Schreibtisch

«Blocher spielt mit», schreibt Irene Widmer vom Schweizer Feuilletondienst.

Und: «Ein Buch für Leute, die sich für Wirtschaft interessieren.» Der ganze Artikel ist hier nachzulesen www.feuilletondienst.ch

Carole Koch und Peter Hossli machen sich in der NZZaS auf eine Virenreise mit dem martialischen Titel: Wenn das Virus angreift. Als Gegenmittel gegen solche Zytokinstürme – so bestätigen auch kürzlich veröffentlichte Untersuchungen von Roche –, kommen eventuell Medikamente mit dem Wirkstoff Tocilizumab in Frage.

Zur Virenreise – oder ist es eher ein Höllenritt?

»Es agiert undercover. Tarnung ist seine Spezialität. Niemand weiß, wo es wann ist. Nicht einmal die Zellen, die es kidnappt. Wächter können es nicht erkennen und keinen Alarm schlagen. Selbst wenn es längst im Zellinnersten angekommen ist und sich dort vermehrt. Hundert- bis tausendfach. Aber dann ist es bereits zu spät. Viraler Status. Notstand.«[1] Die Gefahren lauern überall. Ein Niesen, ein Husten. Ein Tröpfchen wird von einem infizierten Menschen ausgespuckt, ausgehustet, abgesondert. Es setzt sich auf eine Türklinke, landet auf einer Parkbank, an einer Blechdose, bleibt in der Luft. Ein anderer drückt auf die Klinke, setzt sich auf die Bank, greift nach der Dose, atmet ein und ist schwuppdiwupp zum neuen Wirt geworden. Das etwa 120 Nanometer kleine Virus macht sich mit dem neuen Wirt bekannt. Corona heißt es wegen der Zacken, die die Oberfläche überziehen. Sie sind »eine Geheimwaffe, ein Schlüssel zu jenen Zellen, die vor allem in der Nase sitzen, dem Mund, der Lunge oder im Herz-Kreislauf-System.«[2] Das Virus stößt auf Widerstände. Nicht überall finden sich offene Tore. Die Haut ist undurchdringbar, landen sie im Magen, zerstört die Säure ihre Hülle, werden sie eingeseift, gehen sie kaputt. Eintritt nur über Nase, Mund und Augen.

Das nächste Hindernis sind die Schleimhäute. Deren Moleküle zerhacken die Zacken. Also nichts wie hinein in die Zellen. Es tarnt sich als Protein, die Zelle glaubt, mit Stoffen oder Nachrichten versorgt zu werden. Aber nichts da. Die Zacken passen in die Zellrezeptoren wie ein Schlüssel in den Tresor. Sesam öffne dich. Das Virus wird einverleibt. Dieser Vorgang nennt sich Endozytose. Und jetzt folgt die Methode Troja. Zuerst muss sich das Virus noch hüten, von den Wächtern nicht entdeckt zu werden. Je länger das gelingt, umso sicherer wird es. In verdeckter Mission übernimmt es die Kontrolle der Zelle, es beginnt das System zu ändern und stellt das Zellprogramm um auf Virenproduktion. Eine Unmenge Viren werden hergestellt, soviel, dass es bald zu eng wird. Die Zelle aktiviert ein Selbstzerstörungsprogramm, die Viren werden freigesetzt. Nun ist aber das Immunsystem alarmiert. Es schickt Fresszellen, den Viren geht es an den Kragen. Sie versuchen sich irgendwo festzuklammern, damit sie nicht im Schleim nach draußen befördert werden. Der Wirt, also der Mensch erkrankt. Zwar merkt er nichts vom Virus selbst, aber vom Kampf seines Immunsystems gegen den Eindringling. Meistens gewinnt das Immunsystem, die Viren werden ausgestoßen. Wieder an der frischen Luft, vielleicht auf einer Türklinke, vielleicht auf einer Parkbank, einer Blechdose oder in der Luft warten sie auf eine neue Chance mit einem anderen Wirt. Gelingt es dem Virus, sich weiter in Richtung Lunge vorzukämpfen, reagiert das Immunsystem mit größeren Fresszellen, den Killerzellen, und es erhöht gleichzeitig die Temperatur. Die überlebenden Viren drängen weiter, aber die nächste Waffe des Immunsystems wird aktiviert: die Antikörper. Sie zwacken die Zacken ab. Es bedeutet das vorzeitige Ende der Virenreise. Hat der Wirt ein geschwächtes Immunsystem, entfalten die Antikörper ihre Wirkung nicht. Vielleicht helfen Medikamente, die Ärzte hoffen es und experimentieren damit. Kaltera, Chloroquin, Remdesivir.[3] 

Nützt das nicht, dringt das Virus in die Lunge vor. Dort treffen sie auf weitere Gegner, Großfresser und sogenannte T-Zellen und hormonartige Botenstoffe. Jetzt ist im Wirt definitiv die Alarmstufe rot ausgerufen worden. Enzyme werden produziert, die die Nervenzellen zusammendrücken, das verursacht Schmerzen. Die Lunge funktioniert nicht mehr richtig, sie schwellt an, der Sauerstoff kann nicht mehr aufgenommen werden, Schleim sammelt sich an. Es ist der Zeitpunkt, um eine Sonde zuzuführen, die Sauerstoff liefert. Die Entzündung breitet sich im Körper aus. Im schlimmsten Fall versagt das Herz, die Nieren steigen aus, lebenswichtige Organe kapitulieren. Das Immunsystem kollabiert. Stirbt der Wirt, ist oftmals nicht klar, was die genaue Ursache ist. Vielleicht auch deshalb zählen verschiedenen Länder so unterschiedlich, denn was war genau die Todesursache? Überlebt der Wirt, ist das Virus tot. Stirbt der Wirt, ist das Virus auch tot. Außer kurz davor hustet der Wirt das letzte Virus doch noch aus. Dann war es zu spät. Die Virusreise ist zu Ende. 

Kleiner Nachtrag: Reise? Ein Euphemismus. Eine Luxuskreuzfahrt all inclusive? Mitnichten. Nein, sie gleicht eher einer Invasion oder einem Zerstörungsfeldzug. Bilder aus der Verfilmung des zweiten Bandes von J.R.R. Tolkiens Trilogie Der Herr der Ringe tauchen auf. Gewürzt mit einer Prise – Koch/Hossli haben es beschrieben – Troja. Die Schlacht um Helms Klam: Corona als Orks und Uruk-hais, angeführt von Samuran, gegen die Truppe des Immunsystems, verkörpert unter anderem durch Théoden, Haldir, Gimli, Legolas und den totgeglaubten Aragorn. Die Helms-Klamer wehren sich gegen die Angriffswellen, aber die Orks und Uruk-hais überwinden Befestigungsring um Befestigungsring, schlagen Breschen und stürmen zur nächsten Mauer. Sie dringen immer näher ans Zentrum. Die Lage scheint aussichtslos, die letzten Kräfte werden mobilisiert. Und am Schluss kommt der weiß gewandete Gandlaf mit den Reitern, quasi der Weißkittel, der eine Sonde zuführt. Ihnen gelingt es, das Heer des Samuran in die Flucht zu schlagen. Im Film gewinnen die Richtigen, erleiden aber große Verluste. Vernarbungen und Traumata bleiben zurück. In der Realität ist es leider nicht immer so. 

Nun zu den Untersuchungen über Gegenmittel: Ein Zytokinsturm und »Mit Blutverdünner gegen Covid-19«:

Es ist mittlerweile durch verschiedene Untersuchungen bestätigt worden, dass die SARS-CoV-2 Entzündungen auslösen. Bei Patienten mit einem geschwächten Immunsystem kommt es zu Überreaktionen bei der Bekämpfung der Viren, die lebensbedrohliche Komplikationen hervorrufen können. Das Protein Zytokin steuert ganz allgemein die Abwehr gegen Erreger. Bei einer Überreaktion des Immunsystems werden Zytokinen unkontrolliert freigesetzt. Man spricht von einer Hyperzytokinämie oder einem Zytokinsturm.[4] 

Der Antikörper Tocilizumab verhindert, dass Zytokine sich an die Zellen andocken können, ein Zytokinsturm kann somit verhindert werden. Bisher wurde Tocilizumab vor allem zur Behandlung von rheumatoider Arthritis bei Kindern verschrieben. In einer chinesischen Studie wurde untersucht, ob Tocilizumab, das auch unter dem Namen Actemra bekannt ist, bei Covid-Patienten positive Wirkung zeigt. »Die Patienten, bei denen schweres oder kritisches Covid-19 diagnostiziert wurde, erhielten zwischen dem 5. und 14. Februar 2020 zusätzlich zur Routinetherapie Tocilizumab… Das Fieber normalisierte sich am ersten Tag und andere Symptome besserten sich innerhalb weniger Tage bemerkenswert. Nach 5 Tagen konnte bei 15 der 20 Patienten die künstliche Sauerstoffaufnahme gesenkt werden, und ein Patient benötigte keine Sauerstofftherapie.«[5] Insgesamt wird eine positive Bilanz gezogen: »Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Tocilizumab die klinischen Symptome wirksam verbessert und die Verschlechterung schwerer Covid-19-Patienten unterdrückt.« 

Auf der Forschung-und-Technik-Seite der NZZ schreibt Stefanie Lahrtz über Erkenntnisse bei der Behandlung von Covid-19-Patienten. Ärztinnen und Ärzte haben festgestellt, dass das Virus direkt die Blutgefässe angreife und somit die Blutgerinnung verstärke. Sowohl in München als auch in Zürich werden bei Patienten mit Blutgerinnungsschwierigkeiten daher relativ erfolgreich Blutverdünner abgegeben. Es habe sich gezeigt, dass bis zu zwei Drittel aller Covid-19-Toten (die Zahlen stammen aus Zürich, München und Mailand) »Mikrothromben, Entzündungen von Gefässen in diversen Organen, Lungenembolien und andere Gerinnungsstörungen« aufweisen.[6] Es seien also nicht zwingend etwa versagende Lungenbläschen Schuld, sondern verstopfte kleine Blutgefäße in den Lungen. Das sei eher ungewöhnlich und komme sonst bei Influenza-Erkrankungen nicht vor. Der ganze Körper werde von solchen Entzündungen der Blutgefäße in Mitleidenschaft gezogen. Daraus können sich Blutgerinnsel entwickeln. Deshalb könne vielleicht auch erklärt werden, warum gesunde, sportliche, jüngere Menschen ebenfalls schwer erkrankten, dann nämlich, wenn eine Blutgerinnungsstörung vorliege. Und es könnte damit zudem erklärt werden, dass nicht nur die Lunge, sondern auch andere lebenswichtige Organe wie die Niere, das Herz oder die Leber versagen können. Das Krankheitsbild muss modifiziert werden.

Bei Risikopatienten mit Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Arteriosklerose oder bei Rauchern seien die Blutgefäße ebenfalls nicht mehr robust genug, deshalb erkrankten diese schwerer. Wenn schon relativ früh die Behandlung mit Blutverdünnern begonnen werde, könne ein problematischer Verlauf gelindert oder sogar vermieden werden, meint Niels Kucher, Angiologe am Universitätsspital Zürich. In der FAZ unterstützt Joachim Müller-Jung diesen Befund. Aus den Schilderungen von Ärzten und Pathologen kann geschlossen werden, dass es sich bei Covid-19 nicht um eine besonders starke Grippe handle, die die Lungen angreife, sondern um eine Systemerkrankung.[7] Das Virus finde überall molekulare Eintrittspforten und so komme es zwangsläufig auch zu Nierenversagen, Infarkten, Hirnhautentzündungen, schweren Durchfall und bei Risikogruppen zu weiteren Schädigungen. Das »entscheidende Schlachtfeld aber verbindet alle Organe: Im Blut verursachen die Viren ein regelrechtes Chaos.«[8] Die immunologische Überreaktion führe im ganzen Körper zu fatalen Verheerungen. Eben zu einem Zytokinsturm. Müller-Jung sorgt sich auch um die Langzeitfolgen bei den Patienten. Die Zerstörungen im Gewebe hinterlassen tiefe Spuren, Vernarbungen, Traumata. Umso mehr seien auch die Medikamente, die die unmittelbare Virusvermehrung bekämpfen, besonders wichtig. 

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[1] NZZaS, 15.3.2020, S. 16

[2] Ebd.

[3] Unterdessen hat sich herausgestellt, dass alle drei Mittel, also auch Remdesivir, nicht die erhoffte Wirkung entfalten. https://www.scinexx.de/news/medizin/corona-warum-remdesivir-so-wenig-wirkt/

[4] Juliane Gutmann, Zytokinsturm als Grund für gefährliche Covid-19-Verläufe, Merkur, https://www.merkur.de/leben/gesundheit/coronavirus-zytokinsturm-ursache-...

[5] Xiaoling Xu et al., Effective treatment of severe COVID-19 patients with tocilizumab, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United Sates of America (PNAS) https://www.pnas.org/content/117/20/10970 (abgerufen am 23.5.2020)

[6] NZZ, 23.5.2020, S. 40

[7] Joachim Müller-Jung, Mehr als nur eine LungenkrankheitFAZ Appversion, 27.4.2020

[8] Ebd.

Geschickt gemacht!

«Der Leser des Romans jedenfalls kann erst nach dem Lesen des letzten Kapitels die ganze Tragweite des Autounfalls ermessen. Geschickt gemacht!»
mona lisa bloggt

Die Menschheit steht an einem Wendepunkt meint Josef H. Reichholf in der NZZ und versucht herauszuschälen, wann dieser Wendepunkt seinen Ursprung hat. War dieser Ursprung auch die Geburt des Anthropozäns? In der gleichen Zeitung hält Philipp Blom fest: Die Pandemie ist unser philosophisches Erdbeben. Das Ereignis sei vergleichbar mit dem Erdbeben in Lissabon.

Das sagt Josef H. Reichholf:

Der Begriff des »Anthropozäns« geht auf den Atmosphärenchemiker Paul Crutzen zurück. Das Erdzeitalter, in dem der Mensch für prägende Auswirkungen auf die Erdgeschichte verantwortlich ist, bekommt somit ein eigenes Zeitalter. 

Doch die Frage stellt sich, wann der Beginn der neuen Epoche festzusetzen ist. Leitfossilen der Menschheit könnten Kronkorken, Abziehlaschen oder Autowracks sein. Reichen diese Kandidaten jedoch, um gleich einen Zeitenbruch zu deklarieren? Nein, aber vielleicht Neuerungen aus Menschenhand wie »die massive Freisetzung von Stickstoffverbindungen als Pflanzennährstoffe, verbunden mit großflächigen Landschaftsveränderungen, sowie der Ausrottung in einer Geschwindigkeit«, wie man das bisher kaum kannte? 

Die Meinungen darüber, ob das reicht, gehen auseinander. Klimaerwärmung und industriell hergestellte, also menschengemachte, synthetische Stoffe, die sich in der Atmosphäre ausbreiten (FCKW, DDT), scheinen starke Hinweise für einen anthropogenetischen Epochenwandel zu sein, meinen einige Theoretiker. Aber wenn durch Vulkanausbrüche noch gigantischere Mengen Kohlendioxid ausgestoßen werden, wird dann auch nicht gleich ein neues Zeitalter ausgerufen, monieren die Kritiker. Wäre die Verbreitung der künstlich hergestellten Radioaktivität mit den Bomben auf Hiroshima und Nagasaki und die darauffolgenden zahllosen Atomtests eine gültige Eigenschaft? Das stimmt dann aber mit der Klimaerwärmung nicht mehr überein, denn die begann etwas später, zumindest war in den 1950er-Jahren bis Mitte der 1960er-Jahre das Wetter eher kalt (wobei: Wetter nicht gleich Klima). Allerdings wurde die Basis für die Erderwärmung mit dem Wechsel von Holz auf die fossilen Energieträger schon im 18. und 19. Jahrhundert geschaffen. Müsste man also, da die grundlegende Haltung der Unterwerfung der Natur auf die Zeit zurückgeht, als die Menschen sesshaft wurden und mit der Urbarmachung des Landes begannen, den Anfang des Anthropozäns vor 12'000 Jahren ansetzen? Mit der Industriellen Revolution vollzog die Menschheit zwar einen Quantensprung, aber die Logik der Naturbeherrschung war eben schon viel älter. 

Wendezeiten der Erdgeschichte werden immer von einem Massenaussterben begleitet. Es gab schon vor dem Holozän Eiszeitmenschen (die man anatomisch zu den Homo sapiens zählt) und Neandertaler, die einander bekriegten und die zahlreiche Großtierarten ausgerottet haben. Die mit Fossilien belegte Vernichtung von Tierarten wurde demnach schon vom späteiszeitlichen Menschen begonnen und setzt sich bis in die Gegenwart fort. Beginnt die menschengemachte Epoche also gar schon vor dem Auftauchen des eigentlichen Homo sapiens im späten Pleistozän und geht auf die Neandertaler, Denisovaner, Aborigines etc. zurück? 

Wenn die Überzeugungskraft der verschiedenen Ursachen miteinander verglichen wird, spricht, so Reichholf, einiges für das Industriezeitalter. Denn: Erstens setzte das globale Bevölkerungswachstum erst dann richtig ein; zweitens erlaubte die Nutzung fossiler Energieträger einen größeren Einsatz von Maschinen und drittens begann in dieser Phase auch der globale Kolonialismus, der bis jetzt fast ungebremst weitergeht. Der Motor, der die Weltgesellschaft und Weltwirtschaft am Laufen hält, ist und bleibt die Ausbeutung und der Raubbau der natürlichen Ressourcen. Obwohl die Investitionen in erneuerbare Energien gestiegen sind, sind diese Energieträger über das Gesamte gesehen kaum klimawirksam. Mit dem Emissionshandel wurde »ein lukrativer Ablasshandel für Verschmutzungsrechte installiert«, schreibt Reichholf. Und weiter: »Dieser erinnert nicht nur oberflächlich an das mittelalterliche Vorbild des kirchlichen Sündenablasshandel.«

Ohnehin bleiben die Versuche, das Klima zu retten, wirkungslos, auch wenn Abermilliarden Geld in die Bemühungen gelenkt werden. Das Elektroauto beispielsweise richte sich für seine Antriebsenergie nach denselben Gesetzen wie Benziner, müssten für die Batterien doch ebenfalls natürliche Ressourcen ausgebeutet werden. Dies alles, so Reichholf, seien die Eigenschaften der gegenwärtigen Epoche. Warum das so ist, bleibt im Dunkeln. Ein Hinweis auf dieses »Warum« könne eventuell der globale Migrationsdruck liefern. Hinter der Migration steht der Wunsch nach der Teilhabe aller Erdbewohner an den Wonnen des materiellen Wohlstands. Dieser globale Wunsch trifft auf den Widerstand jener, die befürchten, diesen Wohlstand zu verlieren. »In dieser Entwicklung scheint es keine ernsthafte Rücksicht auf die Lebensverhältnisse der Mehrheit der Menschheit und das Schicksal der anderen Lebewesen auf diesem Planeten zu geben.« Es existiert eine starke Ungleichheit.

Sapiens bedeutet eigentlich vernünftig, klug, einsichtsvoll, weise. Der Homo sapiens hat die in ihn gesetzten Erwartungen, die der Bedeutung des Wortes einlösen würden, bis jetzt nicht erfüllt. Sein Ausrottungsverhalten gegenüber Natur und Mensch spricht eine klare Sprache, die Vernunft konnte sich bis jetzt auf der Handlungsebene nicht durchsetzen, das Emotionale und Egoistische überwiegt. Evolutionsbiologen sind aber nicht ohne Hoffnung, deute doch einiges darauf hin, dass die Empathiefähigkeit am Zunehmen sei. Zum Beispiel gegenüber den Tieren. Das könne ein Anfang sein. Um ein stabiles System zu erreichen, müsse man anerkennen, dass es Ungleichgewichte gibt. Ziel ist es nun, diese Ungleichgewichte auszutarieren. Die Stabilisierung ist bis jetzt aber Fiktion geblieben. Solange der homo oeconomicus das Spiel beherrscht, solange bleibt der homo sapiens unterdrückt. Erst eine Umorientierung des homo oeconomicus in Richtung des homo sapiens rechtfertige den Begriff des Anthropozäns. Reichholf spricht von einer Symbiose der beiden Homines, in der Egoismen ab- und das Gemeinwohl ausgebaut werden müssen. Und das wird Opfer fordern. »Unser Ausblick besagt daher: Wir sollten uns besser auf das Anthropozän mit seinem globalen Wandel einstellen, als den nicht zu haltenden Zustand zwanghaft erhalten zu wollen.« Reichholf schließt mit der rousseauschen Wendung, dass wir uns an der Natur des Menschen zu orientieren haben und nicht an den Zuständen der Natur.

 

Das sagt Philipp Blom:

Am Morgen des 1. November 1755 besuchten die frommen Menschen die Gotteshäuser in Lissabon. Um 9 Uhr 40 bebte die Erde und die Stadt wurde von einem schweren Erdbeben erschüttert. Kirchen und Häuser stürzten ein. Die Trümmer begruben zahllose Menschen unter sich, die Kerzen, die in den Kirchenräumen angezündet wurden, setzen die Gebäude in Brand, ein Inferno breitete sich aus. Viele Menschen flüchteten aus den Häuserschluchten zum Hafen, kaum dort angekommen, wurden sie von der Welle eines Tsunamis weggespült. Zehn- bis Dreißigtausend Menschen verloren ihr Leben. Und das an Allerheiligen. Wie konnte, so fragte man sich, ein gütiger und vernünftiger Gott eine solche Katastrophe zulassen?

Orthodoxen Kommentatoren war es bald klar: Göttliche Strafe, zumal das Gebiet um den Hafen als Rotlichtviertel galt. Aber was dachten die Denker der Aufklärung, die die Rolle Gottes in einem »vernunftzentrierten Universum« neu zu klären versuchten? In Candide etwa ging Voltaire mit seiner Kritik mit den »religiösen Schöndenkern« hart ins Gericht. Der rettungslos optimistische Pangloss meint trotz aller schrecklichen Erlebnisse, die ihm widerfahren sind, unverdrossen daran, dass er in der »besten aller Welten« lebt. Seiner selbst entfremdet, lebt der Mensch vor sich hin. »Lissabon«, so Philipp Blom, »wurde als Synonym für die analytische Schwäche der rationalen Religion.« Das Verhältnis zwischen Natur und Religion musste grundlegend überdacht werden.

Wie verhält es sich mit der gegenwärtigen Pandemie, für die es zurzeit ebenso wenig Erklärungsmuster gibt? Können wir für die Beschreibung der jetzigen mentalen Erschütterung das Beben Lissabon als historischen Vergleich heranziehen? Trotz unterschiedlicher materieller, sozialer und intellektueller Umstände? Schwierig, meint der US-amerikanische Historiker Samuel Moyn im New York Review of Books. Ein Vergleich sei immer auch ein politischer Akt. Parallelen und Unterschiede mit der Vergangenheit könnten zwar schon helfen, die Gegenwart zu analysieren, »aber nicht, wenn sie möglich machen, sich in einer melodramatischen Gerechtigkeitspose zu gefallen... während gleichzeitig eine schrecklich normale Zukunft vorbereitet wird«, so Moyn. Besteht diese Gefahr beim Vergleich des Erbebens von Lissabon und der Pandemie von 2020, fragt sich Blom. Wenn es nicht darum geht, die eigentlichen Katastrophen zu vergleichen, sondern deren intellektuelle und philosophische Verarbeitung, könne man diesen Vergleich schon wagen. 

Der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut von Rosa benutzt den Begriff der Resonanz, um zu beschreiben, in welchem historischen Raum sich Individuen und Gruppen in einer bestimmten Epoche bewegen und ihre Erfahrungen machen. Dieser Raum erzeugt einen eigenen Klang. Man kann es vergleichen mit einem lasierten Tontopf: Wenn wir mit dem Fingernagel an dessen Oberfläche tippen, erklingt ein helles »Pling«. Der Topf ist intakt. Hören wir hingegen ein dumpfes »Tock«, ist der Topf beschädigt, der Resonanzraum ist gestört. Der geschichtliche Resonanzraum wird bestimmt von Weltanschauungen, Legitimationen von Macht und Politik, Verhaltensregeln, also davon, wie wir eine historische Epoche begründen und interpretieren. Er wurde nach dem Erdbeben 1755 erschüttert, es klang nach »tock«. »Die Geschichte von Lissabon 1755 handelt ... von der Krise einer kollektiven Fiktion«, schreibt Blom. Der Resonanzraum wurde ein anderer. Und jetzt? Hat sich der gegenwärtige Resonanzraum auch verändert?

Welche Kennzeichen bestimmen den heutigen Raum? Blom nennt »die Fiktion des absoluten Marktes und den liberalen Traum von Fortschritt und Wachstum«. Francis Fukuyama hatte in den 1990er Jahren geschrieben, dass sich die liberalen Marktkräfte durchsetzen und sie zur prägenden Erzählung der Zeit werden würden. Am makellosen Zustand dieser Fiktion wird heftig gezweifelt, nicht erst seit der Pandemie. Schon seit längerer Zeit steht das liberale, marktwirtschaftlich geprägte Projekt in der Kritik. Und jetzt in Coronazeiten reißt die Politik die Macht an sich, verordnet einen Stopp des Wirtschaftslebens und unterbricht die Automatismen des Marktes. Die Prioritäten werden anders gewichtet. Es stellt sich nun die Frage, wie grundlegend diese Schädigung ist. Ist es ein »Tock«? Oder kann der Riss lasiert werden, damit wieder ein »Bling« erklingt?

Blom identifiziert die tragenden Säulen der modernen, liberalen Markterzählung: Fortschritt, Universalismus, Vernunft, Freiheit. Diese Eigenschaften gründen auf einem christlichen Fundament: die Heilsgeschichte, die unsterbliche Seele, die freie Entscheidung zwischen Tugend und Sünde. Und auf dem Satz in der Genesis, in dem Gott Adam gebietet, sich die »Erde untertan« zu machen. Dieser Satz bezieht sich vermutlich auf jene geschichtliche Epoche, in der der Mensch sesshaft wurde und er begann, die Natur für seine Bedürfnisse zuzurichten. Für diese Nutzbarmachung brauchte der Mensch zuerst seine eigene Muskelkraft. Dann merkte er, dass Tiere für die Kultivierung von Land hilfreich sein können. Es kamen andere Quellen der Energienutzung hinzu: Wind und Wasser. Mit der Mechanisierung kamen Maschinen ins Spiel, deren Antrieb zunehmend von Brennstoffen übernommen wurden. Die Entwicklung schreitet stetig voran: Kohle, Gas, Erdöl etc. bis in unsere Zeit. Das geistige Rüstzeug liefern die Wissenschaft, die Technologie und die Ideen des globalen Marktes. Grenzen werden keine gesetzt. Die Grundlogik bleibt die gleiche: Mach dir die Erde untertan.

Und dann kommt ein klitzekleines Virus und paralysiert die ganze Welt. »Die Situation erinnert unausweichlich daran, dass der Homo sapiens nicht über und nicht außerhalb der Natur steht und dass eskalierende Eingriffe in die Natur eskalierende Folgen haben.« Das vernünftige, unabhängige und freie Individuum der Aufklärung wird plötzlich ein anderes Wesen: porös, verletzlich, anfällig, abhängig von körperfremden Mikrobiomen. Wir sehen uns nicht mehr über der Natur erhaben, sondern mitten in sie hineinversetzt und mit ihr verstrickt und vernetzt und abhängig. Das Bild der menschlichen Spezies als rational, unabhängig, souverän und frei bekommt bedenkliche Kratzer. In diesem Punkt sieht Blom die Verbindung zu Lissabon 1755. Die panglosssche »beste aller Welten«, alternativlos und verkörpert im marktliberalen Gesellschaftsmodell, wird grundlegend angezweifelt. Die essentielle Logik der Naturunterwerfung missachtet die natürliche Bedingtheit unseres Lebens und untergräbt unsere eigene Existenz. Wir müssen uns unserer Grenzen bewusstwerden und einsehen, dass das unendliche Wachstum kein Zukunftsmodell mehr sein kann. Insofern hat das Virus diese Grundproblematik, die schon seit längerem in der Klimadebatte breit diskutiert wird, noch einmal aufs Deutlichste aufgezeigt.

Blom betont, dass das keine moralische, sondern eine empirische Argumentation darstellt. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Die Zerstörung – beispielsweise – des brasilianischen Regenwaldes hat konkret mit uns Europäern sehr viel zu tun. Will die Menschheit kollektiv überleben, muss der Einzelne vermehrt mit den anderen zusammenarbeiten. Die Bedürfnisse des Individuums müssen mit jenen der Allgemeinheit, des Kollektivs in Einklang gebracht werden. Die Stichworte heißen: Koexistenz und Kollaboration. Jedoch schon John Maynard Keynes warnte: »Das Schwierigste ist nicht, neue Ideen zu entwickeln, sondern den alten zu entkommen.« Das Virus hat klar gemacht, dass die Dissonanzen im Resonanzraum nicht mehr zu ignorieren sind. »... (D)iese Pandemie ist ein Glied in der Kette von Ereignissen, die mit der Veränderung natürlicher Systeme einhergehen und die vom Menschen meist als Katastrophen erfahren werden, gerade weil überkommene Erklärungsmodelle und Erzählungen nicht mehr darüberpassen.«

Wir müssen uns auf die Suche nach dem neuen, gemeinsamen Resonanzraum aufmachen, in dem unser Handeln und unsere Haltungen zusammenfinden, um der Logik der Eskalation zu entkommen.

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Salisroom

passé

Lauschiger und sympathischer Abend beim Salis Verlag. Herzlichen Dank.

Die Berichte aus dem Quarantän und »Der Mensch erscheint im Holozän« von Max Frisch.

Zuerst ein Schuldbekenntnis: der Begriff »Quarantän« ist geklaut. 

Ruedi Widmer hat das Wort in der Rubrik »Unten links« in der Wochenzeitung (WOZ) vom 5. März 2020 verwendet. In seinem Cartoon ist ein Himmel kurz nach Sonnenuntergang zu sehen. Davor stehen Hochhäuser, deren Fenster zum Teil hell erleuchtet sind. Konturen von Menschen sind zu erkennen. Aber immer nur eine Person pro Fenster. Der Titel des Cartoons lautet: »Der Mensch erscheint im Quarantän«. Widmer seinerseits ließ sich für seinen Geniestreich offensichtlich von Max Frischs Erzählung »Der Mensch erscheint im Holozän« inspirieren. 

Kurz zur Erinnerung, worum es in Frischs Buch geht: Herr Geiser, ein 74jähriger Wittwer, sitzt in seinem Haus hoch oben in einem abgelegenen Dorf eines Tessiner Tals in selbst gewählter Isolation – er meidet unnötigen Kontakt mit anderen Menschen. Seit Tagen gehen Unwetter über der Region nieder, der Berg, der über dem Tal thront, droht hinunterzudonnern und der Ort, der von der Umwelt abgeschnitten ist, zu verschütten. Er wird sich gewahr, dass seine letzten Tage angebrochen sein könnten. Die Lage ist ernst. Woran sich festhalten?, fragt sich Geiser und beginnt mit Knäckebrot eine Pagode zu basteln. Der Versuch, sich mit einem Turmbau abzulenken, damit er das Grollen und Plätschern und Klöppeln auf das Blech nicht mehr hört, scheitert.

So beginnt er aus Lexika, Erdkundekompendien und Geschichtsbüchern sowie aus der Bibel Seiten herauszureißen oder schreibt Ausschnitte daraus auf Zettel ab und hängt damit die Wände seines Hauses voll. Daraus entsteht ein Sammelsurium aus für ihn greifbarem und im Moment wichtig scheinendem Wissen, wie beispielsweise über Dinosaurier, den Goldenen Schnitt, Erosion, Gesteine. Oder aus Schilderungen der Situation, in der er sich zu befinden scheint, wie beispielsweise die Passage über die Sintflut aus der Bibel. Oder er stellt Listen zusammen, wie beispielsweise mit Wörtern, die die verschiedenen Nuancen eines Donners beschreiben können. So kämpft er auch gegen den Zerfall seiner Geisteskraft und seines Gedächtnisses. Die Wolkenbrüche scheinen kein Ende zu nehmen, der Strom fällt aus. Die Lage wird prekär, die Selbstquarantäne unerträglich. Ein Fluchtversuch scheitert, Geiser schafft es nicht, den Pass, der ihn ins Nachbartal bringen könnte, zu überqueren. Er kehrt zurück. Bald darauf erleidet er einen Schlaganfall. Körperlich arg angeschlagen und geistig verwirrt, wird er schließlich von seiner Tochter, die sich um ihn Sorgen gemacht hatte, gefunden. Das Unwetter war vorüber, der Berg hatte gehalten, das Tal war wieder erreichbar und was vom Dorf zerstört worden war, wird wieder aufgebaut. Und was geschah mit der Natur, die das Unheil, das über ihn ausgebrochen war, ausgelöst hatte? Nichts. Sie weiß von nichts. »Die Ameisen, die Herr Geiser neulich unter einer tropfenden Tanne beobachtet hat, legen keinen Wert darauf, dass man Bescheid weiß über sie… Was heißt Holozän! Die Natur braucht keine Namen. Das weiß Herr Geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht.«[1]

Dieser Versuch hier knüpft an Herrn Geisers Intention an, zu fragen, woran man sich festhalten kann, wenn alles einzustürzen droht. Er ist eine Art Protokoll des Prozesses des Umgangs mit dem Phänomen »Pandemie«, das unser Leben gerade ziemlich kräftig umtreibt. Der Grat dieses Vorhabens ist schmal, links geht’s steil hinunter in Richtung Kitsch, Innerlichkeitsduselei und Pathos, rechts ebenso steil in Richtung Halbwertszeit des Wissens, Überschlagen der Ereignisse – und Belanglosigkeit.

Zur Fallhöhe rechts: Der Ehrgeiz besteht darin, Inhalte, die einmal formuliert sind, zu einem späteren Zeitpunkt nicht zurückzunehmen oder zu korrigieren, auch wenn sie sich als falsch erweisen werden. Einzig stilistisch dürfen sie verändert werden. Das Nicht-Wissen über das neue Virus und wie wir uns mit diesem Nicht-Wissen auseinandersetzen, ist wesentlich für die Außerordentlichkeit der Situation. Erkenntnisse von gestern sind heute schon völlig veraltet und morgen gilt wieder etwas anderes. Es wird also unmöglich sein, Schritt zu halten mit der Entwicklung. Daher wird auch in die Vergangenheit geschaut, und dort lauern die Fallen der Belanglosigkeit. 

Je nun. 

Trotzdem weitermachen.

Ein weiterer Zweifel besteht darin, dass der Schreiber im Grunde genommen Lektor ist und kein Autor. Zwar gibt es Bücher, auf denen der eigene Name steht, aber Schriftsteller hat er noch nie als Berufsbezeichnung auf den Talon eines Hotelmeldescheins geschrieben. 

Es dürfte in diesen Tagen vier Verhaltensmuster bei Autorinnen und Autoren geben.

Die einen schreiben weiter, als wäre nichts geschehen. Pflichtbewusst setzen sie sich an den Computer, halten an ihrem Plan, beispielsweise den neuesten Fall mit Kommissarin XY zu Ende zu führen, fest und dichten und dichten und dichten. Abends schauen sie fern und informieren sich über die neusten Entwicklungen, sind erschüttert, und am nächsten Morgen dichten sie unverdrossen weiter. Ihnen kommt entgegen, dass lästige Störfaktoren entfallen, keine Anfragen, keine Auftritte, kein Alkohol. Die Abkapselung passt bestens.

Andere sind total blockiert, sie sind nicht in der Lage, einen vernünftigen Gedanken oder einen geraden Satz zustande zu bringen. Sie sind völlig aus der Bahn geworfen worden. Morgens schalten sie den Computer ein und dann erscheint das putzige Foto der zweijährigen Tochter, das sie erst kürzlich als Bildschirmschoner geladen haben – und verfallen in existentielles Grübeln. Sie schalten den Computer wieder aus und schauen etwas zu lange auf die Mattscheibe und im unendlichen Schwarz nehmen sie die Endlichkeit des Lebens wahr, was sie in depressives Sinnieren abgleiten lässt, obwohl draußen die Sonne fröhlich scheint. Die Unwägbarkeiten der Pandemie durchdringt sie bis in die letzte Faser. Abends steigt der Alkoholpegel.

Wieder andere beobachten die Situation, machen sich Notizen, bilden sich weiter und lesen, lesen, lesen. Vielleicht helfen sie mal in einer Gassenküche aus oder so. Und nachdem sich der Pulverdampf verzogen hat und die Sicht immer klarer wird, entwerfen sie einen Plan für ein neues Werk. Wie und ob die Pandemie hierbei eine Rolle spielt, bleibt offen. Das dürfte die vernünftigste Art der Auseinandersetzung sein.

Und dann gibt es eine große Schar jener, die von der Einzigartigkeit der Situation dieser Pandemie derart motiviert, um nicht zu sagen angefixt, sind, dass sie das Bedürfnis haben, unentwegt in die Tasten zu hauen. Sie kommen sich vor, als stünden sie vor einem Gewürzstand im Basar von Istanbul. In allen Farben türmen sich die Ingredienzien auf, man muss nur noch zugreifen und sie zu einem opulenten Mahl zusammenbrauen. Es streift sie ein Gefühl von Bedeutung. Endlich erleben sie eine Epoche, die in die Weltgeschichte eingehen wird – und sie sind Teil davon. Und worin besteht die Berufung eines Autors, der Zeuge solcher Ereignisse ist? Genau: darüber zu schreiben. 

Weil.

Der Zweite Weltkrieg war für die meisten von uns vor unserer Zeit, ein paar Menschen, die noch eigene Erinnerungen an diese Epoche haben, liegen eventuell auf der Intensivstation und die Überlebenschancen werden nicht so hoch eingeschätzt. Und sie sind alleine. Besuchsverbot. Keine Familie, keine Freunde. Das ist tragisch und gibt tatsächlich zu denken. Wir Nachgeborenen haben sicherlich auch prägende Ereignisse erlebt. Hier eine etwas willkürlich und salopp zusammengestellte Liste:

Je nach Alter waren einige von uns vielleicht noch Zeugen der Kubakrise (der Autor nicht) – ging glücklicherweise glimpflich aus, wenn auch knapp; dann kam die 68er-Bewegung – war neben den politischen Kämpfen ja irgendwie auch ein Happening; die bleiernen Jahre – für die Betroffenen ein Drama, für die Rechtsstaaten eine existentielle Herausforderung; der Mauerfall – letztlich und trotz allem eine erfreuliche Wendung; 9/11 – monströs und traumatisierend, aber weit weg von Europa, die Anschläge auf unserem Kontinent sind schrecklich und prägend, aber eigentlich gehen wir davon aus, dass wir ungeschoren davonkommen. Jetzt also die Pandemie – und erstens sind wir alle von den Konsequenzen betroffen und zweitens kann jede und jeder von uns Opfer werden. Denkbar, dass man in vierzehn Tagen nicht mehr ist – und das ist doch undenkbar für unsere Generation. Das Ereignis ist total und umfassend.

Im Herbst werden die Buchhandlungen Gestelle mit »Coronavirus« einrichten. Die Regale werden sich ob der Menge beugen.

Ein letzter, leiser Zweifel: Die üblichen Umstände werden plötzlich zweckdienlich und ideal. Sie erlauben es uns, am Arbeitstisch zu sitzen und zu schreiben, links steht eine Tasse Cappuccino, rechts liegen Bücher und Zeitungen bereit, um verarbeitet zu werden, auf dem Dach gegenüber singt eine Amsel. Und fünfhundert Meter weiter westlich vom Pult liegen die Menschen in der Intensivstation. Ist das nicht blanker Zynismus, der hier gefrönt wird? Ist das nicht eine Variante von geistiger Verwahrlosung in spätkapitalistischen Zeiten? Wird man dereinst als Coronagewinnler schuldig gesprochen? Woher wird die Berechtigung genommen, das zu tun? Aber.

Der hier schreibende Autor ist ein Lektor. Kein Arzt, kein Krankenpfleger, kein Immunologe, kein Virologe, kein Epidemiologe, kein Mathematiker oder Statistiker, kein Pharmazeut, auch kein Coiffeur, kein Gastronom, kein Ökonom, kein Politiker, kein Banker, kein Bestatter etc. Nein, der Autor muss nicht täglich zur Arbeit ins Altersheim oder in den Friedhof oder an die Kasse eines Nahrungsmittelladens. Weder kann er tatkräftig dem Pflegepersonal unter die Arme greifen, noch kann er dabei helfen, einen Impfstoff zu entwickeln. Worüber also soll er hier schreiben? Ist das nicht nichtig? Beziehungsweise anmaßend? Und die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer oder in den elenden Lagern?

Herr Geiser in Frischs Erzählung fragte sich – es sei wiederholt –, woran man sich festhalten kann, wenn so vieles ins Rutschen gerät. Wenn sogar der Berg droht, aufs Haus zu stürzen. Hier wird zudem gefragt: Gerät wirklich so vieles ins Rutschen? 

Wie Geiser mit Knäckebrot eine Pagode zu errichten, ist keine befriedigende Reaktion. 

Die Antwort bleibt offen.

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[1] Max Frisch, Der Mensch erscheint im Holozän, Frankfurt/M, 1979, S. 85

Das Fax, ein Nachruf

Im Artikel »Die Zahlen der Todesfälle haben wir aus Wikipedia genommen« beschreibt Adrienne Fichter in der Republik[1], wie das BAG die Zahlen für die Corona-Statistik ermittelt. Dies geschieht unübersichtlich und chaotisch und ist mit Verzögerungen verbunden. Offenbar ist die Behörde technisch nicht auf dem neuesten Stand. Unter anderem hängt das auch damit zusammen, dass im Gesundheitswesen (nicht nur im BAG) aus verschiedenen Gründen, unter anderem daten- beziehungsweise patientenschutztechnischer Art, auf eine analoge Informationsvermittlung zurückgegriffen wird. In diesem Fall erschwerend kommt das föderale System hinzu, in dem jeder Kanton eigene Regeln der Datenübermittlung erlässt, und zudem verschiedene Informanten aktiv sind: Labore, Spitäler, Gesundheitsämter. Aber immerhin, die Schweiz steht nicht allein, auch in Deutschland schlägt man sich mit dem Fax herum. In der Post-Corona-Zeit müsste ein »digitales, zentrales Meldesystem mit Zugriffsmöglichkeiten für alle Akteure« entwickelt werden, schreibt Fichter. Vielleicht wird das Faxgerät ausgemustert. 

Deshalb ein kleiner Nachruf: 

Die Telegrafie war bis weit ins 20. Jahrhundert eine effiziente und schnelle Technik, um Mitteilungen über weite Distanzen zu verschicken. Man diktierte dem Telegrafenbeamten einen Text oder schrieb ihn von Hand auf ein Blatt Papier und gab es dem Beamten weiter. Er musste nur noch den elektrischen Telegrafen füttern – und weg war die Nachricht. Original und Kopie waren sich nur inhaltlich gleich oder ähnlich, optisch keineswegs. Mit der zunehmenden Verbreitung des Zeitungswesens wurde der Wunsch laut, dass auch Bilder beziehungsweise Abbildungen übermittelt werden können. Es dauerte aber noch eine geraume Zeit, bis das möglich war. Vorderhand mussten die Redaktoren noch auf die Originalfotografien zurückgreifen, also warteten sie auf den Postboten oder den Kurier. 

Ab den 1850er-Jahren wurde die sogenannte Bildtelegrafie entwickelt, die von den chemischen und technischen Erkenntnissen aus der Fotografie profitierte. Die Bildtelegrafie war ein direkter Vorläufer der Faxmaschine, ihre Gründerväter waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Alexander Bain, Frederick Collier Bakewell und Giovanni Caselli. Das Verfahren war sehr aufwendig. Um eine Information bildtelegrafisch zu versenden, musste die Nachricht beziehungsweise das Bild erstens vorbereitet, zweitens in elektrische Impulse umgewandelt und drittens reproduziert werden. Im Einzelnen wurden folgende Arbeitsschritte vorgenommen: Der Absender schrieb einen Text mit einer speziellen Tinte auf ein Blatt Papier, das mit einer dünnen Metallschicht überzogen war. Oder er schuf für die Übermittlung von Abbildungen eine Vorlage, indem er ein Fotonegativ ätzte oder einen feinkörnigen Schellack über eine Klebetinte spritzte, die dann erhitzt wurde, um dann wieder zu trocknen. Damit entstand eine feine, dreidimensionale Struktur. Mit einem speziellen Metallstift wurde die Nachricht beziehungsweise das Bild haptisch abgetastet (ähnlich wie bei einem klassischen Druckverfahren). Eine elektrische Telegrafenschaltung übermittelte die abgetasteten Informationen an einen Empfänger, der sie auf ein speziell behandeltes Papier kopierte.

Falls alles reibungslos funktionierte und die Leitung gut war, erreichte der berühmt gewordene Pantelegraf von Caselli ansprechende Ergebnisse, auch für Bilder. Der materielle und technische Aufwand dieses Verfahren erwies sich als so entmutigend, dass die meisten Bildtelegrafie-Projekte schon nur an der Finanzierung scheiterten.

Markante Verbesserungen wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts erzielt, als nicht mehr die Oberflächen abgetastet wurden, sondern dank des Einsatzes des chemischen Elements Selen Lichtschattierungen gescannt werden konnten, also eine zweidimensionale Technik eingesetzt wurde. Dies kam der uns heute bekannte Fotokopie schon sehr nahe.

Dem Münchner Arthur Korn gelang es 1904 als ersten, mit dieser Methode ein Foto als Faksimile über eine lange Distanz zu übermitteln. Das als »Korns Teleautograph« bekannt gewordene System besteht aus den drei Schritten Scanning, Übermittlung und Reproduktion. Mit dieser Vorrichtung war es nun auch für die Presse möglich, brauchbare Bilder per Draht zugeschickt zu bekommen. Als erste Zeitung veröffentlichte der Daily Mirror 1904 Fotografien von König Edward VII, die gleichentags in Paris aufgenommen wurden. Dank der direkten Übermittlung war der Daily Mirror einen Tag früher als alle anderen Zeitungen, die noch auf den Boten warten mussten. Die neuen Entwicklungen wurden nun auch wirtschaftlich bedeutender, aber als Gerät für die Masse wurde der Teleautograph oder der Fax nicht betrachtet.

In der Zeitungsbranche und bei der Polizei erlangte die Technik aber durchaus eine gewisse Beliebtheit. Bis in die 1970er Jahre wurden sowohl die Bildqualität besser als auch die Übertragungstechnik schneller. Vor allem für komplizierte Darstellungen im Geschäftsleben oder bestimmte Schriften wie das japanische Kanji begannen sich auch breitere Kreise für die Vorteile einer Faxübermittlung zu interessieren. Die Geräte wurden immer kleiner, handlicher und erschwinglicher – und so war ab Mitte der 1980er-Jahre jedes Geschäft oder jeder gutbestückte Haushalt mit einem Fax ausgestattet.

Mit dem Aufkommen von Internet und E-Mail wurde es möglich, auch digital zu faxen.[2] In Erinnerung ist auch, dass man beispielsweise in Italien bis in die späten Nullerjahre hinein eine Hotelreservation mit einem Fax bestätigen musste. Oftmals war keiner mehr verfügbar und man musste dafür aufs Postamt.

Aus heutiger Sicht spricht vor allem die Datensicherheit der übermittelten Informationen noch für einen Einsatz des Fax, daher wird er noch immer in medizinischen Bereichen gebraucht. Vermutlich wird aber nach der Pandemie vom Frühjahr 2020 die letzte Stunde des Fax geschlagen haben. Es ergeht ihm nicht viel anders, als anderen einst revolutionären Erfindungen auch.

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[1] Republik, App-Version

[2] Die Informationen basieren weitgehend auf: Jonathan Coppersmith, Faxed. The Rise and Fall of the Fax Machine, Baltimore, 2015

Presse

«Ein klarer Fall von Dramatik-Entlehnung... ein weiteres literarisches Delikt: Koketterie mit Prominenten.»

Martin Ebel im Tages-Anzeiger

»Störend ist, dass sich immer mehr ›Experten‹ befähigt fühlen, die Allgemeinheit über Immunologie und Virologie aufzuklären.«

Interview mit Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für Viruserkrankungen an der Universität Genf in der NZZaS am 6. September 2020.

Eckerle:

»Zum Beispiel in Florida war man im Juni in der Situation, in der wir jetzt sind, es gab die genau gleiche Diskussion. Dort kam es mit der Latenz von mehreren Wochen wieder zum Anstieg der Todesfälle, weil sich das Virus so weit verbreitet hatte, dass es auch in die Risikogruppen eingetragen wurde. Das könnte auch bei uns passieren… Da ist keine Mutation dabei, die bekanntermaßen mit einem weniger schweren Krankheitsverlauf einherginge… Was mich allerdings erstaunt, ist, dass die Zweitinfektion so früh erfolgen kann. Bei Corona-Erkältungsviren geht man davon aus, dass man erst nach 1,5 bis 2 Jahren wieder infiziert werden kann… Die heimliche Hoffnung, dass es alle schon erwischt hat, weil doch ganz viele keine Symptome haben, hat sich nicht bewahrheitet… T-Zellen schützen nicht typischerweise vor einer Infektion, sondern beeinflussen eher den Krankheitsverlauf. Es könnte sein, dass eine frühere Coronavirus-Infektion zu einem milderen Verlauf führt… Dass so ein spezielles Thema (wie die T-Zellen) solche Aufmerksamkeit erhält, hätte wohl niemand gedacht. Es ist vielleicht eine Art Wunschdenken: eine unentdeckte immunologische Komponente, die zeigt, dass wir schon alle geschützt sind… Störend ist, dass sich immer mehr ‘Experten’ befähigt fühlen, die Allgemeinheit über Immunologie und Virologie aufzuklären… In den USA steigen die Infektionen bei den Kindern viel stärker an als in der allgemeinen Bevölkerung… Wenn Kinder infiziert sind, haben sie eine genauso hohe Viruslast wie Erwachsene. Es kann sein, dass sie etwas weniger ansteckend sind, weil sie weniger husten und die Aerosole aufgrund ihrer Größe etwas niedriger in den Raum abgegeben werden… Uns Ärzten gibt man viel Vertrauensvorschuss, aber wenn gewisse Kollegen gezielt Fehlinformationen verbreiten, dann schadet das dem ganzen Berufsstand… Ich vermute, dass (solche Ärzte) keinen einzigen Covid-Patienten gesehen haben. Ich hätte sie gerne im April eingeladen, durch unsere Intensivstationen zu laufen. Das hat bei mir Gänsehaut ausgelöst.« 

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Was meinen eigentlich Frankenstein und Dracula zum ganzen Schlammassel?

Zitate aus: Mary Shelleys: Frankenstein: Oder der moderne Prometheus. Die Urfassung von 1818, Übersetzung Alexander Pechmann, München 2017 und: Bram Stoker: Graf Dracula: Ein Vampyr-Roman, Leipzig 2019

Aus Mary Shelleys Frankenstein: Oder der moderne Prometheus

Dr. Frankenstein:

»Es war bereits ein Uhr morgens. Trostlos prasselte der Regen gegen die Fensterscheiben, und meine Kerze war beinahe heruntergebrannt, als ich im Schimmer des gerade erlöschenden Lichts sah, dass sich das trübe Auge der Kreatur öffnete. Sie atmete schwer, und ihre Glieder wurden von krampfartigen Zuckungen geschüttelt.

Wie kann ich die Gefühle angesichts der Katastrophe schildern, wie den elenden Teufel beschreiben, auf dessen Erzeugung ich solch unendliche Mühe und Sorgfalt verwendet habe? Seine Glieder waren ebenmäßig, und seine Züge hätten schön sein sollen. Schön! Großer Gott! Seine gelbliche Haut bedeckte kaum das darunterliegende Geflecht aus Muskeln und Arterien. Sein Haar war glänzend schwarz und lang, seine Zähne weiße Perlen, aber diese Pracht bildete lediglich einen noch erschreckenderen Kontrast zu seinen wässrigen Augen, die beinahe dieselbe Farbe hatten wie die schmutzig grauen Höhlen, in die sie gesetzt waren, zu seiner welken Gesichtsfarbe und seinen schmalen, schwarzen Lippen.

Die verschiedenen Zufälle des Lebens sind nicht so wechselhaft wie menschliche Gefühle. Ich hatte fast zwei Jahre lang geschuftet, nur um einen unbeseelten Körper mit Leben zu erfüllen. Um dieses Zieles willen hatte ich auf Ruhe verzichtet und meine Gesundheit vernachlässigt. Ich hatte es mit einer jedes Maß übersteigenden Gier herbeigesehnt, nun aber, da das Werk vollbracht war, verblasste der schöne Traum, und Abscheu und atemloses Grauen erfüllten mein Herz. Unfähig, den Anblick des Wesens zu ertragen, das ich erschaffen hatte, floh ich aus dem Labor.« 

 

Dr. Frankenstein:

»›Grässliches Monster! Du Satan, du! Die Folterqualen der Hölle sind eine zu milde Buße für dein Verbrechen. Elender Teufel! Du machst mir deine Erschaffung zum Vorwurf; also komm her, damit ich den Funken ersticke, den ich so leichtsinnig schenkte.‹

Mein Zorn kannte keine Grenzen. Ich stürzte mich auf ihn, getrieben von all den Gefühlen, die ein Wesen dazu bringen kann, einem anderen nach dem Leben zu trachten.

Er wich mir mühelos aus und sagte: ›Beruhige dich! Ich bitte dich, mich anzuhören, bevor du deinen Hass freien Lauf lässt und mir den todgeweihten Schädel einschlägst. Habe ich nicht zu sehr gelitten, als dass du mein Leid noch steigern könntest? Das Leben ist mir teuer, auch wenn es nur eine Anhäufung von Qualen darstellt, und ich werde es verteidigen. Denk daran, dass du mich stärker gemacht hast als dich selbst. Ich bin größer als du, meine Glieder sind beweglicher. Aber du wirst mich nicht dazu verleiten, mich gegen dich zu wenden. Ich bin dein Geschöpf… O Frankenstein, sei nicht allen anderen gegenüber gerecht, nur um mich, dem deine Gerechtigkeit und sogar deine Gnade und Zuneigung mehr als jedem anderen zustehen, mit Füßen zu treten… Ich hätte dein Adam sein können, aber ich bin eher der gefallene Engel, dem du jedes Glück verweigerst und den du grundlos bestrafst. Überall sehe ich Glückseligkeit, von der nur ich unwiderruflich ausgeschlossen bin. Ich war gütig und gut. Nur das Elend ließ mich böse werden. Mach mich glücklich, und ich werde erneut tugendhaft sein‹«

 

Frankensteins Monster:

»(Ich wurde) bald durch die Ankunft eines schönen Knaben geweckt, der voll kindlicher Spiellust auf das von mir gewählte Versteck zugelaufen kam. Als ich ihn betrachtete, fiel mir plötzlich ein, dass dieses kleine Wesen frei von Vorurteilen sein musste und in seiner kurzen Lebensspanne noch kaum ein Grausen vor Missbildung entwickelt haben dürfte. Wenn ich ihn also fangen und zu meinem Gefährten und Freund erziehen könnte, dann müsste ich auf dieser reich bevölkerten Erde nicht so einsam sein.

Von dieser Vorstellung getrieben, packte ich den vorübergehenden Jungen und zog ihn an mich. Sobald er meine Gestalt erblickte, hielt er sich die Hände vor die Augen und stieß einen schrillen Schrei aus. Ich zog seine Hand mit Gewalt von seinem Gesicht und sagte: ›Kind, was soll das bedeuten? Ich will dir nicht wehtun. Hör mich an. ‹

Er wehrte sich heftig: ›Lass mich gehen, Scheusal!‹, schrie er. ›Hässlicher Teufel! Du willst mich verschlingen und in Stücke reißen…! Du bist ein menschenfressendes Ungeheuer… lass mich los! Oder ich sag’s meinem Papa.‹

›Junge, dein Vater siehst du nie wieder. Du musst mit mir kommen.‹

›Garstiges Untier! Lass mich los! Mein Papa ist Anwalt… er heißt Monsieur Frankenstein… er wird dich bestrafen. Du traust dich nicht, mich festzuhalten.‹

›Frankenstein! Du gehörst also meinem Feind – zu demjenigen, dem ich ewige Rache geschworen habe. Du sollst mein erstes Opfer sein.‹«

 

Dr. Frankenstein:

»Eines der Phänomene, dem ich besondere Aufmerksamkeit widmete, war die Zusammensetzung des menschlichen Körpers und eigentlich eines jeden lebendigen Wesens. Worin, fragte ich mich häufig, besteht die Grundlage des Lebens? Es war eine verwegene Frage und eine, die man seit jeher für ein unlösbares Rätsel gehalten hat. Doch wie viele Geheimnisse hätten wir längst erkundet, wenn uns nicht Feigheit oder Nachlässigkeit vom Forschen abhielten? Solcherlei Gedanken gingen mir durch den Kopf, und ich beschloss, mich fortan mit jenen Bereichen der Naturkunde zu beschäftigen, die für die Physiologie bedeutsam sind.«

 

Aus Bram Stokers Graf Dracula

Eine der berühmtesten fledermausartigen Figuren ist Graf Dracula. Bram Stoker verflicht in diesem Tagebuch-, Depeschen- und Briefroman Jahrhunderte-alten Volksglauben zu einer Schauergeschichte, die zu einem der Klassiker der Gothic-Novel-Literatur geworden ist. Das übersinnliche und geheimnisumwitterte Böse, das aus der Vergangenheit kommt, trifft auf die Moderne des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in der Wissenschaft und Technik immer größeren Einfluss auf das Leben gewinnen. Das Böse, symbolisiert durch den transsilvanischen Schlossherrn und Vampir Graf Dracula, sucht sich immer neue Opfer, an denen er seinen Blutdurst stillen kann. Unter anderem auch Lucy und Mina, die Verlobte des Protagonisten Jonathan Harker, hat er im Auge. Van Helsing, Dr. med., Dr. phil., Dr. lit., der auch mal zu unkonventionellen Methoden greift, sammelt ein paar Vertraute um sich, um die dunkle Seite der Macht, die vom blutsaugenden Vampir ausgeht, zu bannen.

Gerade eben überraschen Dr. Seward und Van Helsing den Grafen, als er sich über eines seiner Opfer hermacht. 

Aus Dr. Sewards Tagebuch:

»Seine Augen flammten in roter Höllenglut, die weiten Nüstern der weißen Adlernase öffneten sich und zitterten; die weißen scharfen Zähne, die hinter den vollen Lippen des bluttriefenden Mundes sichtbar wurden, schlugen zusammen wie die eines wilden Tieres. Mit einem mächtigen Stoß warf er sein Opfer zurück, dass es sich überschlug, wie von einem Berge herabgeworfen, und stürzte sich auf uns. Eben hatte der Professor sich aufgerafft und hielt dem Vampir die Büchse entgegen, in der sich die heilige Hostie befand. Der Graf blieb sofort stehen … und zog sich zurück. Immer weiter wich er von uns, die ihn mit den hocherhobenen Kruzifixen bedrängten. Der Mond verdunkelte sich einen Augenblick, scheinbar zog eine Wolke an ihm vorüber; und als das Gaslicht unter dem Streichholz Quinceys aufflammte, sahen wir nichts mehr als einen dünnen Dampf.«

 

Aus Dr. Sewards Tagebuch:

»Als Renfield mich erblickte, wurde er rasend und hätte mich unfehlbar getötet, wenn nicht die Wärter rechtzeitig zur Hand gewesen wären. Nachdem es uns gelungen war, ihn festzuhalten, geschah etwas Unerklärliches. Erst verdoppelte er seine Anstrengungen und beruhigte sich dann sehr rasch. Ich sah unwillkürlich herum, konnte aber nichts wahrnehmen. Dann folgte ich der Richtung des Blickes meines Patienten, bemerkte aber nichts, als dass er einer im Mondlicht flatternden großen Fledermaus nachstarrte, die schweigend gespenstisch gegen Westen flog. Fledermäuse pflegen in der Regel zu flattern und zu schwirren, diese aber zog gerade ihres Weges, als wenn sie einem besonderen Ziele zustrebe und irgendeine bestimmte Absicht verfolge. Der Patient wurde immer ruhiger… Ich fühle, dass etwas Ominöses in seiner Ruhe liegt, ich werde diese Nacht nie vergessen.«

 

Aus Mina Harkers Tagebuch:

»Ich sah den Grafen in der Kiste auf der Erde liegen, die ihn infolge des Sturzes vom Wagen teilweise bedeckte. Er war totenbleich, wie eine Wachsfigur, und die roten Augen glühten in dem unheimlichen sieghaften Feuer, das ich so gut kannte. 

Als diese Augen die sinkende Sonne erblickten, wich der Ausdruck des Hasses aus ihnen und leuchteten in wildem Triumph.

Aber im gleichen Augenblick sauste blitzend Jonathans großes Messer hernieder. Ich erschrak, als ich sah, wie es im scharfen Schnitt die Kehle des Grafen durchhieb; kurz darauf durchbohrte Herrn Morris scharfes Jagdmesser das Herz Draculas.

Es geschah ein Wunder: vor unser aller Augen und ehe wir es noch recht fassen konnten, zerfiel der ganze Körper in Staub und entschwand unseren Blicken.«

 

Aus Jonathans Harkers Tagebuch: 

»Ich hielt einen Augenblick inne und betrachtete den Grafen. Es lag ein höhnisches Lächeln auf dem aufgedunsenen Gesicht, das mich hätte wahnsinnig machen können. Das war also das Wesen, dem ich helfen wollte, nach London überzusiedeln, wo es vielleicht Jahrhunderte lang unter den sich drängende Millionen von Menschen, sein Blutgier befriedigen und einen sich immer vergrößernden Kreis von Halbdämonen schaffen würde, um sie auf die Wehrlosen zu hetzen. Schon der Gedanke machte mich rasend.«

 

Apropos »Aerosole«:

Van Helsing bedient sich aber zur Abwehr von Vampiren nicht immer nur rein naturwissenschaftlicher Methoden.

Aus Dr. Seward Tagebuch:

»Die Tätigkeit des Professors war sicherlich eine sehr seltsame und wäre wohl in keiner Pharmakopöe, die mir irgend bekannt war, zu finden gewesen. Erst befestigte er die Fenster und verschloss sie ganz sorgfältig. Dann nahm er eine Handvoll Knoblauch und rieb damit die Fensterrahmen ein, als wolle er sich versichern, dass jeder Luftzug, der hereinkäme, auch mit dem Duft der Blüten geschwängert sei. Dann rieb er mit dem Büschel den Türrahmen oben, unten und auf den Seiten, und schließlich den Platz um das Kamin in gleicher Weise. Es schien mir das alles sehr komisch und ich sagte zu ihm:

›Herr Professor, ich weiß ja, dass sie für alles, was Sie tun, einen Grund haben, aber das, was Sie jetzt tun, ist mir wirklich ein Rätsel. Es ist gut, dass wir keinen Spötter hier haben, er würde sagen, Sie treiben Zauberei, um irgendeinen bösen Geist fernzuhalten.‹

›Vielleicht geschieht es eben deswegen’, antwortete er ruhig…«

So wie T-Zellen und Antikörper die Viren bekämpfen, so hülfe vielleicht auch ein Anti-Aerosol mit Knoblauchduft.

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