knoblauchduft.

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Filipescu, Trump, Arendt

Über das Eigentliche: Ein Tweet, eine fußballerische Erinnerung, die US-Präsidentenwahl – und Hannah Arendt 

 

Es wurde eng. Sehr eng. Viel zu eng. Eigentlich ist man fassungslos. 

Die Zeitungen und die sozialen Medien haben erschöpfend zu den Ereignissen rund um die US-Präsidentenwahl berichtet. Lassen wir das zunächst beiseite, wenden wir uns kurz einer Kuriosität hierzulande zu, die uns etwas grübeln lässt. 

Ein Journalist, den es in die Politik verschlagen hat, hat getwittert: »Corona killt Trump. Nicht das Virus, aber die Abstrusität dieser Briefwahl. Ein Couvert-Tsunami spült Biden höchstwahrscheinlich ins Weiße Haus. Sein Mandat ist hauchdünn. Trump gewann deutlich den eigentlichen Wahltag. Er sollte 2024 wieder antreten.« Abstrusität dieser Briefwahl? Trump gewann deutlich am eigentlichen Wahltag? Ein anderer Journalist hat darauf geantwortet, das sei dumm. Wobei, ist es wirklich dumm? Oder nicht etwa dreist? Oder gar durchtrieben? Wir wissen es nicht so genau. Auf alle Fälle ist die Logik kurios. Sie legt aber ein beliebtes Denkmuster offen.

Zuerst eine Abschweifung. Wir erinnern uns (sorry, liebe FC Basel-Fans): Wir schreiben den 13. Mai 2006. Beim alles entscheidenden Spiel um die Fußball-Meisterschaft zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich steht es nach neunzig Minuten unentschieden. Damit wäre eigentlich Basel Meister. Wenn hier nur nicht dieses eigentlich stünde. Der Schiedsrichter lässt drei Minuten weiterspielen. Weil: Fußball ohne Nachspielzeit ist nur halber Fußball, sie gehört dazu wie das Abseits, der Corner und das Foul. Dann kommt die dreiundneunzigste Minute: Der FCZ-Innenverteidiger Stahel flankt, der FCZ-Innenverteidiger Filipescu hält den Fuß hin, Tor. Zwei zu eins. Der Schiedsrichter pfeift ab. Die Fußballer des FCB wissen, das Spiel ist zu Ende und die Meisterträume geplatzt. Und sie akzeptieren das. Punkt. Schluss. Aus. Der FCZ ist Meister. Frust hier, Freude da. Nach dem Schlusspfiff stürmen Basler Hooligans das Spielfeld und attackieren Spieler des FC Zürichs. Es kam zu Ausschreitungen zwischen den beiden Fangruppen außerhalb des Stadions.

Auch US-Wahlen sind am Ende des eigentlichen Wahltags nie fertig. Nie. Es folgt immer eine Nachspielzeit beziehungsweise eine Nachzählzeit. Manchmal gibt es kleinere Verschiebungen. Diesmal jedoch kippte das Resultat wegen der vielen brieflich abgegebenen Stimmen. Wie ein Siegestor in der dreiundneunzigsten Minute. Nach der Auszählung folgt ein zweistufiger Zertifizierungsprozess auf Bundes- und auf Staatsebene. Üblicherweise ein Ritual, das am Resultat nichts ändert. Diesmal ergeht es dem Amtsinhaber ähnlich wie dem FCB 2006. Der Präsident akzeptiert das jedoch nicht, und zwar nicht nur nicht, sondern nicht die Bohne. Das macht die gegenwärtige 2020-Wahlausgabe so bizarr. Das präsidiale Wahlkampfteam und sein Chef bringen die sogenannte und allseits beliebte antithetische Vernebelungsakrobatik ins Spiel. Man könnte auch verwegen von trumpscher Dialektik reden, aber der Namensgeber selbst würde sich vehement gegen diesen elitären Begriff aus der Intellektuellenwelt wehren. Gleichwohl darf das machtpolitische Kalkül dahinter nicht unterschätzt werden.

Die Vernebelungsakrobatik funktioniert so: Trump verkündet in der Wahlnacht nach Auszählung der meisten Wahlzettel, die in den Wahlbüros abgeben worden sind und die ihn als Sieger erscheinen lassen, dass er »easily« gewonnen habe, man könne jetzt mit dem Zählen aufhören. Mh. Kurz zurück zum Fußball: Man stelle sich vor, wie der Präsident des FCB am 13. Mai 2006 beim Stande von eins zu eins nach neunzig Minuten auf den Rasen stürmt und übers Mikrofon sagt, das Spiel sei aus, die eigentliche Spieldauer von neunzig Minuten vorüber und Basel Meister. Ist nicht geschehen, der Match ging weiter. Weil: Fußball. 

So zählt man denn in der US-Wahlnacht den Gepflogenheiten folgend unverdrossen weiter. Man nimmt gewissermaßen die Nachspielzeit in Angriff, die es braucht, um fertig zu werden. Weil: Demokratie. Nach der Ermittlung der Briefwahlstimmen liegt nun Biden vor Trump. Die Medien rechnen nach, so, wie sie das in anderen Wahljahren schon getan haben, ohne dass jemand aufgemuckt oder gemurrt hätte, und sie kommen zum Schluss, dass der ehemalige Vizepräsident nicht mehr einzuholen ist. Biden wird zum Sieger ausgerufen (wohlgemerkt: es wird weitergezählt, bis die letzte Tsunamiwelle abflacht und die Resultate zertifiziert sind. Weil: Demokratie). 

Das Wahlkampfteam des amtierenden Präsidenten verlangt nun – und hier tritt die gefürchtete trumpsche Volte (nicht zu verwechseln mit der trumpschen Tolle) auf den Plan, die die antithetische Vernebelungsakrobatik auszeichnet –, man müsse jede legale Stimme zählen. Legal. Also doch weiterzählen, denkt man. Und die illegalen Stimmen müssen annulliert werden. Logo. Es seien stapelweise Biden-Stimmzettel aufgetaucht, man wisse nicht woher, und es seien Stimmen im Namen von Verstorbenen abgegeben worden. Tja. Kommt vor. In Forty Fort (Pennsylvania) etwa legte ein Mann zwei Zettel in die Urne, einer von ihm, einer von seiner toten Mutter. Er fälschte ihre Unterschrift und wählte zweimal Donald Trump. Pech gehabt. Es wird unübersichtlich.

Diese Konfusion ist Absicht und sie wird mit virtuosen Gedankenkapriolen begleitet. Das ist entlarvend und man bemerkt die Hinterlist, denn man sieht plötzlich, wo die eigentliche Abstrusität liegt: das Spektakel an sich kaschiert die Politik. Das macht sie zwar unterhaltsam, aber auch beliebig und toxisch. Die Musik zum politischen Spektakel wird mit jenen disharmonischen Phrasen unterlegt, die dem Dirigenten – in diesem Fall Trump – am besten in den Kram passen. Das Ziel ist die Erzeugung einer Kakophonie, aus der alle eine andere Melodie zu hören vermeinen. Man kann sich nicht mehr einigen darüber, welche Tonfolge als Leitmotiv gilt. Will heißen: Die Wirklichkeit verwandelt sich in mannigfache Möglichkeitsräume. Willkür macht sich breit. Heute stoppen wir die Zählung, morgen zählen wir weiter. Übermorgen anerkennen wir jene Ergebnisse nicht an, die für Biden sprechen. Überübermorgen organisieren wir das Verteidigungsministerium etwas um und beharren darauf, dass wirklich jede Stimme zählt, außer jenen brieflich Abgegebenen in Philadelphia, die großmehrheitlich Biden zugeschrieben werden. Überüberübermorgen fechten wir das Wahl-Resultat juristisch an und ermuntern die Staatsanwälte, Untersuchungen gegen die Wahl einzuleiten. Und überüberüberübermorgen schüchtern wir Wahlstimmprüfer aus Wayne County ein, drohen mit der Verweigerung der Zertifizierung der Resultate und künden eine Demonstration an. Et cetera. Mit solch kunterbunten Informationsschnipseln, die mit einer Konfettikanone unters Publikum gestreut werden, werden die Wählerinnen und Wähler verunsichert und ihr Wille wird ignoriert. Alles ist wahr und alles ist falsch. Was kümmern uns Fakten. Und Trump-Anhänger beginnen, das eigentliche Wahlresultat anzuzweifeln und abzulehnen. Spätestens jetzt wird die Wahl zur Farce und zum apolitischen Spektakel. Wo bleibt die Ideologie? 

Hannah Arendt schrieb einst in ihrem Buch über die totalitäre Herrschaft: »(Ideologie) emanzipiert sich von der Wirklichkeit, so wie sie uns in unseren fünf Sinnen gegeben ist, und besteht ihr gegenüber auf einer eigentlicheren Realität, die sich hinter diesem Gegebenen verberge, es aus dem Verborgenen beherrsche und die wahrzunehmen wir einen sechsten Sinn benötigen.« Mit dieser Entfremdung von der Wirklichkeit, so spinnt Arendt den Gedanken weiter, wird der Boden bereitet, auf dem ein autokratisches Herrschaftssystem errichtet werden kann.

Gemach, gemach, mag man einwenden, das ist zu starker Tobak, soweit seien die USA nicht. Die allgemeine Auffassung geht in die Richtung, dass der Amtsinhaber egoistischen und weniger autokratischen Motiven folge (wobei sich das gegenseitig nicht ausschließt). Das hat etwas. Seine Entscheidungen sind seit jeher eher kurzfristig angelegt, manche Interventionen sind sprunghaft oder aus einer Laune heraus entstanden, die Politik wirkt wenig kohärent. Seine politischen Überzeugungen orientieren sich nach dem, was ihm für seine Machterhaltung zweckmäßig erscheint. Was ihm nützt, schlachtet er gnadenlos aus, was ihm schadet, bekämpft er ebenso gnadenlos. Dass dabei zuweilen unappetitliche Koalitionen eingegangen werden, ist logisch. Da kann es schon vorkommen, dass er afroamerikanische Wählerstimmen aus dem Auszählverfahren ausschließen will. Aber letztlich bleibt seine Ideologie im Prä- oder Protopolitischen und Ungefähren. Er deklariert nicht offen, dass er ein Suprematist ist, aber er sagt, dass das nette Jungs seien und er sie liebe.

Trump selbst brüstete sich einst damit, ein Anti-Politiker zu sein, denn Politiker bekämen nichts geschafft. Es fehlt denn auch eine überzeugende Planung einer auf eine Autokratie zielenden politischen Strategie. Hierfür dürfte die geistige Ausstattung des Amtsinhabers ungeeignet sein, denn sein Ego ist mächtiger als sein Intellekt. Was nicht heißt, dass er dumm ist. Solange er sich ins Zentrum stellen kann oder gestellt wird, verhält er sehr gewieft. Das Ukraine-Impeachment etwa deutete er in einen Sieg um. Dass ein Großteil seiner einstigen Entourage als Kriminelle dastehen, lässt er unerwähnt. Erst wenn andere Ereignisse oder Personen die Hauptrolle übernehmen, wie etwa die Pandemie, gerät er in Rücklage. Dank seiner Coronaerkrankung, die er pathetisch und theatralisch inszenierte, rückte er wieder ins Rampenlicht und das Blatt hätte sich beinahe noch gewendet.

Es ist bekanntlich nicht so, dass der Präsident weniger Stimmen als vor vier Jahren geholt hat, im Gegenteil. Aber die Mobilisierung der Kräfte, die Donald Trump 2016 noch die Mehrheit beschert hatte, wurde dieses Mal von der Gegenseite erfolgreich gekontert und viele dürften eher gegen ihn als für den Herausforderer gewählt haben. Das macht dem Mann im Weißen Haus schwer zu schaffen, er empfindet es als Liebesentzug (Achtung: Ferndiagnose). Vielleicht deshalb inszeniert er dieses nihilistisch und verzweifelt anmutende Rückzugsgefecht, damit er auch fortan jeden Morgen wohlgemut in den Spiegel blicken und sich dabei zurufen kann, er sei ein Gewinner. Viel weiter als zum gespiegelten eigenen Konterfei blickt er aber nicht.

Trump riskiert in diesen Manövern viel. Sein Verhalten erinnert an die Finanzberater, die die Subprime-Krise der 2000er-Jahre auslösten. Diese versuchten mit allen Mitteln, Gewinne zu generieren. Hierzu bündelten sie unterschiedliche Wertpapiere zu undurchsichtigen Finanzkonstrukten, die sie ihren Kunden anboten. In diesen Produkten fanden sich zuhauf faule Immobilienverbriefungen. Ratingagenturen halfen dabei, diese Risiken kleinzureden. Das Ende ist bekannt. Die toxischen Mischungen dieser Anlagen führten dazu, dass das Finanzwesen gehörig ins Strudeln geriet und gefährlich nahe dem Rand des Abgrundes zutrudelte. Trump muss fragwürdige Gruppierungen – toxische Papiere – hinter sich scharen, was die republikanische Parteispitze – Ratingagenturen – billigt. Er wird dabei zur Geisel der sprichwörtlichen Geister, die er gerufen hat und trudelt dem Abgrund zu.

Diese an der Oberfläche erkennbaren politischen Entwicklungen sind nur dank tiefgründiger Prozesse möglich. Kehren wir kurz zu Hannah Arendt zurück und gehen davon aus, es gebe wirklich eine eigentliche Realität jenseits der fünf Sinne. In einer Sache nämlich ist Trump beunruhigend konsequent und zeigt ihn verblüffend instinktsicher. Und diese Sache gemahnt uns an Arendts Ausführungen: Die antithetische Vernebelungsakrobatik hat die Wählerschaft tiefgreifend verunsichert. Das Vertrauen vieler Bürgerinnen und Bürger in die politischen Institutionen ist angeschlagen. Diese Erkenntnis ist nicht neu, wird aber durch das Nachwahltheater unterstützt. Die dreiste (oder durchtriebene?) Behauptung, die wahre Demokratie und die Verfassung mit der Demontage des demokratischen Wahlprozederes retten zu wollen, wie Trump das twittert und hinausposaunt, spricht Bände. Konfettikanone.

Mit der Besetzung des Parlaments zeigt sich die antidemokratische Fratze des Spektakels. Hannah Arendt schreibt, dass der Herrscher jene Bedingungen schaffen muss, die den Einzelnen bindungs- und heimatlos machen und ihn entfremden, damit er sich neu orientieren kann. Er muss sich verlassen fühlen. Also zertrümmert der Herrscher die herkömmlichen gesellschaftlichen Bezugs- und Identifikationsräume wie beispielsweise die gewohnten politischen Abläufe und die Institutionen. Trump sprach von der Austrocknung der Sümpfe von Washington DC, als er dortselbst 2017 ins Weiße Haus einzog. Und er sagte mit einem guten Gespür für die Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung: »Die vergessenen Männer und Frauen unseres Landes werden nicht mehr vergessen sein.«

Der Einzelne, so Arendt weiter, bemüht sich gleichwohl immer um eine Art Selbstrespekt, um einen Daseinszweck und er sucht nach sozialen Kontakten. Mangels Alternative findet er diese in der Ideologie des Herrschers beziehungsweise in der Masse, die der Herrscher auf die Plätze ruft, oder im Mob. Der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider schreibt in der NZZ hellsichtig über die Neujustierung von Nähe und Kontakt in Coronazeiten. Dabei kommt er auf die Masse zu sprechen, die ohne Distanzhalten zu einem kollektiven Ich verschaltet wird. »Eine Masse denkt nicht, in ihrer kollektiven Erregung glaubt sie alles, jedes Gerücht, jede Parole, jede Torheit, die sie in Bewegung hält.« Es ist keine zufällige Laune, dass Trump so sehr auf dicht besuchte, lebendige und laute Wahlkampfveranstaltungen setzt, währenddessen Biden vor hupenden Autos auftritt. In der Enge und mit Gleichgesinnten vergisst der Entfremdete sein Unbehagen, am Rande der Gesellschaft zu stehen, nicht richtig zur Welt zu gehören, sich verlassen gelassen zu fühlen. Ein Sinn für Gemeinschaft und für Zusammengehörigkeit stellt sich ein.   

Trumps Gespür für solche Prozesse ist jenem seiner Gegner überlegen und hierin liegt ein wichtiger Teil seines Erfolgs. Max Weber schrieb einst über den charismatischen Herrscher, der versucht, alle Macht auf seine Person zu vereinen. Bürokratisch bestimmte Affektkontrolle und bewährte Regelhaftigkeit werden bei Seite geschoben, »cum ira et studio« löst Sachlichkeit ab. Daher laufen nach Wahlkampfreden Faktenchecks ins Leere. Um Tatsachen geht es gar nicht, es geht um das Evozieren von Atmosphäre und Stimmung, also ist jede Torheit möglich. In einem ganz anderen Zusammenhang hat der Musikwissenschaftler Hanns-Werner Heister in der Süddeutschen Zeitung über das Erleben eines Konzertes Folgendes vermerkt: »Man sitzt da, hält den Mund und konzentriert sich auf das Werk, die Musik.« Die Zuhörer und die Musiker würden sich dabei miteinander verbinden, es entstehe ein gemeinsames Wir. Charismatische Herrscher kennen diese Logik und verstehen es ausgezeichnet, dieses Wir für ihre Zwecke zu nutzen. Trumps Ego verträgt sich aufs Beste mit seinem Instinkt, der ihm sagt, die ihm zujubelnden Vergessenen eine Heimat zu versprechen. Intellektuelles Räsonnement und faktenbasierte Diskussionen überlässt er getrost der Elite.

Ob der sachliche Institutionalist Joe Biden, der auf eine lange bürokratische Karriere zurückschaut, in der Lage ist, genügend Kontra zu geben und diesen Vertrauens-Wiederaufbau in die Institutionen und Lebenszusammenhänge zu meistern und den Leuten das Gefühl des Verlassenseins zu nehmen, ist alles andere als gewiss. Findet er den Zugang zu ihnen? Aber wer, wenn nicht diese schicksalserfahrene Respektsperson kriegte das wieder geradegebogen?

Es wäre gut, als erstes der Spektakelpolitik ein Ende zu setzen, bevor sie tatsächlich noch die Abzweigung in die Autokratie nimmt. Es gilt, zu einem völlig unexaltierten, bescheidenen und nüchternen Politikstil zurückzukehren, zurückzubuchstabieren. Reset. Dabei hülfe die allgemeine Anerkennung der Banalität des unspektakulär Faktischen, das Einmaleins jeder Demokratie: Jede Stimme zählt und wird gezählt. Dann zertifiziert. Weil: Demokratie. So wie jedes Tor zählt. Weil: Fußball. 

Nachtrag

Der besagte Journalist und Politiker im dritten Absatz schrieb am 10. November 2020 auf Twitter auch: »Trump-Anhänger sind friedlich. Keine Aufstände, keine Gewalt. Obwohl ihnen die Medien seit Jahren Gewaltbereitschaft, Rassismus und autoritäre Neigungen unterstellen.«

Zurück zum Schreibtisch.

Wieder einmal etwas aus der Abteilung Hufeisennasen. Gefunden in nature.com.

Bekanntlich konnte das SARS-CoV-1 von der chinesischen Forscherin Shi Zhengli vom Wuhan Institute of Virology(WIV) im Jahre 2016 bei Chinesischen Hufeisennasen, die sie 2003 in Yunnan untersucht hatte, nachgewiesen werden. Von dieser Fledermausart ist das erste SARS-Virus mittels Zoonose auf den Menschen übertragen worden. Es gibt starke Hinweise – aber noch keine Beweise –, dass die Hufeisennase auch das neue Coronavirus in sich trägt. Die Virologengemeinde ist daran, diese These genauer unter die Lupe zu nehmen.

Forscherinnen und Forscher um Veasna Duong vom Pasteur-Institut in Phnom Penh in Kambodscha haben aus tiefgefrorenen Proben der Shamel Hufeisennasen Viren gefunden, die mit dem SARS-CoV-2 zu tun haben könnten. Das Genom konnte noch nicht komplett sequenziert werden, aber es deutet einiges darauf hin, dass es verwandt oder gar ein Vorfahre des SARS-CoV-2 sein könnte.

Man erinnere sich daran, dass Shi Zhengli mit ihrer Forschung an den Viren der Chinesischen Hufeisennase die Grundlage für die Entwicklung des Medikaments Remdesivir lieferte (das unterdessen jedoch nicht mehr sehr häufig eingesetzt wird, da die Wirkung doch nicht so breit ist, wie erste Resultate suggerierten).

Sollte sich die Annahme aus Kambodscha bewahrheiten, wäre das ein wichtiger Schritt für die Nachverfolgung der Zoonose auf den Menschen. Das Genom des gefundenen Virus müsste aber zu mindestens 97 Prozent identisch sein mit dem SARS-CoV-2, um mit ihm verwandt zu sein, stimmen sie zu 99 Prozent überein, dürfte es sich gar um einen direkten Ahnen handeln. Das SARS-CoV-2 und der Verwandte RaTG13 etwa sind zwar zu 96 Prozent identisch, aber der Unterschied entspricht gleichwohl einer Evolutionsdauer von 40 bis 70 Jahre. Obwohl sie entwicklungsmäßig also Jahrzehnte auseinander liegen, sind sich die Viren dennoch ähnlich genug, um denselben Rezeptor für den Eintritt in die Zellen zu nutzen. Also auch das RaTG13 könnte in menschliche Zellen eindringen. Wie auch immer das Genom des in Kambodscha gefundenen Virus zusammengesetzt ist, es hilft sowieso dabei, die unterschiedlichen Erreger-Varianten in der Corona-Virusfamilie besser kennenzulernen, meint der Virologe Etienne Simon-Loriere vom Pasteur-Institut in Paris. Simon-Loriere ist daran, das Genom zu sequenzieren. 

Bei einem neuentdeckten Virus namens Rc-o319, das kürzlich in einer Kleinen Japanischen Hufeisennase gefunden wurde, die 2013 gefangen und seither eingefroren war, ist das Genom schon bekannt. Es deckt sich nur zu 81 Prozent mit dem SARS-CoV-2. Dieser Prozentsatz reicht nicht, um über die Ursprünge des neuen Coronavirus genauere Erkenntnisse zu gewinnen. Der Fortschritt der Wissenschaft schreitet voran, auch deshalb, weil man etwas nicht beweisen konnte. 

Beide Untersuchungen bestätigen jedoch die These, dass Coronaviren offenbar bei Hufeisennasen sehr häufig vorkommen, und zwar nicht nur in China, sondern auch in anderen asiatischen Ländern. Eine weitere wichtige Erkenntnis solcher Untersuchungen betrifft die zeitliche Perspektive. Das SARS-CoV-2 und ähnliche Viren sind keine neuen Erreger, sie wurden lediglich erst kürzlich entdeckt und man ist wegen der Pandemie aufmerksam auf sie geworden. Sie haben sich in Hufeisennasen schon seit längerer Zeit eingenistet.

Das von den USA finanzierte Projekt PREDICT, das weltweit nach (tierischen) Ursprüngen von potenziellen Pandemien sucht, wurde im Februar von der US-amerikanischen Regierung gestoppt. Just zu jener Zeit, in der die Administration Trump Gerüchte verbreitete, das Virus stamme aus chinesischen Laboren und sei vielleicht gar willentlich ausgesetzt worden. Im April jedoch sprach die United States Agency for International Development (USAID) fast 3 Mio. USD, um in Proben von Fledermäusen, Schuppentieren und anderen Tieren aus Laos, Malaysia, Nepal, Thailand, Vietnam und Kambodscha nach weiteren Viren zu suchen. Die Resultate, die in ein paar Wochen publiziert werden sollen, werden mit Spannung erwartet.

Zurück zum Schreibtisch.

Was kostet ein Leben? Was kostet ein Leben mit Corona? Was kostet ein Lebensjahr? Unangenehme Fragen, noch unangenehmere Antworten. Und ein Nachtrag zu den Verlusten in der Gastroszene.

Es gibt zahlreiche Perspektiven auf ein Ereignis. Man steht auf der Terrasse des Sendeturms des Chasserals und blickt auf den Alpenbogen. Ein paar Tage später schaut man vom Uetliberg auf dieselben Gipfel – und manche Berge erkennt man kaum wieder. Das Schreckhorn beispielsweise verliert vom Osten her betrachtet seinen Schrecken. Je nachdem von welchem Standort man auf eine Sache blickt, rücken andere Eigenheiten in den Fokus. Soweit so banal.

Die Ökonomen haben ebenfalls ihre Sichtweise auf die Pandemie. Und diese Sichtweise wird durch Geldbeträge geprägt. Der Unterschied zum Betrachten des Alpenbogens ist einleuchtend: Die Spitze des Schreckhorns liegt 4068 Meter über Meer, ob man nun auf dem Chasseral steht oder auf dem Uetliberg. Die Fakten bleiben gleich, das Aussehen verändert sich je nach subjektivem Standort. Die Wirtschaftswissenschaft ist aber eine sozialwissenschaftliche, bisweilen eine geisteswissenschaftliche, mitunter gar eine naturwissenschaftliche Disziplin. Die Fakten sind also doppelt variabel: nicht nur das Aussehen eines Gegenstandes verändert sich, sondern auch die nackten Zahlen variieren je nach Zugangsweise. Denn sie hängen von der gewählten Methode ab. Manchmal auch von der Ideologie. Die Lektüre über die Methodologie und die Methodenvielfalt ist uferlos. So ist es nicht überraschend, dass es etwa in der Gesundheitsökonomie verschiedene Auffassungen gibt, wie viel ein Menschenleben wert ist. Dieses Problem ist sich Christoph Eisenring in seinem Artikel bewusst. Gleichwohl versucht er auszurechnen, wieviel uns die Pandemie kosten könnte.

Vorerst zur klassischen Volkswirtschaft. Vergleichsweise einfach ist eine ungefähre Berechnung des ökonomischen Schadens der Pandemie. Man vergleicht die Wachstumserwartungen von vor der Krise mit den Szenarien, die nun anhand realer Zahlen mitten in der Krise entworfen werden. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) schätzte 2019 das Wachstum für die Jahre 2020 und 2021 auf 1,7% bzw. 1,2%. Das Coronavirus wird 2020 vermutlich für einen Rückgang des Bruttosozialprodukts von 3,8% verantwortlich sein. Nachher dürfte sich die Lücke langsam wieder schließen, vor allem, wenn die Impfung tatsächlich im Laufe des Jahres 2021 ihre Wirkung entfalten sollte. Der Verlust der Wertschöpfung berechnet das Seco somit auf CHF 70 Mia. Dies entspricht ungefähr 10% der Wirtschaftsleistung von 2019.

Der gesamtwirtschaftliche Schaden wird aber nicht nur in diesen Zahlen widerspiegelt. Eisenring geht davon aus, dass vermutlich 7000 Menschen an Covid sterben werden. Anfang 2021 sind wir schon bei über 7000 und täglich müssen hohe zweistellige bzw. tiefe dreistellige Todesfälle hinzugezählt werden. Wir bleiben aber vorderhand bei Eisenrings Schätzungen vom November 2020. Bei der Berechnung eines Lebens stützt er sich auf Studien von Harvard-Ökonomen. Dort wird für einen Corona-Todesfall CHF 6,3 Mio. eingesetzt. Macht bei 7000 Opfern also CHF 44,1 Mia. Zu bedenken ist, dass vorwiegend ältere Menschen an Corona sterben. Im Vergleich zu den Jüngeren geben sie durchschnittlich weniger Geld aus für den Konsum.

Hier zeigt sich die Problematik solcher Rechnungen. Deshalb sei hier noch skizzenhaft eine andere Schätzung vorgestellt: Die amerikanische Umweltbehörde hat ebenfalls kalkuliert, wie viel ein Leben wert ist. Damit will die Behörde berechnen, wie sich Gesetze für die Umwelt rein ökonomisch auf ein Menschenleben auswirken. Sie veranschlagen ein Leben auf CHF 10,7 Mio. Das zeigt, dass die Harvard-Ökonomen bereits einen erheblich tieferen Wert einsetzen. Dies ist dem höheren Alter der Betroffenen geschuldet.

Zu den Kosten der Todesfälle kommen noch jene der Behandlung von Spätfolgen der Erkrankten. Allerdings wird hier nur auf jene Fälle zurückgegriffen, die auch hospitalisiert worden sind oder in ärztlicher Behandlung waren und deshalb sozusagen offiziell als Coronafälle gelten. Was off-the record geschieht, kann nicht ermittelt werden. Eisenring schätzt die Anzahl auf 17'500 Betroffene. Anhand britischer und US-amerikanischer Studien kämpfen 35% der Patienten noch lange nach der eigentlichen Erkrankung mit Komplikationen. Jüngste, kleinere Erhebungen in der Schweiz (in Genf) bestätigen dies. Die Gesundheitsschäden würden sich auf CHF 12,7 Mia. belaufen.

Weiters sind noch psychische Beeinträchtigungen zu erwarten. Die Axa-Versicherungen gehen davon aus, dass in der Schweiz zurzeit etwa 636'000 Personen psychische Hilfe in Anspruch nehmen dürften. Wiederum auf US-amerikanischen Studien stützend, die die psychische Beeinträchtigung bewerten, können 20% der Kosten dieser psychologischen oder psychiatrischen Behandlungen auf eine Covid-Erkrankung zurückgeführt werden. Die Behandlungskosten jährlich betragen pro Person ungefähr CHF 90'000. Insgesamt wären das dann CHF 11,4 Mia.

Die Gesundheitskosten belaufen sich also, wenn man alle diesbezüglichen Beträge summiert, auf CHF 68,2 Mia.

Eisenring rechnet die volkswirtschaftlichen und die gesundheitlichen Kosten zusammen und kommt auf eine Summe von CHF 138 Mia., umgerechnet auf eine erwachsene Person: CHF 16'000.

Der Professor Dirk Krüger von der University of Pennsylvania sagt in der NZZaS vom 10.5.2020, er rechne üblicherweise ebenfalls mit dem Wert der Umweltbehörde, für die Pandemie halte er jedoch einen alternativen Ansatz für aufschlussreicher. Man müsse nämlich die Sache von der anderen Seite her betrachten, von den verlorenen Lebensjahren her. Krüger beziffert den Betrag, der jährlich bei einem eher älteren Corona-Opfer verloren geht, auf ungefähr CHF 488'000. Das sei nicht so viel, denn die Menschen in höherem Alter geben vergleichsweise weniger Geld aus und schöpfen auch weniger Geld als jüngere. Wenn man also mit einem Durchschnittswert über die ganze Bevölkerung rechnen würde, ergebe das eine Verzerrung, sagt Krüger.

Seine Untersuchungen zeigen, dass die Belastungen für verschiedene Gesellschaftsgruppen sehr unterschiedlich sind. Von den Lockdowns etwa profitieren die älteren Leute am meisten und – nicht sehr überraschend – trifft es die jungen Arbeitnehmer der Lockdown-betroffenen Branchen am härtesten. Mit der von Krüger kalkulierten jährlichen Verlustsumme von CHF 488'000 kann auch in unserem Fall weitergerechnet werden. Wenn man diesen Betrag unverändert auf die Schweiz übernimmt und gleichzeitig den Durchschnittswert heranzieht, den ein Corona-Opfer an Lebensjahren verliert, der hier auf 5 Jahre veranschlagt wird, käme man bei 7000 Corona-Todesfällen auf ca. CHF 17,1 Mia. (Experten des Deutschen Pathologenverbandes haben aufgrund von Obduktionen den durchschnittlichen Lebensjahreverlust auf 10 Jahre beziffert. Das ist viel. Hier wird konservativer gerechnet: Die nach Alter geordnete Lebenserwartung wird mit den nach Alter geordneten Sterbetabellen verrechnet. Dann käme man durchschnittlich auf etwa 8 Jahre, die ein älterer Mensch noch vor sich hätte. Berücksichtigt man noch den Fakt, dass häufiger vorerkrankte Menschen mit etwas tieferer Lebenserwartung sterben, wird hier mit 5 Jahren gerechnet.)

Wenn man die Methode von Krüger heranziehen würde, käme man bei den Gesundheitskosten auf etwa CHF 41,2 Mia.

Unterdessen schreiben wir das Jahr 2021. Die Anzahl Todesopfer hat die Marke von 7000 schon weit überschritten.

Berechnungen gehen von 12'000 bis 15'000 Opfern bis Ende März aus. Bleiben wir konservativ und rechnen mit 12'000. Wir passen Eisenrings Rechnung und die Kalkulation nach Krüger an.

Eisenring: Die Kosten der Todesopfer wären somit CHF 75,6 Mia.; Langzeitfolgen bei ca. 30'000 Patienten belaufen sich auf CHF 21,7 Mia. Zusammengenommen mit den Kosten wegen psychischen Behandlungen von geschätzten CHF 19,5 Mia ergäbe dies allein für die Gesundheitskosten: CHF 116,8 Mia. Der gesamte wirtschaftliche Schaden betrüge CHF 186,8 Mia.

Krüger: Die Gesundheitskosten beliefen sich auf etwa CHF 70,5 Mia., die Gesamtkosten auf CHF 140,5 Mia.

Welche Zahlen man immer auch als Basis heranzieht, so kann man gleichwohl festhalten, dass die Kosten enorm sind. Und wie diese behelfsmäßigen, sicherlich noch zu präzisierenden und vertiefenden Berechnungen zeigen, ist es ökonomisch ratsam, möglichst wenige Ansteckungen zu riskieren. Die gesundheitlichen Kosten belaufen sich im Januar 2021 auf die Hälfte des Gesamtschadens. Je länger die Bekämpfung der Pandemie hinausgezögert wird, je länger sich also zu viele Leute noch infizieren, desto größer wird der zu erwartende Schaden. Es wäre für alle klug, die Ausbreitung markant zu bremsen. Zu jedem verlorenen Franken in der volkwirtschaftlichen Rechnung wird mit der konservativsten Rechnung einen Franken für die gesundheitlichen Kosten addiert. Mit einer vernünftigen Eindämmungsstrategie könnten die gesamtwirtschaftlichen Schäden beträchtlich gesenkt werden. Einfach warten auf die Impfung reicht nicht.

Nachtrag

Ein Restaurantunternehmer, Weinhändler und Immobilienbesitzer in Zürich hat Anfang Januar vorgerechnet, dass dem gesamten schweizerischen Gastrobereich dereinst Verluste in der Höhe von CHF 2 Mia. bis CHF 2,5 Mia. zu Buche stehen würden. Er ruft den Bundesrat auf, der Branche Hilfeleistungen zukommen zu lassen. Auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die vor einer ungewissen Zukunft stünden. Mit den Forderungen hat er recht. 

Aber: Er müsste dies alles mit den gesamtgesellschaftlichen Kosten und Verlusten in Beziehung setzen. Nimmt man die obigen Überlegungen ernst und hört man auch auf das, was Wirtschaftswissenschaftler und der Internationale Währungsfonds raten, wäre es ökonomisch am sinnvollsten, wenn die Fallzahlen schnellstmöglich sinken würden, also harte Massnahmen ergriffen würden. Damit könnten mittelfristig moderate Lockerungen wieder ins Auge gefasst werden. Auch für Restaurants.

Der vom Restaurantbesitzer genannte Betrag entspricht jenem von 1050 Todesfällen (nach Krüger). Geht der Trend in der Schweiz mit durchschnittlich etwa 75 Todesfällen pro Tag weiter, hat man die Marke von CHF 2,5 Mia. in zwei Wochen erreicht.

Rechne und handle!

Zurück zum Schreibtisch.

Der Mensch verschwindet im Anthropozän: Der Anfang. Und unterschiedliche Ansichten über das Atomprogramm.

»Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten«, soll, wie bereits zitiert, J. Robert Oppenheimer gesagt haben, als er aus dem Bunker stürmte, von dem aus er die Detonation der ersten Atombombe in der Wüste der White Sands beobachtet hatte. War das der Beginn eines neuen Zeitalters? Einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sagen ja. In unterschiedlichen Disziplinen wird darüber diskutiert, wann genau die neue Ära, die Anthropozän getauft wurde, angefangen haben soll.

Je nach Fokus der Gewichtungen stehen unterschiedliche Zeitpunkte im Raum. War vor 12‘000 Jahren die Erfindung der Landwirtschaft und den damit verbundenen steigenden Methanemissionen der Auslöser? Oder der einsetzende Welthandel in der Renaissance? Die Industrielle Revolution im 19. Jahrhundert? Die Wirtschaftswunderzeit nach dem Zweiten Weltkrieg und die Beschleunigung des Klimawandels? Nimmt man die geowissenschaftlichen Kategorien als Maßstab, nach denen ursprünglich die Erdgeschichte eingeteilt wurde, ist die Zusammensetzung des Bodens entscheidend. In dieser Systematik erscheint das Holozän als jene Epoche des Quartärs[1], die dem Pleistozän folgte. Das Anthropozän folgte dem Holozän und würde demnach als jenes Zeitalter bezeichnet, ab dem von Menschen erzeugte Stoffe wie Plastik, Beton oder auch radioaktive Ablagerungen aus Kernwaffenzündungen wie Plutoniumisotope als eigene Sedimentschicht in der Erdkruste nachgewiesen werden können. So wäre die Geburtsstunde nach Mitte 1945 zu datieren, als die Kernwaffenzündungen begonnen hatten. 

Einfachheitshalber, sagen daher viele Wissenschaftler, würde der 16. Juli 1945 als Datum gut passen. Passend auch die Aussage Oppenheimers: »Wir wussten, dass die Welt nicht mehr dieselbe sein würde.« Offenbar war sich der äußerst gut gebildete Oppenheimer[2] bewusst, dass das, was sie soeben geschaffen hatten, viel mehr war, als sie sich vorgestellt hatten. Auch der Kriegsminister Stimson bemerkte ja schon 1945, dass »eine revolutionäre Veränderung des Verhältnisses zwischen den Menschen und dem Universum« stattfinden könnte. Insofern ist die Wahl der Zündung der ersten Atombombe gar nicht so falsch. Weitere Eigenschaften, die nicht mehr streng erdgeschichtlich definiert sind, haben sich unterdessen hinzugesellt: Artensterben, Klimaerwärmung, Ausbeutung natürlicher Ressourcen etc.

Kehren wir noch einmal kurz zu Oppenheimer zurück. Nach dem Krieg wurde der »Vater der Atombombe«, wie er zu seinem großen Missfallen genannt wurde, verschiedentlich geehrt und er übernahm den Vorsitz des fachwissenschaftlich zusammengesetzten Beratergremiums der US-amerikanischen Atomenergiebehörde, die ihrerseits den Präsidenten in Atomfragen beriet. Oppenheimer blieb seiner Überzeugung treu, dass die Atombombe kein sehr hilfreiches Mittel sei, um den Frieden zu bewahren. Die Erforschung der Atomphysik zur zivilen Gewinnung von Energie stand er hingegen nicht im Wege.

Zum Forscherteam in Los Alamos gehörte schon früh der Physiker Edward Teller. Teller war ein brillanter Wissenschaftler, aber eigentlich interessierte ihn der Bau einer Atombombe nicht sonderlich, schon während des Manhattan-Projekts legte er seinen Forschungsschwerpunkt auf thermophysische Fragen. Mit Oppenheimer und Teller trafen zwei grundverschiedene Charaktere aufeinander, hier der ruhige, besonnene Intellektuelle, dort der umtriebige, forsche Wissenschaftler. Immer wieder rieben sie sich aneinander. Auch politisch waren sie sich kaum je einig. Teller war es nun, der sich daran störte, dass das Manhattan-Projekt im Oktober 1945 zu Ende sein sollte, dabei arbeitete er ja an der Entwicklung einer noch viel durchschlagskräftigeren Waffe, die die USA als Weltmacht Nummer eins etablieren könnte. Beim Vorsitzenden der Atomenergiebehörde, Lewis Strauss, fand Teller einen Verbündeten, vor allem als sich abzuzeichnen begann, dass die Sowjetunion und die USA zu Antagonisten in der neuen Weltordnung wurden.

Die Situation für Oppenheimer wurde immer delikater, war es doch allgemein bekannt, dass er gegen die Erforschung einer thermonuklearen Bombe stand und in den 1930er-Jahren mit dem Kommunismus sympathisierte. Das Beratergremium konnte er noch von seiner Linie überzeugen, die Atomenergiebehörde schwenkte jedoch unter dem Einfluss von Strauss auf Tellers Standpunkt. Das Verhältnis zwischen Oppenheimer und Strauss wurde immer schwieriger. Strauss warf Oppenheimer vor, er behindere das Wasserstoffbomben-Projekt, also stellte er sich auch gegen die Interessen der USA, seine Haltung sei demnach unamerikanisch. Strauss setzte sich durch. Präsident Truman gab am 31. Januar 1950 bekannt: »Es gehört zu meiner Verantwortung als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, dafür zu sorgen, dass unser Land in der Lage ist, sich gegen jeden möglichen Aggressor zu verteidigen. Dementsprechend habe ich die AEC (Atomenergiebehörde) angewiesen, ihre Arbeit an allen Formen von Atomwaffen, einschließlich der so genannten Wasserstoff- oder Superbombe, fortzusetzen.«[3]

Schließlich eskalierte die Situation zwischen Strauss und Oppenheimer vollends und Oppenheimer wurde 1954 von einer Untersuchungskommission der Atomenergiebehörde einen fragwürdigen Prozess gemacht. Er stand von Beginn weg auf verlorenem Posten, standen den Anklägern doch sämtliche FBI-Unterlagen zur Verfügung, den Verteidigern jedoch nicht. Zudem verstanden zwei der drei Kommissionsmitgliedern nicht sehr viel von Atomphysik. Ihm wurde die Clearance, also der Zugang zu geheimen Informationen, entzogen, was einer Entmachtung gleichkam. 

Das Manhattan-Projekt wurde also 1945 zum Leidwesen von Teller eingestellt, trotzdem experimentierten die US-Amerikanischen Streitkräfte diesmal unter der Leitung der Navy und wieder in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, wobei die bekanntesten Namen des Manhattan-Projekts fehlten, weiter mit Atombomben, später auch mit thermonuklearen Bomben. Das Testgebiet wurde in die Wüste von Nevada und in den Pazifik verlegt. Ziel der Tests war es, mehr über die Wirkung, die Effektivität und den Zerstörungsgrad herauszufinden, wobei man die Bauweisen der Bomben variierte. Ab Sommer 1946 liefen auf dem Bikini-Atoll die Operationen Crossroads, Castle etc., auf dem benachbarten Eniwetok-Atollwaren es SandstoneGreenhouseIvy. Am 31. Oktober 1952 wurde in der Operation Ivy eine Bombe namens Mike getestet, die auf einer thermonuklearen Fusion basierte. Der beim Mike-Test detonierte Sprengsatz war die erste echte Wasserstoffbombe, die jemals gezündet wurde, also der erste thermonukleare Sprengsatz, der auf den sogenannten Teller-Ulam-Prinzipien der gestuften Strahlungsimplosion aufbaute. Das Gerät wurde unter der Leitung von J. Carson Mark in Los Alamos entworfen. Da Teller nicht zum Leiter ernannt worden war, verließ er das Projekt vorzeitig. Die Erschütterungen der Testzündung in Eniwetok verfolgte er auf einem Seismographen in Berkeley.

Die sowjetische Antwort folgte im August 1953.

Die letzten Tests auf den beiden Atollen wurden 1958 durchgeführt.

Das Anthropozän ist also das Zeitalter, in dem wir viele uns natürlich erscheinende Phänomene in der Landschaft als vertraut bezeichnen würden, obwohl sie alles andere als natürlich sind. Eine andere Normalität hat sich gewissermaßen über die alte gelegt. Bilder solcher Landschaften camouflieren den Urzustand und sie können verstörend malerisch sein. Man denkt etwa an die Schwarzweiß-Bilder gigantischer Häusermeere, aufgenommen aus der Luft von Balthasar Burkhard. Oder die verlorenen Landschaften, seien es abgeholzte Wälder oder Trailerdörfer, des Fotografen Robert Adams aus den 1960er Jahren.

Der Kanadier Edward Burtynsky hat diese Tradition in die Gegenwart weitergetragen. Monumentale Aufnahmen von Steinbrüchen, Ölfeldern, Raffinerien, Absetzbecken, Müllkippen, Schiffsfriedhöfen etc. vereinen sich in seiner Schau »Anthropocene«. Beispielsweise ist ein grauer, breiter Fluss in Nigeria zu sehen, auf dem – wie leicht geöffnete Fächer – Baumstämme schwimmen und der Wasseroberfläche ein eigenartiges Muster verleihen, das einen fern an Dekorationen von Sushi-Speisen erinnert. Auf den ersten oberflächlichen Blick ist kaum zu erkennen, dass da erstens ein Fluss abgebildet ist und dass es zweitens zur Weiterverarbeitung bestimmte Baumstämme sind, die darin diese Strukturen zeichnen. Oder es ist eine trapezförmige, rot-grün-graue Fläche zu sehen, wie man sie von Marmorverzierungen in italienischen Palästen oder auf alten Puderdosen kennt. Darum herum sind sand- und goldfarbene Linien und Strukturen gezogen, daran schließt eine weitere, straffierte Fläche an. Der Deckel der goldenen Puderdose? Am oberen Bildrand erscheinen Gebäude und Strassen. Es handelt sich um eine Luftaufnahme einer Mine in Arizona.

Das Irritierende daran ist die schiere Schönheit, die von den Bildern ausgeht. Erst mit dem zweiten Blick dieser zuerst abstrakt wirkenden Fotografien erkennt man die menschliche Zurichtung der Landschaft, die darauf abzielt, natürliche Ressourcen auszubeuten und dabei die Natur zerstört. Die Verwüstung der Erdoberfläche löst in uns ästhetisches Wohlgefallen aus und zeigt uns, wie wir gegenüber der Umweltzerstörung bereits bestens anästhesiert worden sind. Diese Kruste der Anästhesie kann durch den Blick auf diese Bilder wieder aufgebrochen werden.

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[1] Das Quartär begann vor 2,588 Millionen Jahren, darin das Holozän vor zirka 12'000 Jahren.

[2] Oppenheimer war sehr breit gebildet und nicht nur an der Atomphysik interessiert. Und zuweilen etwas verschroben und in jungen Jahren unsicher und nicht sehr zugänglich. Oppenheimers als Arroganz ausgelegte Distanziertheit und seine Depression in jungen Jahren wurden zum Problem. Seine Eltern waren besorgt über die psychische Verfassung ihres Sohnes und sie schickten ihn zu einem Psychologen, später zu einem Tiefenpsychologen. Dieser verzweifelte jedoch an seinem Patienten, denn der belesene Oppenheimer kannte sich in den Schriften von Freud vortrefflich aus und er begann, seinen Seelendoktor über die Psychoanalyse aufzuklären. Es ist kaum nachvollziehbar, wie gut dieser theoretische Physiker in Psychoanalyse, Geisteswissenschaften, Philosophie und Belletristik bewandert war, wenn man bedenkt, dass er in erster Linie die Fachliteratur über Atomphysik und Mathematik zu studieren hatte. Marx’ drei Bände zum Kapital hatte er allesamt auf einer mehrstündigen Zugfahrt gelesen – und begriffen, Lenins Gesammelte Werke studierte er ebenso. 1933 lernte er Sanskrit in Berkeley und so befasste er sich mit hinduistischen Religionsbüchern wie etwa der Bhagavad Gita in der Originalsprache. Die Lektüre von Prousts Recherche soll sein Verhalten zum Positiven beeinflusst haben, Oppenheimers Sicht auf das eigene Ich hatte sich durch Prousts Kunst der Introspektion verändert. Er begann, sich den Leuten zu öffnen und er entwickelte sich zu einem engagierten Gesprächspartner. Zwar war er immer noch von sich selbst überzeugt und kritisierte die Einfältigkeit anderer Leute nach wie vor harsch (zum Beispiel Präsident Truman), aber seine Bildung beeindruckte seine Gesprächspartner immer wieder. So konnte er nächtelang darüber debattieren, ob Dostojewski oder Tolstoi der bessere Schriftsteller sei, er war über die französische Literatur so im Bilde, als hätte er sie studiert.

Hufeisennase

Im Zusammenhang mit der Erforschung der SARS-Viren hat die Hufeisennase eine gewisse traurige Berühmtheit erlangt.

Im Jahre 2013 konnte die chinesische Forscherin Shi Zhengli nachweisen, dass der SARS-CoV-Ausbruch 2002/2003 auf Viren zurückzuführen ist, die sie in der Chinesischen Hufeisennase (Rhinolophus sinicus) gefunden hat. Es ist zwar noch nicht restlos geklärt, von welchem Tier das neue SARS-CoV-2 den Weg zum Menschen gefunden hat, aber es gibt Hinweise, dass wiederum Hufeisennasen am Ursprung stehen.

Möglich also, dass es auch in diesem Fall wie beim SARS-CoV eine Chinesische Hufeisennase gewesen ist. Wahrscheinlicher ist nach wissenschaftlichen Überprüfungen von Genomen allerdings die Theorie, dass eine Java-Hufeisennase (Rhinolophus affinis) Trägerin des SARS-CoV-2 sein könnte. Das Betacoronavirus SARS-CoV-2 stammt biologisch gesehen vermutlich vom sogenannten RaTG 13-Virus ab, die Genome beider Viren stimmen zu 96,2 Prozent überein. Sie sind zwar nicht identisch, »aber die Hypothese, dass das 2019-nCoV von Fledermäusen stammt, ist sehr wahrscheinlich«, sagt Peng Zhou in nature. RaTG 13-Viren wurden in Kot-Abstrichen der Java-Hufeisennase in Yunnan gefunden.

Hufeisennasen also.

Eine Ehrenrettung

Ein Viertel aller Säugetierarten stellen die Fledermäuse dar. Bis jetzt sind neunhundert verschiedene Arten bekannt. Darunter finden sich auch 109 Arten der Hufeisennase.

Fledermäuse sind für die Regulierung der Insektenpopulation enorm wichtig. Sie können bis zu 1000 Mücken pro Stunde verschlingen. Zudem bringen sie auch der Landwirtschaft einen großen Nutzen, weil sie Schädlinge essen. Laut Schätzung des kanadischen Evolutionsspezialisten Dan Riskin wird der Wert dieses Nutzens für die US-Agrarwirtschaft auf jährlich eine Milliarde US-Dollars veranschlagt (Quelle CNN), einerseits durch Einsparungen von Pestiziden, andererseits durch Ertragssteigerungen.

In der Familie der 109 Hufeisennasenarten (Rhinolophidae) kommen auch Arten in Mitteleuropa vor, zum Beispiel die Kleine Hufeisennase und die Große Hufeisennase. Eine ähnliche Art wie die Große Hufeisennase ist die Chinesische Hufeisennase, sie findet man im südlichen Teil von China und in Teilen Myanmars und Nepals. Sie ist nicht zu verwechseln mit der Java-Hufeisennase, die im gleichen Gebiet zu Hause ist, aber gegen Süden hin sich bis nach Indonesien ausgebreitet hat.

Den Namen trägt die Fledermaus aufgrund des hufeisenförmigen Hautlappens, der die Oberlippe bedeckt, sich um die Nasenlöcher rankt und bis zur Stirn hinauf reicht. Weitere Hautlappen ragen vom Gesicht, andere in Lanzettenform vom Kopf weg.

Ein ausgefeiltes Peilsystem mit Echoortung, die auf von den Oberflächen zurückgeworfenen Hochfrequenzlauten, die sie ausgestossen haben, basiert, ermöglicht es ihnen, verschiedene Insekten zu unterscheiden und Gegenstände, Pflanzen und Tiere zu erkennen. Hufeisennasen können gleichzeitig rufen und horchen. Aufgrund der Bauweise der Flügel können sie zwar nicht sehr schnell fliegen, sind aber dennoch wendig und geschickt. Im Gegensatz zum Gemeinen Vampir können sie sich nicht auf allen Vieren fortbewegen. Auch die Hufeisennasen ruhen kopfüber hängend.

Die Chinesische und die Java-Hufeisennase haben eine Unterarmlänge von 43 bis 56 mm, eine Ohrlänge von 14 bis 23 mm und eine Schwanzlänge von 21 bis 30 mm. Die Flügelspannweite reicht von 290 bis 364 mm. Insgesamt gilt sie als mittelgroße Hufeisennase. Sie ähnelt im Aussehen der weit verbreiteten Rötlichen Hufeisennase, hat allerdings längere Flügel. Das Fell auf ihrem Rücken ist bei der Chinesischen zweifarbig: die unteren zwei Drittel der Haare sind bräunlich-weiß, während die Haarspitzen rötlich-braun sind. Das Bauchfell ist heller gefärbt und bräunlich-weiß. Java-Hufeisennasen sind eher gelblich bis orangefarben.

Auch wenn sie Warmblütler sind, fahren sie im Winter ihre Temperatur herunter und verfallen in einen lethargischen Zustand, den man Topor nennt.

Die Hufeisennasen jagen ihre Beute (Käfer, Nachtfalter, Fliegen, Schnaken, Spinnen) meistens in der Abend- und Morgendämmerung, entweder direkt in der Luft oder von Oberflächen weg. Da sie nicht blind sind, können sie auf ihrem Beuteflug auch die Augen benutzen. Für das ökologische Gleichgewicht spielen sie als Insektenverzehrer eine bedeutende Rolle.

Hufeisennasen paaren sich im Spätsommer. Die Weibchen können das Sperma mehrere Monate im Körper speichern, so dass die Geburt des Nachwuchses erst im Frühjahr stattfindet. Weibchen finden sich für den Wurf in sogenannten Wochenstuben zusammen. Nach etwa dreißig Tagen gehen die Jungen selbständig auf die Jagd. Nach drei Jahren sind sie geschlechtsreif. Die Chinesischen Hufeisennasen leben im Gegensatz zu anderen Arten meist in Kolonien.

Hufeisennasen bevorzugen Regionen, die unter achthundert Metern über Meer liegen, es wurden aber auch schon Wochenstuben auf tausendfünfhundert Metern und einzelne Tiere auf dreitausend Metern gesichtet.

Sie leben in Höhlen, offenen Gebäuden, Bergwerkstollen, Plantagen oder Tunnels. Wohnsiedlungen, in denen sie keine offen zugänglichen Nischen finden, meiden sie. Sie sind nicht bedroht. In ihrem Verbreitungsgebiet gibt es aber immer weniger naturnahe Landschaften. Sei es durch Agrarwirtschaft, durch Industrialisierung, durch Zersiedelung oder durch Infrastrukturbauten werden die Räume für Hufeisennasen immer enger und unzugänglicher. Isolation und Fragmentierung von Lebensräumen gehören zu den Hauptproblemen für die Tiere. Hinzu kommen Pestizide, die sie durch ihre Nahrung einnehmen. 

 

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Quellen:

Peng Zhou et al in:  https://www.nature.com/articles/s41586-020-2012-7

Die Informationen sind dem online verfügbaren WWF-Artenlexikon entnommen. https://www.wwf.de/themen-projekte/artenlexikon/hufeisennasen/ (abgerufen am 16.4.2020)

»Der Ursprung ist da, wo er ist.« Die WHO will zusammen mit China erforschen, wo die Ursprünge der Pandemie liegen. Das ist politisch ein heikles Unterfangen, schreibt Frederike Böge in der FAZ.

Wie in den hier vorliegenden Querverweisen schon mehrfach ausgeführt wurde, zuletzt in den Wuhan Files, wird die Suche nach dem Ursprung des Virus nicht nur von der Wissenschaft bestimmt, sondern und vor allem auch von der Politik. Mal ist es die US-amerikanische Regierung, die einen Laborausbruch in Wuhan vermutet, mal ist es das chinesische Regime, das von einem Viren-Import nach China spricht.

Immerhin haben sich jetzt die Regierung und die WHO auf eine Liste von zehn Wissenschaftlern geeinigt, die der Frage nachgehen sollen, wie und wo die entscheidende Übertragung auf den Menschen stattgefunden hat. Fabian Leendertz vom Robert-Koch-Institut (RKI) ist Tiermediziner und steht ebenfalls auf der Liste. Er und sein Team konnte 2014 in Guinea jenen Baum identifizieren, auf dem sich eine Fledermaus befand, von der das Ebola-Virus auf einen Jungen übergesprungen ist. Leendertz betont die Schwierigkeit, die Schuldfrage außen vor zu lassen. Solche Übertragungen können überall passieren, dass es Guinea traf, ist schlichtweg Zufall. Aber einen Schuldigen zu definieren, ist unzulässig.

Gleichwohl denken die Leute und missgünstige Politiker eben doch in Denkschachteln moralischer Zuschreibungen. Im Minenfeld der chinesisch-amerikanischen Beziehungen sind solche Bewertungen gefährlich. Deshalb erstaunt nicht, dass es lange gedauert hat, bis man sich auf einen Handlungsrahmen der Nachforschungen geeinigt hat.

Als erstes finden digital geführte Konsultationen mit chinesischen Forschern statt. Damit will das Team herausfinden, wohin man allenfalls reisen muss, um die Erkundungen zu vertiefen. Dabei stehen drei Fragen im Zentrum:

1. Welche Tiergattung stellt das Reservoir des Erregers dar? Erkenntnisse zum SARS-CoV-1 und zu Ebola legen nahe, zuerst Fledermäuse zu untersuchen. Falls sich der Fledermaus-Verdacht erhärtet, könnte man Maßnahmen gegen die weitere Verbreitung erlassen, wie beispielsweise das Verbot des Sammelns von Fledermauskot.

2. Welches Tier dient als Zwischenwirt? Die ursprüngliche Annahme, es sei ein Schuppentier, hat sich nicht bestätigt und steht nicht mehr im Vordergrund. Leendertz würde gerne die Pelztierfarmen genauer unter die Lupe nehmen. Zum Beispiel indem man feststellt, ob Fledermäuse in den Gebälken von solchen Farmen hausen.

3. Wo und wie ist das Virus auf den Menschen übertragen worden? Hierfür zöge man die Analyse von gefrorenen Blutproben erkrankter Personen heran. Da bei weitem nicht alle Infizierten erkranken, ist es praktisch unmöglich, den Träger 0 zu finden. Es ist sehr gut möglich oder gar wahrscheinlich, dass dieser keine Symptome aufwies und daher gar nicht auf dem Radar erscheint. In diesem Zusammenhang ist die Rolle des Wuhaner Lebendtiermarktes noch weiter zu beleuchten. Als Ursprung steht er kaum mehr in Verdacht, aber als Superspreader-Ort dürfte er eine bestimmte Rolle gespielt haben.

Diese Perspektive gefällt der chinesischen Regierung überhaupt nicht. Sie würde gerne den Fokus auf andere Aspekte lenken. Hier braucht es das diplomatische Geschick des Forscherteams, das immer wieder darauf hinweisen muss, dass die wissenschaftliche Beweislage den Erkenntnisprozess steuert und keineswegs politische Erwägungen. Also müssen die von China unter Verdacht stehenden Importe aus Indien und Italien genauso untersucht werden, wie Spuren, die allenfalls in ein Labor führen würden, was Leendertz aber als extrem unwahrscheinlich erachtet. Er meint lakonisch: »Ich halte mich an meine Expertise. Der Ursprung ist da, wo er ist.«

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