Schreibtisch

Venedig

Die Gebrechlichkeitsskala

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften hat einen neuen Leitfaden ausgearbeitet, der den Intensivärzten als Grundlage von sogenannten Triageentscheidungen dienen soll. Eine erste Fassung vom März 2020 wurde kritisiert, da das Papier empfahl, Menschen über 85 Jahre kein Intensivbett zur Aussicht zu stellen, wenn es darauf ankommt, auch wenn diese kerngesund sind. Diese Kritik wurde aufgenommen. Anhand einer Gebrechlichkeitsskala kann erhoben werden, in welchem Zustand ein (älterer) Patient ist. So bestünde auch für rüstige Alte die Chance, an ein Beatmungsgerät angedockt zu werden.

Die Dalhousie University in Kanada hat eine solche Skala entwickelt. Sie reicht von eins bis neun.

1: sehr fit (z.B. betreibt noch Sport);

2: gesund (ist beweglich und läuft gut);

3: angemessener Zustand (bewegt sich problemlos ohne Hilfe);

4: vulnerabel (z.B. braucht einen Gehstock);

5: leicht gebrechlich (z.B. mit Gehhilfe/Rollator);

6: mäßig gebrechlich (benötigt z.B. für den Haushalt eine Betreuungsperson, ist nicht mehr ganz selbständig);

7: stark gebrechlich (ist auf Rollstuhl und Betreuung angewiesen);

8: ernsthaft gefährdet (z.B. bettlägerig);

9: terminal krank (Sterbeprozess ist im Gange).

Diese Einteilung unterstützt die Ärzte beziehungsweise das Ärzteteam bei der Frage, wie gut die Chancen für einen Patienten einzuschätzen sind, auch nach längerer Behandlung die Intensivstation lebend verlassen zu können. Grundsätzlich geht es darum, mit nachprüfbaren und messbaren Kriterien Willkür und Gefühle, die bei einer solch bedeutsamen Entscheidung stets mitspielen, möglichst zu vermeiden, schreibt die NZZaS (am 8. November), die diese Skala vorstellt.

Solche Triageentscheidungen müssen gleichzeitig im ganzen Land gelten, damit überall nach den gleichen Kriterien verfahren wird und die Engpässe bei Intensivbetten möglichst früh erkannt werden können. Es gilt das Prinzip der gleichen Behandlung für alle. Bemerkenswert ist die zusätzliche Regelung, dass ein Patient in einem kritischem Zustand, der sich über lange Zeit nicht verbessert, bei dringendem Bedarf eines Beatmungsgeräts wieder abgehängt werden kann, um einem anderen Erkrankten mit besseren Heilungsaussichten Platz zu machen. Des weiteren gilt das Verfassungsprinzip, dass es keine Personen gibt, die bevorzugt behandelt werden, es sei denn, es handle sich um die gerade erwähnten, auf rein medizinischen und gesundheitlichen Kriterien bemessenen Überlebenschancen.

Die Triageregeln sind nicht mit einem Gesetz zu vergleichen. Die Rechtstauglichkeit dürfte bei einem Fall, in dem Angehörige klagen, noch geprüft werden. Letztlich sollten die Bestimmungen aber in ein Gesetz umgegossen werden, das dem Stimmvolk vorgelegt werden muss.

 

Hier geht's zum Dialog zwischen Steiner & Schmid über Eigenverantwortung und Ethik.

Und hier geht's zurück zum Schreibtisch.

Palermo

Der Mensch verschwindet im Anthropozän: Zoonosen

Fledermäuse, so schrieb Susan Boos in der WOZ vom 2. April, halten sich gerne in Palmölplantagen auf. Solche Plantagen werden oft in Regionen aufgezogen, die vorher nicht extensiv oder gar nicht von Menschen genutzt wurden. 

Das Bild einer flatternden Fledermaus in einer Palmölplantage erinnert uns an das unscharfe Foto eines fliegenden Flugzeugs, rechts davon sind zwei Türme sichtbar. Diese Erinnerung ist trügerisch und führt in die Irre, der Vergleich ist unstatthaft, führt uns aber vor Augen, worin dieses Unstatthafte liegt. Im Cockpit des Flugzeugs saß Mohammed Atta und steuerte absichtlich, willentlich und in vollem Bewusstsein, dass eine Katastrophe geschehen wird, in den Nordturm des World Trade Centers von New York. Man schrieb den 11. September 2001. Atta vollzog einen Teil eines gewaltigen Terroraktes, der innerhalb der vorausgegangenen zehn Jahre von Chalid Scheich Mohammed und Mohammed Atef im Auftrag von Osama bin Laden minutiös geplant worden war. Eine in einer Palmölplantage herumflatternde Fledermaus ist vielleicht Träger eines tödlichen Virus. Die als »Batwoman« bekannt gewordene Virologin des Wuhan Institute of Virology sagte jüngst im chinesischen Fernsehen, das Coronavirus sei die Strafe der Natur für die unzivilisierte Lebensweise des Menschen. Hinter diesem tödlichen Virus steht aber keine Absicht, kein Willen zum Morden, keine politische oder religiöse Botschaft und kein Bewusstsein; oder wie Paul Jandl in der NZZ am 9. April schreibt, das Virus ist eine »biochemische Entität«; oder wie Max Frischs Protagonist Geiser in Der Mensch erscheint im Holozän sagte, dass die Gesteine sein Gedächtnis nicht brauchten. 

Alles, was wir über Fledermäuse und ihre Viren wissen, sind Ansichten und Erkenntnisse, die wir aufgrund von Beobachtungen, Beschreibungen, Interpretationen, Geschichten, Untersuchungen und Forschungen gewonnen haben. Die Fledermaus kümmert sich aber einen Dreck darum und fliegt weiter.

Das Virus legt also keinen Wert darauf, dass wir Bescheid wissen über es, wir jedoch schon. 2002/2003 erkrankten in Südchina zahlreiche Menschen an einer Lungenkrankheit, die durch ein SARS-Virus ausgelöst wurde, mehr als 700 starben daran. Die chinesische Forscherin Shi Zhengli vom WIV machte sich in der Folge auf die Suche der Herkunft dieses Virus. Sie und ihr Team überprüften dabei die These, ob es in einer Fledermausart in Südchina vorkommt. Sie packten die Koffer und reisten in die Provinz Yunnan. Nach ersten ergebnislosen Fängen fand sie schließlich in der Shitou-Höhle bei Kunming in drei Proben von Chinesischen Hufeisennasen Antikörper. Sie intensivierte ihre Suche und entdeckte in den Fledermäusen Coronaviren, die sie SL-CoV nannte (SL für SARS-Like). In Science veröffentlichte sie ihre Ergebnisse im Oktober 2005. Im Jahre 2013 konnte sie unter anderem mit dem britisch-amerikanischen Zoologen Peter Daszak nachweisen, dass die Genome von Viren in einer Chinesischen Hufeisennase zu 97 Prozent mit dem Erreger übereinstimmten, die bei Zibetkatzen in Guangdong identifiziert worden waren und die den Ausbruch in Südchina ausgelöst hatten (nature, Oktober 2013). Die USA finanzierten daraufhin ein Forschungsprojekt von Peter Daszak und Shi Zhengli, welches im Schwesterlabor des National Biosafety Laboratorys in Wuhan durchgeführt wurde. Die Übertragung von Fledermausviren auf Menschen sollen noch genauer untersucht werden. Das Projekt kostete bis 2019 mehr als 3 Millionen USD. Es war erfolgreich und wurde um fünf weitere Jahre verlängert. Aufgrund von Daszaks und Shis Ergebnissen wurde zum Beispiel das Medikament Remdevisir entwickelt, das zur Bekämpfung des SARS-CoV-2 eingesetzt wird (dessen Wirkung unterdessen aber angezweifelt wird). Die Gelder wurden auf Anweisung des US-amerikanischen NIH wieder gestrichen. Querelen zwischen China und den USA und der geäußerte Verdacht der US-amerikanischen Regierung, das Virus stamme aus einem Labor in Wuhan, haben zu diesem Schritt geführt. 

Shi selber bekam am 30. Dezember 2019 Proben von Patienten aus dem Wuhan Central Hospital zugeschickt, die aufgrund der neuen Krankheit hospitalisiert wurden. Bis am 7. Januar fand Shis Team heraus, dass das neue Virus für die Krankheit verantwortlich war. Gleichzeitig durchforstete sie sämtliche Virenstämme, die sie bis anhin gesammelt hatte und fand keine Gensequenzen, die mit dem neuen Virus übereinstimmten. Also auch nicht mit den Hybriden, die sie selbst hergestellt und mit denen sie Versuche durchgeführt hatte. Die Wahrscheinlichkeit eines Laborausbruchs ist minim, groß aber, dass eine Zoonose die Übertragung ermöglichte.

Blicken wir auf weitere von Zoonosen.

Szenenwechsel mit einem kurzen Abstecher nach Uganda. Die Medizinerin Laura Bloomfield von der Stanford University sammelt im Gebiet des Kibale Nationalpark Daten und Geschichten von Begegnungen zwischen Menschen und Affen, schreibt Die Zeit in einem Text zur Zoonose. Am Rande dieses Parks ist zurzeit ein rasantes Bevölkerungswachstum im Gange. Das hat zur Folge, dass die Leute vermehrt in den Park ausweichen, um Bau- oder Brennholz zu schlagen oder Tiere für die Nahrung zu jagen und Pflanzen zu suchen. Zwangsläufig kommt es zu Aufeinandertreffen von Mensch und Affe. Jeder direkte oder indirekte Kontakt bietet eine Gelegenheit für die Übertragung von Affenviren, wie beispielsweise einst beim HI-Virus. Gerade Affenviren sind für Menschen gefährlich. Die Analyse, an welchen Viren Menschenaffen erkranken, lässt Schlüsse auf den Verlauf von Krankheiten bei Menschen zu. Bloomfield folgert aus ihren Beobachtungen, dass »je stärker ein Wald zerstört wird, desto größer (ist) das Risiko, dass Menschen sich mit Zoonosen anstecken.« 

Etwa 3000 Viren wurden bisher beschrieben, Forscher schätzen, dass es mindestens eine Million gibt. Zoonotische Epidemien gibt es vermutlich seit der Mensch sesshaft geworden ist, sich also vor etwa 12'000 Jahren quasi selbst aus dem Kreislauf der nomadischen Lebensform des Jagens und Sammelns genommen hatte, und sich der Nutztierhaltung und dem Ackerbau verschrieb. Eine erste nachweisbare Influenza-Epidemie gab es vor 3200 Jahren in Zentral- und Südasien, seither gehören Seuchenzüge zur menschlichen Geschichte. Und seither gibt es auch Zoonosen. Der oben erwähnte SARS-Nachweis auf Zibetkatzen in Guangdong ist einer der bekanntesten Fälle aus der jüngsten Vergangenheit.

Drei Tatorte von Zoonosen sind zu unterscheiden: erstens schlecht unterhaltene Nutztierbestände (im März 2020 wurden SARS-CoV-2 in einer Nerzpelzfarm in den Niederlanden gefunden, im Oktober 2020 auch in Dänemark), zweitens Lebendtiermärkte (hier tummeln sich vor allem die Zwischenwirte wie Schuppentiere, Schleichkatzen, Dachse, Schlangen) und drittens jene unkultivierten Orte und Regionen, in die der Mensch eingedrungen ist und dabei die natürlichen Lebensräume verändert oder zerstört hat. Ob das neue SARS-CoV-2-Virus wirklich, wie vermutet wird, über ein Schuppentier auf den Menschen übertragen wurde, ist noch zu klären.

Es lohnt sich, die Ursachen von Pandemien zu erforschen. Sie dient als Grundlage für die Entwicklung von Medikamenten. Aber dass Viren existieren, die Krankheiten auslösen, hat an sich nichts Sinnhaftes und es verbirgt sich kein Plan dahinter. Der NYT-Kolumnist Thomas L. Friedman sagt es so: »Mutter Natur ist nur Chemie, Biologie und Physik, und der Motor, der sie antreibt, unterliegt einer Regel: jener der natürlichen Auslese. Das ist das Streben aller Organismen, zu überleben und in irgendeiner ökologischen Nische zu gedeihen. Sie kämpfen darum, ihre DNA an ihre nächste Generation weiterzugeben und nicht unter denen zu landen, die an den Hersteller zurückgesandt und stillgelegt werden.« Insofern erweist ein Virus sich selbst keinen Dienst, wenn der Wirt, in dem er sitzt, stirbt. Der Zürcher Professor für Nachhaltigkeit Kai Niebert sagt: »In der Natur hat alles, was passiert eine Ursache, aber dahinter steckt kein Wille«.

Und so kehren wir nochmals zu Paul Jandls biochemischer Entität und Max Frischs Gesteine, die sein Gedächtnis nicht brauchen, zurück. Erst wenn wir Ursachen von Pandemien erforschen, wenn wir also Zusammenhänge zwischen dieser biochemischen Entität und deren Auswirkung auf die Gesundheit des Menschen suchen, erst dann also beginnen wir eine Erzählung. Es gibt also unverrückbare Fakten und Gesetze, die wir mit unserem Denken nicht ändern können, die wirklich sind, ohne dass wir sie erfinden müssen, geschweige denn erfinden können. Leibniz würde von Tatsachenwahrheit sprechen. Diese Erzählung kann, wie bei Bloomfield, Shi und Daszak physikalisch, biologisch, mathematisch oder wissenschaftlich, wie bei Jandl feuilletonistisch oder wie bei Frisch belletristisch sein. Friedrich Dürrenmatt bemerkte hinsichtlich der Fiktion, dass Schriftsteller mit »bewusst erfundenen Vorstellungen die Wirklichkeit zu beschreiben vermögen.« Er unterscheidet eine physikalische und mathematische Fiktion, die eine physikalische Antwort erfordert, von einer künstlerischen Fiktion, die eine »künstliche Gegenwirklichkeit« herstellt. Jene Wahrheiten würde Leibniz Vernunftwahrheit nennen.

Hier noch ein Beispiel einer künstlerischen Fiktion:

Der Schweizer Künstler Julian Charrière war auf einer seiner Reisen in einer Palmölplantage in Indonesien. Plamenhaine sind beliebte Jagdgebiete von Fledermäusen, auch von solchen, die mit Viren herumfliegen. Charrière drehte ein Video mit dem Titel An Invitation to Disappear. In einer kaum enden wollenden, linearen Kamerafahrt durch die weitläufigen Baumreihen einer Palmölplantage blicken wir auf die zahllosen Bäume, die links und rechts gemächlich an uns vorbeiziehen. Es dämmert. Auf dem Boden liegen zerstreut Palmwedel herum, die Farben sind dumpf, das Grün ist matt. Kaum zu glauben, dass hier etwas so Wertvolles und Nützliches wächst, das in der Körpermilch, in Kosmetika, im Rasierschaum, im Waschmittel, in unzähligen Nahrungsmitteln oder wo auch immer verarbeitet wird. Es ist also die Nachfrage nach dem so praktischen Palmöl, die in der Landschaft eine zivilisatorische Spur fräst und sie dabei veröden lässt und die die natürlichen Lebenswelten einheimischer Tier- und Pflanzenarten zurückdrängt. Die Monotonie der Monokultur prägt sich durch die Langsamkeit der Kamerafahrt und das dumpfe Rascheln natürlicher Geräusche umso mehr ein. Wir denken, das geht endlos so weiter. Aber. Bald werden erst ganz schwach, dann immer dominanter Techno-Beats hörbar. Irgendwo in diesem fruchtbaren Nichts wird offenbar gefeiert und getanzt. Bald sehen wir Lichter, farbige Scheinwerfer, aufsteigende Trockennebel. Die Musik wird lauter. Schließlich dringt die Kamera in ihrer unbeirrbaren Fahrt durch die Palmen zu einem Plantagen-Rave vor. Obwohl keine Menschenseele auszumachen ist, sind wir nun definitiv in einer menschengemachten, technifizierten und lauten Glamour-Umgebung angekommen. Die Partyzone mit ihren Stroboskopen, Nebel und Klängen in der Leere wirkt verstörend, die Stimmung verdüstert sich. Wir stutzen kurz. Ist das, was wir sehen, eine Vorsehung? Werden in Zeiten zunehmender physischer Distanzierung Partys ohne Menschen gefeiert? Am Ende fühlt man sich unbehaglich ob der Fremdheit des seelenlosen Fröhlichkeitssettings in dieser entrückten Welt. 

Wir denken zurück und sehnen uns in dieser Kamerafahrt nach etwas Lebendigem: War da nicht eine Hufeisennase durchs Bild geflattert? Oder haben wir nicht wenigstens ihr typisches Chirpen gehört? 

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Steiner & Schmid: Eigenverantwortung? Eigenverantwortung!

Steiner: Der Schwede sagt, dass die Bürger ein großes Vertrauen gegenüber dem Staat entgegenbringen.

Schmid: Ja, das mag sein. Aber er sagt auch solche Sachen wie Selbstverantwortung. Und das sagt unser Gesundheitsminister auch.

Steiner: Er spricht aber auch von Solidarität – und er muss Selbstverantwortung sagen, wenn er nur von Solidarität sprechen würde, nähmen ihm die Rechten die Botschaft nicht ab und wenn er nur von Selbstverantwortung reden würde, nähmen es ihm die Linken nicht ab. Prost übrigens.

Schmid: Prost. Klingt doof mit diesen Büchsen.

Steiner: Immer noch besser als Skype.

Schmid: Stimmt. Du glaubst, er muss Selbstverantwortung sagen, meint aber Solidarität und umgekehrt.

Steiner: So ungefähr. Eigentlich hat er’s nicht korrekt gesagt, die Rechten sprechen lieber von Eigenverantwortung. 

Schmid: Was sie mit Eigenverantwortung meinen, kennen wir. Eigentlich meinen sie Eigennutz. Der Minister müsste also an den Egoismus appellieren.

Steiner: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.« Johannes, glaub ich.

Schmid: Kapitel 8. Respekt. Deine Bibelkenntnisse sind beeindruckend. Aber jetzt mal ehrlich, mein lieber Steiner: Glaubst Du den Unsinn, den die Regierung zum Besten gegeben hat?

Steiner: Unsinn? Ich glaube, ich glaube ihr so, wie sie es gemeint hat. Medienkonferenzen sind Werbeveranstaltungen. 

Schmid: Ein bisschen viel Glaube in Deinen Worten. Wissen wäre besser.

Steiner: Dürrenmatt sagte einmal sinngemäß, es gebe Leute des Glaubens und Leute des Wissens. Ich gestehe, diese Unterscheidung ist in dieser Situation etwas durcheinandergeraten.

Schmid: Wieso?

Steiner: Die Lage des Wissens ist prekär. Zudem konnte die Regierung im Frühjahr nicht detailliert darlegen, wie die Situation wirklich ist. Sie wussten fast nichts über das Virus und die Logik der Verbreitung. Sie konnten Mitte März nicht sagen, dass der Staat zu wenig medizinisches Schutzmaterial auf Lager hatte, dass die Medizin nicht ausreichte, dass man nicht einmal wusste, welche Medizin half, dass im schlechtesten Fall zu wenig Spitalbetten bereitstanden, dass wir Schutzmasken tragen müssten. Aber sie mussten uns davon überzeugen, dass wir glauben, dass sie die Kontrolle haben und dass sie mit Hochdruck daran arbeiten, um die Defizite zu beheben und die Probleme zu lösen. Medienkonferenzen müssen Vertrauen schaffen und nicht Wahrheit verkünden.

Schmid: Amen. Aber Vertrauen durch Werbung? Ich weiß nicht, mein Lieber. Ich vertraue meiner Ärztin.

Steiner: Wie weißt Du, dass sie alles sagt, was sie weiß, oder sagt sie eben doch nicht nur das, was Du wissen musst?

Schmid: Natürlich müllt sie mich nicht mit all den Fachwörtern zu. Aber...

Steiner: Man nennt das dann vielleicht »Diagnose in leichter Sprache«.

Schmid: Blödmann.

Steiner: Ist doch so.

Schmid: Auf alle Fälle begründet sie ihre Entscheidungen.

Steiner: Wenn Du es noch mitbekommst.

Schmid: Wie meinst Du das?

Steiner: Nehmen wir Bergamo. Triage. Der Intensivarzt muss entscheiden, wem er welche Behandlung zukommen lässt. Wir konnten es überall lesen und sehen. 

Schmid: Kriegsmedizin. In der Verfassung steht, glaub’ ich, dass grundsätzlich jedes Leben gleich viel gilt. Der Staat, also auch das Spitalpersonal darf ein Leben weder bewerten noch abwerten, es gilt das Prinzip der égalité.

Steiner: Klingt schön. Das Bewerten und Berechnen ist das Feld der Gesundheitsökonomen. 

Schmid: Ein merkwürdiges Feld. 

Steiner: Erlaubt aber einen anderen Blick auf die Sache.

Schmid. Na ja. Bleiben wir in der Praxis. Der Arzt muss demnach berücksichtigen, dass es keine staatlichen Vorgaben zur Zuteilung von Überlebenschancen und Sterbensrisiken gibt außer dem Gleichheitsprinzip. Alle genießen das gleiche Recht und den gleichen Schutz. Einverstanden?

Steiner: Ja, theoretisch. Aber nehmen wir jetzt den Intensivarzt in Bergamo...

Schmid: Warte, mein Lieber. Stellen wir uns vor, was ein Arzt grundsätzlich tun muss: er hat die Überlebenschancen eines Patienten in einer akuten Krisensituation einzuschätzen (Gebrechlichkeitsskala). Er beurteilt den Gesundheitszustand, die Schwere der Krankheit, die Heilungschancen. Er muss aber auch verinnerlicht haben, dass es keine Vorzugsbehandlungen geben darf. Und dann hat er zu entscheiden, welche sinnvollen Maßnahmen zu treffen sind. Ich nehme an, hierfür kann er auf konkrete Regeln und Handlungsanleitungen seines Berufsverbandes zurückgreifen.

Steiner: Meinetwegen. Aber nochmals nach Bergamo. Es gibt drei mögliche Szenarien. Erster Fall: In der Intensivstation sind noch zwei Plätze zu vergeben, der Notfallarzt sagt dem Intensivarzt, er habe fünf Patienten, die an die Geräte müssen. Was macht der Intensivarzt?

Schmid: Wenn ich mich recht erinnere, schreibt der Deutsche Ethikrat, die Auswahl müsse nach wohlüberlegten, begründeten, transparenten und einheitlich angewandten Maßstäben erfolgen. Alter, Status, Herkunft etc. haben also nichts zu suchen. Wie schon vorher gesagt. Ob dort Maurer, Berset, Keller-Suter, Federer, Rigozzi, Steiner oder Schmid liegen, spielt keine Rolle.

Steiner: Also rein medizinische Kriterien.

Schmid: Genau. Theoretisch. 

Steiner: In der Praxis wären es aber Steiner und Schmid.

Schmid: Genau. Ich habe kürzlich in einem Interview mit einem Ethiker gelesen, dass die Ärzte eine Intensivbehandlung ablehnen sollen, wenn der Sterbeprozess bereits begonnen hat, keine Besserung in Aussicht steht oder der Aufenthalt in der Intensivstation von zu langer Dauer sein wird. Es entscheiden rein medizinische Kriterien, bei denen die klinische Erfolgsaussicht im Mittelpunkt steht.

Steiner: Interessant. Wie weiß er, wie lange eine Behandlung dauert?

Schmid: Mit Prognose, wie denn sonst. Mehr hat er nicht. Wir leben im Prognosezeitalter.

Steiner: Zurück zum Fall. Wem wird geholfen: Wer die höheren Überlebenschancen hat oder wer die Maßnahmen dringender benötigt?

Schmid: Die Erfolgsaussicht kommt zuerst. Das sind schwierige Entscheidungen. Wer sagt ihm, ob beim »leichteren« Fall nicht auch Komplikationen auftreten können? Verhält sich das SARS-CoV-2 so, wie man es erwartet? Auch hier stehen wir vor der Situation, dass der Arzt nicht weiß, was geschehen wird. Er muss aber einschätzen, wie er Todesfälle verhindern kann. Natürlich immer auf Grundlage der verfügbaren Ressourcen und des Wissens. Und, mein Lieber, ganz wichtig ist, es muss das Mehraugenprinzip gelten. Es sollen immer noch andere Kollegen den Fall beurteilen.

Steiner: Okay. Zweiter Fall: Alle Intensivplätze sind besetzt. Bei einem der Behandelten stehen die Chancen nicht so gut. Und jetzt wird Federer herangerollt.

Schmid: Es ist unzulässig, einen Patienten, auch wenn seine Überlebenschancen klein sind, von den Geräten abzuhängen, man ging ja davon aus, dass er überleben könnte. Und solange er das noch kann, darf er nicht abgehängt werden. Außer natürlich der Sterbeprozess hat begonnen oder der Zustand ist hoffnungslos oder eine entsprechende Patientenverfügung liegt vor. Auch wenn Federer in mancherlei Hinsicht, wie soll ich sagen, wertvoller sein mag, gibt’s keine Ausnahme.

Steiner: Ich wusste schon immer, dass Du kein Tennisfan bist.

Schmid: Fürwahr nicht, du Idiot. Tennis ist ein überschätzter Bonzensport. Federer soll doch mit seinem Privatjet in ein Privatspital in Dubai fliegen.

Steiner: Und wenn die Patientin schwanger ist.

Schmid: Ändert nichts. Sie muss warten. Es gibt keine Berechnungen von Lebensjahren und keine Bewertungen von Leben. Auch nicht von ungeborenen Leben. Ich glaube nicht, dass das aktive Beenden einer laufenden, weiterhin notwendigen Behandlung, bei der es Aussicht auf Erfolg gibt, zur Rettung eines anderen zulässig ist.  

Steiner: Dritter Fall: Die problematischen Erkrankungen nehmen langsam ab. In der Intensivstation gibt es ein freies Bett. Jetzt kommt ein schwieriger Fall. Der Patient hat geringe Überlebenschancen. Darf der Arzt sagen, wir behalten das Bett frei, weil vielleicht am selben Tag noch ein anderer Patient kommt, der gute Chancen hat?

Schmid: Eigentlich müsste die Antwort nach dem bisher Gesagten klar sein: Nein. Aber ich gebe zu, das ist eine heikle Entscheidung. Was ist, wenn kein anderer Patient eingewiesen wird und der Abgewiesene stirbt? 

Steiner: Gut. Es stehen zwei Fälle gleichzeitig vor der Tür: eine junge, schwangere Frau und ein Mann in mittleren Jahren. Was sagt der Intensivarzt?

Schmid: Eine knifflige Ausgangslage. Der Arzt muss nach medizinischen Kriterien beurteilen, wer dringender eine Behandlung braucht und bei wem die Erfolgsaussichten besser stehen. Wenn die medizinische Lage wirklich genau gleich ist, tendiere ich für die junge Frau.

Steiner: Also doch.

Schmid: Was soll das wieder heißen?

Steiner: Es findet eine Bewertung statt. 

Schmid: Meinetwegen.

Steiner: Glaubst Du wirklich, in England hätten die Verantwortlichen Boris Johnson darben lassen, wenn kein Beatmungsgerät zur Verfügung gestanden hätte?

Schmid: Im schlimmsten Fall müsste am Schluss Johnson damit klarkommen, dass er nur überlebt hat, weil jemand anderer gestorben ist. Es gibt immer eine Differenz zwischen Theorie und Praxis. Die Sterbezahlen in den USA wären nicht so hoch, wenn alle Patienten jene Behandlung bekommen hätten, die Trump erhalten hat. 

Steiner: Aber weißt Du was?

Schmid: Nein.

Steiner: Irgendwie haben wir doch auch die Frage der Eigenverantwortung und Solidarität gestreift?

Schmid: Hä?

Steiner: Das ist doch ein schönes Beispiel. Der ideale Modellintensivmediziner, von dem wir es gerade hatten, muss beides gleichzeitig tun, er muss individuell und gesellschaftlich handeln. Irgendwie dialektisch eben. 

Schmid: Solidarische Eigenverantwortung oder eigenverantwortliche Solidarität? 

Steiner: Irgendwie.

Schmid: Mein Lieber, ich weiß nicht, ob Du das in dieser Art und Weise aufdröseln kannst. Vielleicht trägt er eine kollektive Verantwortung.

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Storch

Wir klettern uns frei, oder: Lonley at the top

Der emeritierte Professor und Literaturwissenschaftler Manfred Schneider vergleicht die wild um sich greifenden verschwörungstheoretischen Erklärungen zur Coronakrise mit einer Szene in Bertold Brechts Stück Leben des Galilei: »Darin machen sich Mönche und Gelehrte über Galileis Einsicht lustig, dass sich die Erde um die Sonne und um ihre eigene Achse dreht. Die Kirchenmänner spielen Komödie, indem sie alle lachend durch den Vatikan torkeln, als drehte sich unter ihnen der Boden. Da sie ihren Augen nur trauen, wenn sie lesen, weigern sie sich, durch Galileis Fernrohr zu sehen, dass sich die Planeten offenbar ohne Tanzmeister im Kosmos drehen.« In Brechts Stück beruft sich Galilei immer wieder auf die Fakten, denen es zu folgen gilt, sie geben vor, welchen Weg wir gehen. Konservative katholische Kreise behaupten in einem Aufruf, sich ebenfalls nach den Fakten zu richten. Nur bleiben sie uns diese schuldig. Sie sagen: »Wir haben Grund zu der Annahme – und das auf der Grundlage offizieller Daten zur Epidemie in Bezug auf die Anzahl der Todesfälle – dass es Kräfte gibt, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen. Auf diese Weise wollen sie dauerhaft Formen inakzeptabler Freiheitsbegrenzung aufzwingen, die Menschen kontrollieren und ihre Bewegungen überwachen.« Ab welcher Anzahl an Opfern und Infizierten wären denn Freiheitsbegrenzungen gerechtfertigt?

Zum Thema Freiheit kurz dies: Sie besteht darin einzusehen, dass es unausweichlich ist, sie mit einer vorübergehenden Einschränkung von Grundrechten, wie sie in der Verfassung als das Recht auf persönliche Freiheit – insbesondere auf körperliche und geistige Unversehrtheit und auf Bewegungsfreiheit – definiert ist, zu schützen. Freiheit wird gewahrt, indem das Notwendige zu ihrem Erhalt vorgekehrt wird. Manfred Schneider schreibt folgerichtig: »Die Freiheit besteht darin, Einsicht in die Notwendigkeit zu gewinnen.« Eine Unfreiheit wird als Freiheit proklamiert? Das klingt paradox, ist es aber nicht.

Denn.

Wir stellen uns vor, wir seien in einer Schlucht gefangen, der Ausgang ist durch ein natürliches Ereignis versperrt. Man kennt vergleichbare Szenarien aus Hollywood-Filmen. Rundherum sind wir von Felsen umschlossen. Es gibt nur einen Ausweg: über die Felswand hinaufzuklettern, die sich vor uns erhebt. Uns zur Seite steht ein Bergführer, den wir zwar selbst gewählt haben, aber bevor wir in diese missliche Lage geraten sind. Schicksal. Unser Bergführer erklärt uns, wie wir uns am besten befreien können. Zuerst bläut er uns seine Klettermaxime ein: »Un pour tous, tous pour un.« Unsere Gruppe ist bunt zusammengestellt, Sportliche und Unsportliche, Kleine und Große, Waghalsige und Ängstliche, Junge und Alte. Der Bergführer sagt, dass wir alle mitnehmen, auch die Höhenangstschisshasen und Dickwänste.

Und dann erläutert er die nützlichsten Regeln, die zu befolgen uns das Klettern erleichtern. Wenn wir eine steinige Wand hochklettern, sagt er, suchen wir nach Punkten und Stellen, an denen wir uns festklammern oder auf die wir einen Fuss setzen können. Der unebene Fels gibt uns diese Vorsprünge und Stellen vor oder wir können sie mit einem Haken, den wir in den Stein hämmern, künstlich erzeugen. Wir orientieren uns also an der unmittelbar vor uns liegenden Oberfläche des Felsens und klettern behutsam auf Sicht. Es komme auch vor, so der Bergführer weiter, dass ein anfänglich als sicher eingestufter Punkt doch nicht so sicher, ja sogar gefährlich sei. Man müsse selbst entscheiden und sich gut überlegen, ob es klug ist, diesen Punkt zu benutzen. Die anderen würden davon ausgehen, dass er auch für sie noch halten würde. Man müsse also vorsichtig und flexibel bleiben und gegebenenfalls einen Tritt zurückgehen. Das gelte übrigens vor allem auch für ihn und die anderen Vorsteiger. Wir klettern nur an Stellen hoch, die alle von uns meistern können, auch die Kleinsten. Dann, sagt er, sei es wenig ratsam, sich gleichzeitig nur auf zwei unserer vier Extremitäten zu stützen, die Unsicherheit ist groß, wir können das Gleichgewicht verlieren und abstürzen. Folgerichtig sei es nicht sehr intelligent, beispielsweise eine hereinkommende SMS, sofern wir Satellitenempfang haben, umgehend beantworten zu wollen. Die Befriedigung bestimmter wichtiger Bedürfnisse, die das Klettern behindern, müsse verschoben werden.

Wir sollen also, bitteschön, die sogenannte Drei-Punkt-Haltung anwenden (das empfehlen auch der internationale Kletterverband und die Experten). Und dann bittet er uns, dass wir seinen Anweisungen gehorchen sollen, sonst könne er nicht versprechen, dass es klappe. Etwas leiser, fast flüsternd schiebt er noch hinterher, dass er das aber auch nicht garantieren könne, selbst wenn wir uns richtig verhielten. Und dann warnt er uns, dass er nicht wisse, wie es oben aussehe, es existiere keine Landkarte dieser Region. Terra incognita. Vielleicht stünden wir vor einer weiteren Wand. Klar, es gebe verschiedene Varianten, um das Ziel zu erreichen. Welche Route eingeschlagen wird, bestimme er, der Bergführer.

Die bisher eingeschlagenen Klettersteige sind: der schwedische (mit einer schwierigen, langen, ersten Kletterpassage, nachher, sagt der schwedische Expeditionsleiter, soll’s einfacher werden), der nordische (eine leichtere Route über flachere Stellen, man wird den Verdacht nicht los, dass diese – warum auch immer – weiter oben startet), der südkoreanische (jeder Tritt ist gut gesichert, sie haben viel Erfahrung mit ähnlichem Gelände), der chinesische (die sind so früh und im Dunkeln losgegangen, dass man gar nicht genau weiß, wo sie durchgeklettert sind und hinterher, obwohl wir alle Funkgeräte haben, sagen sie kaum etwas), der zentraleuropäische (eine relativ sichere, gut geführte Route, aber nicht risikolos, in den oberen Passagen mit dem vermeintlichen Ziel vor Augen droht Gefahr, leichtsinnig zu werden), der südeuropäische (gleiche Route wie zentraleuropäische, aber bei schlechtem Wetter, die Ausrüstung nicht über alle Zweifel erhaben), der US-amerikanische (gleiche Route wie zentraleuropäische, aber mit einem dilettantischen Bergführer, der mal Quizmaster war, und der bei Gefahr die Leute hängen lässt, marode Gerätschaften), der brasilianische (nicht geführt und schlecht ausgerüstet, Route unklar, Ziel auch) etc. Und es gibt solche, die führen ins Nichts. Zudem ist es vernünftig und klug, sagt der Bergführer weiter, sich anzuseilen, bevor wir losklettern. Wir sind zwar zwischenzeitlich in unserer Bewegung eingeschränkt, aber wenn wir auf einem Felsvorsprung unglücklich wegrutschen, ist die Chance wesentlich größer, zu überleben, weil uns die anderen auffangen können. Fatal sei ein Dominoeffekt, wenn also zu viele zur gleichen Zeit fallen. Die Auffassung, man könne auch überleben, wenn man nicht angeseilt gewesen ist, wie das ein naseweises Mitglied, das etwas rechts von der Gruppe steht, suggeriert hat, kann zwar nicht komplett entkräftet werden, aber Erfahrungen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen legen einen anderen Schluss nahe. Wer anderes behauptet, so der Bergführer, verschließe die Augen vor der Realität oder hat zu viele Trickfilme gesehen, in denen der Held über einen Felsvorsprung hinausrennt, den Abgrund unter sich sieht, versucht umzukehren und dann jäh hinunterfliegt. Zufälligerweise ragt irgendwo immer noch ein Ast heraus, an dem der Abstürzende hängenbleibt. Oder er glaubt sonst ein Ammenmärchen. 

Wenn wir die Schlucht überwunden haben, entledigen wir uns unserer beengenden Kletterutensilien und bleiben nicht mehr angeseilt, sagt der Bergführer, – und wir fühlten uns befreit. »Aber wir können uns nur dann frei fühlen, meine Lieben«, jetzt wird der Bergführer etwas rührselig und pathetisch, darum wird er zitiert, »wenn wir einander helfen und alle gemeinsam das Ziel erreicht haben werden. Was nützt es uns, wenn wir alleine dort oben angekommen sein werden.« Wir kennten doch alle dieses Lied Lonley at the top von Randy Newman. »Nein?«, fragt er verwundert. Wobei, fügt der Bergführer maliziös an, Freiheit sei der Akt davor und nicht der Zustand danach.

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Steiner & Schmid: Sokratisches und Rumsfeldisches

Steiner: Hier Dein Bier.

Schmid: Danke. Du distanzierst Dich?

Steiner: Physisch. Zwei Meter. Zum Glück gibt’s Parkbänke.

Schmid: Staatsgläubig?

Steiner: Vernünftig.

Schmid: Ach ja? Parkbänke können auch kontaminiert sein.

Steiner: Die Blechdose und der Türgriff, den Du vorhin gedrückt hast, auch.

Schmid: Ich weiß. Das Leben ist mühsamer geworden.

Steiner: Aber eigentlich wissen wir noch nicht so viel.

Schmid: Stimmt. Wir wissen nichts. Niemand. Wir sind in eine Ära der Fragen eingetreten.

Steiner: Dein Wort in meinem Ohr.

Schmid: Hä?

Steiner: Nun ja, Du hast es sonst eher mit den Antworten…

Schmid: Also, dann frag ich Dich mal was.

Steiner: Bitteschön.

Schmid: Glaubst Du dem weichgespülten Sozialdemokraten des Bundesamts für Gesundheit?

Steiner: Schon auf Entzug?

Schmid: Wieso?

Steiner: Das war keine Frage.

Schmid: Wieso nicht?

Steiner: Weil Dir meine Antwort egal ist. Wenn Du »weichgespülter Sozialdemokrat« sagst, weiß ich schon jetzt, dass Du ihm nicht glaubst. Wenn ich »ja« sage, sagst Du »ich nicht« und setzt zu einem Exkurs an, wenn ich »nein« sage, sagst Du »ich auch nicht« und setzt zum selben Exkurs an.

Schmid: Müssen wir uns jetzt bei einem Paartherapeuten anmelden? 

Steiner: Auch das ist keine richtige Frage, aber ich antworte dennoch: Nein, keine Sorge.

Schmid: Halt! Schnitt. Wir gehen zurück. 

Steiner: Okay, wie Du willst.

Schmid: Glaubst Du dem Vorsteher des Gesundheitsamts?

Steiner: Ja, ich vertraue ihm.

Schmid: Ich habe gefragt, ob Du ihm glaubst.

Steiner: Ich weiß. Die Lage ist paradox. Er vermittelt das Gefühl, dass er versteht, wovon er spricht, obwohl er nicht weiß und eigentlich nicht verstehen kann, was gerade abläuft. Weil niemand es verstehen kann, nicht einmal die Experten. Den Stillstand zu verordnen, halte ich in einer solchen Situation für gewagt, aber richtig. Deshalb vertraue ich ihm.

Schmid: Und was ist paradox daran?

Steiner: In normalen Zeiten vertraue ich dem Wissen, jetzt jedoch dem Bewusst-Sein über das Nicht-Wissen des Nicht-Wissens.

Schmid: Was faselst Du von einem Bewusstsein über das Nicht-Wissen des Nicht-Wissens.

Steiner: Also. Es gibt ein Nicht-Wissen. 

Schmid: Schon gut, ich weiß.

Steiner: Nein, warte. Ich geb’ Dir ein Beispiel: Stell Dir Obama im Jahre 2011 vor. Ein paar CIA-Leute sprechen bei ihm vor und sagen, in einer Villa in Abbottabad sitzt mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent Osama bin Laden. Es bestünde eine gute Möglichkeit, ihn zu eliminieren. Obama denkt nach und stellt folgende Überlegungen an: »Wenn der CIA 80 Prozent sagt, dann rechne ich mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit. Halbe-halbe. Ich habe zwei Möglichkeiten, mit diesem Nicht-Wissen umzugehen. Entweder ich wandle es um in Wissen. Dafür muss ich die Aktion durchziehen. Hinterher weiß ich, ob er da war oder nicht. Das Nicht-Wissen wird also zu Wissen. Oder ich blase die Aktion ab. Ich werde nie erfahren, ob er da war. Das Nicht-Wissen bleibt ein Nicht-Wissen.« Einverstanden?

Schmid: Mach’ weiter.

Steiner: Obama entscheidet: »Ich will es wissen, also gebe ich den Einsatzbefehl.« Wenn er die Aktion nicht durchführt, wird er es nie gewusst haben werden.

Schmid: Hm.

Steiner: Du zweifelst?

Schmid: Ich find’, glaub’ ich, das Beispiel blöd. Aber meinetwegen.

Steiner: Jetzt ist das Nicht-Wissen radikal, eben ein Nicht-Wissen über das Nicht-Wissen. Wir können uns wie auch immer entscheiden, unmittelbar nachher wissen wir dennoch nicht viel mehr. Das Wissen verwandelt sich nur sehr mühsam und sehr langsam in ein Etwas-weniger-Nicht-Wissen.

Schmid: Einverstanden.

Steiner: Der Gesundheitsminister ist diesem Nicht-Wissen intellektuell gewachsen. Mehr als andere in diesem Gremium.

Schmid: Woraus schließt Du das?

Steiner: Indem er sagt, dass er wisse, dass er nicht wisse. Er ist ehrlich. 

Schmid: Sokrates. 

Steiner: Wenn Du meinst, aber so hoch hänge ich ihn auch wieder nicht. 

Schmid: Die anderen sagen auch, dass sie nicht wissen, was läuft.

Steiner: Ein paar von ihnen schon, aber sie sind nicht aufrichtig. Sie gehen in Deckung. Man konnte lesen, dass es in der Regierung welche gibt, quasi Coronaskeptiker, die den Wissenschaftlern nicht trauen.

Schmid: Wissenschaftsleugner.

Steiner: Nein, soweit würde ich nicht gehen. Sie haben sich von der Krankheit befallen lassen, grundsätzlich jenen Wissenschaftlern zu misstrauen, die nicht ihre Meinung unterstützen. Aber sie sind vermutlich auch intellektuell nicht auf der Höhe des Problems. Sie denken mittels Raster, was zwischen den Linien durchfällt, sehen sie nicht, existiert also auch nicht. Es gibt Dinge, von denen sie nicht wissen, dass sie es nicht wissen, und sie sind sich dieser Situation nicht bewusst oder pfeifen drauf.

Schmid: Rumsfeld.

Steiner: Aber sie meinen genau zu wissen, was geschieht. Sie sind Ideologen. Das ist der Unterschied. Alles, was der Gesundheitsminister und die meisten Wissenschaftler wissen, ist, dass die Situation gefährlich sein könnte. Aber sie sind sich bewusst, dass auch sie dunkle Stellen in ihrem Wahrnehmungsraster haben, auch sie sehen nicht alles. Alle haben eine Brille auf. Wir leben in einer Epoche des Konjunktivs. Deshalb fahren sie das öffentliche Leben herunter. Viel mehr zu tun, weiß man zu diesem Zeitpunkt nicht. Niemand. Punkt.

Schmid: Für konjunktive Zeiten etwas apodiktisch, mein Lieber.

Steiner: Dein Wort in meinem Ohr.

Zurück zum Schreibtisch.

Zum 6. August 1945

Wissenschaft und Macht

Nachdem J. Robert Oppenheimer mit allen Mitteln versucht hatte, die Atombombe zu bauen, versuchte er mit allen Mitteln, deren Einsatz zu verhindern. Über das tragische Scheitern eines Genies.

Die US-amerikanische Regierung war im Herbst 1942 überzeugt davon, dass das Nazi-Regime die Entwicklung einer Atombombe vorantreibt. Dem wollte man nicht tatenlos zuschauen. Im September desselben Jahres wurde J. Robert Oppenheimer, ein renommierter theoretischer Physiker und Professor am California Institute of Technology in Pasadena und an der University of California in Berkeley zum wissenschaftlichen Leiter des sogenannten Manhattan-Projekts ernannt. Ziel war unter Wahrung der größtmöglichen Geheimhaltung die Erforschung und Erbauung einer Atombombe. Das Zentrum des Projekts wurde auf dem Hochplateau von Los Alamos in New Mexico eingerichtet.

Zuerst arbeiteten ein paar Duzend und bis zum Kriegsende etwa 7000 Wissenschaftler aus verschiedenen Forschungsrichtungen an diesem Vorhaben. Insgesamt waren auf die ganze USA, Kanada und Großbritannien verteilt ungefähr 150'000 Leute beteiligt. Zahlreiche Wissenschaftler ließen sich von Oppenheimer unter anderem aus dem Grunde anstellen, weil es gelte, eine Abschreckungswaffe gegen Nazi-Deutschland zu entwickeln. Zudem müsse man den Bemühungen der Deutschen zuvorzukommen, die an einer Wunderwaffe tüftelten. Man stünde quasi in einem Wettrennen auf Zeit. Zum großen Teil wussten die Forscher, vor allem jene außerhalb von Los Alamos, nicht, dass sie an der Entwicklung einer Atombombe teilnahmen. Die Geheimhaltung war so ausgeprägt, dass auch in Los Alamos die einzelnen Forschergruppen und Labore voneinander kaum wussten, woran die anderen genau forschten. Einzig Oppenheimer und die wissenschaftliche Forschungsleitung schienen den Überblick zu haben. Oppenheimers Intention war es, einen Wettbewerb der Ideen zu fördern.

So konflikt- und widerstandslos sich das hier anhören mag, war die ganze Sache aber nicht. Im Gegenteil. Vor allem gegen das Ende hin, als immer mehr Forschern bewusst wurde, worauf das Vorhaben hinauslief. Als sich im Winter 1945 immer deutlicher abzeichnete, dass die Kapitulation Deutschlands wohl nur noch eine Frage der Zeit sein würde und damit der Gegner, dem man mit der Bombe zu drohen gedachte, verlustig gehen würde, kam bei zahlreichen Forschern die Frage auf, weshalb eine solch mörderische Waffe überhaupt noch fertiggestellt werden müsse. Auch bei Oppenheimer. Im Tribunal In the Matter of J. Robert Oppenheimer[1] im Jahre 1954 führte er aus, in Los Alamos hätten er und sein Team als Wissenschaftler mit Hochdruck am Problem der größtmöglichen Freisetzung von Energie durch die Erzeugung einer atomaren Kettenreaktion gearbeitet. Oppenheimer sagte unter Eid aus: »Es war ein Werk der Forschung. Es war nicht die Vorbereitung einer Waffe.«[2] Die Forscher waren also – ob aus politischer Naivität, Selbstnegation oder aus Idealismus bleibe dahingestellt – tatsächlich überzeugt davon, dass die wissenschaftliche Erkenntnis, die reine wissenschaftliche Erkenntnis, im Vordergrund stünde. Und nicht die Politik. Auch wenn hier Oppenheimer den Forschertrieb betonte, so musste ihm doch klar gewesen sein, dass am Ende seiner Arbeit die Bombe stehen musste. Das wurde ihm von den Militärs und den Regierungsbeamten auch wiederholt mitgeteilt, in zahlreichen Sitzungen wurde darüber diskutiert. Aber er sperrte sich dagegen, zu erkennen oder zu akzeptieren, dass diese Bombe auch eingesetzt werden könnte, sollten die Nazis kapitulieren.

Mit Niels Bohr, der Los Alamos zum Jahreswechsel 1943/1944 zwar einen Besuch abstattete, sich aber weigerte, ins Projekt einzusteigen, führte Oppenheimer intensive Diskussionen über Sinn und Zweck des Projekts. Der dänische Physiker schlug vor, die Forschung und die Ergebnisse international zu öffnen. Oppenheimer zögerte zuerst, ließ sich aber von dieser Idee doch noch überzeugen. Ihm schwebte nun vor, die Resultate auch Wissenschaftlern aus anderen Ländern zugänglich zu machen, denn keine Regierung solle alleine die Verfügungsgewalt einer solch monströsen Waffe in den Händen haben. In einer noch zu gründenden supranationalen Atomkommission sollen alle Erkenntnisse gebündelt werden und der Einsatz von Bomben verboten werden. Damit solle ein Rüstungswettlauf unterbunden werden und die Forschung für die friedliche Nutzung zugänglich gemacht werden. Allerdings wusste Oppenheimer auch, dass dieses hehre Vorhaben erst nach dem Krieg umgesetzt werden könnte. Deswegen ging es ihm vorderhand darum, dass der Abwurf einer Atombombe – falls sie es tatsächlich schaffen sollten, eine solche herzustellen – zu verhindern. US-Präsident Franklin D. Roosevelt war der Idee der Internationalisierung nicht ganz abgeneigt. Als nach Roosevelts Tod am 12. April 1945 Harry S. Truman Präsident wurde, kehrte die Stimmung jedoch allmählich. Truman, der bis zur Amtsübernahme nichts über das Manhattan-Projekt gewusst hatte, wurde am 25. April 1945 vom militärischen Leiter des Projekts General Leslie R. Groves und Kriegsminister Henry L. Stimson ins Vorhaben eingeweiht. Stimson sagte am Schluss der Sitzung im Oval Office, dass die Bombe so zerstörerisch sein werde, dass sie die Welt auslöschen könne. Nach der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 sprach Truman am Radio und unterstrich gegen Schluss seiner Rede: »Wenn die letzte japanische Division bedingungslos kapituliert hat, dann erst ist unsere Arbeit getan.« Ob er damals schon den Einsatz der Bombe in Erwägung zog, ist nicht restlos geklärt. Aber, soviel ist bekannt, es lag ihm viel daran, dass das Manhattan-Projekt schnellstmöglich zu Ende gebracht werden müsse.

Dagegen erhob sich Widerstand aus Kreisen in Los Alamos. Sollte die Waffe nicht gegen die Nazis eingesetzt werden, dann auch nicht gegen ein anderes Land. Leo Szilard vom Metallurgischen Labor der Universität von Chicago, der grundlegende Beiträge zur Entwicklung der Bombe lieferte[3], lancierte eine Petition[4], die letztlich von hundertfünfzig Wissenschaftlern unterschrieben wurde. Darin wurde gefordert, von einem Einsatz abzusehen, denn »… eine Nation, die den Präzedenzfall schafft, diese neu befreiten Naturkräfte zum Zwecke der Zerstörung zu nutzen, muss unter Umständen die Verantwortung dafür tragen, die Tür zu einer Ära der Verwüstung in unvorstellbarem Ausmaß zu öffnen«.[5]

Oppenheimer verhielt sich gegenüber dieser Initiative ambivalent. In einem Gespräch mit Szilard, der ihn für seine Petition gewinnen wollte, äußerte er sich sehr rätselhaft: 

Oppenheimer: »Die Atombombe ist ein Scheiß.«

Szilard: »Was meinen Sie?«

Oppenheimer: »Nun, sie ist eine Waffe ohne große militärische Bedeutung. Sie verursacht einen großen Knall – einen sehr großen Knall –, aber für den Krieg ist sie nicht zu gebrauchen.«[6] 

Oppenheimer unterzeichnete die Petition nicht. Seine Rolle als Projektleiter, der sich zwischen Politik, Militär und Wissenschaft bewegen musste, schien ihm doch etwas zu delikat zu sein, um sich der Gruppe vorbehaltlos anzuschließen. Er hoffte auf andere Wege der Einflussnahme, um einen Abwurf auf Feindesland zu verhindern, nämlich über ein Interimskomitee, in dem er seit Anfang Mai 1945 saß. Diese kurzfristig zusammengestellte Gruppe bestand aus Kriegsminister Henry L. Stimson, dem Leiter des Office of Scientific Research and Development (OSRD) Vannevar Bush, dem Physiker Karl T. Compton (ebenfalls vom OSRD), dem Präsidenten der Harvard University James Constant, dem Außenminister und Präsidentenberater James F. Byrnes sowie dem wissenschaftlichen Leitungsteam des Manhattan-Projekts, also J. Robert Oppenheimer, Enrico Fermi, Ernest Lawrence und Arthur Compton.

Kriegsminister Stimson teilte beim ersten Treffen am 9. Mai 1945 mit, dass er die Bombe »nicht bloß als eine neue Waffe, sondern als eine revolutionäre Veränderung des Verhältnisses zwischen den Menschen und dem Universum«[7] betrachte. Sie könne auch ein »Frankenstein werden, der uns verschlingt«[8] – oder den Weltfrieden bringen. Die Auswirkungen gingen auf alle Fälle über den Krieg hinaus. Oppenheimer schlug vor, dass man das Manhattan-Projekt nach dem Krieg beenden solle und betonte wie Stimson, dass von der Bombe eine verheerende Wirkung ausgehen werde. Für die friedliche Nutzung der Atomenergie solle das Wissen über einen freien, grenzüberschreitenden Informationsaustausch verbreitet werden, die kriegerische Nutzung soll verboten und dieses Verbot international durchgesetzt werden. Bezüglich der Bombe, so schloss sich Stimson an, solle ein internationales Kontrollorgan wachen. Eigentlich war man sich einig. Dann ergriff Außenminister Byrnes das Wort und sagte, dass das Manhattan-Projekt jetzt so schnell wie möglich vorangetrieben und mit einem konkreten Resultat, das heißt einer einsetzbaren Bombe, beendet werden solle. Zudem sollen sich die Wissenschaftler Gedanken über mögliche Ziele machen. Man schaue nachher, wie es weitergehen soll.

Was Oppenheimer und die anderen, die immer noch an den Abschreckungscharakter glaubten, vorerst nicht wussten, war, dass Truman schon ernsthaft darüber nachgedacht hatte, die Bombe tatsächlich einzusetzen. Oder war es Byrnes, der dies mit seinen Worten suggerierte? Oppenheimers Bemühungen, auf seinen Kanälen den Abwurf zu verhindern, waren umsonst. Ein letzter zahmer und nicht sehr überzeugender Versuch, den er zusammen mit Stimson ersann, bestand im Vorschlag, japanische Beobachter zur Testzündung einzuladen. Zeugen aus dem Land des letzten Krieggegners sollen die Kunde in ihre Heimat mitnehmen, dass die Atombombe katastrophale Zerstörungen bringen würde. Die Frage war nur: was teilten die Gäste mit, wenn der Test misslingen sollte? Oppenheimer gab seinen Widerstand auf.

In der Folge versuchte er zusammen mit Arthur Compton dem Komitee einen kontrollierten Einsatz zu Demonstrationszwecken schmackhaft zu machen. Ein kleiner, räumlich eingeschränkter Warnschuss. Offenbar waren innerhalb des Komitees die Meinungen geteilt. Oppenheimer fasste die Debatte so zusammen: »Diejenigen, die eine rein technische Demonstration befürworten, wollen den Einsatz von Atomwaffen verbieten. Sie befürchten, dass unsere Position in Zukunft beeinträchtigt wird, wenn wir die Waffen jetzt einsetzen. Andere betonen die Möglichkeit, amerikanisches Leben durch sofortigen militärischen Einsatz zu retten, und glauben, dass ein solcher Einsatz die internationalen Aussichten verbessern wird, da sie sich mehr um die Verhinderung eines Krieges als um die Beseitigung einer bestimmten Waffe sorgen.«[9] Byrnes sperrte sich gegen den Vorschlag eines atomaren Warnschusses. Gleichwohl wurde nach dem letzten Treffen des Interimskomitees am 1. Juni 1945 Truman vorgeschlagen, möglichst bald einen eingegrenzten Einsatz der Bombe vorzusehen. Das Ziel soll eine militärische Anlage in Japan sein und die Bombe soll ohne Vorwarnung gezündet werden. Stimson war überzeugt, eine solche technische Demonstration würde Japan dazu bringen, zu kapitulieren. Es könnten sowohl auf US-amerikanischer wie auf japanischer Seite viel Leid und Opfer verhindert werden. 

An einer Sitzung des US-Präsidenten mit diversen Generälen und seinem Stab am 18. Juni 1945 wurden die verschiedenen Optionen, wie man Japan besiegen könnte, erwogen. Eine Invasion sei mit hohen Verlusten verbunden, war der Tenor. Die Militärs eierten um den Einsatz der Bombe herum, es schien so etwas wie ein Tabu gegeben zu haben, sich dazu zu äußern. Zu unklar war es den Generälen, was diese Bombe wohl verursachen würde und welche militärischen Folgen sich daraus ergeben würden. So stellte sich etwa die Frage, ob US-amerikanische Soldaten nach einem Abwurf in Japan invadieren sollen und sich der Verstrahlung aussetzen müssen. So war es dann Stimson Stellvertreter John McCloy, der sagte, man solle den Japanern mit der Bombe drohen. Man einigte sich, mit der Entscheidung zu warten, bis die Waffe getestet worden sei. 

Am 16. Juli 1945 wurde auf den White Sands Proving Grounds die erste Atombombe im sogenannten Trinity-Test gezündet. Als klar wurde, wie überwältigend erfolgreich sie »geforscht« hatten und es noch klarer wurde, dass die Militärs und die Regierung sich nun umso mehr für diese Waffe interessieren würden, wussten Oppenheimer und seine Kollegen, dass sie dereinst eine große Schuld zu tragen haben. Die Forscher wurden von der Regierung beauftragt, auf einer Liste von Zielen in Japan die Durchführbarkeit und Schlagkraft der Bombe einzuschätzen. Zähneknirschend erfüllten sie auch diesen Wunsch. Oppenheimer Hoffnungen, dass Byrnes und Truman vielleicht doch noch eine technische Demonstration erwägen würden, schwanden. 

Ab dem 17. Juli weilte Truman an der Potsdamer Konferenz. Dabei unterhielt er sich mit Josef Stalin und Winston Churchill auch über eine gemeinsame Invasion in Japan. Sollte zumindest Stalin seine Einwilligung geben, die USA bei einem konventionellen Kriegseinsatz zu unterstützen, wäre Truman zufrieden gewesen, es hätte dann einen valablen Plan B zum Atomeinsatz gegeben. Außenminister Byrnes war nicht sonderlich begeistert von dieser Perspektive. Zudem drängte er Truman, nur eine bedingungslose Kapitulation zu akzeptieren. Stimson, der in Washington blieb, war anderer Ansicht. Truman lavierte. Er fragte bei General Marshall nochmals nach, wie hoch die Opferzahlen auf ihrer Seite bei einer Invasion sein würden. Marshall schätzte zwischen 250'000 und einer Million – und man müsse damit rechnen, dass die Invasion bis November 1946 dauern werde. 

Am Abend des 24. Juli erwähnte Truman im Schloss Cecilienhof beiläufig Stalin gegenüber, sie hätten eine neue Wunderwaffe. Stalin sagte, das freue ihn, er hoffe, sie könnten sie gegen Japan erfolgreich zur Anwendung bringen.[10] Diese indirekte Einwilligung bewog Truman dazu, die Atombombe tatsächlich einzusetzen und er erteilte General Carl A. Spaatz am nächsten Tag die Order, den Abwurf vorzubereiten. In der Potsdamer Erklärung vom 26. Juli forderten die USA, die Sowjetunion und das Vereinigte Königreich Japan indes nochmals dazu auf, bedingungslos zu kapitulieren. Die Antwort Japans blieb unklar. Trumans Entschluss, den Befehl zum Abwurf zu geben, stand somit nichts mehr im Wege. Ab dem 31. Juli, nachdem alle Bestandteile der Atombombe namens »Little Boy« auf dem US-amerikanischen Stützpunkt auf Tinian zusammengesetzt worden waren, war die »Wunderwaffe« einsatzbereit. Tinian liegt 2300 Kilometer südlich von Japan im Pazifik, die geplanten Abwurfziele waren für B-29-Bomber gut erreichbar. 

In einem Briefing in Tinian teilten am 4. August der Pilot Paul Tibbets und der Navy Captain William S. Parsons ihrer Truppe mit, dass sie den Einsatzbefehl für den Abwurf einer Atombombe erhalten haben. Das Wetter verzögerte die Ausführung des Befehls um einen Tag. Am frühen Morgen des 6. August 1945 startete Tibbets die Motoren des Bombers »Enola Gay«. Das Flugzeug hob ab und erreichte das Abwurfziel über Hiroshima kurz vor 8 Uhr. »Little Boy« wurde um 8 Uhr 15 Minuten und 7 Sekunden auf fast 10'000 Metern Höhe ausgeklinkt und detonierte 55 Sekunden später 600 Meter über dem Stadtzentrum von Hiroshima. Nachmittags um 14 Uhr griff der militärische Leiter des Manhattan-Projekts General Groves zum Telefonhörer und rief Oppenheimer an, um ihm zu gratulieren.

Groves: »… ich finde die Wahl des Leiters von Los Alamos gehört zum Klügsten, was ich je getan habe.«

Oppenheimer: »Nun, da bin ich nicht so sicher, General Groves.«[11]

Oppenheimer hoffte darauf, dass die Auswirkungen des Abwurfs die Verantwortlichen zur Einsicht bringen würde, von einem Einsatz einer weiteren Bombe abzusehen. Vergeblich. Es folgte der Abwurf des »Fat Man« über Nagasaki am 9. August 1945. Die Schätzungen über die Anzahl Menschen, die insgesamt bis heute durch die beiden Bomben und an den Spätfolgen gestorben sind, gehen von 260'000 bis 400'000 Opfern.

Am 17. August spricht Oppenheimer bei Stimson vor und teilt ihm mit, dass zwar »erstens Atomwaffen sich in den kommenden Jahren qualitativ und quantitativ verbessern (würden)«, aber dass »zweitens eine angemessene Verteidigung gegen Atomwaffen nicht entwickelt (werden) würde; drittens die USA ihre Hegemonie über Atomwaffen nicht behalten würden; viertens Kriege nicht verhindert werden könnten, selbst wenn bessere Atomwaffen entwickelt würden.«[12]

Bei der Entgegennahme einer Anerkennungsurkunde in Los Alamos am 16. Oktober 1945 durch General Groves sagte Oppenheimer in seiner Dankesrede zu seinen Kollegen: »Wenn Atombomben als neue Waffen in die Arsenale einer kriegsführenden Welt oder in Arsenale von Ländern, die sich auf einen Krieg vorbereiten, aufgenommen werden, dann wird die Zeit kommen, dass die Menschheit die Namen Los Alamos und Hiroshima verflucht.«[13] Zu General Groves sagte er, als er Bilder der Zerstörungen in Japan gesehen hatte, an seinen Hände klebe nun Blut.[14]

In Oppenheimers Aussage, »es war ein Werk der Forschung. Es war keine Vorbereitung einer Waffe« könnte der Kern liegen, weshalb bisweilen die Wissenschaft und die Politik beziehungsweise die Gesellschaft einander nicht immer verstehen. Die Forscher wollen forschen und Erkenntnisse gewinnen, ihnen geht es um wissenschaftlichen Fortschritt und Erkenntnis. Die Politiker und die Gesellschaft wollen konkrete Resultate, ihnen beziehungsweise ihr sind die angewandte Forschung oder die Technologien wichtig. Das führt zu Zielkonflikten. In unzähligen Geräten, Alltagsgegenständen, Instrumenten, Apparaten bis hin zu Sportgeräten, Kleidern und Nahrungsmitteln ist immens viel Wissenschaft verborgen. Unseren Alltag bewältigen wir nur mit ihr und wegen ihr und wir sind dankbar dafür. Erst wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit zum Beispiel religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen, denen wir anhängen mögen, oder mit unserer Sorge um das wirtschaftliche, ökologische, gesellschaftliche, physische oder psychische Wohlergehen in Konflikt zu geraten droht, werden wir allenfalls zu Skeptikern.

Zurück zum Schreibtisch.


[1] Im Tribunal ging es darum, ob Oppenheimer die »Clearance«, also den Zugang zu geheimen Dokumenten, abgesprochen werden soll, da er sich wiederholt »antiamerikanisch« verhalten und geäußert und aktiv an der Verzögerung der Entwicklung der thermonuklearen Bombe nach dem Krieg verzögert haben soll.

[2] Richard Pollenberg (ed.), In the Matter of J. Robert Oppenheimer, The Security Clearance Hearing, Ithaca/London, 2002, S. …

[3] Zusammen mit Enrico Fermi, der ebenfalls ein einflussreicher Forscher in Los Alamos war, erzeugte er im Dezember 1942 die erste Kettenreaktion in einem Kernreaktor.

[4] Der Physiker und spätere Molekularbiologe Leo Szilard stammte aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Budapest. Studien brachten ihn nach Deutschland, von wo er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 nach Wien, später nach England und schließlich in die USA flüchtete. Szilard war bereits vor der Zeit in Los Alamos politisch aktiv. Er war Autor eines Briefes vom 2. August 1939 an Präsident Roosevelt, der von Albert Einstein unterschrieben wurde. Darin schreibt er, die amerikanische Regierung solle versuchen, eine Atombombe zu entwickeln, denn Deutschland habe den Verkauf von Uran gestoppt, was darauf hindeuten könnte, dass deutsche Forscher es selber verwenden, also selber eine Bombe bauen wollen. 

[5] Cynthia C. Kelly (ed.), The Manhattan Project, NYC 2009, S. 292

[6] Kai Bird/Martin S. Sherwin, J. Robert Oppenheimer, Berlin 2010, S. 289

[7] Sitzungsprotokoll zitiert in: Ebd., S. 289

[8] Ebd.

[9] Zitiert in Chris Wallace (zusammen mit Mitch Weiß), Countdown 1945, The extraordinary Story of the Atomic Bomb and the 116 Days that changed the World, New York, 2020, S. 85

[10] Besonders überrascht war Stalin über die Nachricht nicht. Der Physiker Klaus Fuchs war als Spion in Los Alamos und berichtete Moskau. Die Sowjets forschten seit drei Jahren ebenfalls an einer Atombombe.

[11] Kai Bird/Martin S. Sherwin, J. Robert Oppenheimer, Berlin 2010, S. 308

[13] Kai Bird/Martin S. Sherwin, J. Robert Oppenheimer, Berlin 2010, S. 323

[14] Gemäß des Films von Barry Davies, J. Robert Oppenheimer. Atomphysiker. BBC 1980

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Im Ungefähren fühlen wir uns unbehaglich

Aus dem Tagebuch von Walter Lutz:

»Ha, ich kann es nicht lassen. Sie mögen mir verzeihen, bitte. Jetzt mutiere ich noch zum Wutbürger, jetzt schimpfe ich wirklich auf ›die da oben‹. Aber auch auf uns, ›hier unten‹. Niemand scheint in besonderem Maße beunruhigt darüber zu sein, dass sich in den letzten zwanzig Jahren ein libertäres Technologie-Regime (Libertäres Regime? Klingt das nur oberflächlich nach Widerspruch?) etabliert hat, das in unser Leben eindringt und sich darin breitmacht. Dies Vergewaltigung zu nennen, ist vielleicht zu heftig, aber es geht in diese Richtung. Die neuen, von uns nicht gewählten Machthaber in den Tech-Firmen entziehen sich der gesellschaftlichen Verantwortung, die sie kraft ihrer Mächtigkeit wahrzunehmen hätten. Sie foutieren sich darum, sich irgendwelchen Regeln zu unterwerfen, außer sie sind von ihnen selbst diktiert worden. Was sagte der Apfeloberbauer, als er dem US-Geheimdienst nicht dabei helfen wollte, das Mobiltelefon eines Terroristen zu entschlüsseln? ›Wir schützen Ihre Daten‹. Meine? Pah. Gemeint sind meine (nicht possessiv gemeinten) Daten, die sein (possessiv gemeintes) Eigentum sind. Er schützt in erster Linie sich selbst. Der macht das nicht zu unserem Wohl, sondern zu seinem Profit. Sein Kollege vom Fratzenbuch nannte das: ›Wir teilen Daten.‹ Was soviel heißt, wir haben Deine Daten geklaut und Du wirst nicht am Gewinn partizipieren. Ätsch. Wenn er mit mir die Daten teilt, so soll er bitte schön mit mir auch seinen Gewinn teilen. Das wäre ein gerechtes Geschäft.

Ich finde hier eine fatale Ironie in der Geschichte (der Gang der Geschichte scheint mit Ironien voll gepflastert zu sein): Als ich noch studierte, kam ich mit vielen Gleichaltrigen oder etwas Älteren in Kontakt, die sich zu den Hippies zählten. Ich fand die alle immer etwas komisch, kümmerte mich aber nicht weiter darum. Viele Väter (gibt es auch Mütter?) der digitalen Revolution, die Pioniere der Firmen, die heute unsere Computer beherrschen, sagen, sie seien von dieser Hippie-Bewegung gestreift worden, die meisten als weichgespülte Nachzügler und Nachgänger. Ich meine jetzt nicht unbedingt den Aspekt der Selbstverwirklichung, die die Bewegung proklamiert hat und die damals ganz oben auf der Prioritätenliste stand. Selbstverwirklichung war gestern und ist nostalgischer Quatsch. So der so: Heutzutage optimiert man sich selbst und wer sich selbst optimiert, hat gewissermaßen die Selbstverwirklichung einer Quantifizierung unterzogen, sie ad absurdum geführt.

Den meisten Selbstverwirklichern, die ich damals kennen lernte, konnte ich zugutehalten, dass sie bestrebt waren, eine kulturelle Leistung zu erbringen, dass sie versucht haben, sich zu entwickeln, sich weiter zu bilden. Viele von ihnen haben wie ich viel gelesen. Einige wurden zu Intellektuellen. Bücherwände zeugen davon. Beispielsweise war mein Freund Daniel einer von den belesenen Hippie-Gestreiften. Da er sieben Jahre älter ist als ich, kam er noch voll in den Genuss der Bewegung und kostete die Phase voll aus. Leider beeindrucken heutzutage Bücherwände niemanden mehr, auch Kunst wird ersetzt durch das sündhaft teure Vintage-Velo, das man ihrerstatt an die Wand hängt. Der konventionelle Selbstverwirklicher (und mit ihm der Intellektuelle) hat abgedankt, ist abgelöst worden vom datenfixierten Selbstoptimierer. Wie soll Selbstverwirklichung auch gemessen werden? Anzahl Laufmeter an gelesenen Büchern multipliziert mit Anzahl Therapiesitzungen beim Psychoanalytiker? Und wer mehr als fünfzig Bücher aus der Suhrkamp-Wissenschaftsreihe vorweisen kann, darf das Produkt der Multiplikation noch potenzieren? Eben.

Der Lebenssinn des Optimierers reduziert sich auf das Äufnen überprüfbarer Resultate und Fähigkeiten. Zum Beispiel indem er das Ziel anpeilt, über zweitausend Netzfreunde in 130 Ländern zu haben oder den New-York-Marathon als ›Finisher‹ zu absolvieren. Vorzeigbare Leistung ist gefragt, kein empirisch nicht überprüfbares Geschwafel und geistiges Geschwurbel. Oder besser gesagt: das geistige Geschwurbel hat sich postmodernisiert und sich in ein Geschwurbel gewandelt, das von der ›Überwindung des inneren Schweinehundes‹ und vom ›Ausreizen der eigenen Grenzen‹ faselt. Und alle hören gebannt zu und erstarren vor Erfurcht. Folgerichtig ist der Selbstoptimierer körperfixiert. Er trainiert mit einem Gerät, das Daten zu seiner Leistungsfähigkeit sammelt, weil er nicht mehr fähig ist, selbst zu spüren, wann er müde oder wann er fit ist. Diese Daten werden auf den Computer geladen, damit sie der Optimierer einsehen kann. Und wenn der Optimierer die Daten auf der Cloud speichert, können sie auch andere anschauen. Das verstehen dann die Fritzen von der High-Tech-Branche unter Transparenz und dahinter hecheln die Fritzen von der Krankenkasse. Der Selbstoptimierer bietet alle seine Innereien auf der Schlachtplatte feil. Freiwillig.

Ich schweife wieder ab.

Ich wollte gar nicht darauf hinaus, gegen all diesen Schwachsinn könnte man sich mit Verweigerung wehren, die einem Akt der Aufklärung gleichkäme. Eigentlich beunruhigt mich etwas anderes noch viel mehr, nämlich die grundsätzlich antietatistische Haltung, die viele Blumenkinder und ihre Nachfolger eingenommen haben.

Daniel lud mich etliche Male zu sich nach Hause ein, genauer müsste ich sagen: zu ihnen nach Hause. Seine Hausgemeinschaft wohnte außerhalb des Ortes auf einem ausrangierten Bauernhof. Sie bildeten einen Sechs-Personen-Haushalt. Ich fühlte mich stets fehl am Platz. Etwas krud zusammengefasst, war ich, bevor ich das erste Mal dort war, der klischeehaften Überzeugung, dass sie alle gegen den autoritären und gewalttätigen Staat, gegen die Bullen, gegen die Bonzen, gegen den sogenannten militärisch-industriellen Komplex, gegen das Establishment, gegen Prüderie und gegen den Kapitalismus waren. Und für die freie Liebe, LSD, Bewusstseinserweiterung, Selbstverwirklichung, antiautoritäre Erziehung, Gewaltlosigkeit, Frieden, Antikapitalismus. Sie träumten sicherlich von einer Gegengesellschaft. Dieses Bild bestätigte sich nur ansatzweise, die genannten Stichworte fielen nur vereinzelt oder nur als Randbemerkungen. Eigentlich trat die Truppe sehr gesittet auf, Drogenräusche und munteres Rumgebumse fanden nicht statt. Wir diskutierten viel, das heißt – Sie wissen schon – die anderen diskutierten viel. Die Gespräche drehten sich vorwiegend um Politik und die Schule, drei der sechs Bewohner waren Lehrer. Wegen meiner Diplomarbeit wurde ich als Fachmann für Abrüstung und des Kalten Kriegs angesehen. In dieser Funktion gelang es mir nicht schlecht, ihnen einen Spiegel ihrer antiamerikanisch und prosowjetisch verzerrten Sichtweise vorzuhalten. Da ich selbst weder proamerikanisch noch antisowjetisch getaktet war und in meiner Argumentation möglichst ideologiefrei blieb, gingen sie auf meine Vorbehalte ein. Ich war erleichtert, haben sie nicht den gängigen Einwand vorgebracht, es gäbe keine vorurteilsfreie Wissenschaft. Was ich aber sagen kann, ist, die Mehrheit der Gruppe war äußerst staatskritisch gesinnt. Um dieses in ihren Augen kapitalistische System von innen her zu ändern, sind sie in seinen Dienst getreten.

Bleiben wir in jenen Jahren und wechseln den Schauplatz: wir gehen nach Kalifornien. Aus dem Dunstkreis der dortigen Hippie-Bewegung zogen ein paar kluge, geschäftstüchtige Schlauberger den antiautoritären Rauch ein, inhalierten ihn aber nicht, sondern bauten mit Hilfe technischer Erfindungen und kapitalistisch ausgefuchst eine privatwirtschaftlich stramm organisierte Alternativmacht auf und strichen den Solidaritätsgedanken und all das kitschige und sozialromantische Beigemüse aus dem Programm beziehungsweise ersetzten diese mit dem doppelt unterstrichenen Wort Profit. Häufig nebelten sich die Techno-Kanonen mit dem süssen Fluidum der sanften Revolution ein. Die Firmen wurden eigens in deodorierten Garagen gegründet, um den Ad-hoc-Charakter, das Subkulturelle, das Improvisierte, den Erfinder- und Tüftlergeist zu demonstrieren. Rein zufällig war immer jemand mit Kamera dabei. Das Legendenhafte, das diesem scheinheiligen Rebellentum innewohnt, wurde von Beginn weg bewusst inszeniert, ein Kommunikationsexperte hatte nämlich gesagt, es brauche einen Gründungsmythos. Und diese monströs gewordene Gegenmacht, die einer Ellbogenkultur frönt, ist zu einer Gegenöffentlichkeit mutiert und schickt sich an, das staatliche Monopol zu untergraben. Die ursprünglichen Hippies, die zusammen mit Alt-68ern den Gang durch die Institutionen angetreten sind, werden zu Kritikern ihrer einstigen Kollegen der Tech-Branche und zu Verteidigern des Staates. Vielleicht gibt es jüngst vereinzelte, leise Stimmen auch im Innern des Silicon Valleys, die Bedenken gegen diese Entwicklung anmelden. Aber.«

 

Walters Tochter Flavia denkt sich ihre Sachen dazu:

Sie blätterte nochmals im Tagebuch herum. Walters Gedanken zur Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung überzeugten sie nicht. Er erkannte zwar Symptome, kam zu einem Befund, er war aber unfähig, daraus eine folgerichtige Diagnose abzuleiten. Walter besaß die unerschütterliche Gabe, jeweils haarscharf am Kern einer Sache vorbeizudenken. Gewiss, Selbstverwirklichung hat mit Erkenntnis zu tun, vielleicht sogar mit Bildung, aber zu Flavias Jugendzeit waren die Typen, die sich selbst verwirklichen wollten, vor allem berühmt dafür, auf einem Egotrip zu surfen. Das waren abgefahrene Spezies einer anderen Welt. Bewusstseinserweiternde Mittel und sexuelle Erfüllung waren die Grundelemente des Daseins. Man vögelte wohlgemut und zugeknallt durch die Kommune. »Okay«, sagte sie zu sich selbst, »ist nicht gerade nuanciert. Aber der schöne Daniel beispielsweise hatte diese Lebensphase extensiv ausgekostet. Ich will ja nicht wissen, wie viele der auf die Matte geschmissen hatte.« Sie erschrak, als sie hörte, dass sie laut mit sich selbst redete. Und was ist schon wieder ein Intellektueller? Eine Leseratte mit einer Ehrfurcht einflössenden Bücherwand? Quatsch, mit solchen Äußerlichkeiten war dem nicht beizukommen. Intellektuell war für sie jemand, der geistreich und mit Esprit gegen den Strich bürsten konnte. Belesen und gebildet zu sein war sachdienlich, erklärt es aber nicht hinreichend. Ein Akademiker ist nicht per se intellektuell, sie kannte ja doch ein paar davon, dachte sie.

Auch in seiner Abkanzelung des Selbstoptimieres brachte er es nicht auf den Punkt. Oberstes Ziel des Vollblut-Optimierers ist die stromlinienförmige Einpassung seiner selbst in die akribisch ausgemessene und durchökonomisierte Welt. Punkt. So sah sie das. Auch von der gängigen Interpretation, das alles sei Ausdruck eines übersteigerten Individualismus, hielt sie nichts. Der Optimierer will den Anforderungen genügen. Erreicht er die reklamierten Benchmarks, hat er seine Aufgabe erfüllt. Ausreißer aus dieser Norm waren Sonderfälle und bestätigten die Regel. »Ja, Walter«, stieß Flavia grummelnd hervor, als sie die Stelle wieder las, »dazu braucht es tatsächlich eine gehörige Portion Datenfetischismus. Aber nicht, weil wir scharf auf Daten sind, nein, sondern weil wir uns mit unvermessten oder unvermessbaren Verhältnissen schwertun. Wir lechzen nach Klarheit. Die eigene Position soll präzise verortet werden. Weil: Im Ungefähren fühlen wir uns unbehaglich. Zahlen scheinen Eindeutigkeiten am verlässlichsten wiederzugeben.« Sie malte sich aus, der Nachrichtensprecher würde sagen, heute sei der Dow Jones so über den Daumen gepeilt um annäherungsweise zwei, möglicherweise drei Prozent gestiegen, vielleicht aber auch gesunken. Oder: Heute Nachmittag erreichen die Temperaturen grob geschätzt um die fünfzehn oder dreißig Grad. Ja was jetzt? Jeans oder Hotpants? Walter hatte schon Recht, wenn er moniert, unser Körpergefühl komme uns abhanden. Es geht nicht nur um den Beweis der gestählten Physis, der einem beschieden wird, wenn man den New-York-Marathon beendet hat. Nachweise zur geistigen Fitness und Agilität sind ebenso erwünscht. Deshalb wird nach verifizierbaren Kompetenzen gefragt. In der mentalen Kategorie werden aber auch solche Dinge wie kognitives oder neurales Enhancement, Brainhacking oder Achtsamkeitstraining, Meditation und Yoga gern gesehen. Flavia stutzte kurz, sie passte nicht ins Profil. Außer beim Yoga musste sie überall passen. Schwein gehabt. Dann gab es Eigenarten, die das schöne Schema störten. Eigenwille, Selbstironie und Witz gehörten dazu. Der Selbstoptimierer erachtet seine Vermessung als Teil des Spiels. Er regt sich nicht sonderlich über das humorlose Gebaren des Silicon Valleys auf. Datenabsaugen, Tracking und Targeting findet er okay. Ist doch angenehm, wenn man nur die zweckmäßigen Produkte angeboten bekommt. Man geht in der Buchhandlung ja auch in jene Abteilung, wo die Bücher stehen, die einen interessieren könnten. Flavia war gespalten. Vor allem Leichtsinn und Blindheit ärgerten sie und weniger die Hinterhältigkeiten der Handlanger. Denen kann man Grenzen setzen. Oder hatte sie etwas übersehen?

Nun ja, Walters Aversionen gegen das Netz waren ihr bekannt. Das Silicon-Valley-Bashing war gerade in Mode gekommen und Walter machte mit. Aber: Das Sprichwort mit dem Kind und dem Bad drängte sich auf.

Kreuzfahrtschiff in Venedig

Ein Versuch über das Schweigen – und das Unterlassen

Gedanken zu Norbert Elias’ Prozess der Zivilisation

 

I Nicht-Schweigen

Es gibt Menschen, die scheinen es unverdrossen darauf abgesehen zu haben, zwischen zwei Fauxpas die kleinstmögliche Distanz einzuhalten. Oftmals sind das Menschen, die in einer spezifischen Sparte Ruhm und Ehre erworben haben, in anderen Lebensbereichen dann aber schmählich scheitern. Die Tragik dabei ist: weil sie in ihrer Paradedisziplin erfolgreich sind, werden sie prominent, was unter anderem zur Folge hat, dass die Medien und das Publikum den Blick auf das ganze Handlungsspektrum der Person ausweiten. Und so werden die Schritte ins Fettnäpfchen von der Öffentlichkeit genussvoll registriert und kommentiert. Kürzlich stand in der NZZ am Sonntag aus der Feder von Henriette Kuhrt die wunderbare Wendung, dass gerade bei Profisportlern häufig eine »unausgewogene Talentverteilung« auszumachen sei. Sie seien besonders anfällig für dieses Phänomen, stehen sie doch – je erfolgreicher und populärer sie sind oder waren, um so mehr – auch nach Beendigung ihrer Karriere weiter im Scheinwerferlicht, aber eben nicht mehr in ihrer Paradedisziplin. Nicht alle schaffen diesen Wechsel pannenfrei. Boris Becker, so Kuhrts Beispiel, strauchelte über einen ihm offenbar zur Verfügung gestellten Diplomatenpass der Republik Zentralafrika, der ihm die Aussicht auf diplomatische Immunität eröffnete. Der Neo-Attaché Becker sagte: »Es ist richtig, dass mein Diplomatenstatus einige Privilegien beinhaltet. Zum Beispiel Immunität bei besonderen Fällen, das muss man prüfen, aber das ist für mich nicht vordergründig wichtig.« (Interview im Top Magazin Frankfurt) Die Öffentlichkeit verband Beckers Hoffnung auf diplomatische Sonderrechte sofort mit einem anstehenden Insolvenzverfahren gegen ihn. Wieso auch soll er von sich aus auf die Immunität hinweisen, ohne an seine finanzielle Notlage zu denken? Oder würde er sie gerne für etwas anderes vorschieben wollen? Wir hoffen nicht. Laut dem Außenminister der Republik war dieser Diplomatenausweis gefälscht. Der Fall ist vor Gericht hängig. Möglicherweise hechtete Bobele vergebens nach dem rettenden Papier. Vielleicht hätte er besser geschwiegen.

Sowieso: Aus der Welt des Sports gab es kürzlich mehrere Beispiele für Talentverschiebung. Der Fußball-Weltmeisterschaft sei Dank. Da sind etwa die zwei türkischstämmigen Spieler der deutschen Nationalelf, die nach einem Treffen mit dem Gebieter über die Türkei auf einem Selfie um die Wette strahlten. Und das wenige Wochen vor Anpfiff des ersten Spiels. Die Wogen der Diskussionen waren kaum mehr zu glätten. Hätten sie sich schlicht auf ihre Profession besonnen, vielleicht wäre Deutschland nicht in der Vorrunde gescheitert. Oder die zwei ursprünglich aus dem Kosovo kommenden Schweizer Fußballer, deren Verhalten im Spiel gegen Serbien für hitzige Debatten sorgten, die medial hyperventiliert nachbearbeitet wurden. Die beiden Kicker hatten sich durch diffamierende Bemerkungen von serbischen Kommentatoren und hämischen nationalistischen Fangesängen der Zuschauer (»Tötet die Albaner« tönte es von den Rängen) provoziert gefühlt. Ihre erste Antwort gaben sie in ihrer Domäne: im Toreschießen. Der anschließende Jubel geriet zur Gegenprovokation, zeigten sie dem serbischen Publikum im Stadion doch den Doppeladler und begaben sich damit auf eine politische Ebene. Die Jubelpose wirkte auf den ersten Blick unbedacht und unprofessionell, es war abzusehen, dass die Atmosphäre vergiftet sein würde, man hätte sich darauf vorbereiten können. Oder wie der russische Eishockeyaner Slawa Bykow, noch ganz geprägt vom Geist des Kalten Krieges (darauf wird zurückzukommen sein), in einem Interview im Tages Anzeiger sagte: »Wir erhielten Schläge, wir wurden provoziert, und alles geschah mit der Absicht, uns aus der Ruhe zu bringen. Ich bleibe mit beiden Füssen auf dem Boden. Der Gegner will gewinnen, mit allen Mitteln, die er hat, und manchmal sind ihm ganz viele Mittel recht ... [Man] muss sich selbst in so einer Situation beherrschen. Du siegst, schüttelst dem Gegner danach die Hand und schaust ihm tief in die Augen. So gewinnst du viel mehr.« Aus dieser Perspektive ist auch nachvollziehbar, dass Bykow den Schweizer Nationaltrainer bewundert, der meint, Fußball habe nichts mit Politik zu tun. Auf den zweiten Blick kann die Adler-Geste vor der serbischen Fankurve auch als couragiert bezeichnet werden oder wie Etrit Hasler in der WoZ schrieb: »Die Nati zeigte den Nazis den Vogel.« Diese Sichtweise geht allerdings nur dann befriedigend auf, wenn hierbei Schein und Sein zusammenträfen. Allerdings sind Zweifel angebracht, sind doch Fußballmannschaften bisher eher selten als Antifa-Gruppen in Aktion getreten. Der Eindruck bleibt, dass die Adlergeste eine emotionale, affektive Reaktion war.

Hätten alle vier Fußballer gemäss der Devise Bykows gehandelt, hätten sie ihre Gesten unterlassen. Wäre auch denkbar gewesen. Verbandsfunktionäre konterten die Aktionen der Fußballer: Nachdem der eine türkischstämmige Spieler sein Selfie partout nicht kommentieren wollte, also geschwiegen hatte, wurde seine Nominierung von einem leitenden Vertreter des deutschen Fußballbundes nachträglich in Frage gestellt. Die Situation eskalierte, als der Spieler seinen Rücktritt aus der Nationalelf erklärte und dabei sagte: »Ich bin nur Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren« (diverse Medien). Aus einem Selfie wurde eine Debatte über Immigration und Integration. Und: da die Diskussion über die Doppeladlergeste nicht abebben wollte, wurde von einem Präsidenten einer kommunalen, liberalen Parlamentsfraktion die Frage nach der Vereinbarkeit von Doppelbürgerschaft und Nationalmannschaft ins Spiel gebracht. Der besagte Politiker ist gleichzeitig Generalsekretär des Schweizerischen Fußballbundes. Verbandsvertreter sind Funktionäre und sollten diplomatisch beschlagen sein. Sind sie aber offenbar nicht.

Hier öffnet sich das Feld.

Denn: Ob die ausgelösten Debatten a) gehaltvoll und b) zwingend nötig sind, ist infrage zu stellen. Was es an allen erwähnten Beteiligten mangelt, ist Souveränität. Diese selbstbewusste, gelassene, uneitle und kontrollierte Haltung würde es zum Beispiel erlauben, eine Handlung im richtigen Moment zu unterlassen oder zu schweigen. Der Hinweis auf den richtigen Moment ist wesentlich. Auch darauf wird zurückzukommen sein. Diese Haltung könnte als Zeichen von Größe verstanden werden. Momentan sind Schweigen und Unterlassen aber gerade keine so beliebten Tätigkeiten.

 

II Schweigen

Wieso eigentlich nicht? Schweigen heißt, nichts sagen. Als gesteigerte Variante ist denkbar, etwas nicht zu sagen, obwohl man es gerne sagen möchte oder – quasi als Superlativ – wir verzichten darauf, etwas herauszuposaunen, obwohl wir es eigentlich unbedingt und unter allen Umständen tun wollten. Aber wir sitzen aufs Maul. Dies gilt auch für das Unterlassen einer Handlung. Wir disziplinieren uns selbst, halten uns und unser Tun in Schach. Wir warten ab, bis sich die Aufregung gelegt hat, und reagieren abgeklärt. Akkurate Dosierung und richtiges Timing sind dabei zentral. Norbert Elias schrieb in den 1940er-Jahren Über den Prozess der Zivilisation. Das Werk gilt heute noch als Klassiker der soziologischen Literatur, auch wenn es die eine oder andere feinere oder gröbere Retusche erfahren hat. Eine zentrale These Elias’ besagt, dass im Prozess der Zivilisation die äußeren Zwänge, verstanden als das Erleben von Herrschaft der Mächtigen, zunehmend durch Mechanismen der inneren Kontrolle abgelöst werden. Immer besser wüssten wir selbst in diesem Prozess, was man tut und was man unterlässt, um das Zusammenleben zu ermöglichen. Das Über-Ich steuert unser Handeln in zunehmendem Maße. Dies macht uns Individuen sicherer und letztlich auch freier, weil wir viel weniger den Folgen tückischer Triebe und ausgelebter Affekte ausgeliefert sind. Im Gegenzug, so Elias, wüchsen Konformitätsdruck und unbewusste soziale Restriktionen. Im Ganzen gesehen werden wir berechenbar und das erleichtert uns, mit der zunehmenden gesellschaftlichen Verflechtung zurecht zu kommen und gar voneinander zu lernen. Wir werden jedoch gleichzeitig unfreier, wenn wir im Augenblick zu reagieren gedenken. Unser Verhalten zivilisiert sich, wenn wir darauf verzichten, unsere Bedürfnisse unmittelbar und sofort befriedigen zu wollen. Wir nicht-handeln im Jetzt mit Blick auf vernünftige, wohlüberlegte Optionen im Morgen. Zivilisierte Menschen handeln in der Regel zunehmend rational und denken psychologisch. »Die Beobachtung der Dinge und Menschen [werden] im Zuge der Zivilisation affektneutraler; auch das ›Weltbild‹ wird allmählich weniger unmittelbar durch die menschlichen Wünsche und Ängste bestimmt, und es orientiert sich stärker an dem, was wir ›Empirie‹ und ›Erfahrung‹ nennen...«, schreibt Elias. Auf überindividueller Ebene korrespondiert dies mit der Berechenbarkeit des Verhaltens von politisch legitimierten Instanzen der Macht. Auch die Machthaber sollten dem Zivilisationsprozess folgen. Wir leben somit in einer Umgebung, in der die Rechtssicherheit, das Vertrauen in die Institutionen und die Absehbarkeit administrativer Handlungen vorausgesetzt werden können. Für Willkür und Willfährigkeit ist in einer zivilisierten Gesellschaft kein Platz.

Klingt alles schön und gut, aber wir wissen, es ist nicht soweit gekommen. Auch Elias war klar, dass eine Menge Stolpersteine auf dem Weg zu einer zivilisierten Gesellschaft liegen, dass immer wieder Rückschläge einzustecken sind, Prozesse global unterschiedlich laufen. Sein Antipode, der Ethnologe Hans Peter Duerr, der nachweisen wollte, dass Elias’ Theorie einem Mythos gleichkommt, hat sie, die Stolpersteine, unter Zuhilfenahme von viel historischem Anschauungsmaterial zu einem beeindruckenden Haufen aufgeschüttet. Keine Frage, die zivilisatorische Entwicklung wurde immer wieder durch triebgesteuerte, affektbeladene, gewaltdurchtränkte Gegenbewegungen gestört und behindert. Keine Frage, schon in vorneuzeitlichen Gesellschaften gab es engmaschige soziale Netze, die die Menschen einer »unerbittlicheren sozialen Kontrolle« (Duerr) unterworfen haben. Keine Frage, Elias nahm vor allem die Erfolgsgeschichte der westeuropäischen Hemisphäre in den Blick, Modernisierungsverdienste in anderen Weltregionen mit Hochkulturen berücksichtigte er kaum. Oder er blendete großzügig den Einfluss der nichtchristlichen Religionen und der Spiritualität für die Entwicklung aus. Duerr wirft Elias vor, sich damit in der Nähe einer Kolonialideologie zu bewegen, stelle er doch die Überlegenheit der westlichen Gesellschaften nicht nur als »eine technisch-militärische, sondern als eine Überlegenheit in der Modellierung der Triebstruktur« dar. Ganz aus dem Gleichgewicht heben, vermochte Duerr Elias’ Gedankengebäude jedoch nicht.

Der Verdacht drängt sich auf, ob jetzt, im Sommer 2018, das Pendel in Richtung Duerrschen Einwürfen ausschlägt. Und man fragt sich, wie dramatisch die Folgen eines solchen Ausschlags ins Unzivilisierte sein könnten. Der Tennis- und die Fußballspieler waren eigentlich harmlose Beispiele. Was schwerer wiegt, ist, dass auf der Bühne der Weltpolitik sich derzeit ein paar Akteure tummeln, die das Schweigen und das Unterlassen nicht zu ihren Kernkompetenzen geschweige denn Kerntugenden zählen und die gerne affekt- und triebgesteuert herumwüten. Wo triebhaftes individuelles Verhalten potenter Politiker institutionelle Desintegrationsprozesse auslösen, kann es prekär werden. Das verursacht bei vernunftgeleiteten Zeitgenossen größere Kopfschmerzen. Einer jener Akteure ist selbstredend – und er redet wirklich gerne über sich selbst – der gegenwärtige amerikanische Präsident. Bei ihm könnte man noch als faule Ausflucht vorbringen, er habe als Immobilienhändler und quasi Quizmaster andere Talente gepflegt als die für Politiker geeigneten, die Verteilung also unausgewogen sein möge –, allerdings scheint er entwicklungs- und beratungsresistent zu sein. Bei anderen Zündlern und bei Vollblutpolitikern, die sich seit jeher in ihrem Spezialgebiet bewegen, müssen wir davon ausgehen, dass die Provokationen bewusst und gezielt gesetzt werden. Die Konsequenzen beginnen sich langsam abzuzeichnen. Ein paar Wortführer feinden ihre politischen Gegner aber auch Minderheiten und Wehrlose mit viel Gehässigkeit und Gefallsucht, Ranküne und Rachegelüste unablässig an. Sie schaffen es nicht, ihr reflexartig ausgelebtes Tastentippen und – dafür gibt’s den treffenden Schweizerdeutschen Begriff – ihr »Hepen« zu unterdrücken und sich etwas zurücknehmen, um eine kleine Boshaftigkeit oder Blödigkeit zu unterlassen, um zu schweigen und vor allem: um nachzudenken. Dieser Geltungsdrang verbreitet schlechte Stimmung und hat schon manches Unheil angerichtet.

 

III Verflechtung und Integration

Elias’ Hauptgedanken, dass durch die gesellschaftliche Verflechtung – heutzutage wird dies Integration genannt – wir zivilisierter werden, rationaler handeln und die Gefühlswelt nach Möglichkeit unter Kontrolle halten, werden unterlaufen. Genau hier setzen die von der Leine gelassenen Vollblutpolitiker an. Man kann ihnen nicht vorwerfen, sie handelten nicht rational, denn sie verfolgen ihr Ziel konsequent: sie wollen (wieder)gewählt werden und die Macht ergreifen beziehungsweise behalten. Diesem Zweck ordnen sie alles unter. Für den Zivilisationsprozess ist das jedoch zu kurz gedacht. Und das wäre dann eben doch irrational. Um die Gunst der Wählerschaft zu gewinnen, wird kräftig nach deren Gefühlshaushalt gegriffen. Wieso wurde das aber so wichtig? Ein holzschnittartiger Erklärungsversuch könnte lauten: Die Phase des Kalten Kriegs kann retrospektiv betrachtet als Inbegriff einer rational bestimmten, langfristig gedachten Epoche (zumindest länger als bis zu den nächsten Wahlen, so es denn welche gab) verstanden werden – sozusagen als Reaktion auf das wilde Wüten im und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine falsche, emotional aus dem Ruder laufende Reaktion eines sowjetischen Generalsekretärs oder eines amerikanischen Präsidenten und das Gleichgewicht des Schreckens wäre aus der Balance geraten, das Boot gekippt und die Welt in Schutt und Asche gelegt worden. Innerhalb der beiden Blöcke wurde derweil kräftig verflochten und integriert. Natürlich wurde auch in jener Phase bewusst mit Gefühlen gespielt, es gab brenzlige Situationen, aber die Regenten versuchten, den Deckel über dem brodelnden Topf – zuweilen war’s ein Dampfkochtopf – zu halten. Eben: die Kontrolle wurde nicht aus der Hand gegeben, die maßgebenden Politiker und deren Politik blieben berechenbar. Seit der Kalte Krieg zu Ende ist, sind (wieder) andere Impulse in den Vordergrund gerückt worden, die das politische Handeln beeinflussen. Es hat sich gezeigt, dass es sich lohnte, den Deckel auf dem Topf nicht immer fest gedrückt zu halten, man schaltete sogar noch eine Heizstufe höher. So überkochte es bisweilen und unschöne Spritzer haben die Umgebung verkleckert. Beispielhaft sei an den Abstimmungskampf von 1992 erinnert (notabene vor dem Social-Media-Zeitalter), als es darum ging, ob die Schweiz den EWR-Vertrag unterzeichnen sollte. Mit einer rationalen Auseinandersetzung, in der vor allem Sachargumente ausgetauscht wurden, hatte das wenig zu tun. Es wurden diffuse Angst- und Heimatgefühle urbar gemacht, es wurde dem Bürger in drastischen Bildern geschildert, was er alles verlöre, stimmte er zu. Niedergaren war nicht in Mode. Symptomatisch auch, dass es der radikalen politischen Rechten viel besser gelingt, sich dieser Taktik zu bedienen. Sich auf die Nation beziehungsweise auf das Vaterland als Identifikationsvehikel zu berufen, ist vergleichsweise einfach. Die politische Linke ist hier im Nachteil, deren Postulate sind komplexer und – überspitzt gesagt – nicht auf eine einzige, griffige Parole zu beschränken. Die politischen Rechtsaußen sind aber auch gezwungen, im Gefühlsfundus zu wühlen, fehlen ihr doch in einigen Debatten die sachlichen Argumente, wie etwa die Beispiele Klimawandel, Konzernverantwortung oder Umweltschutz zeigen.

Stichwort Klimawandel: Die Maßnahmen, die gegen die globale Erwärmung ergriffen werden sollen, können als klassischen Akt eines zivilisatorischen Prozesses verstanden werden. Wolf Lepenies schrieb Anfang 2016 in der Welt, dass die in Paris vereinbarte Klimakonvention zwei Elias’sche Grundbedingungen erfüllen: »Hier werden die zentralen Elemente des zivilisatorischen Prozesses in bisher ungeahnter Weise gesteigert. Dies gilt für das politische Handeln auf lange Sicht ebenso wie für die Selbstdisziplinierung ganzer Nationen.« Zwar schauen wir zweieinhalb Jahre später etwas ratlos und besorgt auf das Vertragswerk und wissen nicht, ob die vorgesehenen Maßnahmen irgendwann einmal greifen werden. Die Zweifler haben freilich keine überzeugenden, geschweige denn rationalen Gründe für ihr Zweifeln, die wissenschaftliche Evidenz ist erdrückend, dennoch gewinnen sie Einfluss auf der Weltbühne. Nicht zufällig gerät dabei einer der zivilisatorischen Motoren, die Wissenschaft, unter die Räder, sobald deren Erkenntnisse nicht mit den Interessen der (oder einzelner) Regierenden und deren Hintermänner übereinstimmen.

Auch die starke integrative Entwicklung in Europa, ebenfalls ein klassischer Fall eines zivilisatorischen Prozesses, steht vor großen Problemen. Brexit, Zank um die Verteilung von Migranten, die Zukunft der europäischen Finanzordnung, die Rolle der Gewaltenteilung in einzelnen Staaten, oder etwas allgemeiner formuliert: Partikularinteressen, politischer Selbsterhaltungstrieb und regionale sowie nationale Empfindlichkeiten erschweren die Zusammenarbeit erheblich. Auch hier wird mit harten Bandagen gekämpft, mit fragwürdigen Argumenten gefochten und nach kurzfristigen Erfolgsaussichten gehandelt. Auch hier wird großzügig in Kauf genommen, mit dem Griff in die Gefühlskiste des Publikums die Kontrolle über die eigentliche Sache zu verlieren und Vorgänge auszulösen, die unabsehbare Folgen zeitigen könnten.

 

IV Grenzen des Schweigens

Stehen wir also auf der Schwelle einer Epoche der Desintegration? Einer Entflechtung? Einer Entzivilisierung? Gar des Zerfalls? Hatte Duerr doch recht? Hierzu zwei Bemerkungen:

Erstens: Über den Prozess der Zivilisation muss geredet werden. Nicht jede Verflechtung bedeutet per se einen Fortschritt. Ärger gibt es überall dort, wo sie sich einseitig ausgebildet hat. Als Beispiel sei hier der Euro erwähnt. Es ist in Fachkreisen unterdessen unbestritten, dass seine Implementierung voreilig erfolgte, da der Grad der Verflechtung unausgegoren war. Politisch-demokratische, fiskalische, finanzpolitische und sicherheitspolitische Perspektiven der europäischen Integration waren noch nicht soweit konkretisiert worden, als dass die idealen Bedingungen für eine Einheitswährung gegeben waren. In einem Interview in der Republik sagt die Politologie-Professorin Ulrike Guérot: »[Wir] sind in einer heillosen Situation gelandet, dass wir einen europäischen Markt und eine europäische Währung haben, aber keine europäische Demokratie. Das ist wie ein Haus, das ohne Dach dasteht und in das es immer hineinregnet. Es wird morsch.« Darunter leidet Europa nach wie vor oder um so mehr. Ein weiteres Beispiel unausgewogener Entwicklung: Kapital. Geldströme fließen praktisch ohne Hindernisse durch globale Kanäle. Ein Instrument für internationale Transfer- oder Ausgleichleistungen ist inexistent. So kann eine kalifornische Hightechfirma ihre Einnahmen dorthin verlagern, wo sie für den Gewinn von umgerechnet 19 Milliarden Euro 18 Millionen Euro an Steuern abliefern muss, dank einem Deal mit Irland (Quelle: Süddeutsche Zeitung). Die Steuerlast bewegt sich im Promillebereich und ist grotesk. Die sogenannte Steuervermeidungsindustrie floriert prächtig und funktioniert streng nach nationalen oder gar regionalen Vorgaben. Und wieder sorgen Fußballer für die entsprechende Fußnote: Die drei zurzeit höchstgehandelten Kicker wurden wegen Steuerhinterziehung verurteilt, ihre Berater waren vermutlich bei der Auswahl der Off-Shore-Gesellschaften nicht so geschickt.

Über die Verflechtung darf nicht geschwiegen werden, aber das Kind soll nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden, was ja gerade die Populisten so gerne und wortreich tun. Nicht die Integration an sich ist rückgängig zu machen, sondern die Art und Weise ist zu prüfen, sie müsste gleichmäßiger und demokratisch legitim abgesichert sein. Zugegeben: das ist keine leichte Aufgabe. Wollen wir den Zivilisationsprozess nicht absterben lassen, ist aber dichtere Verflechtung gefragt und nicht Abschottung. So plädiert zum Beispiel der Autor Robert Menasse seit Längerem – kürzlich wieder in einem Interview in der NZZ am Sonntag – für mehr und bessere Integration, denn das größte Hindernis im holprigen Zivilisationsprozesses sei der Nationalismus.

Zweitens: Müssen wir uns an die 1930er-Jahre zurückerinnern? Der israelische Historiker Zeev Sternhell sagte 2014 in einem Spiegel-Interview bezüglich der Erfolge von rechts-populistischen Parteien sich auf ein Zitat von Heraklit beziehend: »Die Gegenaufklärung mit ihren nationalistischen und faschistischen Sprösslingen ist auf dem Vormarsch. Kündigt der Zwist um die zukünftige Gestaltung der EU, der derzeit an Schärfe gewinnt, eine Umkehr in der Geschichte der Nachkriegszeit an? Nun, man steigt nie zweimal in dasselbe Wasser des Flusses.« Zurückerinnern ja, aber mit Bedacht. Der Publizist Edward Luce grübelte kürzlich in der Financial Times in einer Tour d’Horizon in ähnlicher Weise über die Risiken, vor denen die westlichen Demokratien stünden (die erweiterte Form liegt als Buch vor: Edward Luce: The Retreat of Western Liberalism). Das politische Drehbuch erinnere ihn ansatzweise an jenes der 1930er-Jahre, schreibt er, betont aber auch ausdrücklich, dass substanzielle Differenzen zwischen den 1930er- und den 2010er-Jahren bestehen, eben: man steigt nie in dasselbe Wasser, der Fluss fließt. Gleichwohl: Der US-Präsident spielt das Spiel der Destabilisierung und unterstellt etwa Deutschland, wohlgemerkt einer der wichtigsten Alliierten, eine schwache Regierung, zu dürftige Militärausgaben sowie eine zu starke Exportwirtschaft zu haben und lässt nebenbei Bewunderung für »illiberale« Politiker vom Schlage Putins oder Orbans durchscheinen; ein AfD-Bundessprecher frotzelt, dass der letzte deutsche Regierungschef vor der jetzigen Kanzlerin, dem es gelungen sei, »den amerikanischen und den russischen Präsidenten zum Feind zu machen, ... [war]« (Redemanuskript); von Berlin (oder eher München) über Wien bis Rom wurde von rechtsnationalen Politikern an einer Achse der Willigen zur Abwehr von Migranten gebastelt – allerdings ist diese Achse äußerst brüchig, wenn sich Nationalisten international verbrüdern, wird’s intellektuell ohnehin abenteuerlich; der italienische Innenminister möchte gerne ein Register über die Roma anlegen und denkt darüber nach, ob einem seiner wichtigsten Kritiker der Polizeischutz entzogen werden solle. Solche Äußerungen haben eigentlich nur eine Botschaft: »Leute, habt keine Angst, enthemmt Euch, lasst es krachen.« Wir steigen also in anderes Wasser, aber es ist nach wie vor saukalt. Wenn man denn wollte, dass der Zivilisationsprozess voranschreite, wäre es besser gewesen, die genannten Akteure hätten geschwiegen. Vielleicht wollen das nicht alle. Und: der Umkehrschluss ist zulässig. Der Kontrollverlust der Protagonisten gefährdet die Berechenbarkeit der Politik. Ist der Prozess also gefährdet? Was alle Beispiele belegen, ist, dass das Pendel des zivilisatorischen Prozesses beängstigend weit in die Gegenrichtung ausschlägt, so man sein Urteil auf die auf individueller Ebene abgegebenen Aussagen abstellen will.

Die Dynamik, die willentlich in Gang gesetzt wurde, lässt bei Unterstützern des Zivilisationsprozesses keine gute Laune aufkommen. Luce meint denn auch, es sei schwierig zu beurteilen, ob die Gegenbewegung schon genug Fahrt aufgenommen hat, um die Integration rückgängig zu machen. Und er zitiert den deutsch-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Rudi Dornbusch: »In economics, things take longer to happen than you think they will, and then they happen faster than you thought they could.« Nach dem Spruch über das Schütteln der Hände des Gegners und dem Tief-in-die-Augen-Schauen  lässt Bykow den Satz folgen: »Aber jetzt ist eine Lawine losgetreten worden.« Dass hier ein Wirtschaftswissenschaftler und ein Sportler zitiert werden, mag kein Zufall sein. Sie sehen die Welt vielleicht grundsätzlich etwas anders als Anhänger der Integration. Ihr Bild ist vielleicht (unbewusst) geprägt von der Theorie des »Politischen Realismus«, die auf Hans Morgenthau zurückgeht. Verkürzt gesagt versteht Morgenthau das politische Weltgeschehen als ein ständiges Ringen um Macht und Kontrolle einzelner Akteure. Jeder dieser politischen Akteure, seien das Individuen oder Regierungen oder Nationen oder übernationale Organisationen, steht in einem ewigen Konkurrenzkampf mit anderen Akteuren. Jeder versucht, den für ihn optimalen Nutzen herauszuschlagen. Es gilt, den anderen immer einen Schritt voraus zu sein und das Tempo zu bestimmen. Harmonisches Handeln ist Augenwischerei und verkennt die Realitäten. Man muss den politischen Gegner bekämpfen und nicht ihn in sinnlosen Diskussionen zu überzeugen versuchen. Runde Tische klingen gut, aber die massgebenden Entscheidungen werden in kleinen Zirkeln unter Seinesgleichen getroffen. Aus dieser Perspektive erscheint auch Integration und Verflechtung in einem anderen Licht. Plötzlich scheint es nicht mehr so wichtig zu sein, den anderen mit sachlichen Fakten zu bezirzen, sondern mit – je nach Bedarf – sachlichen und/oder unsachlichen, mit fachlichen und/oder emotionalen Argumenten in die Knie zu zwingen. So gesehen ist es ihnen auch wurscht, ob dabei integriert wird oder nicht, ob zivilisiert wird oder nicht. Alles was zählt, ist der Sieg. Das Duell der beiden Alphatiere Bodenmann gegen Blocher könnte als Beispiel aus den 1990er Jahren herangezogen werden.

Wer es jedoch mit der Zivilisierung hält, der findet es geboten, mehr inne zu halten, das Ventil des Dampfkochtopfs zwar ein wenig zu öffnen, aber nicht den Deckel ganz wegzunehmen. Das Bedürfnis zu schweigen ist zurzeit allerdings am Schwinden. Die Souveränität – wenn sie jemals vorhanden war – ist manchen einflussreichen Personen abhandengekommen. Das zentrale Organ des Prozesses der Zivilisation, das Über-Ich, schwächelt. Und in schon fast nostalgischer Art bewundert man die deutsche Bundeskanzlerin für ihren Langmut und die Fähigkeit, zu schweigen und zu unterlassen...

Halt! Kaum ist dieser Gedanke gefasst, folgt das große Aber. In der Bundeskanzlerin zeigt sich die Ambivalenz – oder ist es schon eine Dialektik? – von Schweigen und Unterlassen. Auch Nicht-Tun und Nicht-Sagen lösen Handlungen aus beziehungsweise unterstützen bereits laufende, unerwünschte Entwicklungen, die den Prozess hemmen. Constantin Seibt schreibt in der Republik über die Unterlassungen unter dem Stichwort: »Was Merkel nicht sagt. Und nicht tat.« Unter anderem etwa, dass die Nachbarn in einer Währungszone Transferzahlungen brauchten oder »das Sparen plus Export kein Patentrezept für eine funktionierende Weltwirtschaft« sei oder dass Schuldnerstaaten keine Austerität sondern einen »Marschallplan« benötigten. Unter dem Deckmantel der Diskretion geschehen Dinge, die eine Mehrheit nicht wollen sollte und die demokratisch lausig legitimiert sind. Hier zeigen sich die Schwächen des Schweigens.

 

V Schluss

Fazit: Wo es um den Drang geht, sich unflätig und provokativ zu äußern und damit Diskussionen ausgelöst werden, die nicht dringend geführt werden müssen, darf durchaus auch mal geschwiegen werden. Aktivistische Handlungen, gemeinhin operative Hektik genannt, sind meist überflüssig und zu unterlassen. Kurzfristig befriedigte Profilneurosen und Egomanie sind eigentlich Zeichen der Schwäche und des Rückschritts und sollten keinen Platz in der Politik finden. Bemühen wir das altehrwürdige und schöne Wort: Bewahren wir Contenance. Üben wir uns wieder vermehrt in Selbstkontrolle, Unaufgeregtheit und Nachdenken. Denn man würde gerne glauben, diese Haltung nähre sich von der Überzeugung, dass der zivilisatorische Prozess voranschreiten solle und mit ihm das Projekt der Aufklärung. Erheben wir dann die Stimme und formulieren dann und erst dann unseren Widerspruch, wenn dieser Prozess gefährdet ist. Klar, nicht jeder ist gleicher Meinung, wo und wann dies der Fall ist. Und ob überhaupt. Dennoch.