Schreibtisch

The Wuhan Files: Geleakte interne Dokumente beleuchten, was in Wuhan alles schiefgelaufen ist. Und das zu allem Elend noch eine Grippewelle den Blick auf das neue Virus verdeckte.

Keine Sicherheitshürde scheint zu hoch zu sein, keine Bürokratie gefeit vor Whistleblowern, auch nicht die chinesische. Jetzt wurden offizielle Dokumente des Center for Disease Control and Prevention der Provinz Hubei geleakt.[1] Der CNN-Experte für internationale Sicherheit Nick Paton Walsh hat sie gesichtet, hier werden die wichtigsten Fakten zusammengefasst und ergänzt.  

The Lancet hatte im Frühjahr berichtet, dass der erste Covid-19-Patient am 1. Dezember 2019 mit jenen Symptomen, die später als typisch für diese Krankheit betrachtet würden, in einer Klinik in Wuhan behandelt worden war. Ein Jahr später sind Unterlagen veröffentlicht worden, die ein genaueres Bild auf die Ereignisse jener Tage in der mittelchinesischen Provinz Hubei zeichnen. Die 117 als vertraulich eingestuften Seiten (»Internal document. Please keep confidential«) zeigen bruchstückhaft, was die zuständigen Gesundheitsämter der Öffentlichkeit berichteten – und was eben nicht, und wie sie von übergeordneten Stellen gemaßregelt wurden. Dabei geht es um nicht zutreffende Zahlen, um Beschreibungen der Situation, um die Irreführung der Öffentlichkeit und Unterdrückung von wichtigen Informationen sowie um fragwürdige Abläufe innerhalb der lokalen Behörden, vor allem des Center of Disease Control and Prevention (CDC). Kurz zusammengefasst bestätigen die Dokumente jene Befürchtungen, die man schon lange hegte, die aber von den Amtsstellen unter einem undurchdringlichen Mantel des Schweigens gehalten werden. Die da wären:

  1. Die chinesischen Behörden gaben ein zu optimistisches Bild der Lage.

  2. Bis zum 10. Januar dauerte es 23 Tage, bis ein Patient ein Testergebnis erhielt. Ergänzt sei hier, dass die Nachweismethoden zu Beginn der Pandemie noch sehr rudimentär waren. Das neue Virus selbst konnte erst ab Mitte Januar diagnostiziert werden, denn es gab noch keine SARS-CoV-2-spezifischen PCR-Tests, bei denen zwei bestimmte Gensequenzen untersucht werden. Die chinesische Forscherin Shi Zhengli vom Wuhan Institute of Virology (WIV) identifizierte den Erreger am 7. Januar 2020 als SARS-verwandt. Am 12. Januar wurde die Gensequenz veröffentlicht, nur gerade vier Tage später wurde auf Basis der Sequenzierung der erste diagnostische PCR-Test von Christian Drosten vorgestellt. Unterdessen gibt es mehrere ähnliche Tests, sie gelten nach wie vor als Goldstandard. Die meisten Resultate, die zu Beginn des Jahres in China gemeldet wurden, waren negativ. Allerdings wurde später anhand der verbesserten Methoden festgestellt, dass viele dieser negativen Befunde falsch waren (also falsch negativ), es waren demnach viel mehr Leute erkrankt als ausgewiesen.

  3. Die Behörden versagten bei der Bewältigung der Krise. Die Amtsstellen sind sowohl personell als auch finanziell unterdotiert, die bürokratischen Prozesse laufen zu langsam und das Warnsystem funktionierte nur mangelhaft.

  4. Die ganze Situation wurde verschlimmert durch eine starke Grippewelle, von der ab Anfang Dezember 2019 die Provinz Hubei erfasst wurde.  

Offenbar waren die Behörden komplett überfordert, ihre Entscheidungen waren kaum nachvollziehbar und die kommunizierten Informationen hinterließen zahlreiche weiße Stellen des Nichtwissens und des Nichtsagenwollens. Allerdings muss auch berücksichtigt werden, dass das Wissen und die Erkenntnisse über das Virus und den Verlauf der Krankheit und deren Eigenschaften und der Behandlung anfangs noch nicht verlässlich und fundiert waren. Gleichwohl wurde im Weißbuch der chinesischen Regierung vom 7. Juni 2020 über die Bewältigung der Krise noch geschrieben, dass China verantwortungsvoll gehandelt habe, die Behörden die Öffentlichkeit gut informiert habe und allgemein effizient reagiert wurde. Fehler und falsches Handeln wurden nicht eingestanden. Die geleakten internen Quellen sprechen eine andere Sprache.

Zuerst zu den Zahlen: Es werden in den Papieren drei Zeitpunkte herausgepickt und genauer unter die Lupe genommen: der 10. Februar, der 17. Februar und der 7. März. 

Am 10. Februar meldete China für die ganze Volksrepublik 2478 Fälle, davon fallen auf die Provinz Hubei 2097 bestätigte Infektionen. Zu diesen 2097 Infektionen kommen in der Provinz offiziell noch 1814 vermutete Übertragungen, macht insgesamt 3911 mögliche Ansteckungen. Die internen Unterlagen nennen andere Zahlen und differenzieren noch weiter aus: Sie sprechen allein für Hubei von 2345 bestätigten, von 1772 klinisch diagnostizierten (aufgrund von Röntgenaufnahmen oder CT-Scans), von 1796 vermuteten und von 5 unbestätigten Fällen, also von insgesamt möglichen 5918 Ansteckungen. Das ist immerhin ein Unterschied von 2000 Infektionen. Fachleute sind der Meinung, dass die Verdachtsfälle eher konservativ berechnet sind. William Schaffner etwa, Professor für Infektionskrankheiten an der Vanderbildt University, sagt, die Daten wären höher, wenn man die Maßstäbe der US-Epidemiologen anwenden würde. Zudem sei eine klare Unterscheidung zwischen Verdachtsfällen und klinisch Diagnostizierten sehr schwierig zu treffen. Die Erfahrungen in den USA zeigen, dass davon auszugehen ist, dass die Mehrzahl der vermuteten Infektionen den Diagnostizierten zugeschlagen werden müssen.

Protokolle chinesischer Ärzte besagen, dass Patienten als Verdachtsfall eingestuft wurden, wenn sie Kontakte mit Infizierten, Fieber und Lungenbeschwerden hatten. Erst aussagekräftigere Röntgenaufnahmen oder CT-Scans, auf denen Entzündungen nachgewiesen werden können, machten die vermuteten zu klinisch diagnostizierten Covid-19-Erkrankten. Mit der Methode, Verdachtsfälle zu ignorieren und/oder klinisch diagnostizierte mit den vermuteten Fällen zu mischen, konnten die Zahlen gesenkt werden. Erst Mitte Februar wurden die klinisch diagnostizierten den bestätigten Fällen zugewiesen. Ebenfalls die Differenz der gemeldeten Todesopfer der Provinz Hubei ist markant. Hier beruft sich das Papier auf den 17. Februar: Offiziell waren es 93 Tote, im internen Report sind 196 nachgewiesen.

Die Daten der Todeszahlen, die am 7. März publiziert wurden, sind ebenfalls bemerkenswert. Offiziell waren bis dann insgesamt 2986 Opfer gemeldet worden. Im internen Report waren es aber 3456 Tote, davon 2675 bestätigte, 647 klinisch diagnostizierte und 126 Verdachtsfälle sowie 8 positiv Getestete (aber noch nicht bestätigt). Auch die Fallzahlen differieren stark an diesem Datum: den 41 bestätigten und 42 vermuteten offiziellen Infektionen stehen 41 bestätigte, 42 vermutete und 32 positiv getestete Fälle in den geleakten Papieren entgegen. Die Kategorie klinisch diagnostiziert erscheint nicht mehr. 

Das Problem verschärft sich durch den Umstand, dass die Testresultate sehr lange auf sich warten ließen, also die gemeldete Zahl der Ansteckungen überhaupt nicht aktuell waren. Anfangs ging es bis zu 23 Tage, bis ein Ergebnis eintraf. Das CDC kommt selber zum Schluss, dass in retrospektiven Überprüfungen von negativ diagnostizierten Patienten in etlichen Fällen das Resultat auf die andere Seite kippte. 

Chinesische Gesundheitsexperten klagten schon im Februar darüber, dass die zur Verfügung stehenden Tests basierend auf die Analyse von Nukleinsäuren (dabei wird der genetische Code identifiziert) sehr ungenau waren und kaum bei der Hälfte der tatsächlich Infizierten positiv anzeigten. Der steigende Bedarf nach PCR-Test konnte nicht befriedigt werden, daher wurden die Methoden ausgeweitet und immer mehr klinische Verfahren wurden mit einbezogen. Die Ungenauigkeiten blieben bestehen. Immerhin wurde bis zum 7. März die Dauer der Wartezeit massiv gekürzt. Auch erschienen die untersuchten Fälle noch gleichentags in der Statistik; es fragt sich nur, ob in der internen oder der veröffentlichten…

Nun zu den internen Berichten: Ein vertraulicher Report der Regierung über die Arbeit des CDCs gelangte zur folgenden Einschätzung: »Das Hubei CDC ist finanziell unterdotiert, das richtige Testmaterial fehlt und die Angestellten sind unmotiviert und fühlen sich von der gesamtchinesischen Bürokratie vernachlässigt.« Ein weiterer interner Bericht vom Oktober kommt zum Schluss: »Die riesige Lücke beim Personal und bei den Betriebsmitteln des CDCs in den Provinzen hat die normale Ausübung der Funktionen des öffentlichen Gesundheitswesens ernsthaft beeinträchtigt.« Bemängelt wird die Informationspolitik des CDCs. Zudem wurden nicht die richtigen Maßnahmen getroffen, um die Bevölkerung ausreichend über die Ereignisse und die Verhaltensregeln zu unterrichten. Die Frühwarnsysteme haben versagt und die Überwachung des Epidemien-Verlaufs war lückenhaft. Das CDC hat seine führende Rolle bezüglich »Alarmierung, Einleitung epidemiologischer Untersuchungen, Gesundheitsüberwachung und -bewertung, Formulierung von Präventions- und Kontrollmaßnahmen sowie politischen Empfehlungen« nicht wahrgenommen. Es sei zudem lausig kommuniziert worden. Das Bild stellt sich also weit düsterer dar als es das offizielle China in ihrem Weißbuch malte. 

Nicht in den Files erwähnt, aber wichtig ist der allgemein bekannte und erbärmliche Umgang mit Kritikern. Zum Beispiel der Augenarzt Li Wenliang, der bis zu seinem Tod immer wieder kritisch über die Lage in Wuhan berichtete. Schon früh wurde er von der Ärztin Ai Fen vom Wuhan Spital über eine neue Lungenkrankheit unterrichtet, die sie vermehrt in ihrer Station behandeln musste. Ai Fen war es schließlich auch, die Gewebeproben ins Wuhan Institute of Virology schickte. Dort stellte die SARS-Spezialistin Shi Zhengli fest, dass es sich beim neuen Erreger um einen Corona-ähnlichen Virus handelte. Nicht nur Li Wenliang, sondern viele Kollegen, mit denen er diese Informationen teilte, sowie die besagte Ärztin Ai Fen mussten ein Schweigegelübde abgeben. Die Polizei warf ihnen vor, sie würden Unwahrheiten verbreiten und die Bevölkerung verunsichern. Nicht alle hielten sich daran. Eben auch Li Wenliang. Bekanntlich steckte sich er sich am Virus an und starb am 7. Februar. 

Auch über die zahlreichen überlasteten und überarbeiteten sowie infizierten und gestorbenen Klinikangestellten wird in den veröffentlichten Files geschwiegen. Von Ai Fen gibt es ein eindrückliches Protokoll, in dem sie von den Schwierigkeiten in ihrem Klinikalltag mit Covid-19-Kranken berichtet.[2]

Insgesamt wurde aber die Politik der Nicht-Information durchgesetzt. Je tiefer jemand in der Hierarchie steht und deshalb von den Vorgängen direkt betroffen ist und etwas Substanzielles dazu sagen könnte, desto weniger kommt er zu Wort. Umgekehrt: Je höher eine Person gestellt und gleichzeitig weiter von der gewünschten Kompetenz entfernt ist, desto lauter darf diese Person kommunizieren.   

Und: Ein Unglück kommt selten allein. Anfang Dezember 2019 wurde Hubei von einer Grippewelle erfasst. Es wurden mehr als 2,02 Prozent mehr Erkrankte verzeichnet als sonst in dieser Jahreszeit. In den drei Städten Yichang, Xianning und Wuhan waren das ungefähr 10'500 Fälle. Diese Welle wurde verstärkt von der damals noch nicht bekannten SARS-CoV-2-Welle. Die Behörden hatten offenbar alle Hände voll zu tun, die Grippe zu bekämpfen. Nur wenige kamen überhaupt auf die Idee, dass es sich bei einem Patienten, der sich mit Covid-19-Symptomen herumschlug, gar nicht um einen Grippeerkrankten handeln könnte. Man war gar nicht darauf eingestellt, nach anderen Erregern zu suchen.

Erst Mitte Dezember begannen sich diverse Spitalärzte zu fragen, wieso gewisse Patienten überhaupt nicht auf die üblichen Grippemittel ansprachen und sehr starke Beeinträchtigungen der Lungenfunktion festgestellt wurden. Trotz Bemühungen, im Nachhinein bei den vermeintlichen Grippepatienten nach entgangenen SARS-CoV-2 Fällen zu suchen, blieben die Ergebnisse nichtssagend. Es ist nicht möglich, genaue Zahlen zu eruieren. Aber es ist davon auszugehen, dass die Grippewelle die Verbreitung des Coronavirus beschleunigt hat. Die Ausbreitung konnte sozusagen unter dem Radar erfolgen. Und da die Arztpraxen und Kliniken von überdurchschnittlich vielen Erkrankten aufgesucht wurden, besteht zusätzlich der Verdacht, dass sich das Sars-CoV-2-Virus in den Gesundheitsinstitutionen stark ausbreiten konnte. Es ist wohl nicht so, dass der ab 1. Januar geschlossene Huanan Wet Market die Quelle der Pandemie ist. Das zeigte schon die Untersuchung des Lancet, die nur etwa zwei Drittel der Fälle auf den Markt zurückführen konnte, der Rest steckte sich woanders und vor allem auch schon früher an.  

Und zum Schluss: Honi soit qui mal y pense. Eine böswillige Frage, die sich noch stellt: Wem nützt es, dass diese Files zugänglich geworden sind? Oder: Schaden diese Files der chinesischen Regierung wirklich? Oder könnte man auch befürchten, dass es bei den Files um eine öffentliche aber gleichwohl indirekte Maßregelung der örtlichen CDCs seitens der Regierung? Ein Fall für Verschwörungsgläubige.

Hollywood

Über die Ursprünge des Virus

Genetische Analysen unterstützen die These, dass das Coronavirus durch natürliche Weise von Fledermäusen auf den Menschen (direkt oder mit Zoonose) übertragen worden ist. Die Frage stellt sich daher nur, wo und wie. In einem Artikel im medizinischen Fachblatt The Lancet kommen chinesische Forscher zum Schluss, dass nicht alle Fälle, die sie nachverfolgen konnten, auf einen Kontakt mit dem Lebendtiermarkt in Wuhan zurückzuführen sind. Bis dahin wurde davon ausgegangen, dass das Virus von dort kam. Das öffnet Spekulationen Tür und Tor, auf welchen anderen Wegen das Virus in Umlauf gekommen ist. Naheliegend, dass sich der Blick auch auf die beiden Labore in Wuhan richtet.

Der amerikanische Forscher Peter Daszak, der in Coronavirus-Projekten in Wuhan involviert ist und der auch von offiziellen US-amerikanischen Instituten alimentiert wird, glaubt nicht an eine Infektion aus dem Labor heraus. Andere namhafte Wissenschaftler stimmen dieser Einschätzung zu. Gleichwohl nimmt Filippa Lentzos vom King’s College in einem Artikel des Bulletin of the Atomic Scientists vom Mai 2020 zwei Forschungslabore in Wuhan näher unter die Lupe. Sie will die Möglichkeit nicht grundsätzlich ausschließen, ob es vielleicht doch aus einem Labor hätte entweichen können. Sie kommt letztlich zum Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit eines Laborausbruch verschwindend klein ist.

Einerseits handelt es sich um das Wuhan Center for Disease Control and Prevention und andererseits um das Wuhan Institute of Virology (WIV), Letzteres unterteilt in zwei Unterinstitute. Eines davon ist ein National Biosafety Laboratory, ein Labor, das die Normen für die höchste Bio-Sicherheitsstufe erfüllt.[1] Die von Frankreich mitentwickelte Institution ist weltweit führend in der Erforschung von Viren, die von Fledermäusen stammen. Zum Alltag von Wissenschaftlern gehört die Feldforschung. Sie gehen in enge Höhlen, in denen Fledermäuse wohnen, sie fangen die Tiere und nehmen Proben verschiedenster Ausscheidungsarten und vom Blut. Auf diese Weise wurden schon Hunderte von Viren entdeckt, etwa ein Duzend davon sind SARS-Viren, darunter das SARS-CoV-1 und das MERS-CoV, die verantwortlich für frühere Virus-Ausbrüche waren. 

Diese Feldforschung ist für die Wissenschaftler nicht ungefährlich, einer von ihnen, Tian Junhua, sagt denn auch: »Wenn Sie Viren finden wollen, setzen Sie sich ihnen auch aus.«[2] Gelegentlich kommt es zu Zwischenfällen, sei es durch Attacken der Fledermäuse, sei es durch unsachgemässe Handhabung des Sicherheitsmaterials in den Höhlen. Oder wenn man in das Innere der Höhlen geht, kann man von Urin und Kotteilen, die die Fledermäuse ausscheiden, bekleckert werden. Ein chinesisches Forscherteam hat zudem Einheimische untersucht, die in der Nähe von Fledermaus-Kavernen wohnen, in denen SARS-Viren gefunden wurden. Drei Prozent von ihnen hatten Antikörper entwickelt. 

In den Instituten selbst ist oberste Vorsicht geboten. Auch im CDC Wuhan, das nicht den höchsten Sicherheitsvorschriften unterliegt, wird an SARS geforscht. Aber nur am WIV werden unter der Leitung der führenden SARS-Forscherin Shi Zhengli auch chimärische Viren hergestellt. Aus zwei Viren wird ein Hybrid zusammengesetzt, der ansteckender und gefährlicher als natürliche Viren sein kann. Mit dieser Methode will Shi herausfinden, inwiefern die Erreger direkt für den Menschen bedrohlich werden können, man nennt dies gain-of-function-Experimente. Daraus werden neue Erkenntnisse zu therapeutischen und zu Notfallmaßnahmen gewonnen. Bereits im Jahre 2014 legte die Administration Obama die finanzielle Unterstützung in diese Chimären-Projekte des WIV auf Eis. 

Im Januar 2018 besichtigten der US-amerikanische Generalkonsul von Wuhan und ein Botschaftsrat für Umwelt, Wissenschaft, Technologie und Gesundheit das Institut. Sie stellten Mängel fest, etwa dass das Personal allgemein zu schlecht ausgebildet und das Management unzureichend sei. Zudem stellten sie Defizite bei der Einhaltung der Sicherheit fest, gerade auch bei Laborarbeiten am Coronavirus der Fledermaus.[3] Sie schlugen vor, dass die bereits bestehende Zusammenarbeit des WIV mit dem Galveston National Laboratory der Universität Texas ausgebaut werden soll.[4] Das US-Außenministerium unternahm nichts.

Die Forschungsprojekte von Daszak und Shi, die nicht mit den Hybriden zusammenhängen, wurden vom National Institutes of Health (NIH), genauer vom National Institute of Allergy and Infections Diseases unterstützt, bis sie im Februar 2020 von der US-Regierung aufgrund des Verdachts eines Laborausbruchs sistiert wurden. Daszak und Shi können diese Entscheidung nicht nachvollziehen, es gibt keine aktuellen Hinweise auf unkontrollierte Ereignisse. Der Verdacht der Administration Trump, so fasst Lentzos zusammen, bestand darin, dass das Virus ursprünglich im WIV hergestellt wurde. 

Es gibt aber keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass SARS-CoV-2 seinen Ursprung in der Sammlung von Fledermausviren von Shi beim WIV hat. »Das bekannte Fledermausvirus, das SARS-CoV-2 am nächsten kommt, ist ... vom Pandemievirus evolutionär mindestens 20 Jahre entfernt. D.h. wenn es aus einem Labor entkommen wäre, hätte es zwei Jahrzehnte gedauert, bis es sich zu dem Virus entwickelt hätte, das bis heute mehr als 230.000 Menschen getötet hat«, urteilt das ScienceMag von der AAAS [5] im Mai. Daszak bezeichnet auf CNN den Unterschied zwischen den beiden Viren als etwa gleich groß wie jenen zwischen Menschen und Schimpansen.

Eine Forschergruppe um Kristian G. Andersen von The Scripps Research Institute in La Jolla (CA) kommt in ihrer Untersuchung zum gleichen Schluss: »Da wir jedoch alle wichtigen Merkmale von SARS-CoV-2 ... bei verwandten Coronaviren in der Natur beobachtet haben, glauben wir nicht, dass irgendeine Art von laborbasiertem Szenario plausibel ist.«[6] Die Forscher müssen aber einräumen, dass ein versehentlicher Ausbruch nicht komplett ausgeschlossen werden kann (es gibt auch Tiere im Labor, die Träger sein können). Auch für General Mark Milley vom medizinischen Geheimdienst der USA in Fort Detrick sind die Indizien für die Labortheorie »nicht zwingend«, auch nicht für jene, die besagt, es sei zufällig, per Unfall oder unabsichtlich geschehen.[7]

Der Virologe Thomas Mettenleiter bemerkt in der FAS vom 28.4.2020 zwar, dass der menschliche Faktor nie ganz auszuschließen ist: »Da kann natürlich auch mal ein Tropfen danebengehen oder sonst etwas passieren, was man gar nicht als Havarie ausfassen würde.« Aber er schätzt ein solches Malheur als sehr unwahrscheinlich ein. Wenn ein Drittel der Fälle nicht auf den Huanan-Tiermarkt zurückgeführt werden können, heißt das nicht, dass deshalb die Spur zum Labor führen muss, sondern dass der Anfangszeitpunkt noch unbestimmt ist, also Patient 0 nicht bekannt ist. Epidemiologen gehen davon aus, dass der erste Fall vermutlich im Oktober 2019 aufgetreten war.

Zwischenfälle aus einem der Wuhan-Labore sind bisher nicht bekannt. Dass Sicherheitsfragen immer wieder aufkommen, liegt in der Natur der Sache. Der Institutsleiter des CDC beklagte sich darüber, dass die chinesische Regierung seinem Institut verweigere, jene Sicherheitsmaßnahmen zu gewähren, die jenen des National Biosafety Laboratory entsprechen würden.

Irritierend ist allenfalls einerseits, dass der Bericht von 2018 des Besuchs der US-amerikanischen Delegation von der Webseite des WIV gelöscht worden ist und andererseits die Entscheidung der chinesischen Regierung, dass ab Februar die Generalmajorin und Virologin Chen Wei[8], ihreszeichens die höchste Expertin für Biotechnologie in der Armee, eine führende Rolle im WIV übernommen hat. Ab Mitte April ist die Kontrolle der chinesischen Regierung über die Forschung in den verschiedenen Laboren im Lande nochmals verstärkt worden. Es sind Restriktionen erlassen worden, die unter anderem in Form von Zensuren auch für wissenschaftliche Publikationen aus den Forschungsstätten gelten. Berichte, Newsletter und Pressemitteilungen wurden zum Teil von den verschiedenen Internetseiten der Institute entfernt. Schon um die Jahreswende wurden Hinweise, die auf die Entdeckung eines neuen Virus’ deuteten, gesammelt und weggeschlossen, Laborunterlagen wurden vernichtet und eine Veröffentlichung des Genoms des neuen Virus vom 11. Januar eines Labors in Shanghai, wurde kassiert.

Im Frühjahr 2020 war ein end- und fruchtloses Hickhack zwischen den USA und China über den Ausbruch der Pandemie im Gange. Die Falschmeldungen liefen sind den Rang ab. So wurde etwa die von Virologen schon lange entkräftete These, das Virus sei menschengemacht, erneut hervorbemüht.

Kurzes Fazit: Es ist noch nicht alles klar, aber fast. Es stehen theoretisch zwei Wege zur Diskussion, wie sich das Virus auf den Menschen hatte übertragen können. Alles spricht dafür, dass Lebendtiermärkte eine wichtige Verbreitungsquelle sind, aber nicht am Usprung stehen. Zahlreiche Infektionsfälle in Wuhan sind auf Verbindungen mit diesen Märkten nachgewiesen.

Offenbar wurde das Gerücht des Laborausbruchs aufgrund der Berichte der beiden US-Diplomaten im Jahre 2018 aufgewärmt und mit großem Getöse verbreitet. Via Wall Street Journal kam es zu Fox-News-Moderator Tucker Carlson. Trump hört auf ihn. Das sind aber mitnichten überzeugende Beweise, nicht einmal Beweise. Weit und breit kein rauchender Colt in Sicht. Dass das Virus im Labor gezüchtet beziehungsweise zusammengebastelt worden ist, ist – auch wenn man die Fachliteratur nur oberflächlich versteht – unrealistisch, unwahrscheinlich und aufgrund von Untersuchungen an der Gensequenz des Virus auch für Nichtexperten nachvollziehbar widerlegt worden. Also hätte das Virus zuerst ins Labor gelangen müssen, bevor es dann unabsichtlich wieder hätte ausbrechen können (vielleicht auf einem Wirt). Diese Vorstellung ist absurd. Aus früheren Projekten der Feldforschung von Shi ist bekannt, dass Mitarbeiter des Labors nach Zwischenfällen in Quarantäne mussten. 

Die Laborausbruchthese ist nicht zu hundert Prozent widerlegt, aber fast.

Wobei.

Jene, die an die Laborthese glauben, werden sich von den Fakten, falls sie gegen sie sprechen, nicht beeindrucken lassen.

 

Und hier die Fortsetzung: 

»Bat Woman« Shi Zhengli beantwortet kritische Fragen von John Cohen in Science

Die chinesische Virologin Shi Zhengli ist nach den Anschuldigungen der Administration Trump, das Virus stamme aus ihrem Labor im Wuhan Institute for Virology (WIV) unter Druck gekommen. Dabei wurde in zahlreichen Studien dargelegt, dass die Virus-Genomsequenz unmöglich künstlich hergestellt werden konnte (s.o.). Das Magazin Science hat der Forscherin einen Fragebogen unterbreitet, um allfällige Unklarheiten zu bereinigen.[11]

Shi und ihre Kollegen haben das Virus Ende Dezember 2019 in Proben von Lungenkranken entdeckt. Vorher hätten sie weder Kontakt zum Virus gehabt, noch haben sie es gekannt, schreibt sie. Die Anschuldigungen der Administration seien falsch und gefährdeten die akademische Arbeit. Sie verlangt eine Entschuldigung des noch amtierenden US-Präsidenten.

Sie hätten in den letzten 15 Jahren über 2000 Coronaviren von Fledermäusen entdeckt und im WIV archiviert. Die genetische Sequenz des SARS-CoV-2 sei zu 96,2 Prozent identisch mit einem anderen, ihnen bereits bekannten Coronavirus, deren Gensequenz RaTG13 heißt (der Name weist auf den Fundort Tongguan und das Entdeckungsjahr 2013 hin). Daher wurde der neue Erreger auch als Coronavirus eingeordnet. Shi versteht nicht, dass das US-amerikanische Gesundheitsinstitut (NIH) Gelder gestrichen hat für Forschungen, die sie mit dem amerikanischen Forschungsinstitut EcoHealth Alliance und dem anerkannten Forscher Peter Daszak in New York zum Coronavirus geplant hatte.

Auf die Frage, ob das Virus nicht vielleicht versehentlich aus dem Labor entwichen sei, sagt Shi: »Inzwischen stehen die Forschung und die Experimente in unserem Institut in strikter Übereinstimmung mit den internationalen und nationalen Anforderungen von Biosicherheitslaboratorien … Sowohl die Einrichtungen als auch das Management der P3- und P4-Laboratorien sind sehr streng (Das WIV trägt das höchste Sicherheitslabel P4, a.s.). So muss beispielsweise das Forschungspersonal persönliche Schutzausrüstung tragen. Die Luft im Labor kann erst nach einer hocheffizienten Filterung abgeführt werden. Abwässer und feste Abfälle müssen unter hohen Temperaturen und hohem Druck sterilisiert werden. Der gesamte Prozess der experimentellen Aktivitäten wird vom Personal des Biosicherheitsmanagements videoüberwacht. Jedes Jahr müssen die Einrichtungen und Geräte des Labors durch eine von der Regierung autorisierte Drittinstitution getestet werden. Erst nach Bestehen des Tests kann das Labor weiter betrieben werden. Die hochrangigen Biosicherheitslabors unseres Instituts wurden sicher betrieben. Bis heute sind weder Erregeraustritte noch Unfälle mit Personalinfektionen aufgetreten.«

Auf die Frage, woher das Virus stamme, sagt sie: »Nach den Erkenntnissen unseres Teams und unserer internationalen Kollegen ist es sehr wahrscheinlich, dass das SARS-CoV-2 von Fledermäusen abstammt. Es kann sich in einem oder mehreren Zwischenwirten entwickelt, an den Menschen angepasst und schließlich unter Menschen verbreitet haben. Es ist jedoch nach wie vor unklar, welche Tiere die Zwischenwirte waren und wie es auf den Menschen übertragen wurde.« Die Rolle des Huanan Seafood Market ist noch nicht restlos geklärt. Shi geht davon aus, dass es nichts mit den dort gehandelten Tieren zu tun hat, sie hätten keine Nachweise von SARS-CoV-2-Nukleinsäuren in gefrorenen Tierproben gefunden, nur an Türgriffen, am Boden und im Abwasser. Über die Möglichkeit der lebenden Tiere als Träger sagt sie nichts. Vermutlich habe es sich im Markt verbreitet, weil üblicherweise viele Leute dort sind, einige davon waren vermutlich angesteckt. Wo dies geschah, ist unbekannt. Auch hat sie noch keine Kenntnisse davon, wo genau das Virus seinen Ursprung hat.

Dann stellt das Magazin noch weitergehende forschungstechnische Fragen. Zum Beispiel habe sie 2018 und 2019 In-Vivo-Experimente mit Mäusen und Zibetkatzen mit Viren durchgeführt, die dem SARS-CoV nahekommen. Das stimme, die Resultate würden in Bälde veröffentlicht. Ob Mitarbeiter erkrankt seien, wird weiter gefragt. Sie hätten kürzlich Seren aller Mitarbeiter und Studenten im Labor getestet, und niemand ist entweder mit dem Fledermaus-SARSr-CoV oder SARS-CoV-2 infiziert. Bis heute gibt es keine Infektionen bei den Mitarbeitern und Studenten am Institut.

Dann wird sie nochmals nach der Möglichkeit gefragt, ob nicht-bekannte Coronaviren im Labor sein könnten. Sie hätten sämtliche 2007 Coronavirus-Proben getestet: »Wir fanden keine Viren, deren Gensequenz der von SARS-CoV-2 ähnlicher ist als die von RaTG13.« Sie wiederholt, sie hätten am 30. Dezember 2019 Proben von sieben Patienten erhalten, fünf davon waren positiv. Darauf hätten sie das neue Virus analysiert und eine Gensequenzierung durchgeführt. Über die WHO sei die Genomsequenz am 12. Januar 2020 veröffentlicht worden.

Shi verneint, dass sie jemals dazu gezwungen worden war, Viren oder Proben zu vernichten. Sie glaubt auch nicht, dass das Virus in einem anderen Labor in Wuhan hergestellt worden beziehungsweise aus einem Labor ausgebrochen sei. Am Schluss fordert sie die internationale Gemeinschaft auf, zusammenzuarbeiten und die Untersuchung am neuen Virus über die Landesgrenzen hinweg zu koordinieren.

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[1] Biosafety-Level 4

[2] Bulletin of the Atomic Scientistswww.thebulletin.org. 1.5.2020 (abgerufen am 2.5.2020)

[3] Frederike Böge, Livia Gerster, Majid Sattar, Was ist dran an der LaborunfalltheseFAZ Appversion, 27.4.2020

[4] Washington Post vom 14.4.2020

[5] American Association for the Advancement of Science

[6] Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, https://www.nature.com/articles/s41591-020-0820-9 (abgerufen am 2.5.2020)

[7] FAZ, 28.4.2020

[8] Sie entdeckte einen Ebola-Impfstoff auf Genbasis und soll nahe an einem SARS-CoV-2-Impfstoff sein, der Mitte April schon auf Stufe Phase 2 getestet worden sein soll.

[9] Bulletin of the Atomic Scientistswww.thebulletin.org. 1.5.2020 (abgerufen am 2.5.2020)

[11] https://science.sciencemag.org/content/369/6503/487, von hier gibt es einen Link zum Fragebogen (aufgerufen am 2. August 2020)

redwood

Wie alles begann. Eine kurze Chronik bis Ende Februar 2020 (Quellen: SZ, FAZ, FT, SRF, WHO):

Die Suche nach Patient Null des neuen Virus erweist sich als schwierig. In nicht veröffentlichten Unterlagen der chinesischen Regierung wird der erste Infizierte am 17. November 2019 erwähnt. Epidemiologen schließen nicht aus, dass schon Anfang Oktober 2019 erste Fälle aufgetreten sind. Die erste ernsthafte Lungenerkrankung, die, so vermutet man, auf den neuen Erreger zurückzuführen ist, wird am 1. Dezember in der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei protokolliert. Ursprünglich wird die Ursache der Krankheit als »unbekannt« taxiert.

Am 27. Dezember ergeben Laborproben eines 65-jährigen Lieferboten, der am 18. Dezember mit Lungenproblemen hospitalisiert wurde, dass das neue, noch nicht bekannte Virus zu 87 Prozent mit dem SARS-Virus übereinstimmt. Die Entdeckung bleibt unter Verschluss. Gleichentags werden die Stadtregierung von Wuhan und das Zentrum für Seuchenbekämpfung (CDC) von zwei Ärzten zweier Krankenhäuser darüber informiert, dass sie Patienten mit sehr kritischen Lungenentzündungen behandeln.

Die Leiterin der Notfallstation des Wuhan Central Hospitals Ai Fen meldet ebenfalls einen solchen Fall. Sie sagt, dass am 16. Dezember ein Patient, der im Huanan Seafood Market arbeitet, mit Lungenproblemen in ihrer Abteilung aufgenommen worden sei. Am 22. Dezember wird er in die Lungenstation transferiert. Die Symptome und erste, nicht laborgestützte Diagnosen (aufgrund einer Bronchoskopie) deuten auf eine SARS-ähnliche Krankheit hin. Ai Fens Kollege von der Lungenstation teilt ihr mündlich mit, dass es sich um ein Coronavirus handeln könnte. Ai Fen lässt Proben in ein Labor schicken.

Am 30. Dezember erhält ein Kollege der Lungenstation den Diagnose-Bericht. Er legt ihn Ai Fen vor. Der Rapport besagt, dass SARS der mögliche Auslöser der Lungenkrankheit sei. Zudem steht im Bericht: »Der Hauptübertragungsweg des Virus ist die Tröpfchenübertragung aus nächster Nähe oder der Kontakt mit Atemwegssekreten von Patienten, was eine ungewöhnliche Lungenentzündung verursachen kann, die hoch ansteckend ist und mehrere Organsysteme befallen kann«, schreibt Ai Fen in ihrer Erinnerung An unprecedented reprimand. Der Direktor der Abteilung für Atemwegserkrankungen, der zufällig an Ai Fens Büro vorbeikommt, bestätigt der Ärztin, dass dies eine äußerst beunruhigende Diagnose sei. Ai Fen orientiert die Spitalleitung. Sie umkreist das Wort SARS mit roter Farbe, fotografiert den Bericht und schickt ihn an ihren Vorgesetzten und an Berufskollegen weiter. Zudem sendet sie eine Gewebeprobe des Patienten in das Wuhan Institute of Virology (WIV).

Am gleichen Tag berichten auf sozialen Netzwerken (eine WeChat-Gruppe) mehrere Ärzte, darunter der Augenarzt Li Wenliang, von Fällen, die mit SARS in Verbindung sein könnten, sie stützen sich unter anderem auf Ai Fens Bericht. Die Ärzte werden von der Polizei verhört und müssen ein Schweigegelübde abgeben sowie ihre Aussagen zurückziehen. Ai Fen lieferte den »whistle«, den Li Wenliang »geblowt« hatte. Li Wenliang stirbt am 6.2. an Covid-19. Li Wenliang gilt als einer der ersten, der über die neue Krankheit informiert und versucht hatte, die Vertuschung chinesischer Behörden aufzudecken.Gleichzeitig wird ein Mitarbeiter eines Labors, das Untersuchungen von Proben von Lungenerkrankten durchgeführt hat, von der Gesundheitskommission der Provinz Hubei aufgefordert, weitere Tests zu unterlassen und die Proben zu vernichten. Gleichwohl beginnen die Gesundheitsbehörden ebenfalls am 30. Dezember in Wuhan, nach vergleichbaren Fällen zu suchen.

Die Wissenschaftlerin und SARS-Spezialistin Shi Zhengli vom Wuhan Institute of Virology (WIV) erhält am 30. Dezember um 19 Uhr einen Anruf ihres Direktors. Sie solle die Proben, die das WIV von Ai Fen zugeschickt bekommen hat, überprüfen. Shi, die an einer Sitzung in Shanghai weilt, macht sich sofort auf den Weg zurück in ihr Institut.

Am 31. Dezember berichten chinesische Behörden zum ersten Mal von einer neuen, mysteriösen Lungenkrankheit, 27 Fälle seien in Wuhan registriert worden. Ein Team des chinesischen Zentrums für Krankheitskontrolle und -prävention reist in die Provinzhauptstadt Hubeis, die WHO wird über die Vorgänge unterrichtet.

Am gleichen Tag teilen taiwanesische Forscher der WHO mit, dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung sehr wahrscheinlich ist, es wird vermutet, dass sie die Informationen von Ai Fen zugespielt bekommen haben. Die WHO reagiert nicht.

Am Abend des 30. Dezembers ist Ai Fen zudem aufgefordert worden, am Morgen des 31. Dezember vor der Disziplinarkommission der Klinik zu erscheinen. In dieser Anhörung wird ihr gesagt, sie gefährde die Stabilität in Wuhan und müsse fortan schweigen, da sie Unwahrheiten verbreite, sie erhält einen Verweis.

Am 5. Januar warnt die WHO vor einer »Pneumonia of unknown cause« in China.

Bis am 7. Januar hat Shi Zhengli im WIV die Proben untersucht und ist zur Überzeugung gekommen, dass die zugesandten Viren die Erkrankung in der Notfallstation von Ai Fen ausgelöst haben, somit ist der Erreger identifiziert. Shi gleicht alle Virenstämme im Archiv des Labors ab, um herauszufinden, ob es Übereinstimmungen gibt. Das ist nicht der Fall. Am nächsten kommt das SARS-Virus, das sie 2013 als Auslöser der SARS-Epidemie von 2002/2003 bestimmen konnte. Sie schließt daraus, dass es eine neue Art des Coronavirus sein muss.

Am 9. Januar vermeldet das chinesische Staatsfernsehen mit zwei Tagen Verzögerung, dass Untersuchungen gezeigt hätten, dass es sich beim Virus nicht um das bisher bekannte SARS-CoV-1, sondern um eine neuartige Variante aus der Corona-Familie handelt. Gleichentags stirbt der erste Mensch am neuen Coronavirus.

Am 12. Januar wird die Virussequenz veröffentlicht, der Fingerabdruck des neuen Erregers ist bekannt.

Der erste diagnostische Test für das Virus wird am 16. Januar vom Virologen Christian Drosten von der Charité in Berlin vorgestellt.

Ab dem 20. Januar werden erste Infektionen außerhalb von China von der WHO gemeldet: aus Thailand, Südkorea und Japan. Offiziell sind am gleichen Datum gemäß der gleichen Quelle insgesamt über 282 Menschen mit dem neuen Virus infiziert.

Eine erste Studie von Neil Ferguson vom Imperial College in London besagt anhand von mathematischen Modellierungen, dass es zu diesem Zeitpunkt in Wuhan bereits 4000 Fälle gegeben haben könnte.

Der erste Fall in den USA wird für den 21. Januar vermerkt. US-Präsident Trump sagt: »We have it totally under control. It’s one person from China, and we have it under control.« 

Der WHO-Epidemiologe Michael Ryan sagt, dass eine Mensch-zu-Mensch-Ansteckung nachgewiesen werden konnte (was die taiwanesischen Forscher schon drei Wochen vorher gemeldet hatten).

Am 23. Januar entscheidet die chinesische Regierung, Wuhan abzuriegeln und eine Ausgangssperre zu verhängen, der sogenannte »Wuhan lockdown« wird Tatsache.

Die WHO berät, ob ein internationaler Gesundheitsnotstand ausgerufen werden soll.

Nur einen Tag später werden zum ersten Mal Coronainfizierungen in Europa diagnostiziert, und zwar in Paris und Bordeaux. Nur wenige Tage später folgen weitere Ansteckungen in Europa, zum Beispiel in Deutschland (27. Januar), in Finnland (29. Januar) und in Italien (30. Januar).

Die WHO stuft am 29. Januar die Ausbreitung des Virus als problematisch ein und spricht von einer »gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite«. Es gibt unterdessen bereits fast 10'000 Infizierte, die Zahlen steigen auch außerhalb von China schnell an.

Am 30. Januar zählt die USA sechs Infizierte und US-Präsident Trump sagt: »We think we have it very well under control.«

Am 31. Januar verfügt die USA einen Einreisestopp für Ausländer, die sich in den letzten zwei Wochen in China aufgehalten haben. Dies betrifft aber nicht Leute, die etwa aus Hong Kong einreisen. Anthony Fauci vom Nationalen Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) und Berater von Trump sagt: »Es ist leicht übertragbar, und mit ziemlicher Sicherheit wird es eine Pandemie werden. Aber wird sie katastrophal sein? Das weiß ich nicht.«

Das Virus breitet sich in der Folge weiter aus. Die WHO bezeichnet am 11. Februar die durch das neue Virus verursachte Krankheit als Covid-19 und schlägt vor, das Virus SARS-CoV-2 zu nennen. Am 17. Februar sagt Michael Ryan von der WHO: »Alle Vorhersagen sind wichtig. Die meisten Vorhersagen sind falsch. Und ich denke, wir müssen damit vorsichtig sein.«

Aus dem Iran werden am 20. Februar die ersten beiden Todesopfer aufgrund des Coronavirus gemeldet, die ersten Infizierten wurden nur gerade einen Tag vorher gemeldet. Anhand von Mortalitätsberechnungen mussten zu diesem Zeitpunkt schon etwa 200 Menschen angesteckt gewesen sein – und niemand hat davon gewusst. Das heißt, dass schon etwa drei Wochen vorher der Erreger ins Land geschleppt worden war.

Ein 78-jähriger Italiener überlebt als erster Europäer die Krankheit nicht, er stirbt am 22. Februar. Zu diesem Zeitpunkt sind gerade einmal neun Fälle in Italien registriert. Das Virus musste also auch in Europa vor einiger Zeit angekommen sein. Es ist zu vermuten, dass viele Patienten, die sich im Laufe des Januars oder Februars mit Grippesymptomen bei Ärzten gemeldet haben und nach Hause geschickt wurden, um die Krankheit auszukurieren, das Coronavirus in sich trugen. 

Am 23. Februar und mit 35 Ansteckungen sagt US-Präsident Trump: »We have it very much under control in this country.«

Ab dem 24. Februar werden in Italien einschneidende Maßnahmen gegen eine weitere Ausbreitung des Virus ergriffen, elf Gemeinden in der Lombardei werden unter Quarantäne gestellt, die Wirtschaft und das öffentliche Leben werden stillgelegt. Andere Länder folgen früher oder später und mit weniger oder mehr Drastik.

Einige Regierungen, wie beispielsweise jene des Vereinigten Königreichs und Schwedens, überlegen sich, ob sie – statt einer strikten Eindämmungsstrategie, die bewirken soll, dass die Ansteckungen über einen längeren Zeitraum erfolgen und damit die Kapazitäten im Gesundheitswesen sichern soll – die Strategie der sogenannten Herdenimmunität verfolgen sollen, die über einen kürzeren Zeitraum höhere Fallzahlen zur Folge hätte, dafür würden auch schneller mehr Leute, die infiziert worden sind – und überleben –, immun, wenn sie denn wirklich immun sind. Diese Leute könnten wieder arbeiten.

Ob dieser verlockenden theoretischen Erwägungen, denen aber viele Unsicherheiten und Unbekannte innewohnen, kommen mehrere Regierungen ins Lavieren oder setzen widersprüchliche Zeichen. Und manche Regierungen verschließen die Augen vor den Realitäten und spielen die Gefahren wissentlich oder unwissentlich herunter. Am 27. Februar sagt US-Präsident Trump: »It’s going to disappear. One day – it’s like a miracle – it will disappear.«

Der Mensch verschwindet im Anthropozän: Plastiglomerate und eine Reise nach Eniwetok

Seit ein paar Jahren erscheinen in den Medien regelmäßig Berichte über Plastikmüll in den Ozeanen. Durch Meeresströmungen, die aufgrund langanhaltender Winde an der Oberfläche entstehen, wird dieser schwimmende Schutt zu Teppichen verdichtet. 1997 wurde der durch den Nordpazifikwirbel entstandene sogenannte »Great Pacific Garbage Patch« erstmals vom Ozeanographen Charles Moore beschrieben. Die Plastikfläche, die Moore auf der Rückkehr von einer Segelregatta zwischen Hawaii und Nordamerika entdeckte, soll viermal so groß wie Deutschland gewesen sein. Vor lauter Müll sah er den Horizont nicht mehr. So dicht, dass man auf dieser Plastikinsel stehen könnte, ist diese synthetische Schicht aber nicht. »Es ist eine Suppe aus Plastic, die im Zentrum dicker und am Rand dünner ist. Wo sie beginnt und wo sie aufhört, ist eine Frage der Definition«, zitiert ihn das NZZ Folio (7/2009). Durch das Sonnenlicht und Reibungen, die aufgrund von Wellenbewegungen entstehen, wird ein Teil des Plastiks zu Pulver oder Mikroplastik zermalmt und sinkt bis auf zehn Meter unter die Meeresoberfläche. Dort wird dieses Pulver zur Nahrung von Plankton und anderen Tieren. Dadurch gelangt der Kunststoff in die natürliche Nahrungskette. Moore begann sich für dieses Thema zu interessieren und machte dabei noch weitere Entdeckungen.

Meeresströmungen und starke Winde ließen den Strand von Kamilo an der Südostspitze von Hawaii zu einem beliebten Ziel werden, aber nicht etwa für Surfer, sondern für Müll, der zum Teil aus Japan, also von sehr weit her angeschwemmt kommt. Lebensmittelpackungen, Getränkeflaschen, Schirmgriffe, Glacéstengel, Fischernetze, Zahnbürsten, Feuerzeuge, aber auch kleinere, nicht identifizierbare Scherben, Einmachgläser, Dosen in verschiedenen Farben etc. Dieser Müll verschmilzt zum Teil mit heißer Lava oder verklumpt mit Steinen oder Sand zu dichten Plastik-Gestein-Konglomeraten. So findet man etwa eine dunkle Lavamasse, aus der feinste, gelbe Kabelstücke wie Fangarme herausfransen; einen Stein, um den sich Reste eines Netzes gezurrt haben und zu einem merkwürdigen Gemisch mit harter und weicher Oberfläche verwoben wurde; kleine, weiße, runde Kopfhörer, die sich in ein Stück Feldspat eingefressen haben oder ein rundlicher steiniger Brocken, der aussieht, als wäre er aus zwei Plastilinmassen, die eine türkisblau, die andere dunkelgrau, geknetet worden. Merkwürdige Mischobjekte unterschiedlicher Herkunft, Farben und Materialität.

Die Geologin Patricia Corocan, der bereits erwähnte Ozeanograph Charles Moore und die Künstlerin Kelly Jazvac haben solche Beispiele gesammelt und in der Ausstellung Broken Nature der Triennale von Mailand im Jahre 2019 ausgestellt. Die drei bezeichnen die Gebilde als Plastiglomerate. Bei diesen Formationen handelt es sich um Ad-hoc-Gebilde zufällig »zusammengewachsener« Elemente, wobei mindestens eines davon von Menschenhand geschaffen wurde. Die schwereren Stein-Plastik-Fragmente können möglicherweise in den Sedimentaufzeichnungen erhalten bleiben und einen dauerhaften, vom Menschen geschaffenen Abdruck in der Stratigraphie der Erde hinterlassen. Plastiglomerate als Fossilien der Zukunft sind anthropogenetische Objekte, die zeigen, dass das Anthropozän als neues geologisches Zeitalter verstanden werden kann.

Um vermeintlich langsam entstandene geologische Formationen handelt es sich auch bei den Objekten, die Julian Charrière für sein fiktives futuristisch-naturhistorisches Museum gefunden zu haben scheint. Hier vermengen sich metallische Stoffe mit verschiedenen natürlichen Gesteinsformen. Oxidierte Kupferrückstände haben sich auf einem porösen Stein abgelagert und dringen in die Löcher ein; in einem Ammonitenfossil aus der Kreidezeit finden sich Reste eines technischen Apparats; in Lava haben sich Harddisks eingefressen. Charrière ist kein Ozeanograph, seine Objekte sind nicht gefunden, sondern künstlich hergestellt. Er schmolz die Innereien technischer Geräte ein und kehrte gewissermaßen den Prozess der Herstellung um, indem er das Material wieder in seinem ursprünglichen geologischen Zustand verwandelte und in die herkömmliche Umgebung zurückführte. Charrière fragt sich, was dereinst vom Zeitalter der menschlichen Zivilisation übrigbleiben wird. »Wahrscheinlich nicht unsere kulturellen Errungenschaften, Architektur und Kunst. Die einzige Spur unserer Existenz wird eine unglaubliche Menge von Materialien sein, die an Orten gefunden werden, wo sie von Natur aus nie existiert hätten.« Diese Skulpturen der Rückführungen nennt er Metamorphismen.

In diesem fiktiven naturhistorischen Museum vereinigt Charrière noch andere Formen zukünftiger kultureller Erinnerungen. In der Reihe Tropisme entnimmt der Künstler Farne, Orchideen und verschiedene Sukkulenten, die seit der Kreidezeit existieren, aus ihrer ursprünglichen Umgebung und friert sie ein. Die Installation besteht aus gekühlten Vitrinen, in denen die Pflanzen im Eis eingeschlossen sind und nebeneinander gestellt werden. Die vereisten Pflanzen sehen aus, als würden sie schweben. In diesem Zustand zwischen Leben und Tod erinnern sie an Fossilien, die aber nur überleben können, solange sie tiefgekühlt werden.

Und dann gibt es noch die Kokosnüsse, die Charrière in den Palmenhainen des Bikiniatolls gesammelt hat. Nach den Atomwaffentests der 1950er-Jahre wurden sämtliche Palmen auf dem Atoll gefällt, da sie radioaktiv verseucht waren. Einem plantagenartigen Muster folgend wurden neue Kokospalmen gepflanzt. Man wollte den Ureinwohnern des Atolls, die man vor Beginn der Tests auf eine andere Insel zwangsverfrachtet und nun wieder zurückgesiedelt hatte, ermöglichen, die für sie traditionellen und mythenbehafteten Kokosnüsse zu ernten. Allerdings waren auch diese kontaminiert – wie überhaupt das ganze Riff. Die Wiederansiedlung wurde abgebrochen, nachdem man festgestellt hatte, dass die Menschen erhöhte Cäsiumwerte aufwiesen. Die Kokosnüsse, die Charrière hergestellt hat, sind in die Länge gedehnt, genetische Mutationen haben sie lang und schmal verformt. Diese Kokosnussserie trägt den Titel Unnatural history.

In der dystopischen Erzählung The Terminal Beach von James Graham Ballard aus dem Jahre 1964 besteigt die Hauptfigur Traven ein Boot, um nach Eniwetok abzulegen. Eniwetok war in den 1950er-Jahren Schauplatz von 43 Atomwaffentests, die das US-amerikanische Militär durchführte. Die Inselgruppe ist gezeichnet von der zerstörerischen Kraft der Explosionen und die atomare Verstrahlung dringt bis in die kleinsten Poren der Natur. Traven, der bei einem Autounfall seine Frau und Tochter verloren hat, streift durch die versehrte Landschaft und versinkt immer mehr in dieser endzeitlichen Welt. Die gruseligsten Bewohner der Insel sind die Plastik-Testpuppen, deren Schatten in die Betonstifte und Bunker eingebrannt sind, die beim ersten Aufblitzen der Detonationen im Innern des Atolls entstanden sind. Wir sehen Travens körperlichen und geistigen Zerfall hautnah: Er beginnt zu halluzinieren und sieht Luftspiegelungen seiner toten Familie als Folge von Dehydrierung, Hunger und Isolation, aber auch, so scheint Ballard zu suggerieren, als direkte Folge der trostlosen, ahnungslosen Umgebung, in die er eingetaucht ist.

In der gleichen verwilderten, verseuchten Landschaft wie Traven streift Charrière umher und auch er wird sich der von Menschen gemachten Natur bewusst. Wie Traven stechen auch Charrière die Betonbunker ins Auge. Auf Eniwetok und auf dem benachbarten Bikiniatoll fotografiert der Künstler diese, wie Ballard geschrieben hatte, an »Betonautobahnen« erinnernde Betonmonster und setzt sie zu einer Serie zusammen, die er Terminal Beach nennt. Die Festungen sind in die Jahre gekommen, sie sind verwittert, verfärbt und verfallen. Wie man dies von Tempelanlagen in Kambodscha oder Mittelamerika kennt, erobern sich die Pflanzen ihr Revier zurück und überwuchern und umranken die steinernen Monumente. Einzelne Bunker sehen aus, als seien zwei, drei Quader willkürlich aufeinandergestapelt worden, andere erinnern an pyramidenförmige Anlagen, die aber oben abgeschnitten wurden und nur auf zwei Seiten schräg ansteigen. Meist gibt es gegen das Land hin einen Eingang, gegen die Rundung des Atolls mit Blick auf die Explosion ist jeweils ein großes Fenster eingelassen. Das ist ihrer Funktion geschuldet. Die Bunker sind viel zu grob für die Landschaft und wirken wie Fremdkörper. Einer dieser Betongebilde etwa liegt im Wasser und ist stark zerfallen, regelrecht in sich zusammengestürzt. Man kann kaum erkennen, was dieser Steinhaufen einst gewesen sein mag. Ist es wirklich eine Bunkerruine oder schon eine renaturierte Felsenlandschaft? Schaukelte davor eine Barke mit einer weißen Figur und einem weißen Sarg, man dächte an Arnold Böcklins Toteninsel.

Die Tests wollten bildlich dokumentiert werden, denn auch die Fotografien (wie auch Filmaufnahmen) gehörten zur Abschreckungsstrategie der USA. Diese Bilder vermitteln noch heute eindrücklich, welche Wucht diese Bomben entwickeln können. Die architektonische Infrastruktur, die diese Aufnahmen ermöglichen sollten, mussten dem Druck und der Zerstörungskraft der Detonationen widerstehen. Also zog man regelrechte Befestigungsanlagen hoch, in die man spezielle, körpergroße Kameras platzierte. Diese Bunker sind also nichts anderes als Atombomben-feste Kamera-Schutzhüllen. Insofern sind sie nicht nur Zeugen einer speziellen Architektur, sondern auch ein Hinweis auf die Geschichte der Fotografie.

Hätte die, wie Traven sagte, »prädritte« Weltkriegsphase in den 1950er-Jahren tatsächlich in einen Atomkrieg gemündet, der Mensch wäre im gerade beginnenden Anthropozän durch Bomben und Verstrahlung ausgelöscht worden.

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Venedig

Die Gebrechlichkeitsskala

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften hat einen neuen Leitfaden ausgearbeitet, der den Intensivärzten als Grundlage von sogenannten Triageentscheidungen dienen soll. Eine erste Fassung vom März 2020 wurde kritisiert, da das Papier empfahl, Menschen über 85 Jahre kein Intensivbett zur Aussicht zu stellen, wenn es darauf ankommt, auch wenn diese kerngesund sind. Diese Kritik wurde aufgenommen. Anhand einer Gebrechlichkeitsskala kann erhoben werden, in welchem Zustand ein (älterer) Patient ist. So bestünde auch für rüstige Alte die Chance, an ein Beatmungsgerät angedockt zu werden.

Die Dalhousie University in Kanada hat eine solche Skala entwickelt. Sie reicht von eins bis neun.

1: sehr fit (z.B. betreibt noch Sport);

2: gesund (ist beweglich und läuft gut);

3: angemessener Zustand (bewegt sich problemlos ohne Hilfe);

4: vulnerabel (z.B. braucht einen Gehstock);

5: leicht gebrechlich (z.B. mit Gehhilfe/Rollator);

6: mäßig gebrechlich (benötigt z.B. für den Haushalt eine Betreuungsperson, ist nicht mehr ganz selbständig);

7: stark gebrechlich (ist auf Rollstuhl und Betreuung angewiesen);

8: ernsthaft gefährdet (z.B. bettlägerig);

9: terminal krank (Sterbeprozess ist im Gange).

Diese Einteilung unterstützt die Ärzte beziehungsweise das Ärzteteam bei der Frage, wie gut die Chancen für einen Patienten einzuschätzen sind, auch nach längerer Behandlung die Intensivstation lebend verlassen zu können. Grundsätzlich geht es darum, mit nachprüfbaren und messbaren Kriterien Willkür und Gefühle, die bei einer solch bedeutsamen Entscheidung stets mitspielen, möglichst zu vermeiden, schreibt die NZZaS (am 8. November), die diese Skala vorstellt.

Solche Triageentscheidungen müssen gleichzeitig im ganzen Land gelten, damit überall nach den gleichen Kriterien verfahren wird und die Engpässe bei Intensivbetten möglichst früh erkannt werden können. Es gilt das Prinzip der gleichen Behandlung für alle. Bemerkenswert ist die zusätzliche Regelung, dass ein Patient in einem kritischem Zustand, der sich über lange Zeit nicht verbessert, bei dringendem Bedarf eines Beatmungsgeräts wieder abgehängt werden kann, um einem anderen Erkrankten mit besseren Heilungsaussichten Platz zu machen. Des weiteren gilt das Verfassungsprinzip, dass es keine Personen gibt, die bevorzugt behandelt werden, es sei denn, es handle sich um die gerade erwähnten, auf rein medizinischen und gesundheitlichen Kriterien bemessenen Überlebenschancen.

Die Triageregeln sind nicht mit einem Gesetz zu vergleichen. Die Rechtstauglichkeit dürfte bei einem Fall, in dem Angehörige klagen, noch geprüft werden. Letztlich sollten die Bestimmungen aber in ein Gesetz umgegossen werden, das dem Stimmvolk vorgelegt werden muss.

Hier geht's zum Dialog zwischen Steiner & Schmid über Eigenverantwortung und Ethik. Und hier geht's zurück zum Schreibtisch.

Palermo

Der Mensch verschwindet im Anthropozän: Zoonosen

Fledermäuse, so schrieb Susan Boos in der WOZ vom 2. April, halten sich gerne in Palmölplantagen auf. Solche Plantagen werden oft in Regionen aufgezogen, die vorher nicht extensiv oder gar nicht von Menschen genutzt wurden. 

Das Bild einer flatternden Fledermaus in einer Palmölplantage erinnert uns an das unscharfe Foto eines fliegenden Flugzeugs, rechts davon sind zwei Türme sichtbar. Diese Erinnerung ist trügerisch und führt in die Irre, der Vergleich ist unstatthaft, führt uns aber vor Augen, worin dieses Unstatthafte liegt. Im Cockpit des Flugzeugs saß Mohammed Atta und steuerte absichtlich, willentlich und in vollem Bewusstsein, dass eine Katastrophe geschehen wird, in den Nordturm des World Trade Centers von New York. Man schrieb den 11. September 2001. Atta vollzog einen Teil eines gewaltigen Terroraktes, der innerhalb der vorausgegangenen zehn Jahre von Chalid Scheich Mohammed und Mohammed Atef im Auftrag von Osama bin Laden minutiös geplant worden war. Eine in einer Palmölplantage herumflatternde Fledermaus ist vielleicht Träger eines tödlichen Virus. Die als »Batwoman« bekannt gewordene Virologin des Wuhan Institute of Virology sagte jüngst im chinesischen Fernsehen, das Coronavirus sei die Strafe der Natur für die unzivilisierte Lebensweise des Menschen. Hinter diesem tödlichen Virus steht aber keine Absicht, kein Willen zum Morden, keine politische oder religiöse Botschaft und kein Bewusstsein; oder wie Paul Jandl in der NZZ am 9. April schreibt, das Virus ist eine »biochemische Entität«; oder wie Max Frischs Protagonsit Geiser in Der Mensch erscheint im Holozän sagte, dass die Gesteine sein Gedächtnis nicht brauchten. 

Alles, was wir über Fledermäuse und ihre Viren wissen, sind Ansichten und Erkenntnisse, die wir aufgrund von Beobachtungen, Beschreibungen, Interpretationen, Geschichten, Untersuchungen und Forschungen gewonnen haben. Die Fledermaus kümmert sich aber einen Dreck darum und fliegt weiter.

Das Virus legt also keinen Wert darauf, dass wir Bescheid wissen über es, wir jedoch schon. 2002/2003 erkrankten in Südchina zahlreiche Menschen an einer Lungenkrankheit, die durch ein SARS-Virus ausgelöst wurde, mehr als 700 starben daran. Die chinesische Forscherin Shi Zhengli vom WIV machte sich in der Folge auf die Suche der Herkunft dieses Virus. Sie und ihr Team überprüften dabei die These, ob es in einer Fledermausart in Südchina vorkommt. Sie packten die Koffer und reisten in die Provinz Yunnan. Nach ersten ergebnislosen Fängen fand sie schließlich in der Shitou-Höhle bei Kunming in drei Proben von Chinesischen Hufeisennasen Antikörper. Sie intensivierte ihre Suche und entdeckte in den Fledermäusen Coronaviren, die sie SL-CoV nannte (SL für SARS-Like). In Science veröffentlichte sie ihre Ergebnisse im Oktober 2005. Im Jahre 2013 konnte sie unter anderem mit dem britisch-amerikanischen Zoologen Peter Daszak nachweisen, dass die Genome von Viren in einer Chinesischen Hufeisennase zu 97 Prozent mit dem Erreger übereinstimmten, die bei Zibetkatzen in Guangdong identifiziert worden waren und die den Ausbruch in Südchina ausgelöst hatten (nature, Oktober 2013). Die USA finanzierten daraufhin ein Forschungsprojekt von Peter Daszak und Shi Zhengli, welches im Schwesterlabor des National Biosafety Laboratorys in Wuhan durchgeführt wurde. Die Übertragung von Fledermausviren auf Menschen sollen noch genauer untersucht werden. Das Projekt kostete bis 2019 mehr als 3 Millionen USD. Es war erfolgreich und wurde um fünf weitere Jahre verlängert. Aufgrund von Daszaks und Shis Ergebnissen wurde zum Beispiel das Medikament Remdevisir entwickelt, das zur Bekämpfung des SARS-CoV-2 eingesetzt wird (dessen Wirkung unterdessen aber angezweifelt wird). Die Gelder wurden auf Anweisung des US-amerikanischen NIH wieder gestrichen. Querelen zwischen China und den USA und der geäußerte Verdacht der US-amerikanischen Regierung, das Virus stamme aus einem Labor in Wuhan, haben zu diesem Schritt geführt. 

Shi selber bekam am 30. Dezember 2019 Proben von Patienten aus dem Wuhan Central Hospital zugeschickt, die aufgrund der neuen Krankheit hospitalisiert wurden. Bis am 7. Januar fand Shis Team heraus, dass das neue Virus für die Krankheit verantwortlich war. Gleichzeitig durchforstete sie sämtliche Virenstämme, die sie bis anhin gesammelt hatte und fand keine Gensequenzen, die mit dem neuen Virus übereinstimmten. Also auch nicht mit den Hybriden, die sie selbst hergestellt und mit denen sie Versuche durchgeführt hatte. Die Wahrscheinlichkeit eines Laborausbruchs ist minim, groß aber, dass eine Zoonose die Übertragung ermöglichte.

Blicken wir auf weitere von Zoonosen.

Szenenwechsel mit einem kurzen Abstecher nach Uganda. Die Medizinerin Laura Bloomfield von der Stanford University sammelt im Gebiet des Kibale Nationalpark Daten und Geschichten von Begegnungen zwischen Menschen und Affen, schreibt Die Zeit in einem Text zur Zoonose. Am Rande dieses Parks ist zurzeit ein rasantes Bevölkerungswachstum im Gange. Das hat zur Folge, dass die Leute vermehrt in den Park ausweichen, um Bau- oder Brennholz zu schlagen oder Tiere für die Nahrung zu jagen und Pflanzen zu suchen. Zwangsläufig kommt es zu Aufeinandertreffen von Mensch und Affe. Jeder direkte oder indirekte Kontakt bietet eine Gelegenheit für die Übertragung von Affenviren, wie beispielsweise einst beim HI-Virus. Gerade Affenviren sind für Menschen gefährlich. Die Analyse, an welchen Viren Menschenaffen erkranken, lässt Schlüsse auf den Verlauf von Krankheiten bei Menschen zu. Bloomfield folgert aus ihren Beobachtungen, dass »je stärker ein Wald zerstört wird, desto größer (ist) das Risiko, dass Menschen sich mit Zoonosen anstecken.« 

Etwa 3000 Viren wurden bisher beschrieben, Forscher schätzen, dass es mindestens eine Million gibt. Zoonotische Epidemien gibt es vermutlich seit der Mensch sesshaft geworden ist, sich also vor etwa 12'000 Jahren quasi selbst aus dem Kreislauf der nomadischen Lebensform des Jagens und Sammelns genommen hatte, und sich der Nutztierhaltung und dem Ackerbau verschrieb. Eine erste nachweisbare Influenza-Epidemie gab es vor 3200 Jahren in Zentral- und Südasien, seither gehören Seuchenzüge zur menschlichen Geschichte. Und seither gibt es auch Zoonosen. Der oben erwähnte SARS-Nachweis auf Zibetkatzen in Guangdong ist einer der bekanntesten Fälle aus der jüngsten Vergangenheit.

Drei Tatorte von Zoonosen sind zu unterscheiden: erstens schlecht unterhaltene Nutztierbestände (im März 2020 wurden SARS-CoV-2 in einer Nerzpelzfarm in den Niederlanden gefunden, im Oktober 2020 auch in Dänemark), zweitens Lebendtiermärkte (hier tummeln sich vor allem die Zwischenwirte wie Schuppentiere, Schleichkatzen, Dachse, Schlangen) und drittens jene unkultivierten Orte und Regionen, in die der Mensch eingedrungen ist und dabei die natürlichen Lebensräume verändert oder zerstört hat. Ob das neue SARS-CoV-2-Virus wirklich, wie vermutet wird, über ein Schuppentier auf den Menschen übertragen wurde, ist noch zu klären.

Es lohnt sich, die Ursachen von Pandemien zu erforschen. Sie dient als Grundlage für die Entwicklung von Medikamenten. Aber dass Viren existieren, die Krankheiten auslösen, hat an sich nichts Sinnhaftes und es verbirgt sich kein Plan dahinter. Der NYT-Kolumnist Thomas L. Friedman sagt es so: »Mutter Natur ist nur Chemie, Biologie und Physik, und der Motor, der sie antreibt, unterliegt einer Regel: jener der natürlichen Auslese. Das ist das Streben aller Organismen, zu überleben und in irgendeiner ökologischen Nische zu gedeihen. Sie kämpfen darum, ihre DNA an ihre nächste Generation weiterzugeben und nicht unter denen zu landen, die an den Hersteller zurückgesandt und stillgelegt werden.« Insofern erweist ein Virus sich selbst keinen Dienst, wenn der Wirt, in dem er sitzt, stirbt. Der Zürcher Professor für Nachhaltigkeit Kai Niebert sagt: »In der Natur hat alles, was passiert eine Ursache, aber dahinter steckt kein Wille«.

Und so kehren wir nochmals zu Paul Jandls biochemischer Entität und Max Frischs Gesteine, die sein Gedächtnis nicht brauchen, zurück. Erst wenn wir Ursachen von Pandemien erforschen, wenn wir also Zusammenhänge zwischen dieser biochemischen Entität und deren Auswirkung auf die Gesundheit des Menschen suchen, erst dann also beginnen wir eine Erzählung. Es gibt also unverrückbare Fakten und Gesetze, die wir mit unserem Denken nicht ändern können, die wirklich sind, ohne dass wir sie erfinden müssen, geschweige denn erfinden können. Leibniz würde von Tatsachenwahrheit sprechen. Diese Erzählung kann, wie bei Bloomfield, Shi und Daszak physikalisch, biologisch, mathematisch oder wissenschaftlich, wie bei Jandl feuilletonistisch oder wie bei Frisch belletristisch sein. Friedrich Dürrenmatt bemerkte hinsichtlich der Fiktion, dass Schriftsteller mit »bewusst erfundenen Vorstellungen die Wirklichkeit zu beschreiben vermögen.« Er unterscheidet eine physikalische und mathematische Fiktion, die eine physikalische Antwort erfordert, von einer künstlerischen Fiktion, die eine »künstliche Gegenwirklichkeit« herstellt. Jene Wahrheiten würde Leibniz Vernunftwahrheit nennen.

Hier noch ein Beispiel einer künstlerischen Fiktion:

Der Schweizer Künstler Julian Charrière war auf einer seiner Reisen in einer Palmölplantage in Indonesien. Plamenhaine sind beliebte Jagdgebiete von Fledermäusen, auch von solchen, die mit Viren herumfliegen. Charrière drehte ein Video mit dem Titel An Invitation to Disappear. In einer kaum enden wollenden, linearen Kamerafahrt durch die weitläufigen Baumreihen einer Palmölplantage blicken wir auf die zahllosen Bäume, die links und rechts gemächlich an uns vorbeiziehen. Es dämmert. Auf dem Boden liegen zerstreut Palmwedel herum, die Farben sind dumpf, das Grün ist matt. Kaum zu glauben, dass hier etwas so Wertvolles und Nützliches wächst, das in der Körpermilch, in Kosmetika, im Rasierschaum, im Waschmittel, in unzähligen Nahrungsmitteln oder wo auch immer verarbeitet wird. Es ist also die Nachfrage nach dem so praktischen Palmöl, die in der Landschaft eine zivilisatorische Spur fräst und sie dabei veröden lässt und die die natürlichen Lebenswelten einheimischer Tier- und Pflanzenarten zurückdrängt. Die Monotonie der Monokultur prägt sich durch die Langsamkeit der Kamerafahrt und das dumpfe Rascheln natürlicher Geräusche umso mehr ein. Wir denken, das geht endlos so weiter. Aber. Bald werden erst ganz schwach, dann immer dominanter Techno-Beats hörbar. Irgendwo in diesem fruchtbaren Nichts wird offenbar gefeiert und getanzt. Bald sehen wir Lichter, farbige Scheinwerfer, aufsteigende Trockennebel. Die Musik wird lauter. Schließlich dringt die Kamera in ihrer unbeirrbaren Fahrt durch die Palmen zu einem Plantagen-Rave vor. Obwohl keine Menschenseele auszumachen ist, sind wir nun definitiv in einer menschengemachten, technifizierten und lauten Glamour-Umgebung angekommen. Die Partyzone mit ihren Stroboskopen, Nebel und Klängen in der Leere wirkt verstörend, die Stimmung verdüstert sich. Wir stutzen kurz. Ist das, was wir sehen, eine Vorsehung? Werden in Zeiten zunehmender physischer Distanzierung Partys ohne Menschen gefeiert? Am Ende fühlt man sich unbehaglich ob der Fremdheit des seelenlosen Fröhlichkeitssettings in dieser entrückten Welt. 

Wir denken zurück und sehnen uns in dieser Kamerafahrt nach etwas Lebendigem: War da nicht eine Hufeisennase durchs Bild geflattert? Oder haben wir nicht wenigstens ihr typisches Chirpen gehört? 

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Steiner & Schmid: Eigenverantwortung? Eigenverantwortung!

Steiner: Der Schwede sagt, dass die Bürger ein großes Vertrauen gegenüber dem Staat entgegenbringen.

Schmid: Ja, das mag sein. Aber er sagt auch solche Sachen wie Selbstverantwortung. Und das sagt unser Gesundheitsminister auch.

Steiner: Er spricht aber auch von Solidarität – und er muss Selbstverantwortung sagen, wenn er nur von Solidarität sprechen würde, nähmen ihm die Rechten die Botschaft nicht ab und wenn er nur von Selbstverantwortung reden würde, nähmen es ihm die Linken nicht ab. Prost übrigens.

Schmid: Prost. Klingt doof mit diesen Büchsen.

Steiner: Immer noch besser als Skype.

Schmid: Stimmt. Du glaubst, er muss Selbstverantwortung sagen, meint aber Solidarität und umgekehrt.

Steiner: So ungefähr. Eigentlich hat er’s nicht korrekt gesagt, die Rechten sprechen lieber von Eigenverantwortung. 

Schmid: Was sie mit Eigenverantwortung meinen, kennen wir. Eigentlich meinen sie Eigennutz. Der Minister müsste also an den Egoismus appellieren.

Steiner: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.« Johannes, glaub ich.

Schmid: Kapitel 8. Respekt. Deine Bibelkenntnisse sind beeindruckend. Aber jetzt mal ehrlich, mein lieber Steiner: Glaubst Du den Unsinn, den die Regierung zum Besten gegeben hat?

Steiner: Unsinn? Ich glaube, ich glaube ihr so, wie sie es gemeint hat. Medienkonferenzen sind Werbeveranstaltungen. 

Schmid: Ein bisschen viel Glaube in Deinen Worten. Wissen wäre besser.

Steiner: Dürrenmatt sagte einmal sinngemäß, es gebe Leute des Glaubens und Leute des Wissens. Ich gestehe, diese Unterscheidung ist in dieser Situation etwas durcheinandergeraten.

Schmid: Wieso?

Steiner: Die Lage des Wissens ist prekär. Zudem konnte die Regierung im Frühjahr nicht detailliert darlegen, wie die Situation wirklich ist. Sie wussten fast nichts über das Virus und die Logik der Verbreitung. Sie konnten Mitte März nicht sagen, dass der Staat zu wenig medizinisches Schutzmaterial auf Lager hatte, dass die Medizin nicht ausreichte, dass man nicht einmal wusste, welche Medizin half, dass im schlechtesten Fall zu wenig Spitalbetten bereitstanden, dass wir Schutzmasken tragen müssten. Aber sie mussten uns davon überzeugen, dass wir glauben, dass sie die Kontrolle haben und dass sie mit Hochdruck daran arbeiten, um die Defizite zu beheben und die Probleme zu lösen. Medienkonferenzen müssen Vertrauen schaffen und nicht Wahrheit verkünden.

Schmid: Amen. Aber Vertrauen durch Werbung? Ich weiß nicht, mein Lieber. Ich vertraue meiner Ärztin.

Steiner: Wie weißt Du, dass sie alles sagt, was sie weiß, oder sagt sie eben doch nicht nur das, was Du wissen musst?

Schmid: Natürlich müllt sie mich nicht mit all den Fachwörtern zu. Aber...

Steiner: Man nennt das dann vielleicht »Diagnose in leichter Sprache«.

Schmid: Blödmann.

Steiner: Ist doch so.

Schmid: Auf alle Fälle begründet sie ihre Entscheidungen.

Steiner: Wenn Du es noch mitbekommst.

Schmid: Wie meinst Du das?

Steiner: Nehmen wir Bergamo. Triage. Der Intensivarzt muss entscheiden, wem er welche Behandlung zukommen lässt. Wir konnten es überall lesen und sehen. 

Schmid: Kriegsmedizin. In der Verfassung steht, glaub’ ich, dass grundsätzlich jedes Leben gleich viel gilt. Der Staat, also auch das Spitalpersonal darf ein Leben weder bewerten noch abwerten, es gilt das Prinzip der égalité.

Steiner: Klingt schön. Das Bewerten und Berechnen ist das Feld der Gesundheitsökonomen. 

Schmid: Ein merkwürdiges Feld. 

Steiner: Erlaubt aber einen anderen Blick auf die Sache.

Schmid. Na ja. Bleiben wir in der Praxis. Der Arzt muss demnach berücksichtigen, dass es keine staatlichen Vorgaben zur Zuteilung von Überlebenschancen und Sterbensrisiken gibt außer dem Gleichheitsprinzip. Alle genießen das gleiche Recht und den gleichen Schutz. Einverstanden?

Steiner: Ja, theoretisch. Aber nehmen wir jetzt den Intensivarzt in Bergamo...

Schmid: Warte, mein Lieber. Stellen wir uns vor, was ein Arzt grundsätzlich tun muss: er hat die Überlebenschancen eines Patienten in einer akuten Krisensituation einzuschätzen. Er beurteilt den Gesundheitszustand, die Schwere der Krankheit, die Heilungsschancen. Er muss aber auch verinnerlicht haben, dass es keine Vorzugsbehandlungen geben darf. Und dann hat er zu entscheiden, welche sinnvollen Maßnahmen zu treffen sind. Ich nehme an, hierfür kann er auf konkrete Regeln und Handlungsanleitungen seines Berufsverbandes zurückgreifen.

Steiner: Meinetwegen. Aber nochmals nach Bergamo. Es gibt drei mögliche Szenarien. Erster Fall: In der Intensivstation sind noch zwei Plätze zu vergeben, der Notfallarzt sagt dem Intensivarzt, er habe fünf Patienten, die an die Geräte müssen. Was macht der Intensivarzt?

Schmid: Wenn ich mich recht erinnere, schreibt der Deutsche Ethikrat, die Auswahl müsse nach wohlüberlegten, begründeten, transparenten und einheitlich angewandten Maßstäben erfolgen. Alter, Status, Herkunft etc. haben also nichts zu suchen. Wie schon vorher gesagt. Ob dort Maurer, Berset, Keller-Suter, Federer, Rigozzi, Steiner oder Schmid liegen, spielt keine Rolle.

Steiner: Also rein medizinische Kriterien.

Schmid: Genau. Theoretisch. 

Steiner: In der Praxis wären es aber Steiner und Schmid.

Schmid: Genau. Ich habe kürzlich in einem Interview mit einem Ethiker gelesen, dass die Ärzte eine Intensivbehandlung ablehnen sollen, wenn der Sterbeprozess bereits begonnen hat, keine Besserung in Aussicht steht oder der Aufenthalt in der Intensivstation von zu langer Dauer sein wird. Es entscheiden rein medizinische Kriterien, bei denen die klinische Erfolgsaussicht im Mittelpunkt steht.

Steiner: Interessant. Wie weiß er, wie lange eine Behandlung dauert?

Schmid: Mit Prognose, wie denn sonst. Mehr hat er nicht. Wir leben im Prognosezeitalter.

Steiner: Zurück zum Fall. Wem wird geholfen: Wer die höheren Überlebenschancen hat oder wer die Maßnahmen dringender benötigt?

Schmid: Die Erfolgsaussicht kommt zuerst. Das sind schwierige Entscheidungen. Wer sagt ihm, ob beim »leichteren« Fall nicht auch Komplikationen auftreten können? Verhält sich das SARS-CoV-2 so, wie man es erwartet? Auch hier stehen wir vor der Situation, dass der Arzt nicht weiß, was geschehen wird. Er muss aber einschätzen, wie er Todesfälle verhindern kann. Natürlich immer auf Grundlage der verfügbaren Ressourcen und des Wissens. Und, mein Lieber, ganz wichtig ist, es muss das Mehraugenprinzip gelten. Es sollen immer noch andere Kollegen den Fall beurteilen.

Steiner: Okay. Zweiter Fall: Alle Intensivplätze sind besetzt. Bei einem der Behandelten stehen die Chancen nicht so gut. Und jetzt wird Federer herangerollt.

Schmid: Es ist unzulässig, einen Patienten, auch wenn seine Überlebenschancen klein sind, von den Geräten abzuhängen, man ging ja davon aus, dass er überleben könnte. Und solange er das noch kann, darf er nicht abgehängt werden. Außer natürlich der Sterbeprozess hat begonnen oder der Zustand ist hoffnungslos oder eine entsprechende Patientenverfügung liegt vor. Auch wenn Federer in mancherlei Hinsicht, wie soll ich sagen, wertvoller sein mag, gibt’s keine Ausnahme.

Steiner: Ich wusste schon immer, dass Du kein Tennisfan bist.

Schmid: Fürwahr nicht, du Idiot. Tennis ist ein überschätzter Bonzensport. Federer soll doch mit seinem Privatjet in ein Privatspital in Dubai fliegen.

Steiner: Und wenn die Patientin schwanger ist.

Schmid: Ändert nichts. Sie muss warten. Es gibt keine Berechnungen von Lebensjahren und keine Bewertungen von Leben. Auch nicht von ungeborenen Leben. Ich glaube nicht, dass das aktive Beenden einer laufenden, weiterhin notwendigen Behandlung, bei der es Aussicht auf Erfolg gibt, zur Rettung eines anderen zulässig ist.  

Steiner: Dritter Fall: Die problematischen Erkrankungen nehmen langsam ab. In der Intensivstation gibt es ein freies Bett. Jetzt kommt ein schwieriger Fall. Der Patient hat geringe Überlebenschancen. Darf der Arzt sagen, wir behalten das Bett frei, weil vielleicht am selben Tag noch ein anderer Patient kommt, der gute Chancen hat?

Schmid: Eigentlich müsste die Antwort nach dem bisher Gesagten klar sein: Nein. Aber ich gebe zu, das ist eine heikle Entscheidung. Was ist, wenn kein anderer Patient eingewiesen wird und der Abgewiesene stibt? 

Steiner: Gut. Es stehen zwei Fälle gleichzeitig vor der Tür: eine junge, schwangere Frau und ein Mann in mittleren Jahren. Was sagt der Intensivarzt?

Schmid: Eine knifflige Ausgangslage. Der Arzt muss nach medizinischen Kriterien beurteilen, wer dringender eine Behandlung braucht und bei wem die Erfolgsaussichten besser stehen. Wenn die medizinische Lage wirklich genau gleich ist, tendiere ich für die junge Frau.

Steiner: Also doch.

Schmid: Was soll das wieder heißen?

Steiner: Es findet eine Bewertung statt. 

Schmid: Meinetwegen.

Steiner: Glaubst Du wirklich, in England hätten die Verantwortlichen Boris Johnson darben lassen, wenn kein Beatmungsgerät zur Verfügung gestanden hätte?

Schmid: Im schlimmsten Fall müsste am Schluss Johnson damit klarkommen, dass er nur überlebt hat, weil jemand anderer gestorben ist. Es gibt immer eine Differenz zwischen Theorie und Praxis. Die Sterbezahlen in den USA wären nicht so hoch, wenn alle Patienten jene Behandlung bekommen hätten, die Trump erhalten hat. 

Steiner: Aber weißt Du was?

Schmid: Nein.

Steiner: Irgendwie haben wir doch auch die Frage der Eigenverantwortung und Solidarität gestreift?

Schmid: Hä?

Steiner: Das ist doch ein schönes Beispiel. Der ideale Modellintensivmediziner, von dem wir es gerade hatten, muss beides gleichzeitig tun, er muss individuell und gesellschaftlich handeln. Irgendwie dialektisch eben. 

Schmid: Solidarische Eigenverantwortung oder eigenverantwortliche Solidarität? 

Steiner: Irgendwie.

Schmid: Mein Lieber, ich weiß nicht, ob Du das in dieser Art und Weise aufdröseln kannst. Vielleicht trägt er eine kollektive Verantwortung.

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Storch

Wir klettern uns frei, oder: Lonley at the top

Der emeritierte Professor und Literaturwissenschaftler Manfred Schneider vergleicht die wild um sich greifenden verschwörungstheoretischen Erklärungen zur Coronakrise mit einer Szene in Bertold Brechts Stück Leben des Galilei: »Darin machen sich Mönche und Gelehrte über Galileis Einsicht lustig, dass sich die Erde um die Sonne und um ihre eigene Achse dreht. Die Kirchenmänner spielen Komödie, indem sie alle lachend durch den Vatikan torkeln, als drehte sich unter ihnen der Boden. Da sie ihren Augen nur trauen, wenn sie lesen, weigern sie sich, durch Galileis Fernrohr zu sehen, dass sich die Planeten offenbar ohne Tanzmeister im Kosmos drehen.« In Brechts Stück beruft sich Galilei immer wieder auf die Fakten, denen es zu folgen gilt, sie geben vor, welchen Weg wir gehen. Konservative katholischen Kreise behaupten in einem Aufruf, sich ebenfalls nach den Fakten zu richten. Nur bleiben sie uns diese schuldig. Sie sagen: »Wir haben Grund zu der Annahme – und das auf der Grundlage offizieller Daten zur Epidemie in Bezug auf die Anzahl der Todesfälle – dass es Kräfte gibt, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen. Auf diese Weise wollen sie dauerhaft Formen inakzeptabler Freiheitsbegrenzung aufzwingen, die Menschen kontrollieren und ihre Bewegungen überwachen.« Ab welcher Anzahl an Opfern und Infizierten wären denn Freiheitsbegrenzungen gerechtfertigt?

Zum Thema Freiheit kurz dies: Sie besteht darin einzusehen, dass es unausweichlich ist, sie mit einer vorübergehenden Einschränkung von Grundrechten, wie sie in der Verfassung als das Recht auf persönliche Freiheit – insbesondere auf körperliche und geistige Unversehrtheit und auf Bewegungsfreiheit – definiert ist, zu schützen. Freiheit wird gewahrt, indem das Notwendige zu ihrem Erhalt vorgekehrt wird. Manfred Schneider schreibt folgerichtig: »Die Freiheit besteht darin, Einsicht in die Notwendigkeit zu gewinnen.« Eine Unfreiheit wird als Freiheit proklamiert? Das klingt paradox, ist es aber nicht.

Denn.

Wir stellen uns vor, wir seien in einer Schlucht gefangen, der Ausgang ist durch ein natürliches Ereignis versperrt. Man kennt vergleichbare Szenarien aus Hollywood-Filmen. Rundherum sind wir von Felsen umschlossen. Es gibt nur einen Ausweg: über die Felswand hinaufzuklettern, die sich vor uns erhebt. Uns zur Seite steht ein Bergführer, den wir zwar selbst gewählt haben, aber bevor wir in diese missliche Lage geraten sind. Schicksal. Unser Bergführer erklärt uns, wie wir uns am besten befreien können. Zuerst bläut er uns seine Klettermaxime ein: »Un pour tous, tous pour un.« Unsere Gruppe ist bunt zusammengestellt, Sportliche und Unsportliche, Kleine und Große, Waghalsige und Ängstliche, Junge und Alte. Der Bergführer sagt, dass wir alle mitnehmen, auch die Höhenangstschisshasen und Dickwänste.

Und dann erläutert er die nützlichsten Regeln, die zu befolgen uns das Klettern erleichtern. Wenn wir eine steinige Wand hochklettern, sagt er, suchen wir nach Punkten und Stellen, an denen wir uns festklammern oder auf die wir einen Fuss setzen können. Der unebene Fels gibt uns diese Vorsprünge und Stellen vor oder wir können sie mit einem Haken, den wir in den Stein hämmern, künstlich erzeugen. Wir orientieren uns also an der unmittelbar vor uns liegenden Oberfläche des Felsens und klettern behutsam auf Sicht. Es komme auch vor, so der Bergführer weiter, dass ein anfänglich als sicher eingestufter Punkt doch nicht so sicher, ja sogar gefährlich sei. Man müsse selbst entscheiden und sich gut überlegen, ob es klug ist, diesen Punkt zu benutzen. Die anderen würden davon ausgehen, dass er auch für sie noch halten würde. Man müsse also vorsichtig und flexibel bleiben und gegebenenfalls einen Tritt zurückgehen. Das gelte übrigens vor allem auch für ihn und die anderen Vorsteiger. Wir klettern nur an Stellen hoch, die alle von uns meistern können, auch die Kleinsten. Dann, sagt er, sei es wenig ratsam, sich gleichzeitig nur auf zwei unserer vier Extremitäten zu stützen, die Unsicherheit ist groß, wir können das Gleichgewicht verlieren und abstürzen. Folgerichtig sei es nicht sehr intelligent, beispielsweise eine hereinkommende SMS, sofern wir Satellitenempfang haben, umgehend beantworten zu wollen. Die Befriedigung bestimmter wichtiger Bedürfnisse, die das Klettern behindern, müsse verschoben werden.

Wir sollen also, bitteschön, die sogenannte Drei-Punkt-Haltung anwenden (das empfehlen auch der internationale Kletterverband und die Experten). Und dann bittet er uns, dass wir seinen Anweisungen gehorchen sollen, sonst könne er nicht versprechen, dass es klappe. Etwas leiser, fast flüsternd schiebt er noch hinterher, dass er das aber auch nicht garantieren könne, selbst wenn wir uns richtig verhielten. Und dann warnt er uns, dass er nicht wisse, wie es oben aussehe, es existiere keine Landkarte dieser Region. Terra incognita. Vielleicht stünden wir vor einer weiteren Wand. Klar, es gebe verschiedene Varianten, um das Ziel zu erreichen. Welche Route eingeschlagen wird, bestimme er, der Bergführer.

Die bisher eingeschlagenen Klettersteige sind: der schwedische (mit einer schwierigen, langen, ersten Kletterpassage, nachher, sagt der schwedische Expeditionsleiter, soll’s einfacher werden), der nordische (eine leichtere Route über flachere Stellen, man wird den Verdacht nicht los, dass diese – warum auch immer – weiter oben startet), der südkoreanische (jeder Tritt ist gut gesichert, sie haben viel Erfahrung mit ähnlichem Gelände), der chinesische (die sind so früh und im Dunkeln losgegangen, dass man gar nicht genau weiß, wo sie durchgeklettert sind und hinterher, obwohl wir alle Funkgeräte haben, sagen sie kaum etwas), der zentraleuropäische (eine relativ sichere, gut geführte Route, aber nicht risikolos, in den oberen Passagen mit dem vermeintlichen Ziel vor Augen droht Gefahr, leichtsinnig zu werden), der südeuropäische (gleiche Route wie zentraleuropäische, aber bei schlechtem Wetter, die Ausrüstung nicht über alle Zweifel erhaben), der US-amerikanische (gleiche Route wie zentraleuropäische, aber mit einem dilettantischen Bergführer, der mal Quizmaster war, und der bei Gefahr die Leute hängen lässt, marode Gerätschaften), der brasilianische (nicht geführt und schlecht ausgerüstet, Route unklar, Ziel auch) etc. Und es gibt solche, die führen ins Nichts. Zudem ist es vernünftig und klug, sagt der Bergführer weiter, sich anzuseilen, bevor wir losklettern. Wir sind zwar zwischenzeitlich in unserer Bewegung eingeschränkt, aber wenn wir auf einem Felsvorsprung unglücklich wegrutschen, ist die Chance wesentlich grösser, zu überleben, weil uns die anderen auffangen können. Fatal sei ein Dominoeffekt, wenn also zu viel zur gleichen Zeit fallen. Die Auffassung, man könne auch überleben, wenn man nicht angeseilt gewesen ist, wie das ein naseweises Mitglied, das etwas rechts von der Gruppe steht, suggeriert hat, kann zwar nicht komplett entkräftet werden, aber Erfahrungen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen legen einen anderen Schluss nahe. Wer anderes behauptet, so der Bergführer, verschließe die Augen vor der Realität oder hat zu viele Trickfilme gesehen, in denen der Held über einen Felsvorsprung hinausrennt, den Abgrund unter sich sieht, versucht umzukehren und dann jäh hinunterfliegt. Zufälligerweise ragt irgendwo immer noch ein Ast heraus, an dem der Abstürzende hängenbleibt. Oder er glaubt sonst ein Ammenmärchen. 

Wenn wir die Schlucht überwunden haben, entledigen wir uns unserer beengenden Kletterutensilien und bleiben nicht mehr angeseilt, sagt der Bergführer, – und wir fühlten uns befreit. »Aber wir können uns nur dann frei fühlen, meine Lieben«, jetzt wird der Bergführer etwas rührselig und pathetisch, darum wird er zitiert, »wenn wir einander helfen und alle gemeinsam das Ziel erreicht haben werden. Was nützt es uns, wenn wir alleine dort oben angekommen sein werden.« Wir kennten doch alle dieses Lied Lonley at the top von Randy Newman. »Nein?«, fragt er verwundert. Wobei, fügt der Bergführer maliziös an, Freiheit sei der Akt davor und nicht der Zustand danach.

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Steiner & Schmid: Sokratisches und Rumsfeldisches

Steiner: Hier Dein Bier.

Schmid: Danke. Du distanzierst Dich?

Steiner: Physisch. Zwei Meter. Zum Glück gibt’s Parkbänke.

Schmid: Staatsgläubig?

Steiner: Vernünftig.

Schmid: Ach ja? Parkbänke können auch kontaminiert sein.

Steiner: Die Blechdose und der Türgriff, den Du vorhin gedrückt hast, auch.

Schmid: Ich weiß. Das Leben ist mühsamer geworden.

Steiner: Aber eigentlich wissen wir noch nicht so viel.

Schmid: Stimmt. Wir wissen nichts. Niemand. Wir sind in eine Ära der Fragen eingetreten.

Steiner: Dein Wort in meinem Ohr.

Schmid: Hä?

Steiner: Nun ja, Du hast es sonst eher mit den Antworten…

Schmid: Also, dann frag ich Dich mal was.

Steiner: Bitteschön.

Schmid: Glaubst Du dem weichgespülten Sozialdemokraten des Bundesamts für Gesundheit?

Steiner: Schon auf Entzug?

Schmid: Wieso?

Steiner: Das war keine Frage.

Schmid: Wieso nicht?

Steiner: Weil Dir meine Antwort egal ist. Wenn Du »weichgespülter Sozialdemokrat« sagst, weiß ich schon jetzt, dass Du ihm nicht glaubst. Wenn ich »ja« sage, sagst Du »ich nicht« und setzt zu einem Exkurs an, wenn ich »nein« sage, sagst Du »ich auch nicht« und setzt zum selben Exkurs an.

Schmid: Müssen wir uns jetzt bei einem Paartherapeuten anmelden? 

Steiner: Auch das ist keine richtige Frage, aber ich antworte dennoch: Nein, keine Sorge.

Schmid: Halt! Schnitt. Wir gehen zurück. 

Steiner: Okay, wie Du willst.

Schmid: Glaubst Du dem Vorsteher des Gesundheitsamts?

Steiner: Ja, ich vertraue ihm.

Schmid: Ich habe gefragt, ob Du ihm glaubst.

Steiner: Ich weiß. Die Lage ist paradox. Er vermittelt das Gefühl, dass er versteht, wovon er spricht, obwohl er nicht weiß und eigentlich nicht verstehen kann, was gerade abläuft. Weil niemand es verstehen kann, nicht einmal die Experten. Den Stillstand zu verordnen, halte ich in einer solchen Situation für gewagt, aber richtig. Deshalb vertraue ich ihm.

Schmid: Und was ist paradox daran?

Steiner: In normalen Zeiten vertraue ich dem Wissen, jetzt jedoch dem Bewusst-Sein über das Nicht-Wissen des Nicht-Wissens.

Schmid: Was faselst Du von einem Bewusstsein über das Nicht-Wissen des Nicht-Wissens.

Steiner: Also. Es gibt ein Nicht-Wissen. 

Schmid: Schon gut, ich weiß.

Steiner: Nein, warte. Ich geb’ Dir ein Beispiel: Stell Dir Obama im Jahre 2011 vor. Ein paar CIA-Leute sprechen bei ihm vor und sagen, in einer Villa in Abbottabad sitzt mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent Osama bin Laden. Es bestünde eine gute Möglichkeit, ihn zu eliminieren. Obama denkt nach und stellt folgende Überlegungen an: »Wenn der CIA 80 Prozent sagt, dann rechne ich mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit. Halbe-halbe. Ich habe zwei Möglichkeiten, mit diesem Nicht-Wissen umzugehen. Entweder ich wandle es um in Wissen. Dafür muss ich die Aktion durchziehen. Hinterher weiß ich, ob er da war oder nicht. Das Nicht-Wissen wird also zu Wissen. Oder ich blase die Aktion ab. Ich werde nie erfahren, ob er da war. Das Nicht-Wissen bleibt ein Nicht-Wissen.« Einverstanden?

Schmid: Mach’ weiter.

Steiner: Obama entscheidet: »Ich will es wissen, also gebe ich den Einsatzbefehl.« Wenn er die Aktion nicht durchführt, wird er es nie gewusst haben werden.

Schmid: Hm.

Steiner: Du zweifelst?

Schmid: Ich find’, glaub’ ich, das Beispiel blöd. Aber meinetwegen.

Steiner: Jetzt ist das Nicht-Wissen radikal, eben ein Nicht-Wissen über das Nicht-Wissen. Wir können uns wie auch immer entscheiden, unmittelbar nachher wissen wir dennoch nicht viel mehr. Das Wissen verwandelt sich nur sehr mühsam und sehr langsam in ein Etwas-weniger-Nicht-Wissen.

Schmid: Einverstanden.

Steiner: Der Gesundheitsminister ist diesem Nicht-Wissen intellektuell gewachsen. Mehr als andere in diesem Gremium.

Schmid: Woraus schließt Du das?

Steiner: Indem er sagt, dass er wisse, dass er nicht wisse. Er ist ehrlich. 

Schmid: Sokrates. 

Steiner: Wenn Du meinst, aber so hoch hänge ich ihn auch wieder nicht. 

Schmid: Die anderen sagen auch, dass sie nicht wissen, was läuft.

Steiner: Ein paar von ihnen schon, aber sie sind nicht aufrichtig. Sie gehen in Deckung. Man konnte lesen, dass es in der Regierung welche gibt, quasi Coronaskeptiker, die den Wissenschaftlern nicht trauen.

Schmid: Wissenschaftsleugner.

Steiner: Nein, soweit würde ich nicht gehen. Sie haben sich von der Krankheit befallen lassen, grundsätzlich jenen Wissenschaftlern zu misstrauen, die nicht ihre Meinung unterstützen. Aber sie sind vermutlich auch intellektuell nicht auf der Höhe des Problems. Sie denken mittels Raster, was zwischen den Linien durchfällt, sehen sie nicht, existiert also auch nicht. Es gibt Dinge, von denen sie nicht wissen, dass sie es nicht wissen, und sie sind sich dieser Situation nicht bewusst oder pfeifen drauf.

Schmid: Rumsfeld.

Steiner: Aber sie meinen genau zu wissen, was geschieht. Sie sind Ideologen. Das ist der Unterschied. Alles, was der Gesundheitsminister und die meisten Wissenschaftler wissen, ist, dass die Situation gefährlich sein könnte. Aber sie sind sich bewusst, dass auch sie dunkle Stellen in ihrem Wahrnehmungsraster haben, auch sie sehen nicht alles. Alle haben eine Brille auf. Wir leben in einer Epoche des Konjunktivs. Deshalb fahren sie das öffentliche Leben herunter. Viel mehr zu tun, weiß man zu diesem Zeitpunkt nicht. Niemand. Punkt.

Schmid: Für konjunktive Zeiten etwas apodiktisch, mein Lieber.

Steiner: Dein Wort in meinem Ohr.

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Zum 6. August 1945

Wissenschaft und Macht

Nachdem J. Robert Oppenheimer mit allen Mitteln versucht hatte, die Atombombe zu bauen, versuchte er mit allen Mitteln, deren Einsatz zu verhindern. Über das tragische Scheitern eines Genies.

Die US-amerikanische Regierung war im Herbst 1942 überzeugt davon, dass das Nazi-Regime die Entwicklung einer Atombombe vorantreibt. Dem wollte man nicht tatenlos zuschauen. Im September desselben Jahres wurde J. Robert Oppenheimer, ein renommierter theoretischer Physiker und Professor am California Institute of Technology in Pasadena und an der University of California in Berkeley zum wissenschaftlichen Leiter des sogenannten Manhattan-Projekts ernannt. Ziel war unter Wahrung der größtmöglichen Geheimhaltung die Erforschung und Erbauung einer Atombombe. Das Zentrum des Projekts wurde auf dem Hochplateau von Los Alamos in New Mexico eingerichtet.

Zuerst arbeiteten ein paar Duzend und bis zum Kriegsende etwa 7000 Wissenschaftler aus verschiedenen Forschungsrichtungen an diesem Vorhaben. Insgesamt waren auf die ganze USA, Kanada und Großbritannien verteilt ungefähr 150'000 Leute beteiligt. Zahlreiche Wissenschaftler ließen sich von Oppenheimer unter anderem aus dem Grunde anstellen, weil es gelte, eine Abschreckungswaffe gegen Nazi-Deutschland zu entwickeln. Zudem müsse man den Bemühungen der Deutschen zuvorzukommen, die an einer Wunderwaffe tüftelten. Man stünde quasi in einem Wettrennen auf Zeit. Zum großen Teil wussten die Forscher, vor allem jene außerhalb von Los Alamos, nicht, dass sie an der Entwicklung einer Atombombe teilnahmen. Die Geheimhaltung war so ausgeprägt, dass auch in Los Alamos die einzelnen Forschergruppen und Labore voneinander kaum wussten, woran die anderen genau forschten. Einzig Oppenheimer und die wissenschaftliche Forschungsleitung schienen den Überblick zu haben. Oppenheimers Intention war es, einen Wettbewerb der Ideen zu fördern.

So konflikt- und widerstandslos sich das hier anhören mag, war die ganze Sache aber nicht. Im Gegenteil. Vor allem gegen das Ende hin, als immer mehr Forschern bewusst wurde, worauf das Vorhaben hinauslief. Als sich im Winter 1945 immer deutlicher abzeichnete, dass die Kapitulation Deutschlands wohl nur noch eine Frage der Zeit sein würde und damit der Gegner, dem man mit der Bombe zu drohen gedachte, verlustig gehen würde, kam bei zahlreichen Forschern die Frage auf, weshalb eine solch mörderische Waffe überhaupt noch fertiggestellt werden müsse. Auch bei Oppenheimer. Im Tribunal In the Matter of J. Robert Oppenheimer[1] im Jahre 1954 führte er aus, in Los Alamos hätten er und sein Team als Wissenschaftler mit Hochdruck am Problem der größtmöglichen Freisetzung von Energie durch die Erzeugung einer atomaren Kettenreaktion gearbeitet. Oppenheimer sagte unter Eid aus: »Es war ein Werk der Forschung. Es war nicht die Vorbereitung einer Waffe.«[2] Die Forscher waren also – ob aus politischer Naivität, Selbstnegation oder aus Idealismus bleibe dahingestellt – tatsächlich überzeugt davon, dass die wissenschaftliche Erkenntnis, die reine wissenschaftliche Erkenntnis, im Vordergrund stünde. Und nicht die Politik. Auch wenn hier Oppenheimer den Forschertrieb betonte, so musste ihm doch klar gewesen sein, dass am Ende seiner Arbeit die Bombe stehen musste. Das wurde ihm von den Militärs und den Regierungsbeamten auch wiederholt mitgeteilt, in zahlreichen Sitzungen wurde darüber diskutiert. Aber er sperrte sich dagegen, zu erkennen oder zu akzeptieren, dass diese Bombe auch eingesetzt werden könnte, sollten die Nazis kapitulieren.

Mit Niels Bohr, der Los Alamos zum Jahreswechsel 1943/1944 zwar einen Besuch abstattete, sich aber weigerte, ins Projekt einzusteigen, führte Oppenheimer intensive Diskussionen über Sinn und Zweck des Projekts. Der dänische Physiker schlug vor, die Forschung und die Ergebnisse international zu öffnen. Oppenheimer zögerte zuerst, ließ sich aber von dieser Idee doch noch überzeugen. Ihm schwebte nun vor, die Resultate auch Wissenschaftlern aus anderen Ländern zugänglich zu machen, denn keine Regierung solle alleine die Verfügungsgewalt einer solch monströsen Waffe in den Händen haben. In einer noch zu gründenden supranationalen Atomkommission sollen alle Erkenntnisse gebündelt werden und der Einsatz von Bomben verboten werden. Damit solle ein Rüstungswettlauf unterbunden werden und die Forschung für die friedliche Nutzung zugänglich gemacht werden. Allerdings wusste Oppenheimer auch, dass dieses hehre Vorhaben erst nach dem Krieg umgesetzt werden könnte. Deswegen ging es ihm vorderhand darum, dass der Abwurf einer Atombombe – falls sie es tatsächlich schaffen sollten, eine solche herzustellen – zu verhindern. US-Präsident Franklin D. Roosevelt war der Idee der Internationalisierung nicht ganz abgeneigt. Als nach Roosevelts Tod am 12. April 1945 Harry S. Truman Präsident wurde, kehrte die Stimmung jedoch allmählich. Truman, der bis zur Amtsübernahme nichts über das Manhattan-Projekt gewusst hatte, wurde am 25. April 1945 vom militärischen Leiter des Projekts General Leslie R. Groves und Kriegsminister Henry L. Stimson ins Vorhaben eingeweiht. Stimson sagte am Schluss der Sitzung im Oval Office, dass die Bombe so zerstörerisch sein werde, dass sie die Welt auslöschen könne. Nach der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 sprach Truman am Radio und unterstrich gegen Schluss seiner Rede: »Wenn die letzte japanische Division bedingungslos kapituliert hat, dann erst ist unsere Arbeit getan.« Ob er damals schon den Einsatz der Bombe in Erwägung zog, ist nicht restlos geklärt. Aber, soviel ist bekannt, es lag ihm viel daran, dass das Manhattan-Projekt schnellstmöglich zu Ende gebracht werden müsse.

Dagegen erhob sich Widerstand aus Kreisen in Los Alamos. Sollte die Waffe nicht gegen die Nazis eingesetzt werden, dann auch nicht gegen ein anderes Land. Leo Szilard vom Metallurgischen Labor der Universität von Chicago, der grundlegende Beiträge zur Entwicklung der Bombe lieferte[3], lancierte eine Petition[4], die letztlich von hundertfünfzig Wissenschaftlern unterschrieben wurde. Darin wurde gefordert, von einem Einsatz abzusehen, denn »… eine Nation, die den Präzedenzfall schafft, diese neu befreiten Naturkräfte zum Zwecke der Zerstörung zu nutzen, muss unter Umständen die Verantwortung dafür tragen, die Tür zu einer Ära der Verwüstung in unvorstellbarem Ausmaß zu öffnen«.[5]

Oppenheimer verhielt sich gegenüber dieser Initiative ambivalent. In einem Gespräch mit Szilard, der ihn für seine Petition gewinnen wollte, äußerte er sich sehr rätselhaft: 

Oppenheimer: »Die Atombombe ist ein Scheiß.«

Szilard: »Was meinen Sie?«

Oppenheimer: »Nun, sie ist eine Waffe ohne große militärische Bedeutung. Sie verursacht einen großen Knall – einen sehr großen Knall –, aber für den Krieg ist sie nicht zu gebrauchen.«[6] 

Oppenheimer unterzeichnete die Petition nicht. Seine Rolle als Projektleiter, der sich zwischen Politik, Militär und Wissenschaft bewegen musste, schien ihm doch etwas zu delikat zu sein, um sich der Gruppe vorbehaltlos anzuschließen. Er hoffte auf andere Wege der Einflussnahme, um einen Abwurf auf Feindesland zu verhindern, nämlich über ein Interimskomitee, in dem er seit Anfang Mai 1945 saß. Diese kurzfristig zusammengestellte Gruppe bestand aus Kriegsminister Henry L. Stimson, dem Leiter des Office of Scientific Research and Development (OSRD) Vannevar Bush, dem Physiker Karl T. Compton (ebenfalls vom OSRD), dem Präsidenten der Harvard University James Constant, dem Außenminister und Präsidentenberater James F. Byrnes sowie dem wissenschaftlichen Leitungsteam des Manhattan-Projekts, also J. Robert Oppenheimer, Enrico Fermi, Ernest Lawrence und Arthur Compton.

Kriegsminister Stimson teilte beim ersten Treffen am 9. Mai 1945 mit, dass er die Bombe »nicht bloß als eine neue Waffe, sondern als eine revolutionäre Veränderung des Verhältnisses zwischen den Menschen und dem Universum«[7] betrachte. Sie könne auch ein »Frankenstein werden, der uns verschlingt«[8] – oder den Weltfrieden bringen. Die Auswirkungen gingen auf alle Fälle über den Krieg hinaus. Oppenheimer schlug vor, dass man das Manhattan-Projekt nach dem Krieg beenden solle und betonte wie Stimson, dass von der Bombe eine verheerende Wirkung ausgehen werde. Für die friedliche Nutzung der Atomenergie solle das Wissen über einen freien, grenzüberschreitenden Informationsaustausch verbreitet werden, die kriegerische Nutzung soll verboten und dieses Verbot international durchgesetzt werden. Bezüglich der Bombe, so schloss sich Stimson an, solle ein internationales Kontrollorgan wachen. Eigentlich war man sich einig. Dann ergriff Außenminister Byrnes das Wort und sagte, dass das Manhattan-Projekt jetzt so schnell wie möglich vorangetrieben und mit einem konkreten Resultat, das heißt einer einsetzbaren Bombe, beendet werden solle. Zudem sollen sich die Wissenschaftler Gedanken über mögliche Ziele machen. Man schaue nachher, wie es weitergehen soll.

Was Oppenheimer und die anderen, die immer noch an den Abschreckungscharakter glaubten, vorerst nicht wussten, war, dass Truman schon ernsthaft darüber nachgedacht hatte, die Bombe tatsächlich einzusetzen. Oder war es Byrnes, der dies mit seinen Worten suggerierte? Oppenheimers Bemühungen, auf seinen Kanälen den Abwurf zu verhindern, waren umsonst. Ein letzter zahmer und nicht sehr überzeugender Versuch, den er zusammen mit Stimson ersann, bestand im Vorschlag, japanische Beobachter zur Testzündung einzuladen. Zeugen aus dem Land des letzten Krieggegners sollen die Kunde in ihre Heimat mitnehmen, dass die Atombombe katastrophale Zerstörungen bringen würde. Die Frage war nur: was teilten die Gäste mit, wenn der Test misslingen sollte? Oppenheimer gab seinen Widerstand auf.

In der Folge versuchte er zusammen mit Arthur Compton dem Komitee einen kontrollierten Einsatz zu Demonstrationszwecken schmackhaft zu machen. Ein kleiner, räumlich eingeschränkter Warnschuss. Offenbar waren innerhalb des Komitees die Meinungen geteilt. Oppenheimer fasste die Debatte so zusammen: »Diejenigen, die eine rein technische Demonstration befürworten, wollen den Einsatz von Atomwaffen verbieten. Sie befürchten, dass unsere Position in Zukunft beeinträchtigt wird, wenn wir die Waffen jetzt einsetzen. Andere betonen die Möglichkeit, amerikanisches Leben durch sofortigen militärischen Einsatz zu retten, und glauben, dass ein solcher Einsatz die internationalen Aussichten verbessern wird, da sie sich mehr um die Verhinderung eines Krieges als um die Beseitigung einer bestimmten Waffe sorgen.«[9] Byrnes sperrte sich gegen den Vorschlag eines atomaren Warnschusses. Gleichwohl wurde nach dem letzten Treffen des Interimskomitees am 1. Juni 1945 Truman vorgeschlagen, möglichst bald einen eingegrenzten Einsatz der Bombe vorzusehen. Das Ziel soll eine militärische Anlage in Japan sein und die Bombe soll ohne Vorwarnung gezündet werden. Stimson war überzeugt, eine solche technische Demonstration würde Japan dazu bringen, zu kapitulieren. Es könnten sowohl auf US-amerikanischer wie auf japanischer Seite viel Leid und Opfer verhindert werden. 

An einer Sitzung des US-Präsidenten mit diversen Generälen und seinem Stab am 18. Juni 1945 wurden die verschiedenen Optionen, wie man Japan besiegen könnte, erwogen. Eine Invasion sei mit hohen Verlusten verbunden, war der Tenor. Die Militärs eierten um den Einsatz der Bombe herum, es schien so etwas wie ein Tabu gegeben zu haben, sich dazu zu äußern. Zu unklar war es den Generälen, was diese Bombe wohl verursachen würde und welche militärischen Folgen sich daraus ergeben würden. So stellte sich etwa die Frage, ob US-amerikanische Soldaten nach einem Abwurf in Japan invadieren sollen und sich der Verstrahlung aussetzen müssen. So war es dann Stimson Stellvertreter John McCloy, der sagte, man solle den Japanern mit der Bombe drohen. Man einigte sich, mit der Entscheidung zu warten, bis die Waffe getestet worden sei. 

Am 16. Juli 1945 wurde auf den White Sands Proving Grounds die erste Atombombe im sogenannten Trinity-Test gezündet. Als klar wurde, wie überwältigend erfolgreich sie »geforscht« hatten und es noch klarer wurde, dass die Militärs und die Regierung sich nun umso mehr für diese Waffe interessieren würden, wussten Oppenheimer und seine Kollegen, dass sie dereinst eine große Schuld zu tragen haben. Die Forscher wurden von der Regierung beauftragt, auf einer Liste von Zielen in Japan die Durchführbarkeit und Schlagkraft der Bombe einzuschätzen. Zähneknirschend erfüllten sie auch diesen Wunsch. Oppenheimer Hoffnungen, dass Byrnes und Truman vielleicht doch noch eine technische Demonstration erwägen würden, schwanden. 

Ab dem 17. Juli weilte Truman an der Potsdamer Konferenz. Dabei unterhielt er sich mit Josef Stalin und Winston Churchill auch über eine gemeinsame Invasion in Japan. Sollte zumindest Stalin seine Einwilligung geben, die USA bei einem konventionellen Kriegseinsatz zu unterstützen, wäre Truman zufrieden gewesen, es hätte dann einen valablen Plan B zum Atomeinsatz gegeben. Außenminister Byrnes war nicht sonderlich begeistert von dieser Perspektive. Zudem drängte er Truman, nur eine bedingungslose Kapitulation zu akzeptieren. Stimson, der in Washington blieb, war anderer Ansicht. Truman lavierte. Er fragte bei General Marshall nochmals nach, wie hoch die Opferzahlen auf ihrer Seite bei einer Invasion sein würden. Marshall schätzte zwischen 250'000 und einer Million – und man müsse damit rechnen, dass die Invasion bis November 1946 dauern werde. 

Am Abend des 24. Juli erwähnte Truman im Schloss Cecilienhof beiläufig Stalin gegenüber, sie hätten eine neue Wunderwaffe. Stalin sagte, das freue ihn, er hoffe, sie könnten sie gegen Japan erfolgreich zur Anwendung bringen.[10] Diese indirekte Einwilligung bewog Truman dazu, die Atombombe tatsächlich einzusetzen und er erteilte General Carl A. Spaatz am nächsten Tag die Order, den Abwurf vorzubereiten. In der Potsdamer Erklärung vom 26. Juli forderten die USA, die Sowjetunion und das Vereinigte Königreich Japan indes nochmals dazu auf, bedingungslos zu kapitulieren. Die Antwort Japans blieb unklar. Trumans Entschuss, den Befehl zum Abwurf zu geben, stand somit nichts mehr im Wege. Ab dem 31. Juli, nachdem alle Bestandteile der Atombombe namens »Little Boy« auf dem US-amerikanischen Stützpunkt auf Tinian zusammengesetzt worden waren, war die »Wunderwaffe« einsatzbereit. Tinian liegt 2300 Kilometer südlich von Japan im Pazifik, die geplanten Abwurfziele waren für B-29-Bomber gut erreichbar. 

In einem Briefing in Tinian teilten am 4. August der Pilot Paul Tibbets und der Navy Captain William S. Parsons ihrer Truppe mit, dass sie den Einsatzbefehl für den Abwurf einer Atombombe erhalten haben. Das Wetter verzögerte die Ausführung des Befehls um einen Tag. Am frühen Morgen des 6. August 1945 startete Tibbets die Motoren des Bombers »Enola Gay«. Das Flugzeug hob ab und erreichte das Abwurfziel über Hiroshima kurz vor 8 Uhr. »Little Boy« wurde um 8 Uhr 15 Minuten und 7 Sekunden auf fast 10'000 Metern Höhe ausgeklinkt und detonierte 55 Sekunden später 600 Meter über dem Stadtzentrum von Hiroshima. Nachmittags um 14 Uhr griff der militärische Leiter des Manhattan-Projekts General Groves zum Telefonhörer und rief Oppenheimer an, um ihm zu gratulieren.

Groves: »… ich finde die Wahl des Leiters von Los Alamos gehört zum Klügsten, was ich je getan habe.«

Oppenheimer: »Nun, da bin ich nicht so sicher, General Groves.«[11]

Oppenheimer hoffte darauf, dass die Auswirkungen des Abwurfs die Verantwortlichen zur Einsicht bringen würde, von einem Einsatz einer weiteren Bombe abzusehen. Vergeblich. Es folgte der Abwurf des »Fat Man« über Nagasaki am 9. August 1945. Die Schätzungen über die Anzahl Menschen, die insgesamt bis heute durch die beiden Bomben und an den Spätfolgen gestorben sind, gehen von 260'000 bis 400'000 Opfern.

Am 17. August spricht Oppenheimer bei Stimson vor und teilt ihm mit, dass zwar »erstens Atomwaffen sich in den kommenden Jahren qualitativ und quantitativ verbessern (würden)«, aber dass »zweitens eine angemessene Verteidigung gegen Atomwaffen nicht entwickelt (werden) würde; drittens die USA ihre Hegemonie über Atomwaffen nicht behalten würden; viertens Kriege nicht verhindert werden könnten, selbst wenn bessere Atomwaffen entwickelt würden.«[12]

Bei der Entgegennahme einer Anerkennungsurkunde in Los Alamos am 16. Oktober 1945 durch General Groves sagte Oppenheimer in seiner Dankesrede zu seinen Kollegen: »Wenn Atombomben als neue Waffen in die Arsenale einer kriegsführenden Welt oder in Arsenale von Ländern, die sich auf einen Krieg vorbereiten, aufgenommen werden, dann wird die Zeit kommen, dass die Menschheit die Namen Los Alamos und Hiroshima verflucht.«[13] Zu General Groves sagte er, als er Bilder der Zerstörungen in Japan gesehen hatte, an seinen Hände klebe nun Blut.[14]

In Oppenheimers Aussage, »es war ein Werk der Forschung. Es war keine Vorbereitung einer Waffe« könnte der Kern liegen, weshalb bisweilen die Wissenschaft und die Politik beziehungsweise die Gesellschaft einander nicht immer verstehen. Die Forscher wollen forschen und Erkenntnisse gewinnen, ihnen geht es um wissenschaftlichen Fortschritt und Erkenntnis. Die Politiker und die Gesellschaft wollen konkrete Resultate, ihnen beziehungsweise ihr sind die angewandte Forschung oder die Technologien wichtig. Das führt zu Zielkonflikten. In unzähligen Geräten, Alltagsgegenständen, Instrumenten, Apparaten bis hin zu Sportgeräten, Kleidern und Nahrungsmitteln ist immens viel Wissenschaft verborgen. Unseren Alltag bewältigen wir nur mit ihr und wegen ihr und wir sind dankbar dafür. Erst wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit zum Beispiel religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen, denen wir anhängen mögen, oder mit unserer Sorge um das wirtschaftliche, ökologische, gesellschaftliche, physische oder psychische Wohlergehen in Konflikt zu geraten droht, werden wir allenfalls zu Skeptikern.

Zurück zum Schreibtisch.


[1] Im Tribunal ging es darum, ob Oppenheimer die »Clearance«, also den Zugang zu geheimen Dokumenten, abgesprochen werden soll, da er sich wiederholt »antiamerikanisch« verhalten und geäußert und aktiv an der Verzögerung der Entwicklung der thermonuklearen Bombe nach dem Krieg verzögert haben soll.

[2] Richard Pollenberg (ed.), In the Matter of J. Robert Oppenheimer, The Security Clearance Hearing, Ithaca/London, 2002, S. …

[3] Zusammen mit Enrico Fermi, der ebenfalls ein einflussreicher Forscher in Los Alamos war, erzeugte er im Dezember 1942 die erste Kettenreaktion in einem Kernreaktor.

[4] Der Physiker und spätere Molekularbiologe Leo Szilard stammte aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Budapest. Studien brachten ihn nach Deutschland, von wo er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 nach Wien, später nach England und schließlich in die USA flüchtete. Szilard war bereits vor der Zeit in Los Alamos politisch aktiv. Er war Autor eines Briefes vom 2. August 1939 an Präsident Roosevelt, der von Albert Einstein unterschrieben wurde. Darin schreibt er, die amerikanische Regierung solle versuchen, eine Atombombe zu entwickeln, denn Deutschland habe den Verkauf von Uran gestoppt, was darauf hindeuten könnte, dass deutsche Forscher es selber verwenden, also selber eine Bombe bauen wollen. 

[5] Cynthia C. Kelly (ed.), The Manhattan Project, NYC 2009, S. 292

[6] Kai Bird/Martin S. Sherwin, J. Robert Oppenheimer, Berlin 2010, S. 289

[7] Sitzungsprotokoll zitiert in: Ebd., S. 289

[8] Ebd.

[9] Zitiert in Chris Wallace (zusammen mit Mitch Weiß), Countdown 1945, The extraordinary Story of the Atomic Bomb and the 116 Days that changed the World, New York, 2020, S. 85

[10] Besonders überrascht war Stalin über die Nachricht nicht. Der Physiker Klaus Fuchs war als Spion in Los Alamos und berichtete Moskau. Die Sowjets forschten seit drei Jahren ebenfalls an einer Atombombe.

[11] Kai Bird/Martin S. Sherwin, J. Robert Oppenheimer, Berlin 2010, S. 308

[13] Kai Bird/Martin S. Sherwin, J. Robert Oppenheimer, Berlin 2010, S. 323

[14] Gemäß des Films von Barry Davies, J. Robert Oppenheimer. Atomphysiker. BBC 1980