Schreibtisch

Filipescu, Trump, Arendt

Über das Eigentliche: Ein Tweet, eine fußballerische Erinnerung, die US-Präsidentenwahl – und Hannah Arendt 

 

Es wurde eng. Sehr eng. Viel zu eng. Eigentlich ist man fassungslos. 

Die Zeitungen und die sozialen Medien haben erschöpfend zu den Ereignissen rund um die US-Präsidentenwahl berichtet. Lassen wir das zunächst beiseite, wenden wir uns kurz einer Kuriosität hierzulande zu, die uns etwas grübeln lässt. 

Ein Journalist, den es in die Politik verschlagen hat, hat getwittert: »Corona killt Trump. Nicht das Virus, aber die Abstrusität dieser Briefwahl. Ein Couvert-Tsunami spült Biden höchstwahrscheinlich ins Weiße Haus. Sein Mandat ist hauchdünn. Trump gewann deutlich den eigentlichen Wahltag. Er sollte 2024 wieder antreten.« Abstrusität dieser Briefwahl? Trump gewann deutlich am eigentlichen Wahltag? Ein anderer Journalist hat darauf geantwortet, das sei dumm. Wobei, ist es wirklich dumm? Oder nicht etwa dreist? Oder gar durchtrieben? Wir wissen es nicht so genau. Auf alle Fälle ist die Logik kurios. Sie legt aber ein beliebtes Denkmuster offen.

Zuerst eine Abschweifung. Wir erinnern uns (sorry, liebe FC Basel-Fans): Wir schreiben den 13. Mai 2006. Beim alles entscheidenden Spiel um die Fußball-Meisterschaft zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich steht es nach neunzig Minuten unentschieden. Damit wäre eigentlich Basel Meister. Wenn hier nur nicht dieses eigentlich stünde. Der Schiedsrichter lässt drei Minuten weiterspielen. Weil: Fußball ohne Nachspielzeit ist nur halber Fußball, sie gehört dazu wie das Abseits, der Corner und das Foul. Dann kommt die dreiundneunzigste Minute: Der FCZ-Innenverteidiger Stahel flankt, der FCZ-Innenverteidiger Filipescu hält den Fuß hin, Tor. Zwei zu eins. Der Schiedsrichter pfeift ab. Die Fußballer des FCB wissen, das Spiel ist zu Ende und die Meisterträume geplatzt. Und sie akzeptieren das. Punkt. Schluss. Aus. Der FCZ ist Meister. Frust hier, Freude da. Nach dem Schlusspfiff stürmen Basler Hooligans das Spielfeld und attackieren Spieler des FC Zürichs. Es kam zu Ausschreitungen zwischen den beiden Fangruppen außerhalb des Stadions.

Auch US-Wahlen sind am Ende des eigentlichen Wahltags nie fertig. Nie. Es folgt immer eine Nachspielzeit beziehungsweise eine Nachzählzeit. Manchmal gibt es kleinere Verschiebungen. Diesmal jedoch kippte das Resultat wegen der vielen brieflich abgegebenen Stimmen. Wie ein Siegestor in der dreiundneunzigsten Minute. Nach der Auszählung folgt ein zweistufiger Zertifizierungsprozess auf Bundes- und auf Staatsebene. Üblicherweise ein Ritual, das am Resultat nichts ändert. Diesmal ergeht es dem Amtsinhaber ähnlich wie dem FCB 2006. Der Präsident akzeptiert das jedoch nicht, und zwar nicht nur nicht, sondern nicht die Bohne. Das macht die gegenwärtige 2020-Wahlausgabe so bizarr. Das präsidiale Wahlkampfteam und sein Chef bringen die sogenannte und allseits beliebte antithetische Vernebelungsakrobatik ins Spiel. Man könnte auch verwegen von trumpscher Dialektik reden, aber der Namensgeber selbst würde sich vehement gegen diesen elitären Begriff aus der Intellektuellenwelt wehren. Gleichwohl darf das machtpolitische Kalkül dahinter nicht unterschätzt werden.

Die Vernebelungsakrobatik funktioniert so: Trump verkündet in der Wahlnacht nach Auszählung der meisten Wahlzettel, die in den Wahlbüros abgeben worden sind und die ihn als Sieger erscheinen lassen, dass er »easily« gewonnen habe, man könne jetzt mit dem Zählen aufhören. Mh. Kurz zurück zum Fußball: Man stelle sich vor, wie der Präsident des FCB am 13. Mai 2006 beim Stande von eins zu eins nach neunzig Minuten auf den Rasen stürmt und übers Mikrofon sagt, das Spiel sei aus, die eigentliche Spieldauer von neunzig Minuten vorüber und Basel Meister. Ist nicht geschehen, der Match ging weiter. Weil: Fußball. 

So zählt man denn in der US-Wahlnacht den Gepflogenheiten folgend unverdrossen weiter. Man nimmt gewissermaßen die Nachspielzeit in Angriff, die es braucht, um fertig zu werden. Weil: Demokratie. Nach der Ermittlung der Briefwahlstimmen liegt nun Biden vor Trump. Die Medien rechnen nach, so, wie sie das in anderen Wahljahren schon getan haben, ohne dass jemand aufgemuckt oder gemurrt hätte, und sie kommen zum Schluss, dass der ehemalige Vizepräsident nicht mehr einzuholen ist. Biden wird zum Sieger ausgerufen (wohlgemerkt: es wird weitergezählt, bis die letzte Tsunamiwelle abflacht und die Resultate zertifiziert sind. Weil: Demokratie). 

Das Wahlkampfteam des amtierenden Präsidenten verlangt nun – und hier tritt die gefürchtete trumpsche Volte (nicht zu verwechseln mit der trumpschen Tolle) auf den Plan, die die antithetische Vernebelungsakrobatik auszeichnet –, man müsse jede legale Stimme zählen. Legal. Also doch weiterzählen, denkt man. Und die illegalen Stimmen müssen annulliert werden. Logo. Es seien stapelweise Biden-Stimmzettel aufgetaucht, man wisse nicht woher, und es seien Stimmen im Namen von Verstorbenen abgegeben worden. Tja. Kommt vor. In Forty Fort (Pennsylvania) etwa legte ein Mann zwei Zettel in die Urne, einer von ihm, einer von seiner toten Mutter. Er fälschte ihre Unterschrift und wählte zweimal Donald Trump. Pech gehabt. Es wird unübersichtlich.

Diese Konfusion ist Absicht und sie wird mit virtuosen Gedankenkapriolen begleitet. Das ist entlarvend und man bemerkt die Hinterlist, denn man sieht plötzlich, wo die eigentliche Abstrusität liegt: das Spektakel an sich kaschiert die Politik. Das macht sie zwar unterhaltsam, aber auch beliebig und toxisch. Die Musik zum politischen Spektakel wird mit jenen disharmonischen Phrasen unterlegt, die dem Dirigenten – in diesem Fall Trump – am besten in den Kram passen. Das Ziel ist die Erzeugung einer Kakophonie, aus der alle eine andere Melodie zu hören vermeinen. Man kann sich nicht mehr einigen darüber, welche Tonfolge als Leitmotiv gilt. Will heißen: Die Wirklichkeit verwandelt sich in mannigfache Möglichkeitsräume. Willkür macht sich breit. Heute stoppen wir die Zählung, morgen zählen wir weiter. Übermorgen anerkennen wir jene Ergebnisse nicht an, die für Biden sprechen. Überübermorgen organisieren wir das Verteidigungsministerium etwas um und beharren darauf, dass wirklich jede Stimme zählt, außer jenen brieflich Abgegebenen in Philadelphia, die großmehrheitlich Biden zugeschrieben werden. Überüberübermorgen fechten wir das Wahl-Resultat juristisch an und ermuntern die Staatsanwälte, Untersuchungen gegen die Wahl einzuleiten. Und überüberüberübermorgen schüchtern wir Wahlstimmprüfer aus Wayne County ein, drohen mit der Verweigerung der Zertifizierung der Resultate und künden eine Demonstration an. Et cetera. Mit solch kunterbunten Informationsschnipseln, die mit einer Konfettikanone unters Publikum gestreut werden, werden die Wählerinnen und Wähler verunsichert und ihr Wille wird ignoriert. Alles ist wahr und alles ist falsch. Was kümmern uns Fakten. Und Trump-Anhänger beginnen, das eigentliche Wahlresultat anzuzweifeln und abzulehnen. Spätestens jetzt wird die Wahl zur Farce und zum apolitischen Spektakel. Wo bleibt die Ideologie? 

Hannah Arendt schrieb einst in ihrem Buch über die totalitäre Herrschaft: »(Ideologie) emanzipiert sich von der Wirklichkeit, so wie sie uns in unseren fünf Sinnen gegeben ist, und besteht ihr gegenüber auf einer eigentlicheren Realität, die sich hinter diesem Gegebenen verberge, es aus dem Verborgenen beherrsche und die wahrzunehmen wir einen sechsten Sinn benötigen.« Mit dieser Entfremdung von der Wirklichkeit, so spinnt Arendt den Gedanken weiter, wird der Boden bereitet, auf dem ein autokratisches Herrschaftssystem errichtet werden kann.

Gemach, gemach, mag man einwenden, das ist zu starker Tobak, soweit seien die USA nicht. Die allgemeine Auffassung geht in die Richtung, dass der Amtsinhaber egoistischen und weniger autokratischen Motiven folge (wobei sich das gegenseitig nicht ausschließt). Das hat etwas. Seine Entscheidungen sind seit jeher eher kurzfristig angelegt, manche Interventionen sind sprunghaft oder aus einer Laune heraus entstanden, die Politik wirkt wenig kohärent. Seine politischen Überzeugungen orientieren sich nach dem, was ihm für seine Machterhaltung zweckmäßig erscheint. Was ihm nützt, schlachtet er gnadenlos aus, was ihm schadet, bekämpft er ebenso gnadenlos. Dass dabei zuweilen unappetitliche Koalitionen eingegangen werden, ist logisch. Da kann es schon vorkommen, dass er afroamerikanische Wählerstimmen aus dem Auszählverfahren ausschließen will. Aber letztlich bleibt seine Ideologie im Prä- oder Protopolitischen und Ungefähren. Er deklariert nicht offen, dass er ein Suprematist ist, aber er sagt, dass das nette Jungs seien und er sie liebe.

Trump selbst brüstete sich einst damit, ein Anti-Politiker zu sein, denn Politiker bekämen nichts geschafft. Es fehlt denn auch eine überzeugende Planung einer auf eine Autokratie zielenden politischen Strategie. Hierfür dürfte die geistige Ausstattung des Amtsinhabers ungeeignet sein, denn sein Ego ist mächtiger als sein Intellekt. Was nicht heißt, dass er dumm ist. Solange er sich ins Zentrum stellen kann oder gestellt wird, verhält er sehr gewieft. Das Ukraine-Impeachment etwa deutete er in einen Sieg um. Dass ein Großteil seiner einstigen Entourage als Kriminelle dasteht, lässt er unerwähnt. Erst wenn andere Ereignisse oder Personen die Hauptrolle übernehmen, wie etwa die Pandemie, gerät er in Rücklage. Dank seiner Coronaerkrankung, die er pathetisch und theatralisch inszenierte, rückte er wieder ins Rampenlicht und das Blatt hätte sich beinahe noch gewendet.

Es ist bekanntlich nicht so, dass der Präsident weniger Stimmen als vor vier Jahren geholt hat, im Gegenteil. Aber die Mobilisierung der Kräfte, die Donald Trump 2016 noch die Mehrheit beschert hatte, wurde dieses Mal von der Gegenseite erfolgreich gekontert und viele dürften eher gegen ihn als für den Herausforderer gewählt haben. Das macht dem Mann im Weißen Haus schwer zu schaffen, er empfindet es als Liebesentzug (Achtung: Ferndiagnose). Vielleicht deshalb inszeniert er dieses nihilistisch und verzweifelt anmutende Rückzugsgefecht, damit er auch fortan jeden Morgen wohlgemut in den Spiegel blicken und sich dabei zurufen kann, er sei ein Gewinner. Viel weiter als zum gespiegelten eigenen Konterfei blickt er aber nicht.

Trump riskiert in diesen Manövern viel. Sein Verhalten erinnert an die Finanzberater, die die Subprime-Krise der 2000er-Jahre auslösten. Diese versuchten mit allen Mitteln, Gewinne zu generieren. Hierzu bündelten sie unterschiedliche Wertpapiere zu undurchsichtigen Finanzkonstrukten, die sie ihren Kunden anboten. In diesen Produkten fanden sich zuhauf faule Immobilienverbriefungen. Ratingagenturen halfen dabei, diese Risiken kleinzureden. Das Ende ist bekannt. Die toxischen Mischungen dieser Anlagen führten dazu, dass das Finanzwesen gehörig ins Strudeln geriet und gefährlich nahe dem Rand des Abgrundes zutrudelte. Trump muss fragwürdige Gruppierungen – toxische Papiere – hinter sich scharen, was die republikanische Parteispitze – Ratingagenturen – billigt. Er wird dabei zur Geisel der sprichwörtlichen Geister, die er gerufen hat und trudelt dem Abgrund zu.

Diese an der Oberfläche erkennbaren politischen Entwicklungen sind nur dank tiefgründiger Prozesse möglich. Kehren wir kurz zu Hannah Arendt zurück und gehen davon aus, es gebe wirklich eine eigentliche Realität jenseits der fünf Sinne. In einer Sache nämlich ist Trump beunruhigend konsequent und zeigt ihn verblüffend instinktsicher. Und diese Sache gemahnt uns an Arendts Ausführungen: Die antithetische Vernebelungsakrobatik hat die Wählerschaft tiefgreifend verunsichert. Das Vertrauen vieler Bürgerinnen und Bürger in die politischen Institutionen ist angeschlagen. Diese Erkenntnis ist nicht neu, wird aber durch das Nachwahltheater unterstützt. Die dreiste (oder durchtriebene?) Behauptung, die wahre Demokratie und die Verfassung mit der Demontage des demokratischen Wahlprozederes retten zu wollen, wie Trump das twittert und hinausposaunt, spricht Bände. Konfettikanone.

Mit der Besetzung des Parlaments zeigt sich die antidemokratische Fratze des Spektakels. Hannah Arendt schreibt, dass der Herrscher jene Bedingungen schaffen muss, die den Einzelnen bindungs- und heimatlos machen und ihn entfremden, damit er sich neu orientieren kann. Er muss sich verlassen fühlen. Also zertrümmert der Herrscher die herkömmlichen gesellschaftlichen Bezugs- und Identifikationsräume wie beispielsweise die gewohnten politischen Abläufe und die Institutionen. Trump sprach von der Austrocknung der Sümpfe von Washington DC, als er dortselbst 2017 ins Weiße Haus einzog. Und er sagte mit einem guten Gespür für die Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung: »Die vergessenen Männer und Frauen unseres Landes werden nicht mehr vergessen sein.«

Der Einzelne, so Arendt weiter, bemüht sich gleichwohl immer um eine Art Selbstrespekt, um einen Daseinszweck und er sucht nach sozialen Kontakten. Mangels Alternative findet er diese in der Ideologie des Herrschers beziehungsweise in der Masse, die der Herrscher auf die Plätze ruft, oder im Mob. Der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider schreibt in der NZZ hellsichtig über die Neujustierung von Nähe und Kontakt in Coronazeiten. Dabei kommt er auf die Masse zu sprechen, die ohne Distanzhalten zu einem kollektiven Ich verschaltet wird. »Eine Masse denkt nicht, in ihrer kollektiven Erregung glaubt sie alles, jedes Gerücht, jede Parole, jede Torheit, die sie in Bewegung hält.« Es ist keine zufällige Laune, dass Trump so sehr auf dicht besuchte, lebendige und laute Wahlkampfveranstaltungen setzt, währenddessen Biden vor hupenden Autos auftritt. In der Enge und mit Gleichgesinnten vergisst der Entfremdete sein Unbehagen, am Rande der Gesellschaft zu stehen, nicht richtig zur Welt zu gehören, sich verlassen gelassen zu fühlen. Ein Sinn für Gemeinschaft und für Zusammengehörigkeit stellt sich ein.   

Trumps Gespür für solche Prozesse ist jenem seiner Gegner überlegen und hierin liegt ein wichtiger Teil seines Erfolgs. Max Weber schrieb einst über den charismatischen Herrscher, der versucht, alle Macht auf seine Person zu vereinen. Bürokratisch bestimmte Affektkontrolle und bewährte Regelhaftigkeit werden bei Seite geschoben, »cum ira et studio« löst Sachlichkeit ab. Daher laufen nach Wahlkampfreden Faktenchecks ins Leere. Um Tatsachen geht es gar nicht, es geht um das Evozieren von Atmosphäre und Stimmung, also ist jede Torheit möglich. In einem ganz anderen Zusammenhang hat der Musikwissenschaftler Hanns-Werner Heister in der Süddeutschen Zeitung über das Erleben eines Konzertes Folgendes vermerkt: »Man sitzt da, hält den Mund und konzentriert sich auf das Werk, die Musik.« Die Zuhörer und die Musiker würden sich dabei miteinander verbinden, es entstünde ein gemeinsames Wir. Charismatische Herrscher kennen diese Logik und verstehen es ausgezeichnet, dieses Wir für ihre Zwecke zu nutzen. Trumps Ego verträgt sich aufs Beste mit seinem Instinkt, der ihm sagt, die ihm zujubelnden Vergessenen eine Heimat zu versprechen. Intellektuelles Räsonnement und faktenbasierte Diskussionen überlässt er getrost der Elite.

Ob der sachliche Institutionalist Joe Biden, der auf eine lange bürokratische Karriere zurückschaut, in der Lage ist, genügend Kontra zu geben und diesen Vertrauens-Wiederaufbau in die Institutionen und Lebenszusammenhänge zu meistern und den Leuten das Gefühl des Verlassenseins zu nehmen, ist alles andere als gewiss. Findet er den Zugang zu ihnen? Aber wer, wenn nicht diese schicksalserfahrene Respektsperson kriegte das wieder geradegebogen?

Es wäre gut, als erstes der Spektakelpolitik ein Ende zu setzen, bevor sie tatsächlich noch die Abzweigung in die Autokratie nimmt. Es gilt, zu einem völlig unexaltierten, bescheidenen und nüchternen Politikstil zurückzukehren, zurückzubuchstabieren. Reset. Dabei hülfe die allgemeine Anerkennung der Banalität des unspektakulär Faktischen, das Einmaleins jeder Demokratie: Jede Stimme zählt und wird gezählt. Dann zertifiziert. Weil: Demokratie. So wie jedes Tor zählt. Weil: Fußball. 

Nachtrag

Der besagte Journalist und Politiker im dritten Absatz schrieb am 10. November 2020 auf Twitter auch: »Trump-Anhänger sind friedlich. Keine Aufstände, keine Gewalt. Obwohl ihnen die Medien seit Jahren Gewaltbereitschaft, Rassismus und autoritäre Neigungen unterstellen.«

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Wieder einmal etwas aus der Abteilung Hufeisennasen. Gefunden in nature.com und die der NZZ.

Bekanntlich konnte das SARS-CoV-1 von der chinesischen Forscherin Shi Zhengli (Ursprünge des Virus & Laborthese) vom Wuhan Institute of Virology(WIV) im Jahre 2016 bei Chinesischen Hufeisennasen (Hufeisennase), die sie 2003 in Yunnan untersucht hatte, nachgewiesen werden. Von dieser Fledermausart ist das erste SARS-Virus mittels Zoonose auf den Menschen übertragen worden. Es gibt starke Hinweise – aber noch keine Beweise –, dass die Hufeisennase auch das neue Coronavirus in sich trägt. Die Virologengemeinde ist daran, diese These genauer unter die Lupe zu nehmen.

Forscherinnen und Forscher um Veasna Duong vom Pasteur-Institut in Phnom Penh in Kambodscha haben aus tiefgefrorenen Proben der Shamel Hufeisennasen Viren gefunden, die mit dem SARS-CoV-2 zu tun haben könnten. Das Genom konnte noch nicht komplett sequenziert werden, aber es deutet einiges darauf hin, dass es verwandt oder gar ein Vorfahre des SARS-CoV-2 sein könnte.

Man erinnere sich daran, dass Shi Zhengli mit ihrer Forschung an den Viren der Chinesischen Hufeisennase die Grundlage für die Entwicklung des Medikaments Remdesivir lieferte (das unterdessen jedoch nicht mehr sehr häufig eingesetzt wird, da die Wirkung doch nicht so breit ist, wie erste Resultate suggerierten).

Sollte sich die Annahme aus Kambodscha bewahrheiten, wäre das ein wichtiger Schritt für die Nachverfolgung der Zoonose auf den Menschen. Das Genom des gefundenen Virus müsste aber zu mindestens 97 Prozent identisch sein mit dem SARS-CoV-2, um mit ihm verwandt zu sein, stimmen sie zu 99 Prozent überein, dürfte es sich gar um einen direkten Ahnen handeln. Das SARS-CoV-2 und der Verwandte RaTG13 etwa sind zwar zu 96 Prozent identisch, aber der Unterschied entspricht gleichwohl einer Evolutionsdauer von 40 bis 70 Jahre. Obwohl sie entwicklungsmäßig also Jahrzehnte auseinander liegen, sind sich die Viren dennoch ähnlich genug, um denselben Rezeptor für den Eintritt in die Zellen zu nutzen. Also auch das RaTG13 könnte in menschliche Zellen eindringen. Wie auch immer das Genom des in Kambodscha gefundenen Virus zusammengesetzt ist, es hilft sowieso dabei, die unterschiedlichen Erreger-Varianten in der Corona-Virusfamilie besser kennenzulernen, meint der Virologe Etienne Simon-Loriere vom Pasteur-Institut in Paris. Simon-Loriere ist daran, das Genom zu sequenzieren. 

Bei einem neuentdeckten Virus namens Rc-o319, das kürzlich in einer Kleinen Japanischen Hufeisennase gefunden wurde, die 2013 gefangen und seither eingefroren war, ist das Genom schon bekannt. Es deckt sich nur zu 81 Prozent mit dem SARS-CoV-2. Dieser Prozentsatz reicht nicht, um über die Ursprünge des neuen Coronavirus genauere Erkenntnisse zu gewinnen. Der Fortschritt der Wissenschaft schreitet voran, auch deshalb, weil man etwas nicht beweisen konnte. 

Beide Untersuchungen bestätigen jedoch die These, dass Coronaviren offenbar bei Hufeisennasen sehr häufig vorkommen, und zwar nicht nur in China, sondern auch in anderen asiatischen Ländern. Eine weitere wichtige Erkenntnis solcher Untersuchungen betrifft die zeitliche Perspektive. Das SARS-CoV-2 und ähnliche Viren sind keine neuen Erreger, sie wurden lediglich erst kürzlich entdeckt und man ist wegen der Pandemie aufmerksam auf sie geworden. Sie haben sich in Hufeisennasen schon seit längerer Zeit eingenistet.

Das von den USA finanzierte Projekt PREDICT, das weltweit nach (tierischen) Ursprüngen von potenziellen Pandemien sucht, wurde im Februar von der US-amerikanischen Regierung gestoppt. Just zu jener Zeit, in der die Administration Trump Gerüchte verbreitete, das Virus stamme aus chinesischen Laboren und sei vielleicht gar willentlich ausgesetzt worden. Im April jedoch sprach die United States Agency for International Development (USAID) fast 3 Mio. USD, um in Proben von Fledermäusen, Schuppentieren und anderen Tieren aus Laos, Malaysia, Nepal, Thailand, Vietnam und Kambodscha nach weiteren Viren zu suchen. Die Resultate, die in ein paar Wochen publiziert werden sollen, werden mit Spannung erwartet.

Ergänzung

Die NZZ meldet am 27. Januar 2021, dass Forscher um David Robertson der University of Glasgow Vorfahren des SARS-CoV-2 untersucht haben. Die nächsten Verwandten hat man 1500 Kilometer entfernt von Wuhan gefunden. Das Erbgut der untersuchten Coronaviren verändern sich nur sehr langsam. Allerdings haben sie herausgefunden, dass zwei unterschiedliche Viren-Varianten, die sich auf demselben Wirt befinden, Teile ihres Erbgutes tauschen können. Durch diesen Vorgang entsteht sprunghaft ein neues Virus mit einem neuen Erbgut. Die Forscher gehen davon aus, dass das mit SARS-CoV-2 nah verwandte Virus namens RmNY02, das sie untersucht haben, Teile des Erbguts von einem Coronavirus übernommen hat. Viren, die sich ihr Erbgut teilen, sind auch schon in Tieren entdeckt worden, die 2000 Kilometern voneinander entfernt leben.

Bezüglich der Hauptwirte von Coronaviren, den Fledertieren, stehen immer noch die Java- und die Chinesische Hufeisennase im Mittelpunkt. Ihre Verbreitungsgebiete überlappen sich sehr stark und schließen die Region um Wuhan und Yunnan mit ein, wo man auch mit Corona infizierte Schuppentiere gefunden hat. In der Java-Hufeisennase hat man bekanntlich das mit dem SARS-CoV-2 zu 96 Prozent übereinstimmende RaTG13-Virus gefunden. Trägerin des RmNY02 ist die Malaiische Hufeisennase, ihr Verbreitungsgebiet ist verglichen mit den anderen beiden Hufeisennasen beschränkt. Die Forscher ziehen den Schluss, dass man sowohl geografisch als auch biologisch breit angelegt untersuchen muss. Nicht nur bezüglich der Gebiete, in denen nach den Viren gesucht wird, sondern auch bezüglich der Tierarten darf nicht zu eingeschränkt geforscht werden. Die Java-Hufeisennasen teilen sich ihre Schlafstätten mit anderen Fledermausarten. Dies bietet den Viren die Gelegenheit, auf andere Wirte überzuspringen und ihr Erbgut auszutauschen.

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Was kostet ein Leben? Was kostet ein Leben mit Corona? Was kostet ein Lebensjahr? Unangenehme Fragen, noch unangenehmere Antworten. Und ein Nachtrag zu den Verlusten in der Gastroszene.

Es gibt zahlreiche Perspektiven auf ein Ereignis. Man steht auf der Terrasse des Sendeturms des Chasserals und blickt auf den Alpenbogen. Ein paar Tage später schaut man vom Uetliberg auf dieselben Gipfel – und manche Berge erkennt man kaum wieder. Das Schreckhorn beispielsweise verliert vom Osten her betrachtet seinen Schrecken. Je nachdem von welchem Standort man auf eine Sache blickt, rücken andere Eigenheiten in den Fokus. Soweit so banal.

Die Ökonomen haben ebenfalls ihre Sichtweise auf die Pandemie. Und diese Sichtweise wird durch Geldbeträge geprägt. Der Unterschied zum Betrachten des Alpenbogens ist einleuchtend: Die Spitze des Schreckhorns liegt 4068 Meter über Meer, ob man nun auf dem Chasseral steht oder auf dem Uetliberg. Die Fakten bleiben gleich, das Aussehen verändert sich je nach subjektivem Standort. Die Wirtschaftswissenschaft ist aber eine sozialwissenschaftliche, bisweilen eine geisteswissenschaftliche, mitunter gar eine naturwissenschaftliche Disziplin. Die Fakten sind also doppelt variabel: nicht nur das Aussehen eines Gegenstandes verändert sich, sondern auch die nackten Zahlen variieren je nach Zugangsweise. Denn sie hängen von der gewählten Methode ab. Manchmal auch von der Ideologie. Die Lektüre über die Methodologie und die Methodenvielfalt ist uferlos. So ist es nicht überraschend, dass es etwa in der Gesundheitsökonomie verschiedene Auffassungen gibt, wie viel ein Menschenleben wert ist. Dieses Problem ist sich Christoph Eisenring in seinem Artikel bewusst. Gleichwohl versucht er auszurechnen, wieviel uns die Pandemie kosten könnte.

Vorerst zur klassischen Volkswirtschaft. Vergleichsweise einfach ist eine ungefähre Berechnung des ökonomischen Schadens der Pandemie. Man vergleicht die Wachstumserwartungen von vor der Krise mit den Szenarien, die nun anhand realer Zahlen mitten in der Krise entworfen werden. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) schätzte 2019 das Wachstum für die Jahre 2020 und 2021 auf 1,7% bzw. 1,2%. Das Coronavirus wird 2020 vermutlich für einen Rückgang des Bruttosozialprodukts von 3,8% verantwortlich sein. Nachher dürfte sich die Lücke langsam wieder schließen, vor allem, wenn die Impfung tatsächlich im Laufe des Jahres 2021 ihre Wirkung entfalten sollte. Der Verlust der Wertschöpfung berechnet das Seco somit auf CHF 70 Mia. Dies entspricht ungefähr 10% der Wirtschaftsleistung von 2019.

Der gesamtwirtschaftliche Schaden wird aber nicht nur in diesen Zahlen widerspiegelt. Eisenring geht davon aus, dass vermutlich 7000 Menschen an Covid sterben werden. Anfang 2021 sind wir schon bei über 7000 und täglich müssen hohe zweistellige bzw. tiefe dreistellige Todesfälle hinzugezählt werden. Wir bleiben aber vorderhand bei Eisenrings Schätzungen vom November 2020. Bei der Berechnung eines Lebens stützt er sich auf Studien von Harvard-Ökonomen. Dort wird für einen Corona-Todesfall CHF 6,3 Mio. eingesetzt. Macht bei 7000 Opfern also CHF 44,1 Mia. Zu bedenken ist, dass vorwiegend ältere Menschen an Corona sterben. Im Vergleich zu den Jüngeren geben sie durchschnittlich weniger Geld aus für den Konsum.

Hier zeigt sich die Problematik solcher Rechnungen. Deshalb sei hier noch skizzenhaft eine andere Schätzung vorgestellt: Die amerikanische Umweltbehörde hat ebenfalls kalkuliert, wie viel ein Leben wert ist. Damit will die Behörde berechnen, wie sich Gesetze für die Umwelt rein ökonomisch auf ein Menschenleben auswirken. Sie veranschlagen ein Leben auf CHF 10,7 Mio. Das zeigt, dass die Harvard-Ökonomen bereits einen erheblich tieferen Wert einsetzen. Dies ist dem höheren Alter der Betroffenen geschuldet.

Zu den Kosten der Todesfälle kommen noch jene der Behandlung von Spätfolgen der Erkrankten. Allerdings wird hier nur auf jene Fälle zurückgegriffen, die auch hospitalisiert worden sind oder in ärztlicher Behandlung waren und deshalb sozusagen offiziell als Coronafälle gelten. Was off-the record geschieht, kann nicht ermittelt werden. Eisenring schätzt die Anzahl auf 17'500 Betroffene. Anhand britischer und US-amerikanischer Studien kämpfen 35% der Patienten noch lange nach der eigentlichen Erkrankung mit Komplikationen. Jüngste, kleinere Erhebungen in der Schweiz (in Genf) bestätigen dies. Die Gesundheitsschäden würden sich auf CHF 12,7 Mia. belaufen.

Weiters sind noch psychische Beeinträchtigungen zu erwarten. Die Axa-Versicherungen gehen davon aus, dass in der Schweiz zurzeit etwa 636'000 Personen psychische Hilfe in Anspruch nehmen dürften. Wiederum auf US-amerikanischen Studien stützend, die die psychische Beeinträchtigung bewerten, können 20% der Kosten dieser psychologischen oder psychiatrischen Behandlungen auf eine Covid-Erkrankung zurückgeführt werden. Die Behandlungskosten jährlich betragen pro Person ungefähr CHF 90'000. Insgesamt wären das dann CHF 11,4 Mia.

Die Gesundheitskosten belaufen sich also, wenn man alle diesbezüglichen Beträge summiert, auf CHF 68,2 Mia.

Eisenring rechnet die volkswirtschaftlichen und die gesundheitlichen Kosten zusammen und kommt auf eine Summe von CHF 138 Mia., umgerechnet auf eine erwachsene Person: CHF 16'000.

Der Professor Dirk Krüger von der University of Pennsylvania sagt in der NZZaS vom 10.5.2020, er rechne üblicherweise ebenfalls mit dem Wert der Umweltbehörde, für die Pandemie halte er jedoch einen alternativen Ansatz für aufschlussreicher. Man müsse nämlich die Sache von der anderen Seite her betrachten, von den verlorenen Lebensjahren her. Krüger beziffert den Betrag, der jährlich bei einem eher älteren Corona-Opfer verloren geht, auf ungefähr CHF 488'000. Das sei nicht so viel, denn die Menschen in höherem Alter geben vergleichsweise weniger Geld aus und schöpfen auch weniger Geld als jüngere. Wenn man also mit einem Durchschnittswert über die ganze Bevölkerung rechnen würde, ergebe das eine Verzerrung, sagt Krüger.

Seine Untersuchungen zeigen, dass die Belastungen für verschiedene Gesellschaftsgruppen sehr unterschiedlich sind. Von den Lockdowns etwa profitieren die älteren Leute am meisten und – nicht sehr überraschend – trifft es die jungen Arbeitnehmer der Lockdown-betroffenen Branchen am härtesten. Mit der von Krüger kalkulierten jährlichen Verlustsumme von CHF 488'000 kann auch in unserem Fall weitergerechnet werden. Wenn man diesen Betrag unverändert auf die Schweiz übernimmt und gleichzeitig den Durchschnittswert heranzieht, den ein Corona-Opfer an Lebensjahren verliert, der hier auf 5 Jahre veranschlagt wird, käme man bei 7000 Corona-Todesfällen auf ca. CHF 17,1 Mia. (Experten des Deutschen Pathologenverbandes haben aufgrund von Obduktionen den durchschnittlichen Verlust von Lebensjahren auf 10 Jahre beziffert. Das ist viel. Hier wird konservativer gerechnet: Die nach Alter geordnete Lebenserwartung wird mit den nach Alter geordneten Sterbetabellen verrechnet. Dann käme man durchschnittlich auf etwa 8 Jahre, die ein älterer Mensch noch vor sich hätte. Berücksichtigt man noch den Fakt, dass häufiger vorerkrankte Menschen mit etwas tieferer Lebenserwartung sterben, wird hier mit 5 Jahren gerechnet.)

Wenn man die Methode von Krüger heranziehen würde, käme man bei den Gesundheitskosten auf etwa CHF 41,2 Mia.

Unterdessen schreiben wir das Jahr 2021. Die Anzahl Todesopfer hat die Marke von 7000 schon weit überschritten.

Berechnungen gehen von 12'000 bis 15'000 Opfern bis Ende März aus. Bleiben wir konservativ und rechnen mit 12'000. Wir passen Eisenrings Rechnung und die Kalkulation nach Krüger an.

Eisenring: Die Kosten der Todesopfer wären somit CHF 75,6 Mia.; Langzeitfolgen bei ca. 30'000 Patienten belaufen sich auf CHF 21,7 Mia. Zusammengenommen mit den Kosten wegen psychischen Behandlungen von geschätzten CHF 19,5 Mia ergäbe dies allein für die Gesundheitskosten: CHF 116,8 Mia. Der gesamte wirtschaftliche Schaden betrüge CHF 186,8 Mia.

Krüger: Die Gesundheitskosten beliefen sich auf etwa CHF 70,5 Mia., die Gesamtkosten auf CHF 140,5 Mia.

Welche Zahlen man immer auch als Basis heranzieht, so kann man gleichwohl festhalten, dass die Kosten enorm sind. Und wie diese behelfsmäßigen, sicherlich noch zu präzisierenden und vertiefenden Berechnungen zeigen, ist es ökonomisch ratsam, möglichst wenige Ansteckungen zu riskieren. Die gesundheitlichen Kosten belaufen sich im Januar 2021 auf die Hälfte des Gesamtschadens. Je länger die Bekämpfung der Pandemie hinausgezögert wird, je länger sich also zu viele Leute noch infizieren, desto größer wird der zu erwartende Schaden. Es wäre für alle klug, die Ausbreitung markant zu bremsen. Zu jedem verlorenen Franken in der volkwirtschaftlichen Rechnung wird mit der konservativsten Rechnung einen Franken für die gesundheitlichen Kosten addiert. Mit einer vernünftigen Eindämmungsstrategie könnten die gesamtwirtschaftlichen Schäden beträchtlich gesenkt werden. Einfach warten auf die Impfung reicht nicht.

Nachtrag

Ein Restaurantunternehmer, Weinhändler und Immobilienbesitzer in Zürich hat Anfang Januar vorgerechnet, dass dem gesamten schweizerischen Gastrobereich dereinst Verluste in der Höhe von CHF 2 Mia. bis CHF 2,5 Mia. zu Buche stehen würden. Er ruft den Bundesrat auf, der Branche Hilfeleistungen zukommen zu lassen. Auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die vor einer ungewissen Zukunft stünden. Mit den Forderungen hat er recht. 

Aber: Er müsste dies alles mit den gesamtgesellschaftlichen Kosten und Verlusten in Beziehung setzen. Nimmt man die obigen Überlegungen ernst und hört man auch auf das, was Wirtschaftswissenschaftler und der Internationale Währungsfonds raten, wäre es ökonomisch am sinnvollsten, wenn die Fallzahlen schnellstmöglich sinken würden, also harte Maßnahmen ergriffen würden. Damit könnten mittelfristig moderate Lockerungen wieder ins Auge gefasst werden. Auch für Restaurants.

Der vom Restaurantbesitzer genannte Betrag entspricht jenem von 1050 Todesfällen (nach Krüger). Geht der Trend in der Schweiz mit durchschnittlich etwa 75 Todesfällen pro Tag weiter, hat man die Marke von CHF 2,5 Mia. in zwei Wochen erreicht.

Rechne und handle!

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Der Mensch verschwindet im Anthropozän: Der Anfang. Und unterschiedliche Ansichten über das Atomprogramm.

»Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten«, soll, wie bereits zitiert, J. Robert Oppenheimer gesagt haben, als er aus dem Bunker stürmte, von dem aus er die Detonation der ersten Atombombe in der Wüste der White Sands beobachtet hatte. War das der Beginn eines neuen Zeitalters? Einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sagen ja. In unterschiedlichen Disziplinen wird darüber diskutiert, wann genau die neue Ära, die Anthropozän getauft wurde, angefangen haben soll.

Je nach Fokus der Gewichtungen stehen unterschiedliche Zeitpunkte im Raum. War vor 12‘000 Jahren die Erfindung der Landwirtschaft und den damit verbundenen steigenden Methanemissionen der Auslöser? Oder der einsetzende Welthandel in der Renaissance? Die Industrielle Revolution im 19. Jahrhundert? Die Wirtschaftswunderzeit nach dem Zweiten Weltkrieg und die Beschleunigung des Klimawandels? Nimmt man die geowissenschaftlichen Kategorien als Maßstab, nach denen ursprünglich die Erdgeschichte eingeteilt wurde, ist die Zusammensetzung des Bodens entscheidend. In dieser Systematik erscheint das Holozän als jene Epoche des Quartärs[1], die dem Pleistozän folgte. Das Anthropozän folgte dem Holozän und würde demnach als jenes Zeitalter bezeichnet, ab dem von Menschen erzeugte Stoffe wie Plastik, Beton oder auch radioaktive Ablagerungen aus Kernwaffenzündungen wie Plutoniumisotope als eigene Sedimentschicht in der Erdkruste nachgewiesen werden können. So wäre die Geburtsstunde nach Mitte 1945 zu datieren, als die Kernwaffenzündungen begonnen hatten. 

Einfachheitshalber, sagen daher viele Wissenschaftler, würde der 16. Juli 1945 als Datum gut passen. Passend auch die Aussage Oppenheimers: »Wir wussten, dass die Welt nicht mehr dieselbe sein würde.« Offenbar war sich der äußerst gut gebildete Oppenheimer[2] bewusst, dass das, was sie soeben geschaffen hatten, viel mehr war, als sie sich vorgestellt hatten. Auch der Kriegsminister Stimson bemerkte ja schon 1945, dass »eine revolutionäre Veränderung des Verhältnisses zwischen den Menschen und dem Universum« stattfinden könnte. Insofern ist die Wahl der Zündung der ersten Atombombe gar nicht so falsch. Weitere Eigenschaften, die nicht mehr streng erdgeschichtlich definiert sind, haben sich unterdessen hinzugesellt: Artensterben, Klimaerwärmung, Ausbeutung natürlicher Ressourcen etc.

Kehren wir noch einmal kurz zu Oppenheimer zurück. Nach dem Krieg wurde der »Vater der Atombombe«, wie er zu seinem großen Missfallen genannt wurde, verschiedentlich geehrt und er übernahm den Vorsitz des fachwissenschaftlich zusammengesetzten Beratergremiums der US-amerikanischen Atomenergiebehörde, die ihrerseits den Präsidenten in Atomfragen beriet. Oppenheimer blieb seiner Überzeugung treu, dass die Atombombe kein sehr hilfreiches Mittel sei, um den Frieden zu bewahren. Die Erforschung der Atomphysik zur zivilen Gewinnung von Energie stand er hingegen nicht im Wege.

Zum Forscherteam in Los Alamos gehörte schon früh der Physiker Edward Teller. Teller war ein brillanter Wissenschaftler, aber eigentlich interessierte ihn der Bau einer Atombombe nicht sonderlich, schon während des Manhattan-Projekts legte er seinen Forschungsschwerpunkt auf thermophysische Fragen. Mit Oppenheimer und Teller trafen zwei grundverschiedene Charaktere aufeinander, hier der ruhige, besonnene Intellektuelle, dort der umtriebige, forsche Wissenschaftler. Immer wieder rieben sie sich aneinander. Auch politisch waren sie sich kaum je einig. Teller war es nun, der sich daran störte, dass das Manhattan-Projekt im Oktober 1945 zu Ende sein sollte, dabei arbeitete er ja an der Entwicklung einer noch viel durchschlagskräftigeren Waffe, die die USA als Weltmacht Nummer eins etablieren könnte. Beim Vorsitzenden der Atomenergiebehörde, Lewis Strauss, fand Teller einen Verbündeten, vor allem als sich abzuzeichnen begann, dass die Sowjetunion und die USA zu Antagonisten in der neuen Weltordnung wurden.

Die Situation für Oppenheimer wurde immer delikater, war es doch allgemein bekannt, dass er gegen die Erforschung einer thermonuklearen Bombe stand und in den 1930er-Jahren mit dem Kommunismus sympathisierte. Das Beratergremium konnte er noch von seiner Linie überzeugen, die Atomenergiebehörde schwenkte jedoch unter dem Einfluss von Strauss auf Tellers Standpunkt. Das Verhältnis zwischen Oppenheimer und Strauss wurde immer schwieriger. Strauss warf Oppenheimer vor, er behindere das Wasserstoffbomben-Projekt, also stellte er sich auch gegen die Interessen der USA, seine Haltung sei demnach unamerikanisch. Strauss setzte sich durch. Präsident Truman gab am 31. Januar 1950 bekannt: »Es gehört zu meiner Verantwortung als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, dafür zu sorgen, dass unser Land in der Lage ist, sich gegen jeden möglichen Aggressor zu verteidigen. Dementsprechend habe ich die AEC (Atomenergiebehörde) angewiesen, ihre Arbeit an allen Formen von Atomwaffen, einschließlich der so genannten Wasserstoff- oder Superbombe, fortzusetzen.«[3]

Schließlich eskalierte die Situation zwischen Strauss und Oppenheimer vollends und Oppenheimer wurde 1954 von einer Untersuchungskommission der Atomenergiebehörde einen fragwürdigen Prozess gemacht. Er stand von Beginn weg auf verlorenem Posten, standen den Anklägern doch sämtliche FBI-Unterlagen zur Verfügung, den Verteidigern jedoch nicht. Zudem verstanden zwei der drei Kommissionsmitgliedern nicht sehr viel von Atomphysik. Ihm wurde die Clearance, also der Zugang zu geheimen Informationen, entzogen, was einer Entmachtung gleichkam. 

Das Manhattan-Projekt wurde also 1945 zum Leidwesen von Teller eingestellt, trotzdem experimentierten die US-Amerikanischen Streitkräfte diesmal unter der Leitung der Navy und wieder in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, wobei die bekanntesten Namen des Manhattan-Projekts fehlten, weiter mit Atombomben, später auch mit thermonuklearen Bomben. Das Testgebiet wurde in die Wüste von Nevada und in den Pazifik verlegt. Ziel der Tests war es, mehr über die Wirkung, die Effektivität und den Zerstörungsgrad herauszufinden, wobei man die Bauweisen der Bomben variierte. Ab Sommer 1946 liefen auf dem Bikini-Atoll die Operationen Crossroads, Castle etc., auf dem benachbarten Eniwetok-Atollwaren es SandstoneGreenhouseIvy. Am 31. Oktober 1952 wurde in der Operation Ivy eine Bombe namens Mike getestet, die auf einer thermonuklearen Fusion basierte. Der beim Mike-Test detonierte Sprengsatz war die erste echte Wasserstoffbombe, die jemals gezündet wurde, also der erste thermonukleare Sprengsatz, der auf den sogenannten Teller-Ulam-Prinzipien der gestuften Strahlungsimplosion aufbaute. Das Gerät wurde unter der Leitung von J. Carson Mark in Los Alamos entworfen. Da Teller nicht zum Leiter ernannt worden war, verließ er das Projekt vorzeitig. Die Erschütterungen der Testzündung in Eniwetok verfolgte er auf einem Seismographen in Berkeley.

Die sowjetische Antwort folgte im August 1953.

Die letzten Tests auf den beiden Atollen wurden 1958 durchgeführt.

Das Anthropozän ist also das Zeitalter, in dem wir viele uns natürlich erscheinende Phänomene in der Landschaft als vertraut bezeichnen würden, obwohl sie alles andere als natürlich sind. Eine andere Normalität hat sich gewissermaßen über die alte gelegt. Bilder solcher Landschaften camouflieren den Urzustand und sie können verstörend malerisch sein. Man denkt etwa an die Schwarzweiß-Bilder gigantischer Häusermeere, aufgenommen aus der Luft von Balthasar Burkhard. Oder die verlorenen Landschaften, seien es abgeholzte Wälder oder Trailerdörfer, des Fotografen Robert Adams aus den 1960er Jahren.

Der Kanadier Edward Burtynsky hat diese Tradition in die Gegenwart weitergetragen. Monumentale Aufnahmen von Steinbrüchen, Ölfeldern, Raffinerien, Absetzbecken, Müllkippen, Schiffsfriedhöfen etc. vereinen sich in seiner Schau »Anthropocene«. Beispielsweise ist ein grauer, breiter Fluss in Nigeria zu sehen, auf dem – wie leicht geöffnete Fächer – Baumstämme schwimmen und der Wasseroberfläche ein eigenartiges Muster verleihen, das einen fern an Dekorationen von Sushi-Speisen erinnert. Auf den ersten oberflächlichen Blick ist kaum zu erkennen, dass da erstens ein Fluss abgebildet ist und dass es zweitens zur Weiterverarbeitung bestimmte Baumstämme sind, die darin diese Strukturen zeichnen. Oder es ist eine trapezförmige, rot-grün-graue Fläche zu sehen, wie man sie von Marmorverzierungen in italienischen Palästen oder auf alten Puderdosen kennt. Darum herum sind sand- und goldfarbene Linien und Strukturen gezogen, daran schließt eine weitere, straffierte Fläche an. Der Deckel der goldenen Puderdose? Am oberen Bildrand erscheinen Gebäude und Strassen. Es handelt sich um eine Luftaufnahme einer Mine in Arizona.

Das Irritierende daran ist die schiere Schönheit, die von den Bildern ausgeht. Erst mit dem zweiten Blick dieser zuerst abstrakt wirkenden Fotografien erkennt man die menschliche Zurichtung der Landschaft, die darauf abzielt, natürliche Ressourcen auszubeuten und dabei die Natur zerstört. Die Verwüstung der Erdoberfläche löst in uns ästhetisches Wohlgefallen aus und zeigt uns, wie wir gegenüber der Umweltzerstörung bereits bestens anästhesiert worden sind. Diese Kruste der Anästhesie kann durch den Blick auf diese Bilder wieder aufgebrochen werden.

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[1] Das Quartär begann vor 2,588 Millionen Jahren, darin das Holozän vor zirka 12'000 Jahren.

[2] Oppenheimer war sehr breit gebildet und nicht nur an der Atomphysik interessiert. Und zuweilen etwas verschroben und in jungen Jahren unsicher und nicht sehr zugänglich. Oppenheimers als Arroganz ausgelegte Distanziertheit und seine Depression in jungen Jahren wurden zum Problem. Seine Eltern waren besorgt über die psychische Verfassung ihres Sohnes und sie schickten ihn zu einem Psychologen, später zu einem Tiefenpsychologen. Dieser verzweifelte jedoch an seinem Patienten, denn der belesene Oppenheimer kannte sich in den Schriften von Freud vortrefflich aus und er begann, seinen Seelendoktor über die Psychoanalyse aufzuklären. Es ist kaum nachvollziehbar, wie gut dieser theoretische Physiker in Psychoanalyse, Geisteswissenschaften, Philosophie und Belletristik bewandert war, wenn man bedenkt, dass er in erster Linie die Fachliteratur über Atomphysik und Mathematik zu studieren hatte. Marx’ drei Bände zum Kapital hatte er allesamt auf einer mehrstündigen Zugfahrt gelesen – und begriffen, Lenins Gesammelte Werke studierte er ebenso. 1933 lernte er Sanskrit in Berkeley und so befasste er sich mit hinduistischen Religionsbüchern wie etwa der Bhagavad Gita in der Originalsprache. Die Lektüre von Prousts Recherche soll sein Verhalten zum Positiven beeinflusst haben, Oppenheimers Sicht auf das eigene Ich hatte sich durch Prousts Kunst der Introspektion verändert. Er begann, sich den Leuten zu öffnen und er entwickelte sich zu einem engagierten Gesprächspartner. Zwar war er immer noch von sich selbst überzeugt und kritisierte die Einfältigkeit anderer Leute nach wie vor harsch (zum Beispiel Präsident Truman), aber seine Bildung beeindruckte seine Gesprächspartner immer wieder. So konnte er nächtelang darüber debattieren, ob Dostojewski oder Tolstoi der bessere Schriftsteller sei, er war über die französische Literatur so im Bilde, als hätte er sie studiert.

Hufeisennase

Im Zusammenhang mit der Erforschung der SARS-Viren hat die Hufeisennase eine gewisse traurige Berühmtheit erlangt.

Im Jahre 2013 konnte die chinesische Forscherin Shi Zhengli nachweisen, dass der SARS-CoV-Ausbruch 2002/2003 auf Viren zurückzuführen ist, die sie in der Chinesischen Hufeisennase (Rhinolophus sinicus) gefunden hat. Es ist zwar noch nicht restlos geklärt, von welchem Tier das neue SARS-CoV-2 den Weg zum Menschen gefunden hat, aber es gibt Hinweise, dass wiederum Hufeisennasen am Ursprung stehen.

Möglich also, dass es auch in diesem Fall wie beim SARS-CoV eine Chinesische Hufeisennase gewesen ist. Wahrscheinlicher ist nach wissenschaftlichen Überprüfungen von Genomen allerdings die Theorie, dass eine Java-Hufeisennase (Rhinolophus affinis) Trägerin des SARS-CoV-2 sein könnte. Das Betacoronavirus SARS-CoV-2 stammt biologisch gesehen vermutlich vom sogenannten RaTG 13-Virus ab, die Genome beider Viren stimmen zu 96,2 Prozent überein. Sie sind zwar nicht identisch, »aber die Hypothese, dass das 2019-nCoV von Fledermäusen stammt, ist sehr wahrscheinlich«, sagt Peng Zhou in nature (Neues von der Hufeisennase). RaTG 13-Viren wurden in Kot-Abstrichen der Java-Hufeisennase in Yunnan gefunden.

Hufeisennasen also.

Eine Ehrenrettung

Ein Viertel aller Säugetierarten stellen die Fledermäuse dar. Bis jetzt sind neunhundert verschiedene Arten bekannt. Darunter finden sich auch 109 Arten der Hufeisennase.

Fledermäuse sind für die Regulierung der Insektenpopulation enorm wichtig. Sie können bis zu 1000 Mücken pro Stunde verschlingen. Zudem bringen sie auch der Landwirtschaft einen großen Nutzen, weil sie Schädlinge essen. Laut Schätzung des kanadischen Evolutionsspezialisten Dan Riskin wird der Wert dieses Nutzens für die US-Agrarwirtschaft auf jährlich eine Milliarde US-Dollars veranschlagt (Quelle CNN), einerseits durch Einsparungen von Pestiziden, andererseits durch Ertragssteigerungen.

In der Familie der 109 Hufeisennasenarten (Rhinolophidae) kommen auch Arten in Mitteleuropa vor, zum Beispiel die Kleine Hufeisennase und die Große Hufeisennase. Eine ähnliche Art wie die Große Hufeisennase ist die Chinesische Hufeisennase, sie findet man im südlichen Teil von China und in Teilen Myanmars und Nepals. Sie ist nicht zu verwechseln mit der Java-Hufeisennase, die im gleichen Gebiet zu Hause ist, aber gegen Süden hin sich bis nach Indonesien ausgebreitet hat.

Den Namen trägt die Fledermaus aufgrund des hufeisenförmigen Hautlappens, der die Oberlippe bedeckt, sich um die Nasenlöcher rankt und bis zur Stirn hinauf reicht. Weitere Hautlappen ragen vom Gesicht, andere in Lanzettenform vom Kopf weg.

Ein ausgefeiltes Peilsystem mit Echoortung, die auf von den Oberflächen zurückgeworfenen Hochfrequenzlauten, die sie ausgestoßen haben, basiert, ermöglicht es ihnen, verschiedene Insekten zu unterscheiden und Gegenstände, Pflanzen und Tiere zu erkennen. Hufeisennasen können gleichzeitig rufen und horchen. Aufgrund der Bauweise der Flügel können sie zwar nicht sehr schnell fliegen, sind aber dennoch wendig und geschickt. Im Gegensatz zum Gemeinen Vampir können sie sich nicht auf allen Vieren fortbewegen. Auch die Hufeisennasen ruhen kopfüber hängend.

Die Chinesische und die Java-Hufeisennase haben eine Unterarmlänge von 43 bis 56 mm, eine Ohrlänge von 14 bis 23 mm und eine Schwanzlänge von 21 bis 30 mm. Die Flügelspannweite reicht von 290 bis 364 mm. Insgesamt gilt sie als mittelgroße Hufeisennase. Sie ähnelt im Aussehen der weit verbreiteten Rötlichen Hufeisennase, hat allerdings längere Flügel. Das Fell auf ihrem Rücken ist bei der Chinesischen zweifarbig: die unteren zwei Drittel der Haare sind bräunlich-weiß, während die Haarspitzen rötlich-braun sind. Das Bauchfell ist heller gefärbt und bräunlich-weiß. Java-Hufeisennasen sind eher gelblich bis orangefarben.

Auch wenn sie Warmblütler sind, fahren sie im Winter ihre Temperatur herunter und verfallen in einen lethargischen Zustand, den man Topor nennt.

Die Hufeisennasen jagen ihre Beute (Käfer, Nachtfalter, Fliegen, Schnaken, Spinnen) meistens in der Abend- und Morgendämmerung, entweder direkt in der Luft oder von Oberflächen weg. Da sie nicht blind sind, können sie auf ihrem Beuteflug auch die Augen benutzen. Für das ökologische Gleichgewicht spielen sie als Insektenverzehrer eine bedeutende Rolle.

Hufeisennasen paaren sich im Spätsommer. Die Weibchen können das Sperma mehrere Monate im Körper speichern, so dass die Geburt des Nachwuchses erst im Frühjahr stattfindet. Weibchen finden sich für den Wurf in sogenannten Wochenstuben zusammen. Nach etwa dreißig Tagen gehen die Jungen selbständig auf die Jagd. Nach drei Jahren sind sie geschlechtsreif. Die Chinesischen Hufeisennasen leben im Gegensatz zu anderen Arten meist in Kolonien.

Hufeisennasen bevorzugen Regionen, die unter achthundert Metern über Meer liegen, es wurden aber auch schon Wochenstuben auf tausendfünfhundert Metern und einzelne Tiere auf dreitausend Metern gesichtet.

Sie leben in Höhlen, offenen Gebäuden, Bergwerkstollen, Plantagen oder Tunnels. Wohnsiedlungen, in denen sie keine offen zugänglichen Nischen finden, meiden sie. Sie sind nicht bedroht. In ihrem Verbreitungsgebiet gibt es aber immer weniger naturnahe Landschaften. Sei es durch Agrarwirtschaft, durch Industrialisierung, durch Zersiedelung oder durch Infrastrukturbauten werden die Räume für Hufeisennasen immer enger und unzugänglicher. Isolation und Fragmentierung von Lebensräumen gehören zu den Hauptproblemen für die Tiere. Hinzu kommen Pestizide, die sie durch ihre Nahrung einnehmen. 

 

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Quellen:

Peng Zhou et al in:  https://www.nature.com/articles/s41586-020-2012-7

Die Informationen sind dem online verfügbaren WWF-Artenlexikon entnommen. https://www.wwf.de/themen-projekte/artenlexikon/hufeisennasen/ (abgerufen am 16.4.2020)

»Der Ursprung ist da, wo er ist.« Die WHO will zusammen mit China erforschen, wo die Ursprünge der Pandemie liegen. Das ist politisch ein heikles Unterfangen, schreibt Frederike Böge in der FAZ.

Wie in den hier vorliegenden Querverweisen schon mehrfach ausgeführt wurde (Wie alles begann; Wuhan-Files), zuletzt in den Wuhan Files, wird die Suche nach dem Ursprung des Virus nicht nur von der Wissenschaft bestimmt, sondern und vor allem auch von der Politik. Mal ist es die US-amerikanische Regierung, die einen Laborausbruch in Wuhan vermutet, mal ist es das chinesische Regime, das von einem Viren-Import nach China spricht.

Immerhin haben sich jetzt die Regierung und die WHO auf eine Liste von zehn Wissenschaftlern geeinigt, die der Frage nachgehen sollen, wie und wo die entscheidende Übertragung auf den Menschen stattgefunden hat. Fabian Leendertz vom Robert-Koch-Institut (RKI) ist Tiermediziner und steht ebenfalls auf der Liste. Er und sein Team konnte 2014 in Guinea jenen Baum identifizieren, auf dem sich eine Fledermaus befand, von der das Ebola-Virus auf einen Jungen übergesprungen ist. Leendertz betont die Schwierigkeit, die Schuldfrage außen vor zu lassen. Solche Übertragungen können überall passieren, dass es Guinea traf, ist schlichtweg Zufall. Aber einen Schuldigen zu definieren, ist unzulässig.

Gleichwohl denken die Leute und missgünstige Politiker eben doch in Denkschachteln moralischer Zuschreibungen. Im Minenfeld der chinesisch-amerikanischen Beziehungen sind solche Bewertungen gefährlich. Deshalb erstaunt nicht, dass es lange gedauert hat, bis man sich auf einen Handlungsrahmen der Nachforschungen geeinigt hat.

Als erstes finden digital geführte Konsultationen mit chinesischen Forschern statt. Damit will das Team herausfinden, wohin man allenfalls reisen muss, um die Erkundungen zu vertiefen. Dabei stehen drei Fragen im Zentrum:

1. Welche Tiergattung stellt das Reservoir des Erregers dar? Erkenntnisse zum SARS-CoV-1 und zu Ebola legen nahe, zuerst Fledermäuse zu untersuchen. Falls sich der Fledermaus-Verdacht erhärtet, könnte man Maßnahmen gegen die weitere Verbreitung erlassen, wie beispielsweise das Verbot des Sammelns von Fledermauskot.

2. Welches Tier dient als Zwischenwirt? Die ursprüngliche Annahme, es sei ein Schuppentier, hat sich nicht bestätigt und steht nicht mehr im Vordergrund. Leendertz würde gerne die Pelztierfarmen genauer unter die Lupe nehmen. Zum Beispiel indem man feststellt, ob Fledermäuse in den Gebälken von solchen Farmen hausen.

3. Wo und wie ist das Virus auf den Menschen übertragen worden? Hierfür zöge man die Analyse von gefrorenen Blutproben erkrankter Personen heran. Da bei weitem nicht alle Infizierten erkranken, ist es praktisch unmöglich, den Träger 0 zu finden. Es ist sehr gut möglich oder gar wahrscheinlich, dass dieser keine Symptome aufwies und daher gar nicht auf dem Radar erscheint. In diesem Zusammenhang ist die Rolle des Wuhaner Lebendtiermarktes noch weiter zu beleuchten. Als Ursprung steht er kaum mehr in Verdacht, aber als Superspreader-Ort dürfte er eine bestimmte Rolle gespielt haben.

Diese Perspektive gefällt der chinesischen Regierung überhaupt nicht. Sie würde gerne den Fokus auf andere Aspekte lenken. Hier braucht es das diplomatische Geschick des Forscherteams, das immer wieder darauf hinweisen muss, dass die wissenschaftliche Beweislage den Erkenntnisprozess steuert und keineswegs politische Erwägungen. Also müssen die von China unter Verdacht stehenden Importe aus Indien und Italien genauso untersucht werden, wie Spuren, die allenfalls in ein Labor führen würden, was Leendertz aber als extrem unwahrscheinlich erachtet. Er meint lakonisch: »Ich halte mich an meine Expertise. Der Ursprung ist da, wo er ist.«

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The Wuhan Files: Geleakte interne Dokumente beleuchten, was in Wuhan alles schiefgelaufen ist. Und das zu allem Elend noch eine Grippewelle den Blick auf das neue Virus verdeckte.

Keine Sicherheitshürde scheint zu hoch zu sein, keine Bürokratie gefeit vor Whistleblowern, auch nicht die chinesische. Jetzt wurden offizielle Dokumente des Center for Disease Control and Prevention der Provinz Hubei geleakt.[1] Der CNN-Experte für internationale Sicherheit Nick Paton Walsh hat sie gesichtet, hier werden die wichtigsten Fakten zusammengefasst und ergänzt.  

The Lancet hatte im Frühjahr berichtet, dass der erste Covid-19-Patient am 1. Dezember 2019 mit jenen Symptomen, die später als typisch für diese Krankheit betrachtet würden, in einer Klinik in Wuhan behandelt worden war (Wie alles begann). Ein Jahr später sind Unterlagen veröffentlicht worden, die ein genaueres Bild auf die Ereignisse jener Tage in der mittelchinesischen Provinz Hubei zeichnen. Die 117 als vertraulich eingestuften Seiten (»Internal document. Please keep confidential«) zeigen bruchstückhaft, was die zuständigen Gesundheitsämter der Öffentlichkeit berichteten – und was eben nicht, und wie sie von übergeordneten Stellen gemaßregelt wurden. Dabei geht es um nicht zutreffende Zahlen, um Beschreibungen der Situation, um die Irreführung der Öffentlichkeit und Unterdrückung von wichtigen Informationen sowie um fragwürdige Abläufe innerhalb der lokalen Behörden, vor allem des Center of Disease Control and Prevention (CDC). Kurz zusammengefasst bestätigen die Dokumente jene Befürchtungen, die man schon lange hegte, die aber von den Amtsstellen unter einem undurchdringlichen Mantel des Schweigens gehalten werden. Die da wären:

  1. Die chinesischen Behörden gaben ein zu optimistisches Bild der Lage.

  2. Bis zum 10. Januar dauerte es 23 Tage, bis ein Patient ein Testergebnis erhielt. Ergänzt sei hier, dass die Nachweismethoden zu Beginn der Pandemie noch sehr rudimentär waren. Das neue Virus selbst konnte erst ab Mitte Januar diagnostiziert werden, denn es gab noch keine SARS-CoV-2-spezifischen PCR-Tests, bei denen zwei bestimmte Gensequenzen untersucht werden. Die chinesische Forscherin Shi Zhengli vom Wuhan Institute of Virology (WIV) identifizierte den Erreger am 7. Januar 2020 als SARS-verwandt. Am 12. Januar wurde die Gensequenz veröffentlicht, nur gerade vier Tage später wurde auf Basis der Sequenzierung der erste diagnostische PCR-Test von Christian Drosten vorgestellt. Unterdessen gibt es mehrere ähnliche Tests, sie gelten nach wie vor als Goldstandard. Die meisten Resultate, die zu Beginn des Jahres in China gemeldet wurden, waren negativ. Allerdings wurde später anhand der verbesserten Methoden festgestellt, dass viele dieser negativen Befunde falsch waren (also falsch negativ), es waren demnach viel mehr Leute erkrankt als ausgewiesen.

  3. Die Behörden versagten bei der Bewältigung der Krise. Die Amtsstellen sind sowohl personell als auch finanziell unterdotiert, die bürokratischen Prozesse laufen zu langsam und das Warnsystem funktionierte nur mangelhaft.

  4. Die ganze Situation wurde verschlimmert durch eine starke Grippewelle, von der ab Anfang Dezember 2019 die Provinz Hubei erfasst wurde.  

Offenbar waren die Behörden komplett überfordert, ihre Entscheidungen waren kaum nachvollziehbar und die kommunizierten Informationen hinterließen zahlreiche weiße Stellen des Nichtwissens und des Nichtsagenwollens. Allerdings muss auch berücksichtigt werden, dass das Wissen und die Erkenntnisse über das Virus und den Verlauf der Krankheit und deren Eigenschaften und der Behandlung anfangs noch nicht verlässlich und fundiert waren. Gleichwohl wurde im Weißbuch der chinesischen Regierung vom 7. Juni 2020 über die Bewältigung der Krise noch geschrieben, dass China verantwortungsvoll gehandelt habe, die Behörden die Öffentlichkeit gut informiert habe und allgemein effizient reagiert wurde. Fehler und falsches Handeln wurden nicht eingestanden. Die geleakten internen Quellen sprechen eine andere Sprache.

Zuerst zu den Zahlen: Es werden in den Papieren drei Zeitpunkte herausgepickt und genauer unter die Lupe genommen: der 10. Februar, der 17. Februar und der 7. März. 

Am 10. Februar meldete China für die ganze Volksrepublik 2478 Fälle, davon fallen auf die Provinz Hubei 2097 bestätigte Infektionen. Zu diesen 2097 Infektionen kommen in der Provinz offiziell noch 1814 vermutete Übertragungen, macht insgesamt 3911 mögliche Ansteckungen. Die internen Unterlagen nennen andere Zahlen und differenzieren noch weiter aus: Sie sprechen allein für Hubei von 2345 bestätigten, von 1772 klinisch diagnostizierten (aufgrund von Röntgenaufnahmen oder CT-Scans), von 1796 vermuteten und von 5 unbestätigten Fällen, also von insgesamt möglichen 5918 Ansteckungen. Das ist immerhin ein Unterschied von 2000 Infektionen. Fachleute sind der Meinung, dass die Verdachtsfälle eher konservativ berechnet sind. William Schaffner etwa, Professor für Infektionskrankheiten an der Vanderbildt University, sagt, die Daten wären höher, wenn man die Maßstäbe der US-Epidemiologen anwenden würde. Zudem sei eine klare Unterscheidung zwischen Verdachtsfällen und klinisch Diagnostizierten sehr schwierig zu treffen. Die Erfahrungen in den USA zeigen, dass davon auszugehen ist, dass die Mehrzahl der vermuteten Infektionen den Diagnostizierten zugeschlagen werden müssen.

Protokolle chinesischer Ärzte besagen, dass Patienten als Verdachtsfall eingestuft wurden, wenn sie Kontakte mit Infizierten, Fieber und Lungenbeschwerden hatten. Erst aussagekräftigere Röntgenaufnahmen oder CT-Scans, auf denen Entzündungen nachgewiesen werden können, machten die vermuteten zu klinisch diagnostizierten Covid-19-Erkrankten. Mit der Methode, Verdachtsfälle zu ignorieren und/oder klinisch diagnostizierte mit den vermuteten Fällen zu mischen, konnten die Zahlen gesenkt werden. Erst Mitte Februar wurden die klinisch diagnostizierten den bestätigten Fällen zugewiesen. Ebenfalls die Differenz der gemeldeten Todesopfer der Provinz Hubei ist markant. Hier beruft sich das Papier auf den 17. Februar: Offiziell waren es 93 Tote, im internen Report sind 196 nachgewiesen.

Die Daten der Todeszahlen, die am 7. März publiziert wurden, sind ebenfalls bemerkenswert. Offiziell waren bis dann insgesamt 2986 Opfer gemeldet worden. Im internen Report waren es aber 3456 Tote, davon 2675 bestätigte, 647 klinisch diagnostizierte und 126 Verdachtsfälle sowie 8 positiv Getestete (aber noch nicht bestätigt). Auch die Fallzahlen differieren stark an diesem Datum: den 41 bestätigten und 42 vermuteten offiziellen Infektionen stehen 41 bestätigte, 42 vermutete und 32 positiv getestete Fälle in den geleakten Papieren entgegen. Die Kategorie klinisch diagnostiziert erscheint nicht mehr. 

Das Problem verschärft sich durch den Umstand, dass die Testresultate sehr lange auf sich warten ließen, also die gemeldete Zahl der Ansteckungen überhaupt nicht aktuell waren. Anfangs ging es bis zu 23 Tage, bis ein Ergebnis eintraf. Das CDC kommt selber zum Schluss, dass in retrospektiven Überprüfungen von negativ diagnostizierten Patienten in etlichen Fällen das Resultat auf die andere Seite kippte. 

Chinesische Gesundheitsexperten klagten schon im Februar darüber, dass die zur Verfügung stehenden Tests basierend auf die Analyse von Nukleinsäuren (dabei wird der genetische Code identifiziert) sehr ungenau waren und kaum bei der Hälfte der tatsächlich Infizierten positiv anzeigten. Der steigende Bedarf nach PCR-Test konnte nicht befriedigt werden, daher wurden die Methoden ausgeweitet und immer mehr klinische Verfahren wurden mit einbezogen. Die Ungenauigkeiten blieben bestehen. Immerhin wurde bis zum 7. März die Dauer der Wartezeit massiv gekürzt. Auch erschienen die untersuchten Fälle noch gleichentags in der Statistik; es fragt sich nur, ob in der internen oder der veröffentlichten…

Nun zu den internen Berichten: Ein vertraulicher Report der Regierung über die Arbeit des CDCs gelangte zur folgenden Einschätzung: »Das Hubei CDC ist finanziell unterdotiert, das richtige Testmaterial fehlt und die Angestellten sind unmotiviert und fühlen sich von der gesamtchinesischen Bürokratie vernachlässigt.« Ein weiterer interner Bericht vom Oktober kommt zum Schluss: »Die riesige Lücke beim Personal und bei den Betriebsmitteln des CDCs in den Provinzen hat die normale Ausübung der Funktionen des öffentlichen Gesundheitswesens ernsthaft beeinträchtigt.« Bemängelt wird die Informationspolitik des CDCs. Zudem wurden nicht die richtigen Maßnahmen getroffen, um die Bevölkerung ausreichend über die Ereignisse und die Verhaltensregeln zu unterrichten. Die Frühwarnsysteme haben versagt und die Überwachung des Epidemien-Verlaufs war lückenhaft. Das CDC hat seine führende Rolle bezüglich »Alarmierung, Einleitung epidemiologischer Untersuchungen, Gesundheitsüberwachung und -bewertung, Formulierung von Präventions- und Kontrollmaßnahmen sowie politischen Empfehlungen« nicht wahrgenommen. Es sei zudem lausig kommuniziert worden. Das Bild stellt sich also weit düsterer dar als es das offizielle China in ihrem Weißbuch malte. 

Nicht in den Files erwähnt, aber wichtig ist der allgemein bekannte und erbärmliche Umgang mit Kritikern. Zum Beispiel der Augenarzt Li Wenliang, der bis zu seinem Tod immer wieder kritisch über die Lage in Wuhan berichtete. Schon früh wurde er von der Ärztin Ai Fen vom Wuhan Spital über eine neue Lungenkrankheit unterrichtet, die sie vermehrt in ihrer Station behandeln musste. Ai Fen war es schließlich auch, die Gewebeproben ins Wuhan Institute of Virology schickte. Dort stellte die SARS-Spezialistin Shi Zhengli fest, dass es sich beim neuen Erreger um einen Corona-ähnlichen Virus handelte. Nicht nur Li Wenliang, sondern viele Kollegen, mit denen er diese Informationen teilte, sowie die besagte Ärztin Ai Fen mussten ein Schweigegelübde abgeben. Die Polizei warf ihnen vor, sie würden Unwahrheiten verbreiten und die Bevölkerung verunsichern. Nicht alle hielten sich daran. Eben auch Li Wenliang. Bekanntlich steckte sich er sich am Virus an und starb am 7. Februar. 

Auch über die zahlreichen überlasteten und überarbeiteten sowie infizierten und gestorbenen Klinikangestellten wird in den veröffentlichten Files geschwiegen. Von Ai Fen gibt es ein eindrückliches Protokoll, in dem sie von den Schwierigkeiten in ihrem Klinikalltag mit Covid-19-Kranken berichtet.[2]

Insgesamt wurde aber die Politik der Nicht-Information durchgesetzt. Je tiefer jemand in der Hierarchie steht und deshalb von den Vorgängen direkt betroffen ist und etwas Substanzielles dazu sagen könnte, desto weniger kommt er zu Wort. Umgekehrt: Je höher eine Person gestellt und gleichzeitig weiter von der gewünschten Kompetenz entfernt ist, desto lauter darf diese Person kommunizieren.   

Und: Ein Unglück kommt selten allein. Anfang Dezember 2019 wurde Hubei von einer Grippewelle erfasst. Es wurden mehr als 2,02 Prozent mehr Erkrankte verzeichnet als sonst in dieser Jahreszeit. In den drei Städten Yichang, Xianning und Wuhan waren das ungefähr 10'500 Fälle. Diese Welle wurde verstärkt von der damals noch nicht bekannten SARS-CoV-2-Welle. Die Behörden hatten offenbar alle Hände voll zu tun, die Grippe zu bekämpfen. Nur wenige kamen überhaupt auf die Idee, dass es sich bei einem Patienten, der sich mit Covid-19-Symptomen herumschlug, gar nicht um einen Grippeerkrankten handeln könnte. Man war gar nicht darauf eingestellt, nach anderen Erregern zu suchen.

Erst Mitte Dezember begannen sich diverse Spitalärzte zu fragen, wieso gewisse Patienten überhaupt nicht auf die üblichen Grippemittel ansprachen und sehr starke Beeinträchtigungen der Lungenfunktion festgestellt wurden. Trotz Bemühungen, im Nachhinein bei den vermeintlichen Grippepatienten nach entgangenen SARS-CoV-2 Fällen zu suchen, blieben die Ergebnisse nichtssagend. Es ist nicht möglich, genaue Zahlen zu eruieren. Aber es ist davon auszugehen, dass die Grippewelle die Verbreitung des Coronavirus beschleunigt hat. Die Ausbreitung konnte sozusagen unter dem Radar erfolgen. Und da die Arztpraxen und Kliniken von überdurchschnittlich vielen Erkrankten aufgesucht wurden, besteht zusätzlich der Verdacht, dass sich das Sars-CoV-2-Virus in den Gesundheitsinstitutionen stark ausbreiten konnte. Es ist wohl nicht so, dass der ab 1. Januar geschlossene Huanan Wet Market die Quelle der Pandemie ist. Das zeigte schon die Untersuchung des Lancet, die nur etwa zwei Drittel der Fälle auf den Markt zurückführen konnte, der Rest steckte sich woanders und vor allem auch schon früher an.  

Und zum Schluss: Honi soit qui mal y pense. Eine böswillige Frage, die sich noch stellt: Wem nützt es, dass diese Files zugänglich geworden sind? Oder: Schaden diese Files der chinesischen Regierung wirklich? Oder könnte man auch befürchten, dass es bei den Files um eine öffentliche aber gleichwohl indirekte Maßregelung der örtlichen CDCs seitens der Regierung? Ein Fall für Verschwörungsgläubige.

Hollywood

Über die Ursprünge des Virus

Genetische Analysen unterstützen die These, dass das Coronavirus durch natürliche Weise von Fledermäusen auf den Menschen (direkt oder mit Zoonose) übertragen worden ist. Die Frage stellt sich daher nur, wo und wie. In einem Artikel im medizinischen Fachblatt The Lancet kommen chinesische Forscher zum Schluss, dass nicht alle Fälle, die sie nachverfolgen konnten, auf einen Kontakt mit dem Lebendtiermarkt in Wuhan zurückzuführen sind. Bis dahin wurde davon ausgegangen, dass das Virus von dort kam. Das öffnet Spekulationen Tür und Tor, auf welchen anderen Wegen das Virus in Umlauf gekommen ist. Naheliegend, dass sich der Blick auch auf die beiden Labore in Wuhan richtet.

Der amerikanische Forscher Peter Daszak, der in Coronavirus-Projekten in Wuhan involviert ist und der auch von offiziellen US-amerikanischen Instituten alimentiert wird, glaubt nicht an eine Infektion aus dem Labor heraus. Andere namhafte Wissenschaftler stimmen dieser Einschätzung zu. Gleichwohl nimmt Filippa Lentzos vom King’s College in einem Artikel des Bulletin of the Atomic Scientists vom Mai 2020 zwei Forschungslabore in Wuhan näher unter die Lupe. Sie will die Möglichkeit nicht grundsätzlich ausschließen, ob es vielleicht doch aus einem Labor hätte entweichen können. Sie kommt letztlich zum Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit eines Laborausbruch eher klein ist, aber nicht null. Ausschließen sollte man diese Möglichkeit nicht.

Einerseits handelt es sich um das Wuhan Center for Disease Control and Prevention und andererseits um das Wuhan Institute of Virology (WIV), Letzteres unterteilt in zwei Unterinstitute. Eines davon ist ein National Biosafety Laboratory, ein Labor, das die Normen für die höchste Bio-Sicherheitsstufe erfüllt.[1] Die von Frankreich mitentwickelte Institution ist weltweit führend in der Erforschung von Viren, die von Fledermäusen stammen. Zum Alltag von Wissenschaftlern gehört die Feldforschung. Sie gehen in enge Höhlen, in denen Fledermäuse wohnen, sie fangen die Tiere und nehmen Proben verschiedenster Ausscheidungsarten und vom Blut. Auf diese Weise wurden schon Hunderte von Viren entdeckt, etwa ein Duzend davon sind SARS-Viren, darunter das SARS-CoV-1 und das MERS-CoV, die verantwortlich für frühere Virus-Ausbrüche waren. 

Diese Feldforschung ist für die Wissenschaftler nicht ungefährlich, einer von ihnen, Tian Junhua, sagt denn auch: »Wenn Sie Viren finden wollen, setzen Sie sich ihnen auch aus.«[2] Gelegentlich kommt es zu Zwischenfällen, sei es durch Attacken der Fledermäuse, sei es durch unsachgemäße Handhabung des Sicherheitsmaterials in den Höhlen. Oder wenn man in das Innere der Höhlen geht, kann man von Urin und Kotteilen, die die Fledermäuse ausscheiden, bekleckert werden. Ein chinesisches Forscherteam hat zudem Einheimische untersucht, die in der Nähe von Fledermaus-Kavernen wohnen, in denen SARS-Viren gefunden wurden. Drei Prozent von ihnen hatten Antikörper entwickelt. 

In den Instituten selbst ist oberste Vorsicht geboten. Auch im CDC Wuhan, das nicht den höchsten Sicherheitsvorschriften unterliegt, wird an SARS geforscht. Aber nur am WIV werden unter der Leitung der führenden SARS-Forscherin Shi Zhengli auch chimärische Viren hergestellt. Aus zwei Viren wird ein Hybrid zusammengesetzt, der ansteckender und gefährlicher als natürliche Viren sein kann. Mit dieser Methode will Shi herausfinden, inwiefern die Erreger direkt für den Menschen bedrohlich werden können, man nennt dies gain-of-function-Experimente. Dabei wurde ein Hybrid erzeugt, der den Menschen direkt anstecken kann, also ohne den Umweg über einen Zwischenwirt, wo das Virus mutieren kann. Daraus werden neue Erkenntnisse zu therapeutischen und zu Notfallmaßnahmen gewonnen. Bereits im Jahre 2014 legte die Administration Obama die finanzielle Unterstützung in diese Chimären-Projekte des WIV auf Eis. 

Im Januar 2018 besichtigten der US-amerikanische Generalkonsul von Wuhan und ein Botschaftsrat für Umwelt, Wissenschaft, Technologie und Gesundheit das Institut. Sie stellten Mängel fest, etwa dass das Personal allgemein zu schlecht ausgebildet und das Management unzureichend sei. Zudem stellten sie Defizite bei der Einhaltung der Sicherheit fest, gerade auch bei Laborarbeiten am Coronavirus der Fledermaus.[3] Sie schlugen vor, dass die bereits bestehende Zusammenarbeit des WIV mit dem Galveston National Laboratory der Universität Texas ausgebaut werden soll.[4] Das US-Außenministerium unternahm nichts.

Die Forschungsprojekte von Daszak und Shi, die nicht mit den Hybriden zusammenhängen, wurden vom National Institutes of Health (NIH), genauer vom National Institute of Allergy and Infections Diseases unterstützt, bis sie im Februar 2020 von der US-Regierung aufgrund des Verdachts eines Laborausbruchs sistiert wurden. Daszak und Shi können diese Entscheidung nicht nachvollziehen, es gibt keine aktuellen Hinweise auf unkontrollierte Ereignisse. Der Verdacht der Administration Trump, so fasst Lentzos zusammen, bestand darin, dass das Virus ursprünglich im WIV hergestellt wurde. 

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass SARS-CoV-2 seinen Ursprung in der Sammlung von Fledermausviren von Shi beim WIV hat. »Das bekannte Fledermausvirus, das SARS-CoV-2 am nächsten kommt, ist ... vom Pandemievirus evolutionär mindestens 20 Jahre entfernt. D.h. wenn es aus einem Labor entkommen wäre, hätte es zwei Jahrzehnte gedauert, bis es sich zu dem Virus entwickelt hätte, das bis heute mehr als 230.000 Menschen getötet hat«, urteilt das ScienceMag von der AAAS [5] im Mai 2020. Daszak bezeichnet auf CNN den Unterschied zwischen den beiden Viren als etwa gleich groß wie jenen zwischen Menschen und Schimpansen.

Eine Forschergruppe um Kristian G. Andersen von The Scripps Research Institute in La Jolla (CA) kommt in ihrer Untersuchung zum gleichen Schluss: »Da wir jedoch alle wichtigen Merkmale von SARS-CoV-2 ... bei verwandten Coronaviren in der Natur beobachtet haben, glauben wir nicht, dass irgendeine Art von laborbasiertem Szenario plausibel ist.«[6] Die Forscher müssen aber einräumen, dass ein versehentlicher Ausbruch nicht komplett ausgeschlossen werden kann (es gibt auch Tiere im Labor, die Träger sein können). Auch für General Mark Milley vom medizinischen Geheimdienst der USA in Fort Detrick sind die Indizien für die Labortheorie »nicht zwingend«, auch nicht für jene, die besagt, es sei zufällig, per Unfall oder unabsichtlich geschehen.[7]

Der Virologe Thomas Mettenleiter bemerkt in der FAS vom 28.4.2020 zwar, dass der menschliche Faktor nie ganz auszuschließen ist: »Da kann natürlich auch mal ein Tropfen danebengehen oder sonst etwas passieren, was man gar nicht als Havarie ausfassen würde.« Aber er schätzt ein solches Malheur als eher unwahrscheinlich ein. Wenn ein Drittel der Fälle nicht auf den Huanan-Tiermarkt zurückgeführt werden können, heißt das nicht, dass deshalb die Spur zum Labor führen muss, sondern dass der Anfangszeitpunkt noch unbestimmt ist, also Patient 0 nicht bekannt ist. Epidemiologen gehen davon aus, dass der erste Fall vermutlich im Oktober 2019 aufgetreten war.

Zwischenfälle aus einem der Wuhan-Labore sind bisher nicht bekannt. Dass Sicherheitsfragen immer wieder aufkommen, liegt in der Natur der Sache. Der Institutsleiter des CDC beklagte sich darüber, dass die chinesische Regierung seinem Institut verweigere, jene Sicherheitsmaßnahmen zu gewähren, die jenen des National Biosafety Laboratory entsprechen würden.

Irritierend ist allenfalls einerseits, dass der Bericht von 2018 des Besuchs der US-amerikanischen Delegation von der Webseite des WIV gelöscht worden ist und andererseits die Entscheidung der chinesischen Regierung, dass ab Februar die Generalmajorin und Virologin Chen Wei[8], ihreszeichens die höchste Expertin für Biotechnologie in der Armee, eine führende Rolle im WIV übernommen hat. Ab Mitte April ist die Kontrolle der chinesischen Regierung über die Forschung in den verschiedenen Laboren im Lande nochmals verstärkt worden. Es sind Restriktionen erlassen worden, die unter anderem in Form von Zensuren auch für wissenschaftliche Publikationen aus den Forschungsstätten gelten. Berichte, Newsletter und Pressemitteilungen wurden zum Teil von den verschiedenen Internetseiten der Institute entfernt. Wichtige Datenbanken (etwa zu Virenstämmen) waren nicht mehr zugänglich. Schon um die Jahreswende wurden Hinweise, die auf die Entdeckung eines neuen Virus’ deuteten, gesammelt und weggeschlossen, Laborunterlagen wurden vernichtet und eine Veröffentlichung des Genoms des neuen Virus vom 11. Januar eines Labors in Shanghai, wurde kassiert.

Im Frühjahr 2020 war ein end- und fruchtloses Hickhack zwischen den USA und China über den Ausbruch der Pandemie im Gange. Die Falschmeldungen liefen sind den Rang ab. So wurde auch die von Andersen Team bezweifelte These, das Virus sei menschengemacht, wiederbelebt.

Kurzes Fazit: Es ist noch nicht alles klar, aber fast. Es stehen theoretisch vor allem zwei Wege zur Diskussion, wie sich das Virus auf den Menschen hatte übertragen können, die Zoonose und eine Direktübertragung von einer Fledermaus auf den Menschen. Alles spricht dafür, dass Lebendtiermärkte eine wichtige Verbreitungsquelle sind, aber nicht am Ursprung stehen. Zahlreiche Infektionsfälle in Wuhan sind auf Verbindungen mit diesen Märkten nachgewiesen.

Offenbar wurde das Gerücht des Laborausbruchs aufgrund der Berichte der beiden US-Diplomaten im Jahre 2018 aufgewärmt und mit großem Getöse verbreitet. Via Wall Street Journal kam es zu Fox-News-Moderator Tucker Carlson. Trump hört auf ihn. Das sind aber noch keine überzeugende Beweise. Als rauchender Colt taugen die Berichte nicht. Dass das Virus im Labor gezüchtet beziehungsweise zusammengebastelt worden ist, ist – auch wenn man die Fachliteratur nur oberflächlich versteht – eher unwahrscheinlich und aufgrund der Untersuchungen von Andersen an der Gensequenz widerlegt worden. Also hätte das Virus zuerst ins Labor gelangen müssen, bevor es dann unabsichtlich wieder hätte ausbrechen können (vielleicht auf einem Wirt). Diese Vorstellung ist abenteuerlich. Aus früheren Projekten der Feldforschung von Shi ist bekannt, dass Mitarbeiter des Labors nach Zwischenfällen in Quarantäne mussten. 

Die Laborausbruchthese ist nicht zu hundert Prozent widerlegt. Eine offener Zugang zu den Daten aus dem WIV würde die Sachlage erleichtern.

Wobei.

Jene, die an die Laborthese glauben, werden sich von den Fakten, falls sie gegen sie sprechen, nicht beeindrucken lassen.

 

Und hier die Fortsetzung: 

»Bat Woman« Shi Zhengli beantwortet kritische Fragen von John Cohen in Science

Die chinesische Virologin Shi Zhengli ist nach den Anschuldigungen der Administration Trump, das Virus stamme aus ihrem Labor im Wuhan Institute for Virology (WIV) unter Druck gekommen. Dabei wurde in zahlreichen Studien dargelegt, dass die Virus-Genomsequenz unmöglich künstlich hergestellt werden konnte (s.o.). Das Magazin Science hat der Forscherin einen Fragebogen unterbreitet, um allfällige Unklarheiten zu bereinigen.[11]

Shi und ihre Kollegen haben das Virus Ende Dezember 2019 in Proben von Lungenkranken entdeckt. Vorher hätten sie weder Kontakt zum Virus gehabt, noch haben sie es gekannt, schreibt sie. Die Anschuldigungen der Administration seien falsch und gefährdeten die akademische Arbeit. Sie verlangt eine Entschuldigung des noch amtierenden US-Präsidenten.

Sie hätten in den letzten 15 Jahren über 2000 Coronaviren von Fledermäusen entdeckt und im WIV archiviert. Die genetische Sequenz des SARS-CoV-2 sei zu 96,2 Prozent identisch mit einem anderen, ihnen bereits bekannten Coronavirus, deren Gensequenz RaTG13 heißt (der Name weist auf den Fundort Tongguan und das Entdeckungsjahr 2013 hin). Daher wurde der neue Erreger auch als Coronavirus eingeordnet. Shi versteht nicht, dass das US-amerikanische Gesundheitsinstitut (NIH) Gelder gestrichen hat für Forschungen, die sie mit dem amerikanischen Forschungsinstitut EcoHealth Alliance und dem anerkannten Forscher Peter Daszak in New York zum Coronavirus geplant hatte.

Auf die Frage, ob das Virus nicht vielleicht versehentlich aus dem Labor entwichen sei, sagt Shi: »Inzwischen stehen die Forschung und die Experimente in unserem Institut in strikter Übereinstimmung mit den internationalen und nationalen Anforderungen von Biosicherheitslaboratorien … Sowohl die Einrichtungen als auch das Management der P3- und P4-Laboratorien sind sehr streng (Das WIV trägt das höchste Sicherheitslabel P4, a.s.). So muss beispielsweise das Forschungspersonal persönliche Schutzausrüstung tragen. Die Luft im Labor kann erst nach einer hocheffizienten Filterung abgeführt werden. Abwässer und feste Abfälle müssen unter hohen Temperaturen und hohem Druck sterilisiert werden. Der gesamte Prozess der experimentellen Aktivitäten wird vom Personal des Biosicherheitsmanagements videoüberwacht. Jedes Jahr müssen die Einrichtungen und Geräte des Labors durch eine von der Regierung autorisierte Drittinstitution getestet werden. Erst nach Bestehen des Tests kann das Labor weiter betrieben werden. Die hochrangigen Biosicherheitslabors unseres Instituts wurden sicher betrieben. Bis heute sind weder Erregeraustritte noch Unfälle mit Personalinfektionen aufgetreten.«

Auf die Frage, woher das Virus stamme, sagt sie: »Nach den Erkenntnissen unseres Teams und unserer internationalen Kollegen ist es sehr wahrscheinlich, dass das SARS-CoV-2 von Fledermäusen abstammt. Es kann sich in einem oder mehreren Zwischenwirten entwickelt, an den Menschen angepasst und schließlich unter Menschen verbreitet haben. Es ist jedoch nach wie vor unklar, welche Tiere die Zwischenwirte waren und wie es auf den Menschen übertragen wurde.« Die Rolle des Huanan Seafood Market ist noch nicht restlos geklärt. Shi geht davon aus, dass es nichts mit den dort gehandelten Tieren zu tun hat, sie hätten keine Nachweise von SARS-CoV-2-Nukleinsäuren in gefrorenen Tierproben gefunden, nur an Türgriffen, am Boden und im Abwasser. Über die Möglichkeit der lebenden Tiere als Träger sagt sie nichts. Vermutlich habe es sich im Markt verbreitet, weil üblicherweise viele Leute dort sind, einige davon waren vermutlich angesteckt. Wo dies geschah, ist unbekannt. Auch hat sie noch keine Kenntnisse davon, wo genau das Virus seinen Ursprung hat.

Dann stellt das Magazin noch weitergehende forschungstechnische Fragen. Zum Beispiel habe sie 2018 und 2019 In-Vivo-Experimente mit Mäusen und Zibetkatzen mit Viren durchgeführt, die dem SARS-CoV nahekommen. Das stimme, die Resultate würden in Bälde veröffentlicht. Ob Mitarbeiter erkrankt seien, wird weiter gefragt. Sie hätten kürzlich Seren aller Mitarbeiter und Studenten im Labor getestet, und niemand ist entweder mit dem Fledermaus-SARSr-CoV oder SARS-CoV-2 infiziert. Bis heute gibt es keine Infektionen bei den Mitarbeitern und Studenten am Institut.

Dann wird sie nochmals nach der Möglichkeit gefragt, ob nicht-bekannte Coronaviren im Labor sein könnten. Sie hätten sämtliche 2007 Coronavirus-Proben getestet: »Wir fanden keine Viren, deren Gensequenz der von SARS-CoV-2 ähnlicher ist als die von RaTG13.« Sie wiederholt, sie hätten am 30. Dezember 2019 Proben von sieben Patienten erhalten, fünf davon waren positiv. Darauf hätten sie das neue Virus analysiert und eine Gensequenzierung durchgeführt. Über die WHO sei die Genomsequenz am 12. Januar 2020 veröffentlicht worden.

Shi verneint, dass sie jemals dazu gezwungen worden war, Viren oder Proben zu vernichten. Sie glaubt auch nicht, dass das Virus in einem anderen Labor in Wuhan hergestellt worden beziehungsweise aus einem Labor ausgebrochen sei. Am Schluss fordert sie die internationale Gemeinschaft auf, zusammenzuarbeiten und die Untersuchung am neuen Virus über die Landesgrenzen hinweg zu koordinieren.

Zurück zum Schreibtisch.

 

 


[1] Biosafety-Level 4

[2] Bulletin of the Atomic Scientistswww.thebulletin.org. 1.5.2020 (abgerufen am 2.5.2020)

[3] Frederike Böge, Livia Gerster, Majid Sattar, Was ist dran an der LaborunfalltheseFAZ Appversion, 27.4.2020

[4] Washington Post vom 14.4.2020

[5] American Association for the Advancement of Science

[6] Kristian G. Andersen et al, The proximal origin of SARS-CoV-2, https://www.nature.com/articles/s41591-020-0820-9 (abgerufen am 2.5.2020)

[7] FAZ, 28.4.2020

[8] Sie entdeckte einen Ebola-Impfstoff auf Genbasis und soll nahe an einem SARS-CoV-2-Impfstoff sein, der Mitte April schon auf Stufe Phase 2 getestet worden sein soll.

[9] Bulletin of the Atomic Scientistswww.thebulletin.org. 1.5.2020 (abgerufen am 2.5.2020)

[11] https://science.sciencemag.org/content/369/6503/487, von hier gibt es einen Link zum Fragebogen (aufgerufen am 2. August 2020)

redwood

Wie alles begann. Eine kurze Chronik bis Ende Februar 2020 (Quellen: SZ, FAZ, FT, SRF, WHO):

Die Suche nach Patient Null des neuen Virus erweist sich als schwierig. In nicht veröffentlichten Unterlagen der chinesischen Regierung wird der erste Infizierte am 17. November 2019 erwähnt. Epidemiologen schließen nicht aus, dass schon Anfang Oktober 2019 erste Fälle aufgetreten sind. Die erste ernsthafte Lungenerkrankung, die, so vermutet man, auf den neuen Erreger zurückzuführen ist, wird am 1. Dezember in der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei protokolliert. Ursprünglich wird die Ursache der Krankheit als »unbekannt« taxiert.

Am 27. Dezember ergeben Laborproben eines 65-jährigen Lieferboten, der am 18. Dezember mit Lungenproblemen hospitalisiert wurde, dass das neue, noch nicht bekannte Virus zu 87 Prozent mit dem SARS-Virus übereinstimmt. Die Entdeckung bleibt unter Verschluss. Gleichentags werden die Stadtregierung von Wuhan und das Zentrum für Seuchenbekämpfung (CDC) von zwei Ärzten zweier Krankenhäuser darüber informiert, dass sie Patienten mit sehr kritischen Lungenentzündungen behandeln.

Die Leiterin der Notfallstation des Wuhan Central Hospitals Ai Fen meldet ebenfalls einen solchen Fall. Sie sagt, dass am 16. Dezember ein Patient, der im Huanan Seafood Market arbeitet, mit Lungenproblemen in ihrer Abteilung aufgenommen worden sei. Am 22. Dezember wird er in die Lungenstation transferiert. Die Symptome und erste, nicht laborgestützte Diagnosen (aufgrund einer Bronchoskopie) deuten auf eine SARS-ähnliche Krankheit hin. Ai Fens Kollege von der Lungenstation teilt ihr mündlich mit, dass es sich um ein Coronavirus handeln könnte. Ai Fen lässt Proben in ein Labor schicken.

Am 30. Dezember erhält ein Kollege der Lungenstation den Diagnose-Bericht. Er legt ihn Ai Fen vor. Der Rapport besagt, dass SARS der mögliche Auslöser der Lungenkrankheit sei. Zudem steht im Bericht: »Der Hauptübertragungsweg des Virus ist die Tröpfchenübertragung aus nächster Nähe oder der Kontakt mit Atemwegssekreten von Patienten, was eine ungewöhnliche Lungenentzündung verursachen kann, die hoch ansteckend ist und mehrere Organsysteme befallen kann«, schreibt Ai Fen in ihrer Erinnerung An unprecedented reprimand. Der Direktor der Abteilung für Atemwegserkrankungen, der zufällig an Ai Fens Büro vorbeikommt, bestätigt der Ärztin, dass dies eine äußerst beunruhigende Diagnose sei. Ai Fen orientiert die Spitalleitung. Sie umkreist das Wort SARS mit roter Farbe, fotografiert den Bericht und schickt ihn an ihren Vorgesetzten und an Berufskollegen weiter. Zudem sendet sie eine Gewebeprobe des Patienten in das Wuhan Institute of Virology (WIV).

Am gleichen Tag berichten auf sozialen Netzwerken (eine WeChat-Gruppe) mehrere Ärzte, darunter der Augenarzt Li Wenliang, von Fällen, die mit SARS in Verbindung sein könnten, sie stützen sich unter anderem auf Ai Fens Bericht. Die Ärzte werden von der Polizei verhört und müssen ein Schweigegelübde abgeben sowie ihre Aussagen zurückziehen. Ai Fen lieferte den »whistle«, den Li Wenliang »geblowt« hatte. Li Wenliang stirbt am 6.2. an Covid-19. Li Wenliang gilt als einer der ersten, der über die neue Krankheit informiert und versucht hatte, die Vertuschung chinesischer Behörden aufzudecken.Gleichzeitig wird ein Mitarbeiter eines Labors, das Untersuchungen von Proben von Lungenerkrankten durchgeführt hat, von der Gesundheitskommission der Provinz Hubei aufgefordert, weitere Tests zu unterlassen und die Proben zu vernichten. Gleichwohl beginnen die Gesundheitsbehörden ebenfalls am 30. Dezember in Wuhan, nach vergleichbaren Fällen zu suchen.

Die Wissenschaftlerin und SARS-Spezialistin Shi Zhengli (Ursprünge des Virus & Laborthese) vom Wuhan Institute of Virology (WIV) erhält am 30. Dezember um 19 Uhr einen Anruf ihres Direktors. Sie solle die Proben, die das WIV von Ai Fen zugeschickt bekommen hat, überprüfen. Shi, die an einer Sitzung in Shanghai weilt, macht sich sofort auf den Weg zurück in ihr Institut.

Am 31. Dezember berichten chinesische Behörden zum ersten Mal von einer neuen, mysteriösen Lungenkrankheit, 27 Fälle seien in Wuhan registriert worden. Ein Team des chinesischen Zentrums für Krankheitskontrolle und -prävention reist in die Provinzhauptstadt Hubeis, die WHO wird über die Vorgänge unterrichtet.

Am gleichen Tag teilen taiwanesische Forscher der WHO mit, dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung sehr wahrscheinlich ist, es wird vermutet, dass sie die Informationen von Ai Fen zugespielt bekommen haben. Die WHO reagiert nicht.

Am Abend des 30. Dezembers ist Ai Fen zudem aufgefordert worden, am Morgen des 31. Dezember vor der Disziplinarkommission der Klinik zu erscheinen. In dieser Anhörung wird ihr gesagt, sie gefährde die Stabilität in Wuhan und müsse fortan schweigen, da sie Unwahrheiten verbreite, sie erhält einen Verweis.

Am 5. Januar warnt die WHO vor einer »Pneumonia of unknown cause« in China.

Bis am 7. Januar hat Shi Zhengli im WIV die Proben untersucht und ist zur Überzeugung gekommen, dass die zugesandten Viren die Erkrankung in der Notfallstation von Ai Fen ausgelöst haben, somit ist der Erreger identifiziert. Shi gleicht alle Virenstämme im Archiv des Labors ab, um herauszufinden, ob es Übereinstimmungen gibt. Das ist nicht der Fall. Am nächsten kommt das SARS-Virus, das sie 2013 als Auslöser der SARS-Epidemie von 2002/2003 bestimmen konnte. Sie schließt daraus, dass es eine neue Art des Coronavirus sein muss.

Am 9. Januar vermeldet das chinesische Staatsfernsehen mit zwei Tagen Verzögerung, dass Untersuchungen gezeigt hätten, dass es sich beim Virus nicht um das bisher bekannte SARS-CoV-1, sondern um eine neuartige Variante aus der Corona-Familie handelt. Gleichentags stirbt der erste Mensch am neuen Coronavirus.

Am 12. Januar wird die Virussequenz veröffentlicht, der Fingerabdruck des neuen Erregers ist bekannt.

Der erste diagnostische Test für das Virus wird am 16. Januar vom Virologen Christian Drosten von der Charité in Berlin vorgestellt.

Ab dem 20. Januar werden erste Infektionen außerhalb von China von der WHO gemeldet: aus Thailand, Südkorea und Japan. Offiziell sind am gleichen Datum gemäß der gleichen Quelle insgesamt über 282 Menschen mit dem neuen Virus infiziert.

Eine erste Studie von Neil Ferguson vom Imperial College in London besagt anhand von mathematischen Modellierungen, dass es zu diesem Zeitpunkt in Wuhan bereits 4000 Fälle gegeben haben könnte (Wuhan-Files).

Der erste Fall in den USA wird für den 21. Januar vermerkt. US-Präsident Trump sagt: »We have it totally under control. It’s one person from China, and we have it under control.« 

Der WHO-Epidemiologe Michael Ryan sagt, dass eine Mensch-zu-Mensch-Ansteckung nachgewiesen werden konnte (was die taiwanesischen Forscher schon drei Wochen vorher gemeldet hatten).

Am 23. Januar entscheidet die chinesische Regierung, Wuhan abzuriegeln und eine Ausgangssperre zu verhängen, der sogenannte »Wuhan lockdown« wird Tatsache.

Die WHO berät, ob ein internationaler Gesundheitsnotstand ausgerufen werden soll.

Nur einen Tag später werden zum ersten Mal Coronainfizierungen in Europa diagnostiziert, und zwar in Paris und Bordeaux. Nur wenige Tage später folgen weitere Ansteckungen in Europa, zum Beispiel in Deutschland (27. Januar), in Finnland (29. Januar) und in Italien (30. Januar).

Die WHO stuft am 29. Januar die Ausbreitung des Virus als problematisch ein und spricht von einer »gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite«. Es gibt unterdessen bereits fast 10'000 Infizierte, die Zahlen steigen auch außerhalb von China schnell an.

Am 30. Januar zählt die USA sechs Infizierte und US-Präsident Trump sagt: »We think we have it very well under control.«

Am 31. Januar verfügt die USA einen Einreisestopp für Ausländer, die sich in den letzten zwei Wochen in China aufgehalten haben. Dies betrifft aber nicht Leute, die etwa aus Hong Kong einreisen. Anthony Fauci vom Nationalen Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) und Berater von Trump sagt: »Es ist leicht übertragbar, und mit ziemlicher Sicherheit wird es eine Pandemie werden. Aber wird sie katastrophal sein? Das weiß ich nicht.«

Das Virus breitet sich in der Folge weiter aus. Die WHO bezeichnet am 11. Februar die durch das neue Virus verursachte Krankheit als Covid-19 und schlägt vor, das Virus SARS-CoV-2 zu nennen. Am 17. Februar sagt Michael Ryan von der WHO: »Alle Vorhersagen sind wichtig. Die meisten Vorhersagen sind falsch. Und ich denke, wir müssen damit vorsichtig sein.«

Aus dem Iran werden am 20. Februar die ersten beiden Todesopfer aufgrund des Coronavirus gemeldet, die ersten Infizierten wurden nur gerade einen Tag vorher gemeldet. Anhand von Mortalitätsberechnungen mussten zu diesem Zeitpunkt schon etwa 200 Menschen angesteckt gewesen sein – und niemand hat davon gewusst. Das heißt, dass schon etwa drei Wochen vorher der Erreger ins Land geschleppt worden war.

Ein 78-jähriger Italiener überlebt als erster Europäer die Krankheit nicht, er stirbt am 22. Februar. Zu diesem Zeitpunkt sind gerade einmal neun Fälle in Italien registriert. Das Virus musste also auch in Europa vor einiger Zeit angekommen sein. Es ist zu vermuten, dass viele Patienten, die sich im Laufe des Januars oder Februars mit Grippesymptomen bei Ärzten gemeldet haben und nach Hause geschickt wurden, um die Krankheit auszukurieren, das Coronavirus in sich trugen. 

Am 23. Februar und mit 35 Ansteckungen sagt US-Präsident Trump: »We have it very much under control in this country.«

Ab dem 24. Februar werden in Italien einschneidende Maßnahmen gegen eine weitere Ausbreitung des Virus ergriffen, elf Gemeinden in der Lombardei werden unter Quarantäne gestellt, die Wirtschaft und das öffentliche Leben werden stillgelegt. Andere Länder folgen früher oder später und mit weniger oder mehr Drastik.

Einige Regierungen, wie beispielsweise jene des Vereinigten Königreichs und Schwedens, überlegen sich, ob sie – statt einer strikten Eindämmungsstrategie, die bewirken soll, dass die Ansteckungen über einen längeren Zeitraum erfolgen und damit die Kapazitäten im Gesundheitswesen sichern soll – die Strategie der sogenannten Herdenimmunität verfolgen sollen, die über einen kürzeren Zeitraum höhere Fallzahlen zur Folge hätte, dafür würden auch schneller mehr Leute, die infiziert worden sind – und überleben –, immun, wenn sie denn wirklich immun sind. Diese Leute könnten wieder arbeiten.

Ob dieser verlockenden theoretischen Erwägungen, denen aber viele Unsicherheiten und Unbekannte innewohnen, kommen mehrere Regierungen ins Lavieren oder setzen widersprüchliche Zeichen. Und manche Regierungen verschließen die Augen vor den Realitäten und spielen die Gefahren wissentlich oder unwissentlich herunter. Am 27. Februar sagt US-Präsident Trump: »It’s going to disappear. One day – it’s like a miracle – it will disappear.«

Der Mensch verschwindet im Anthropozän: Plastiglomerate und eine Reise nach Eniwetok

Seit ein paar Jahren erscheinen in den Medien regelmäßig Berichte über Plastikmüll in den Ozeanen. Durch Meeresströmungen, die aufgrund langanhaltender Winde an der Oberfläche entstehen, wird dieser schwimmende Schutt zu Teppichen verdichtet. 1997 wurde der durch den Nordpazifikwirbel entstandene sogenannte »Great Pacific Garbage Patch« erstmals vom Ozeanographen Charles Moore beschrieben. Die Plastikfläche, die Moore auf der Rückkehr von einer Segelregatta zwischen Hawaii und Nordamerika entdeckte, soll viermal so groß wie Deutschland gewesen sein. Vor lauter Müll sah er den Horizont nicht mehr. So dicht, dass man auf dieser Plastikinsel stehen könnte, ist diese synthetische Schicht aber nicht. »Es ist eine Suppe aus Plastic, die im Zentrum dicker und am Rand dünner ist. Wo sie beginnt und wo sie aufhört, ist eine Frage der Definition«, zitiert ihn das NZZ Folio (7/2009). Durch das Sonnenlicht und Reibungen, die aufgrund von Wellenbewegungen entstehen, wird ein Teil des Plastiks zu Pulver oder Mikroplastik zermalmt und sinkt bis auf zehn Meter unter die Meeresoberfläche. Dort wird dieses Pulver zur Nahrung von Plankton und anderen Tieren. Dadurch gelangt der Kunststoff in die natürliche Nahrungskette. Moore begann sich für dieses Thema zu interessieren und machte dabei noch weitere Entdeckungen.

Meeresströmungen und starke Winde ließen den Strand von Kamilo an der Südostspitze von Hawaii zu einem beliebten Ziel werden, aber nicht etwa für Surfer, sondern für Müll, der zum Teil aus Japan, also von sehr weit her angeschwemmt kommt. Lebensmittelpackungen, Getränkeflaschen, Schirmgriffe, Glacéstengel, Fischernetze, Zahnbürsten, Feuerzeuge, aber auch kleinere, nicht identifizierbare Scherben, Einmachgläser, Dosen in verschiedenen Farben etc. Dieser Müll verschmilzt zum Teil mit heißer Lava oder verklumpt mit Steinen oder Sand zu dichten Plastik-Gestein-Konglomeraten. So findet man etwa eine dunkle Lavamasse, aus der feinste, gelbe Kabelstücke wie Fangarme herausfransen; einen Stein, um den sich Reste eines Netzes gezurrt haben und zu einem merkwürdigen Gemisch mit harter und weicher Oberfläche verwoben wurde; kleine, weiße, runde Kopfhörer, die sich in ein Stück Feldspat eingefressen haben oder ein rundlicher steiniger Brocken, der aussieht, als wäre er aus zwei Plastilinmassen, die eine türkisblau, die andere dunkelgrau, geknetet worden. Merkwürdige Mischobjekte unterschiedlicher Herkunft, Farben und Materialität.

Die Geologin Patricia Corocan, der bereits erwähnte Ozeanograph Charles Moore und die Künstlerin Kelly Jazvac haben solche Beispiele gesammelt und in der Ausstellung Broken Nature der Triennale von Mailand im Jahre 2019 ausgestellt. Die drei bezeichnen die Gebilde als Plastiglomerate. Bei diesen Formationen handelt es sich um Ad-hoc-Gebilde zufällig »zusammengewachsener« Elemente, wobei mindestens eines davon von Menschenhand geschaffen wurde. Die schwereren Stein-Plastik-Fragmente können möglicherweise in den Sedimentaufzeichnungen erhalten bleiben und einen dauerhaften, vom Menschen geschaffenen Abdruck in der Stratigraphie der Erde hinterlassen. Plastiglomerate als Fossilien der Zukunft sind anthropogenetische Objekte, die zeigen, dass das Anthropozän als neues geologisches Zeitalter verstanden werden kann (Reichholf & Blom; Anthropozän, der Anfang).

Um vermeintlich langsam entstandene geologische Formationen handelt es sich auch bei den Objekten, die Julian Charrière für sein fiktives futuristisch-naturhistorisches Museum gefunden zu haben scheint. Hier vermengen sich metallische Stoffe mit verschiedenen natürlichen Gesteinsformen. Oxidierte Kupferrückstände haben sich auf einem porösen Stein abgelagert und dringen in die Löcher ein; in einem Ammonitenfossil aus der Kreidezeit finden sich Reste eines technischen Apparats; in Lava haben sich Harddisks eingefressen. Charrière ist kein Ozeanograph, seine Objekte sind nicht gefunden, sondern künstlich hergestellt. Er schmolz die Innereien technischer Geräte ein und kehrte gewissermaßen den Prozess der Herstellung um, indem er das Material wieder in seinem ursprünglichen geologischen Zustand verwandelte und in die herkömmliche Umgebung zurückführte. Charrière fragt sich, was dereinst vom Zeitalter der menschlichen Zivilisation übrigbleiben wird. »Wahrscheinlich nicht unsere kulturellen Errungenschaften, Architektur und Kunst. Die einzige Spur unserer Existenz wird eine unglaubliche Menge von Materialien sein, die an Orten gefunden werden, wo sie von Natur aus nie existiert hätten.« Diese Skulpturen der Rückführungen nennt er Metamorphismen.

In diesem fiktiven naturhistorischen Museum vereinigt Charrière noch andere Formen zukünftiger kultureller Erinnerungen. In der Reihe Tropisme entnimmt der Künstler Farne, Orchideen und verschiedene Sukkulenten, die seit der Kreidezeit existieren, aus ihrer ursprünglichen Umgebung und friert sie ein. Die Installation besteht aus gekühlten Vitrinen, in denen die Pflanzen im Eis eingeschlossen sind und nebeneinander gestellt werden. Die vereisten Pflanzen sehen aus, als würden sie schweben. In diesem Zustand zwischen Leben und Tod erinnern sie an Fossilien, die aber nur überleben können, solange sie tiefgekühlt werden.

Und dann gibt es noch die Kokosnüsse, die Charrière in den Palmenhainen des Bikiniatolls gesammelt hat. Nach den Atomwaffentests der 1950er-Jahre wurden sämtliche Palmen auf dem Atoll gefällt, da sie radioaktiv verseucht waren. Einem plantagenartigen Muster folgend wurden neue Kokospalmen gepflanzt. Man wollte den Ureinwohnern des Atolls, die man vor Beginn der Tests auf eine andere Insel zwangsverfrachtet und nun wieder zurückgesiedelt hatte, ermöglichen, die für sie traditionellen und mythenbehafteten Kokosnüsse zu ernten. Allerdings waren auch diese kontaminiert – wie überhaupt das ganze Riff. Die Wiederansiedlung wurde abgebrochen, nachdem man festgestellt hatte, dass die Menschen erhöhte Cäsiumwerte aufwiesen. Die Kokosnüsse, die Charrière hergestellt hat, sind in die Länge gedehnt, genetische Mutationen haben sie lang und schmal verformt. Diese Kokosnussserie trägt den Titel Unnatural history.

In der dystopischen Erzählung The Terminal Beach von James Graham Ballard aus dem Jahre 1964 besteigt die Hauptfigur Traven ein Boot, um nach Eniwetok abzulegen. Eniwetok war in den 1950er-Jahren Schauplatz von 43 Atomwaffentests, die das US-amerikanische Militär durchführte. Die Inselgruppe ist gezeichnet von der zerstörerischen Kraft der Explosionen und die atomare Verstrahlung dringt bis in die kleinsten Poren der Natur. Traven, der bei einem Autounfall seine Frau und Tochter verloren hat, streift durch die versehrte Landschaft und versinkt immer mehr in dieser endzeitlichen Welt. Die gruseligsten Bewohner der Insel sind die Plastik-Testpuppen, deren Schatten in die Betonstifte und Bunker eingebrannt sind, die beim ersten Aufblitzen der Detonationen im Innern des Atolls entstanden sind. Wir sehen Travens körperlichen und geistigen Zerfall hautnah: Er beginnt zu halluzinieren und sieht Luftspiegelungen seiner toten Familie als Folge von Dehydrierung, Hunger und Isolation, aber auch, so scheint Ballard zu suggerieren, als direkte Folge der trostlosen, ahnungslosen Umgebung, in die er eingetaucht ist.

In der gleichen verwilderten, verseuchten Landschaft wie Traven streift Charrière umher und auch er wird sich der von Menschen gemachten Natur bewusst. Wie Traven stechen auch Charrière die Betonbunker ins Auge. Auf Eniwetok und auf dem benachbarten Bikiniatoll fotografiert der Künstler diese, wie Ballard geschrieben hatte, an »Betonautobahnen« erinnernde Betonmonster und setzt sie zu einer Serie zusammen, die er Terminal Beach nennt. Die Festungen sind in die Jahre gekommen, sie sind verwittert, verfärbt und verfallen. Wie man dies von Tempelanlagen in Kambodscha oder Mittelamerika kennt, erobern sich die Pflanzen ihr Revier zurück und überwuchern und umranken die steinernen Monumente. Einzelne Bunker sehen aus, als seien zwei, drei Quader willkürlich aufeinandergestapelt worden, andere erinnern an pyramidenförmige Anlagen, die aber oben abgeschnitten wurden und nur auf zwei Seiten schräg ansteigen. Meist gibt es gegen das Land hin einen Eingang, gegen die Rundung des Atolls mit Blick auf die Explosion ist jeweils ein großes Fenster eingelassen. Das ist ihrer Funktion geschuldet. Die Bunker sind viel zu grob für die Landschaft und wirken wie Fremdkörper. Einer dieser Betongebilde etwa liegt im Wasser und ist stark zerfallen, regelrecht in sich zusammengestürzt. Man kann kaum erkennen, was dieser Steinhaufen einst gewesen sein mag. Ist es wirklich eine Bunkerruine oder schon eine renaturierte Felsenlandschaft? Schaukelte davor eine Barke mit einer weißen Figur und einem weißen Sarg, man dächte an Arnold Böcklins Toteninsel.

Die Tests wollten bildlich dokumentiert werden, denn auch die Fotografien (wie auch Filmaufnahmen) gehörten zur Abschreckungsstrategie der USA. Diese Bilder vermitteln noch heute eindrücklich, welche Wucht diese Bomben entwickeln können. Die architektonische Infrastruktur, die diese Aufnahmen ermöglichen sollten, mussten dem Druck und der Zerstörungskraft der Detonationen widerstehen. Also zog man regelrechte Befestigungsanlagen hoch, in die man spezielle, körpergroße Kameras platzierte. Diese Bunker sind also nichts anderes als Atombomben-feste Kamera-Schutzhüllen. Insofern sind sie nicht nur Zeugen einer speziellen Architektur, sondern auch ein Hinweis auf die Geschichte der Fotografie.

Hätte die, wie Traven sagte, »prädritte« Weltkriegsphase in den 1950er-Jahren tatsächlich in einen Atomkrieg gemündet, der Mensch wäre im gerade beginnenden Anthropozän durch Bomben und Verstrahlung ausgelöscht worden.

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